Wie ich mit Tadschiken das Brot brach

 

Argwöhnisch schaue ich Donyar von meinem Marschrutka-Sitz an. Ich sitze bequem, während er mit seinen sicherlich ein Meter fünfundachtzig mehr oder weniger gedrungen im Mittelgang des Kleinbusses steht. Sein Kopf, den er auf Grund seiner Größe und des niedrigen Wagenhimmels der Marschrutka nicht heben kann scheint fast ehrfürchtig gesenkt, während seine Augen angestrengt auf den Bildschirm seines Smartphones starren.

Noch wenige Minuten zuvor standen wir beide dort im Mittelgang und hatten unsere Köpfe zweckgemäß demütig gesenkt. Glücklicherweise waren wir die einzigen beiden Passagiere, die im Gang standen. Alle Sitze der Marschrutka Nummer 100 waren restlos besetzt.

,,Das wir so lange fahren hätte ich dann doch wieder nicht erwartet.“, dachte ich mir im Stillen, wahrend ich zwischen den Sitzen stand und jedes Ausweichmanöver des Chauffeurs mitbekam. Mein Rucksack, den ich nur über einer Schulter trug pendelte nervös hin und her.

Als dann überraschend ein Platz in der Mitte der letzten Reihe frei wurde ( genaueres zur Sitzaufteilung der Marschrutka) begann das übliche bazaarmäßige Verhandeln um den Sitzplatz. Jedoch mit dem Unterschied, dass es hierbei nicht darum geht, ob man sich selber setzen darf, sondern das Verlangen dem jeweils anderen den Sitzplatz aufzuschwatzen:

,,Dawai Tschuwak sadis tuda.“[Los Kumpel setz dich dahin.], beginne ich die Verhandlungen.

,,Njet stajat mnje udobna. Sadis sam.“[Nein, das Stehen ist mir schon bequem. Setz dich selbst.], kontert Donyar geschickt.

,,Mnje tosche udobna. Ja magu stajat. Vsjo charascho!“[Ich hab’s auch bequem. Ich kann stehen. Alles gut.], werfe ich das Recht auf den Sitzplatz in seine Richtung zurück.

,,No ti tak wsoki. Sadis.“[Aber du bist so groß. Setz dich.], führt Donyar ein berechtigtes Argument in die Sitzplatzproblematik ein.

,,No ti tosche vsoki.“[Aber du bist auch groß], lasse ich den Versuch die Diskussion durch körperlicher Gegebenheiten zu verkürzen an mir abprallen.

,,Otur!“ [Sitz!], macht nun Donyar Gebrauch der kirgisischen Sprache.

,,Nu ladna.“[Nun gut], gebe ich klein bei, meinen Marschrutka-inkompatiblen Körper Richtung letzter Reihe manövrierend und dabei bemüht so wenig Leuten wie möglich meinen Rucksack durchs Gesicht zu ziehen.

 

Donyar heißt eigentlich Donyarzhon Alimov. Ich kannte ihn zum Zeitpunkt der Geschichte noch nicht sehr lange. Eines Tages tauchte er einfach in meiner Arbeitsstelle auf. Ich sah ihn von da an häufiger im Kinderzentrum und erfuhr mit der Zeit mehr und mehr über den Zweck seiner Anwesenheit bei der Arbeit.

Donyarzhon würde genau wie ich einen Freiwilligendienst ableisten, jedoch nicht in Kirgistan sondern in Deutschland. Er würde von einer deutschen Organisation entsendet werden, die Freiwilligen aus aller Welt eine Reise nach Deutschland ermöglicht, wo sie dann ein Jahr lang in sozialen Einrichtungen arbeiten.

Ohne diese Vorkenntnis war ich dementsprechend erstaunt, als er mich bei unserer ersten Begegnung mit ,,Guten Tag mein Herr“ ansprach. Etwas hoch gegriffen vielleicht, aber zumindest würde ihm in Deutschland niemand vorwerfen, dass er nicht genügend Wert auf höfliche Begrüßungen legt.

