Wie ich über Nacht zum Repräsentanten Deutschlands wurde

,,Wie machen die das nur?“, dachte ich und stierte weiter in den Bildschirm meines Handys.

Gebannt verfolgte ich die Schritte zweier Männer, die den kasachischen Volkstanz (zu 89% verwandt mit dem der Kirgisen) auf einer Hochzeit tanzten. Sie bewegten sich so elegant, fast als ob sie einfach nur laufen würden, auf der Straße so wie jeder andere Mensch. Dabei praktizierten sie doch eine uralte Kunstform der Menschheit: Den Tanz.

Ich hatte das Video der beiden Kasachen, die unter tosendem Applaus der Hochzeitsgesellschaft in einem festlichen Saal herum sprangen und für einige Außenstehende und  Unwissende wahrscheinlich auf sehr lustige Art und Weise ihre Körper verrenkten grade auf YouTube gefunden, als meine Mitbewohnerin auf der anderen Seite des Vorhangs, welcher mein Zimmer vom Korridor trennte auftauchte. Ich hatte das gar nicht bemerkt. In letzter Zeit vertiefte ich mich viel zu oft in die Tänze von verschiedenen Völkern und lies mich von eben diesen recht schnell und einfach faszinieren.

,,Hey Constantin, ich hab grade so nen Anruf bekommen von dem Mädchen, das neulich bei uns auf der Arbeit war.“, spricht sie durch den engen Spalt der beiden Vorhänge, die seit fast einem Jahr mein kirgisischer Tür-Ersatz sind.

So schlimm lebt es sich gar nicht ohne Tür. Man bekommt viel mehr mit, was auf der anderen Seite des Vorhangs geschieht und behält trotzdem noch einen gewissen Sichtschutz. Ich hab diesen Vorhang irgendwie doch lieb gewonnen und kann mir momentan nur schwer vorstellen in Deutschland wieder in irgendein Zimmer mit einer Tür und wohl möglich noch einer Türklinke zu ziehen .

,,Welche?“, kommt es von meiner Seite zurück. ,,Begaim, Nasira oder Bermet?“

Meine Augen sind immer noch auf den Bildschirm gerichtet. Die lustigen Kasachen tanzen weiter. Mittlerweile hat jemand einen Teller in die Nähe der Akrobaten gestellt. Auf diesen fallen nun nach und nach Scheine in allen Farben und Größen der kasachischen Währung ,,Tenge“.

,,Bermet. Sie hat mich um die Teilnahme an so ’nem kleinen Projekt gebeten und ich hab dummerweise irgendwie schon zugesagt.“, spricht meine Mitbewohnerin in einem Ton weiter, der so reuevoll klingt, als wäre sie soeben einem kleinen Hund auf den Schwanz getreten.

,,Was für ein Projekt?“, bohre ich nach auf der Suche nach den Kerninformationen und der Antwort auf die Frage, was ich eigentlich mit der ganzen Sache zu tun habe.

,,Das wäre so eine Präsentation über Deutschland. So den Standardkram: Geografische Lage, deutsche Geschichte, Kultur und Küche und Sprache. Man soll eine Powerpoint-Präsentation bringen hieß es.“

,,Haken paka njet. Also?“, gab ich misstrauisch zurück, nun das erste Mal vom winzigen Display meines Handys aufblicken.

[Paka njet ~ noch nicht/ noch kein] Mittlerweile hatten einige Ausdrücke oder Begrifflichkeiten des Russischen den Einzug in meinen Alltagssprachgebrauch erhalten. Auch wenn ich Deutsch sprach.

,,Das ganze findet morgen Vormittag statt. Anderthalb Stunden von Bischkek entfernt.“

Das kam unerwartet. Etwas belämmert musste ich geguckt haben, dem Gesichtsausdruck meiner Mitbewohnerin zu entnehmen.

,,Du beliebst zu scherzen“, antwortete ich und linste ohne eine Antwort abzuwarten auf den oberen Rand meines Smartphones auf dem schon die nächste Ethnie angefangen hatte zu tanzen. Diesmal Aserbaidschaner. Rasch wischte ich die viel zu schnell tanzenden Kaukasier mit meinem Daumen weg und blickte auf die Statusleiste:

21.30 Uhr.

,,Wir beziehungsweise Ich treffe mich morgen um 8 Uhr früh mit Bermet am Osch-Bazaar um dort hin zu fahren. Kannst du bitte auch mitkommen? Ich will das nicht alleine machen, hab aber schon zugesagt.“, bat sie ein wenig ratlos und mit dem leichten Anflug eines Flehen in der Stimme.

Ich wägte ab: ich war von dem vielen virtuellen Rumgetanze verschiedener Völker auf meinem Handy mit Sicherheit ein wenig müde geworden und eine latente Schläfrigkeit hatte sich in meinen Gliedern breit gemacht. Allerdings hatte ich schon in meiner Schullaufbahn selten vor einer Präsentation zurück geschreckt. Irgendetwas fand ich daran Menschen Informationen näher zu bringen.