Es stellte sich weiterhin heraus, dass Donyar sich bereits in den langen und kräftezehrenden Kampf  mit der deutschen Sprache begeben hatte. Für seine Ausreisegenehmigung war es einfach von Nöten bereits im Heimatland mit dem Lernen des Deutschen zu beginnen und Seminare in einer heilpädagogischen Anstalt zu besuchen. In seinem Fall in meiner Arbeitseinrichtung: Ümüt-Nadjeschda.

Am Vortag hatte Donyar mich gefragt, ob ich ihm nicht bei einer kleinen Sache helfen könnte, bei der er Verständnisprobleme hätte. Die Organisation habe ihm viel Papierkram zugeschickt, hauptsächlich Verträge und andere organisatorische Dokumente. Alles auf Deutsch. Somit wand er sich an mich, den Deutschen seines Vertrauens. Ich hatte so meine Bedenken bei dem Vorhaben: Ich würde die Verträge lesen können und selbst wahrscheinlich auch verstehen, aber das alles zu übersetzten? Mein Wortschatz erweitert sich zwar von Tag zu Tag, aber mit Nichten hatten wir im Russischkurs bereits das Wortfeld der Juristik behandelt. Und ich sah mich nur geringfügig fähig Donyar irgendwelche Rücktrittsklauseln und Reiserücktrittsversicherungen auf Russisch näher zu bringen. Ich sagte ihm dennoch zu und bat ihn am nächsten Tag um 16.00 Uhr bei Nadjeschda anzutanzen. Ich war in der festen Überzeugung, wir würden innerhalb von 10 Minuten alles nötige auseinander dividiert haben.

Am nächsten Tag erschien der junge Kirgise mit seiner ungewöhnlich dunklen Haut um 15.30 Uhr auf der Arbeit und verlangte nach Constantin. Er hatte sich das mit der ,,Vorbereitung auf die deutsche Mentalität“ wahrscheinlich etwas zu sehr zu Herzen genommen.

Da Constantin allerdings noch damit beschäftigt war herumlaufenden Kinder einzufangen und sie in ihre dicken Winterjacken zu stopfen bat ich ihn sich noch kurz zu setzten. Ich würde so bald wie möglich helfen.

Als die Kinder angezogen, in den Schulbus gesetzt und abgedampft waren kam ich erschöpft zur Sitzbank im Vorhof der Schule und ließ mich neben den dort wartenden Donyar fallen. Er wiederum schien nur so vor Energie zu strotzen.

,,Priechali?!“ [Gehen wir?!], formulierte er eine Frage, die mehr nach einer Feststellung klang.

,,Priechali kuda?“[Wohin gehen?], antwortete ich halb entsetzt bei dem Gedanken wir könnten das ganze nicht hier vor Ort regeln.

,,Damoi. U menja tam Kampjutr.“[Nach Hause. Dort hab ich den Computer.], erklärte Donyarzhon.

,,Ah jasna. Kampjutr nuschen. Nu paschli!“[Ach klar. Es braucht ja einen Computer. Na dann los!], sah ich meine Chancenlosigkeit ein und folgte ihm aus dem Schultor hinaus auf die halb aus Teer, halb aus Eis bestehenden Straßen des Stadtteils ,,Dschal“.

An der Haltestelle angekommen teilte ich Donyar meine ausdrückliche Abneigung gegenüber langen Marschrutkafahrten mit, woraufhin er mir nur zustimmte und seine Pläne, den nächsten Avtobus Nummer 5 zu nehmen eröffnete. Cool dachte ich mir, den Bus den ich selbst immer nahm und der in Richtung meiner Wohnung fuhr. Anscheinend wohnte er nicht so weit entfernt, was bedeutete mein Weg nach Hause würde umso kürzer. Wir nehmen ganz sicher keine Marschrutka, sagte er noch: Immer so voll, so eng, so unbequem, nein wir warten auf den Bus.

 

Und hier sitze ich nun: In einer Marschrutka. Es waren überhaupt keine Busse gekommen. Weder die Fünf, noch die Zehn, noch die Vierzehn.

,,Kostja! … Konstantin?“

,,Hmm?!“, erwache ich aus meinem Tagtraum. Donyar sieht mich an.

,,Wstawai! Mui uchadim!“[Steh auf! Wir steigen aus!], sagt er in einem freundlich auffordernden Ton.

Ich grabsche meinen Rucksack, der zu meinen Füßen liegt und stolpere den Gang entlang zum ,,Ausgang“, der Beifahrertür. Die Marschrutka spukt uns auf einer mir bereits bekannten Straße aus: Vostok-Pjat. Viel zu lang und zu schlecht ausgeschildert um irgendwie den Überblick zu behalten.

,,Maja Kwartira nje dalego“[Meine Wohnung ist nicht weit], versucht Donyar mich aufzumuntern. Mein verzweifelter Blick schien nicht übersehbar zu sein.

Nachdem wir in gewohnt halsbrecherischer Manier die Straße überquert haben und ich mich zu wiederholten Mal frage worin der Sinn besteht bei Sichtung eines Fußgängers nochmal richtig zu heizen, nur um dann 10 Meter vor dem Zebrastreifen richtig stark in die Eisen zu steigen, fällt mir erneut auf, wie wenig Donyar doch nach einem Kirgisen aussieht.

Ich entscheide mich diesmal einfach nachzuhaken. Ich kann diese Frage nicht ewig mit mir rumtragen.

,,Danyar, ti tschisti kirgisi?“[ Donyar, bist du ein reiner (wörtl.: sauberer) Kirgise], frage ich dezent und gewollt nebenbei, als stellte ich mir die Frage erst seit zehn Sekunden.

,,Njet. Ne tschisti.“[Nein. Nicht rein.], antwortet er lachend.

Ich weiß ja nicht wie sehr den Leser die Wurzeln einer fast fremden Person interessieren, aber mit einem ,,Njet“ als Antwort habe ich mich selten zufrieden gegeben.

,,Tak, twai raditeli, ani kto pa nationalnasti?“[Also, deine Eltern, welche Nationalität haben sie?], bohre ich nach.

Fast ein wenig penetrant. Jäger der verlorenen Nationalität.

Sichtlich erfreut darüber, dass es mich anscheinend wirklich interessiert antwortet Donyar: ,,Mama maja, ana Usbekskaya. No moi atjets, on Tadschiki.“ [Meine Mutter ist Usbekin. Aber mein Vater ist Tadschike.], klärt er mich auf.

,,Die Mischung hat was“, denke ich mir: Ein usbekischer Tadschike, der in Kirgistan wohnt. Eine satte Zentralasien-Mischung.

Wir sind angekommen. Wie ich es mir gedacht hatte: eine klassische Etagenwohnung im Plattenbau. Als wir jedoch das Treppenhaus empor steigen drängt sich mir erneut eine essentielle Frage auf:

,,Donyar, patschimu sdies tak tschisti?“[Donyar, warum ist es hier so sauber],fragte ich mit ungläubiger Miene.

Ich war nicht darum herum gekommen dieses Treppenhaus, in dem wir uns gerade bewegten mit dem in meinem Plattenbau zu vergleichen. Nirgendwo sah ich abgerauchte Kippen, Flyer von Restaurant-Neueröffnungen, alte Gasrechnungen oder einfach Plastiktüten mit Müll, wie es ab und an in meinem Treppenhaus der Fall war.

,,Patamu schto u nas jest Putzfrau.“[Weil wir eine Putzfrau haben], antwortete Donyar feixend.

Verwundert über das eine Wort in seinem letzten Satz, dass offensichtlich nicht in die Reihe gehört frage ich:

,,Atkuda snaesch slava Putzfrau?“ [Woher kennst du das Wort Putzfrau]

,,Ich habe gelernt.“, bekomme ich mit einem Grinsen zurück.

Donnerwetter, der Junge bringt’s zu was. Putzfrau ist vielleicht nicht ganz so hilfreich wie ,,Ich bin…“ aber trotzdem.

Die gut gelaunte Zentralasien-Mischung schließt die Tür zur Wohnung auf und zeigt mir, was es zu zeigen gibt.

Zuvor hatte er mir noch erklärt, dass besagte Putzfrau einmal im Monat von jeder bewohnten Wohnung im Haus 100 Som als Bezahlung bekommt dafür, dass sie das Treppenhaus in Schuss hält. (100 Som x 20 / 72 = 27,7 €/Monat)

Zu sehen gibt es im Allgemeinen 2 Zimmer: Ein Schlafzimmer mit zwei Betten und ein großen fast leeren Raum, in dem gelebt, gespeist und geschlafen wird. Ein Bad, eine Küche, das war’s. Keine Bilder an den Wänden und wenig bis gar keine Möbel. Das einzige was Farbe in die Gemächer bringt ist die klassisch ,,sowjetische“ Tapeten-Musterung (schrill, rosa, glitzernd) und das verstellbare Licht, das Blumenmuster an die Wände schmeißt.

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Standard-Tapete in einer (post-)sowjetischen Plattenbauwohnung. Dieses Exemplar mit glitzernden rosa Blumen findet sich in meinem Zimmer.

Wer jetzt denkt diese Wohnung ist doch angemessen groß und bietet einiges an Platz und Raum für eine Person, der könnte falscher nicht liegen: Donyar wohnt in diesen paar Dutzend Quadratmetern zusammen mit anderen Tadschiken. Allesamt Studenten an der türkisch-kirgisischen Universität, an der ich jeden morgen vorbei fahre.

Die anderen sind heute nicht da, sagt Donyar fast auf eine entwarnende Art und Weise, als wir als letztes das Wohn/Esszimmer betreten. Mir war das irgendwie schon klar, dachte ich mir: Immerhin war uns in keinem der Zimmer in dem wir bis jetzt waren jemand begegnet. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die vier anderen Tadschiken in der letzten Ecke der Wohnung zusammengequetscht lauerten, nur um bei meinem Anblick aufzuspringen und mit Tröten und Konfetti ,,Überraschung“ zu brüllen, schien mir doch erstaunlich gering.

Es war Novi God, russisches Neujahr. Die Feiertage standen vor der Tür und die Studenten schienen ihre Chance genutzt zu haben um ihre Eltern im nicht ganz so weit entfernten Tadschikistan zu besuchen.

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Als wir uns gerade in dem großen Raum niedergelassen hatten und Donyar mit einem knallgelben DHL-Express Umschlag angekommen war klingelte es an der Tür.

Mein neuer Freund drückt mir den Karton in die Hand und hastet zur Tür. Ich versuche mich schon mal einzulesen. Ich war in diesem Abenteuer immerhin schon zwei Stunden lang unterwegs. Weit mehr Zeit als ich eingeplant hatte: Ich hatte Hunger, war erschöpft von Arbeit und Alltag und wollte doch eigentlich nur schnell helfen.

Das Geschnatter im Gang wurde lauter und ich stellte fest, dass ich gar nichts verstand. Das musste Tadschikisch sein, kurz gesagt ein modernes Persisch. Die Herrschaften betraten den Raum.

Donyar kannte ich ja und habe ihn hier bereits beschrieben: groß, schwarzes glattes Haar, dunkle Haut und schwarze Augen, deren Form nicht an Asien, sondern vielmehr an Persien erinnerten .

Somit war es ein leichtes zu erkennen, dass der Mann, der nun an seiner Seite stand ein Landsmann sein musste. Etwas kleiner, ebenso dunkel und sauber rasiert trug er eine Schiebermütze und ein ordentliches Sakko, das ihm einen sehr gepflegten Eindruck verlieh.

Das Kind, ein Junge, vielleicht 8 Jahre schien der Sohn zu sein. Er wiederum tanzte, was sein Aussehen anging genauso aus der Reihe, wie zuvor das Wort ,,Putzfrau“ aus Donyar’s russischen Satz. Das glatte Haar des Jungen war nicht tiefschwarz, wie das seines Vaters oder das des Gastgebers der sich grade entwickelnden Tadschiken-Party. Es war von einem hellen Braun, während seine Augen grau schienen.

,,Salam aleikum!“, fand ich als erster meine Sprache wieder.

,,Aleikum salam“, antwortete der Mann, er musste Anfang vierzig sein, freundlich.

Von der Türkei bis Pakistan gibt es nur wenige Orte an denen der Gruß der Moslems nicht als freundlich und offen aufgegriffen wird. Ich habe ihn mir mittlerweile selbst angewöhnt, auch wenn ich kein Moslem bin. Einzig Russen grüße ich nicht auf diese Art und Weiße. Und immer sind die Menschen sichtlich erfreut und antworten um Längen enthusiastischer als bei einem russischen Gruß. Ich sehe es nicht als ein Muss, vielmehr als eine Geste des Respekts. Außerdem klingt es viel schöner und geht einfacher über die Lippen.

Donyar gab mir zu bedeuten, dass die Neuankömmlinge Bekannte von ihm sein und aus dem selben Dorf kämen wie er. Weiterhin klärte er mich auf, dass er noch kurz etwas einkaufen müsse. Er schnappte sich den Mann, zog Schuhe und Jacke an, die Tür viel ins Schloss und schon saß ich allein in einer mir vor 30 Minuten noch wildfremden Wohnung.

Ich sah mich um. Auf meinem Schoß lag noch immer der Umschlag in seiner gelben Signalfarbe. Meine Augen wanderten weiter: Am gegenüberliegenden Ende des Raumes saß unverändert der kleine tadschikische Junge. Sie hatten ihn hier gelassen. Sie kannten mich 5 Minuten und sahen es schon an der Zeit den Knirps in meiner Obhut zu lassen.

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,,Maltschik, kak tebja savut?“[Junge, wie heißt du], rief ich durch den endlos langen Raum zu dem in das Smartphone seines Vaters vertieften Nachwuchstadschiken.

Er schaute kurz auf, senkte den Kopf aber genauso schnell wie ich, wenn ich eine Marschrutka betrete. Ich stutze. Seit langem war das das erste mal, das ich in einer Situation mit Russisch nicht weiterkam. Aber mir wurde klar, dass das hier nicht mehr die Sovietunion war. Es musste hier niemand Russisch sprechen, wenn er nicht wollte oder konnte. Schon gar nicht im zarten Alter von acht Jahren.

Ich zog mein Phone aus der Hosentasche. Noch nie war Kommunikation so einfach wie im 21. Jahrhundert. Ich habe pro Woche 8 Gigabyte Internetvolumen, dass sich logischerweise nicht klein kriegen lässt. Warum nicht mal was sinnvolles damit machen?

Ich suchte nach einer Übersetzung für: ,,Wie heißt du?“ auf Tadschikisch. Als ich sie gefunden, ein paar Sekunden lang im Kopf einstudiert und dann so laut wie möglich verbal ans andere Ende des Raums geschickt hatte schaute ich gespannt vom Bildschirm auf.

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Keine Reaktion. Sogar noch weniger als beim ersten Versuch.

Ich stand auf, um mir die Wohnung noch einmal auf eigene Faust anzusehen. Der Junge saß auf einer traditionellen kirgisischen Filzmatte nahe des Ausgangs. Als ich an ihm vorbeiging schaute der Kleine nicht mal auf. Manche haben die Ruhe weg.

Als ich meine zweite Tour durch die enge Wohnung beendet hatte setzte ich mich wieder auf meinen Platz am anderen Ende des Raums und sah dem Jungen beim daddeln zu. Er saß seit Minuten in diesem perfekten Schneidersitz und hob nicht einmal seinen Kopf. Er war nur über das Handy gebeugt. Es hatte seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Nicht der komische Deutsche am anderen Ende des Raumes, der zwar wie ein Tadschike aussah, aber den tadschikischen Satz  wahrscheinlich so verunstaltet hatte, dass er alles an Glaubwürdigkeit verloren hatte.

Die Wohnungstür wird entriegelt. Ich höre wieder die Sprache, die ich vor ein paar Minuten versucht hatte zu imitieren.

Donyar kommt gut gelaunt in den Raum. Was ein Strahlemann.

,,Vsjo charascho?“[Alles gut], fragt er nach meinem Befinden.

Ich antwortet ihm, dass ich in seiner Abwesenheit nicht wie erwartet gestorben sei und das alles bestens ist. Erfreut über die Antwort verschwindet er in der Küche woraufhin der Mann den Raum betritt. Ich fühle mich mittlerweile als nähme ich an einer Theaterversion von Goethes Faust teil: Ständig verlassen Menschen den Raum (die Bühne) und neue Gesichter erscheinen.

Der Vater schenkt seinem Sohn ein Glas Saft ein und blick zu mir:

,,Chotschesch?“[Willst du]

Ich nicke und bedanke mich in gewohnt übertriebener Manier für das Glas Pfirsichsaft.

Ein zweites Mal kommt der Mann kurz darauf zu mir um mich in technischen Fragen zu konsultieren: In seinen Händen hält er einen kleinen mobilen DVD-Player. Diese Dinger, die wie kleine Laptops aussehen. Er deutete auf einen Fehlermeldung am linken oberen Rand des Bildschirms. dort Stand auf Englisch: ,,Disc not readable“. Bemüht wie ein Saturn-Mitarbeiter übersetzte ich ihm das Problem ins Russische. Er nickte verständnisvoll und erzähle sie hätten die DVD zuvor auf dem Bazaar gekauft. Ich wusste was er meinte. Ich hatte diese DVDs bereits gesehen. Unbedruckte Discs, die in Klarsichtfolien verkauft werden und deren Inhalt man nur anhand von auf kleines Din A-5 Papier gedruckte pixelige Moviecover auseinander halten kann.

Nach circa zwanzig Minuten Schweigen, in denen ich Donyars Papiere zum ersten Mal genau durchlese betritt der zukünftige Freiwillige wieder das Zimmer. Ich kann mir genau vorstellen wie das in Textform in einer Faust-Lektüre aussehen würde.

– Auftritt Donyar-

In seinen Händen hält er einen großen dampfenden Teller Plov, dem Reisgericht, dass in allen zentralasiatischen Ländern nicht wegzudenken ist (vermeintlicher Ursprung: Usbekistan).

Er bittet mich zum essen dorthin zukommen, wo der Junge die ganze Zeit gesessen hatte. Dankend willige ich ein. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich hier so fürstlich bekocht werde. Sofort ist der sich leicht angestaute Frust über die 3 Stunden, zu denen sich die vermuteten 10 Minuten ausgeweitet haben verflogen, bei dem Anblick des Bergs von farbigem Reis. Zusätzlich serviert Chefkoch Donyar traditionell schwarzen Tee, den obligatorischen Granatapfel und Lepioshka Brot, das auch überall in Zentralasien gegessen wird.

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Während dem Essen dividiere ich mit Donyar seine Papier auseinander und versuche ihm die paar Fragen, die am Ende noch übrig sind so weit es geht richtig zu beantworten. Danach unterhalte ich mich lange mit dem tadschikischen Vater, der mir erklärt, dass die Familie unseres Gastgebers und seine aus dem selben kleinen Dorf unweit der tadschikisch-kirgisischen Grenze kommen. Er selbst wohnt und arbeitet jedoch in Moskau wie sehr viele andere Tadschiken. Als ich ihn frage wie es denn dort so ist verzieht er die Miene und sagt nur ,,Plocha!“[Schlecht]. Die Russen in Moskau wären wie Roboter: Zur Arbeit gehen, essen, schlafen wieder arbeiten. In der Stadt sähe man keine fröhlichen Gesichter. Außerdem würden sie die doch beträchtliche Zahl an Tadschiken, die dort die eher unbeliebten Berufe ausführen unterschwellig bis offensichtlich diskriminieren. Das hatte ich auch an anderer Stelle bereits gehört.

Wir wechselten zu schöneren Themen. Scherzend erzähle ich von meinem Versuch mit seinem Sohn auf Tadschikisch zu kommunizieren. Der Vater lacht und erklärt mir, dass ich das beste Tadschikisch auf der Welt sprechen könne, sein Sohn würde mich trotzdem nicht verstehen. Seit kurzem höre er nichts mehr und sie sein nun in Bischkek um zum Ohrenarzt zu gehen und die Sache untersuchen zu lassen. Ich fragte nicht nach, aber ich nahm an, dass sie den weiten Weg aus Moskau auf sich genommen hatten, weil sie sich von dem Preis-Leistungs-Verhältnis in Kirgistan mehr versprachen.

Wir redeten noch weiter, auch nachdem wir bereits aufgegessen hatten. Inzwischen war es längst dunkel draußen und ich wollte zwar nicht unhöflich sein jedoch trotzdem aufbrechen. Als ich den Vorschlag in die Runde warf wollten die beiden ausgewachsenen Tadschiken davon überzeugen es wäre viel sinnvoller ich würde diese Nacht bei ihnen schlafen. Dankend lehnte ich ab, mit der Begründung ich wohnte nur einen Kilometer entfernt und ein kleiner Spaziergang wäre angebracht nachdem reichen Mahl.

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Wenn die DVD schon nicht funktioniert, so doch hoffentlich Tom und Jerry auf YouTube. Hoffentlich hat er wenigstens durch die Kopfhörer etwas von den tiefsinnigen Dialogen von Katz und Maus mitbekommen.

Donyar begleitete mich durch die Nacht, obwohl ich ihm zehnmal versichert hatte, dass ich die Gegend kannte. Auf dem Rückweg unterhielten wir uns viel darüber, was nun geschehen würde, was es noch zu tun und erledigen gäbe vor der Abreise nach Deutschland.

Auf den letzten Metern passierte dann das größte Geschenk, dass Donyar mir hätte machen können. Er sagte er müsse in ein paar Wochen in sein Heimatdorf fliegen. Sich von den Eltern verabschieden. Keine lange Reise, aber umständlich. Spontan lud er mich ein ihn zu begleiten.

Nur leider wusste ich, dass daraus nichts werden würde. Ich konnte mir bis zum Sommer keinen Urlaub nehmen.

Zweiter Besuch in Klein-Tadschikistan

Wieder hatte Donyar mich gebeten ihm zu helfen. Wieder dachte ich es handle sich um 10 Minuten nach der Arbeit. Wieder hatte ich mich getäuscht.

Ich hatte es mir dieses Mal zur Aufgabe gemacht seine Wohnung allein wieder zu finden. Und das klappte erstaunlich gut. Nach nur drei Mal umkehren und den Weg, den ich grade eben hergekommen war wieder zurückzugehen hatte ich das Blockhaus gefunden.

Ich will mich kurz fassen:

Diesmal war die Wohnung alles andere als ausgestorben. Alle vier anderen Tadschiken waren da und kamen nach einander aus der Küche zu mir in das Wohnzimmer um mich zu begrüßen. Keiner älter als 22 und alle sehr höfflich.

Im Verlaufe des Abends tauchten auch Vater und Sohn wieder auf. Der Junge grinste mich fröhlich an. Ich winkte grinsend zurück. Er winkte. Wir hatten unsere Sprache gefunden.

Sie würden heute nach Moskau abreisen und schlugen die Zeit bis zum Flughafen in Klein-Tadschikistan tot, erklärte mir der Vater. Denn dort kochte Donyar wieder. Heute sollte es ein Dorfgericht geben. Kefir-Suppe mit ausgelassener Butter und Brot. Bei weitem nicht so aufwendig wie das Plov zuvor, aber trotzdem ungewohnt und deliziös. Ich hatte sowieso nicht damit gerechnet, dass wieder gekocht wird. Aber ohne Essen und Tee läuft in diesem Teil der Welt einfach gar nichts.

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Die Bitte die Donyar dieses Mal an mich hatte war etwas aufwendiger: Der letzte Schritt seiner Visumsbeschaffungsmaßnahmen beinhaltete ein Motivationsschreiben an seine Entsendeorganisation, welches der deutschen Botschaft vorgelegt werden würde. Diese würde aufgrund dessen entscheiden ob der Visumsantrag bestätigt oder abgelehnt wird. Dementsprechend hoch war die Bedeutung dieses Dokuments. Spontan und ohne jegliche Ahnung was für eine Verantwortung ich mir dabei auflud willigte ich spontan ein das gesamte Dokument in seinem Namen zu schreiben. Donyar wollte es in Deutsch weil er sich somit mehr Chancen erhoffte.

Während mein Auftraggeber in der Küche so vor sich hin köchelte begann der Vater des kleinen Schneidersitztadschiken, der auch wieder genauso wie bei meinem ersten Besuch dasaß und in Papa’s Handy glotzte erneut ein Gespräch mit mir.

Ich fragte irgendwann wie sie gedenken zum Flughafen zu kommen. Etwa mit Marschrutka?

Der Mann schüttelte sich vor Anwiderung und fluchte los:

,,Bljat Marschrutka, pisdetz sikda tak polni“[(…) Marschrutka, (…) immer so voll]

Damit hatten wir wohl einen gemeinsamen Nenner gefunden. Ich erklärte ihm, dass auch ich das Prinzip der Marschrutka genial fand, jedoch die Umsetzung vor allem zur Rush-Hour doch noch verbesserungswürdig ist. Selbstverständlich nicht ganz so vulgär.

 

Ein paar Tage später schrieb mir Donyar auf WhatsApp. Ich konnte die Aufregung durch die Buchstaben hindurch spüren. Er bedankte sich vielmals für das Schreiben, dass ich an diesem Abend in seiner Wohnung angefertigt hatte. Das Visum wurde ihm gewährt. Er hatte freie Bahn.

 

Danyar arbeitet zum Zeitpunkt des Entstehens dieses Blog bereits in Deutschland. Er hilft in Ahrensburg bei Hamburg in einer sozialen Einrichtung für Menschen mit Behinderung.

 

Manchmal frage ich mich ob dieses simple Motivationsschreiben, welches ich an jenem Abend anfertigte wirklich so eine große Rolle spielte.

 

Wahrscheinlich hat es schon gereicht, dass die Anrede ,,Sehr geehrte Damen und Herren“ war und nicht ,,Guten Tag mein Herr“.

 

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Ein Bild, dass mir Donyar kurz vor seiner Abreise schickte. Sein Dorf. Das schönste Dorf in ganz Kirgistan, Wie gerne hätte ich es mit eigenen Augen gesehen.

 

Mann mit zugeknöpften Taschen,
Dir tut niemand was zulieb:
Hand wird nur von Hand gewaschen;
Wenn du nehmen willst, so gib.

– Johann Wolfgang von Goethe