Einem sehr müden Gehirn und somit auch einer nicht ganz gesunden Entscheidungsfähigkeit geschuldet willigte ich ein mit der verzweifelten Wohngenossin auf der Stelle eine Präsentation über das geliebte Vaterland zu erstellen und am nächsten Morgen zu der unmenschlichen Uhrzeit 6.30 aufzustehen. Wir reden hier von einem Samstag möchte ich nochmals unterstreichen.

Kasachen am kasachisch sein.

 

 

Grauer Himmel. Marktgeschrei. Anfahrende, bremsende und hupende Autos. Vereinzelt dreckiger Schnee auf den Gehwegrändern. Märzkälte. Osch-Bazar.

Wie es so kommen musste hatten die beiden Germanen den Eindruck, den jeder Lernende der deutschen Sprache erhält, sobald er die erste Seite seines Lehrbuchs überfliegt bestens bestätigt. 7.40 Uhr waren sie am Platz schwer verwundert, warum den die andere Partei, also Bermet noch nicht zu sehen war.

Jaja diese Deutschen mit ihrer Pünktlichkeit. Wenn ich vor ihnen hier ganz ehrlich bin, so bin ich in dieser Hinsicht gar nicht so präsentabel: Seltenst wird es vorkommen, dass ich zu einem Treffen zehn oder gar zwanzig  Minuten zu früh erscheinen werde. Mit viel Glück und wenig Verstand stolpere ich 3 bis 10 Minuten zu spät durch den Türrahmen des Treffpunktes und schiebe es auf irgendwelche Gegebenheiten höherer Gewalt (Stau, zufällige Wiedersehen mit alten Bekannten oder Bauarbeiten, die mich aufgehalten hätten selbst wenn ich zu Fuß unterwegs war). So auch seit einiger Zeit auf der Arbeit. Mittlerweile kam ich vier Mal pro Woche ein wenig zu spät zur Arbeit. Noch hatte niemand etwas gesagt, ich war also noch am Austesten. Ich verspreche aber an dieser Stelle meinen Wille zur Besserung. Das Problem ist halt nur diese eine Baustelle auf meinem Fußweg seit drei Monaten. Morgen komm ich pünktlicher. Großes Deutschen-Ehrenwort!

All das änderte aber nun ja nicht an der Misere, die sich hier grade ereignete. Ich vergrub mein Gesicht so weit wie nur irden möglich im Kragen meiner treuen Lederjacke. Das würden die längsten zwanzig Minuten meines Lebens werden griff mein übermüdetes Hirn den ersten klaren Gedanken an diesem Morgen.

Als es bereits 8.09 Uhr war und der kalte Morgen meine Mitbewohnerin neben mir und meine Wenigkeit selbst von innen heraus durchgefroren hatte, sodass man uns problemlos in Gang 5 zusammen mit Tiefkühl-Pelmeni hätte auffinden können drehte sich die Situation doch ganz schnell.

Bermet erschien. Völlig unpassend gekleidet angesichts der Temperaturen. Das Bedürfnis wirklich immer (!) schick sein zu müssen war sowohl bei Kirgisinen sowie Russinnen extrem präsent.

,,Iswinitje schto ja posdna prischla“ [Entschuldigung, dass ich zu spät gekommen bin], waren ihre ersten Worte, scheinbar bereits im Bewusstsein über die leichte Verärgerung der beiden Tiefkühl-Deutschen angesichts der langen Wartezeit.

Hätten wird die Absicht gehabt uns zu beschweren, hätten wir dazu sowieso keinerlei Möglichkeit gehabt:

,,Dawai tuda!“ [Los dahin], war die klare Anweisung, die die hübsche Kirgisin ohne jegliche Interesse an Small-Talk schon im Loshetzen verlauten ließ.

Bermet führte uns ein wenig durch das morgendliche Chaos des Bazares, vorbei an Sockenverkäufern und Schustern, sowie alten Mütterchen mit kleinen Bollerwägen, aus denen hinaus sie Kleinigkeiten und ,,Snacks“ verkauften. Es fühlt sich jedesmal an wie in einem Agentenfilm wenn man auf sie zu läuft,  denn sobald man sich auf eine bestimmte Distanz angenähert hat scheint man eine unsichtbare Laserschranke zu durchqueren. Sofort werden im Gehirn der alten Frauen Zellen produziert, die dazu führen, dass sie dem Gegenüber mit Augenkontakt ins Angesicht brüllt:

,,PIRASCHKI, BUTERBRODI, GARJATSCHIJ TSCHAI!“ [Piraschki, belegte Brote, heißer Tee]

Vorbei an Männern, die das wohl beliebteste Kleidungsstück des Landes verkaufen (die Jogginghose) bahnen wir uns unseren Weg hin zu einem Vorhof auf dem mehrere Marschrutkas stehen. Scheinbar Überlandverbindungen und nicht inter-Bischkek.

Bermet scheint es noch eiliger zu haben als wir, als sie die wie gewohnt neben den Marschrutkas stehenden Fahrer anspricht und mit ihnen anfängt auf Kirgisisch zu verhandeln. Nach zwanzig Sekunden uns unverständlichem Gebrabbel und einigen wilden Handgesten stopft man uns mit samt Rucksäcken in eine der Marschrutkas. Bermet erscheint nochmals ganz kurz an der Eingangstür, ruft uns ein hastiges ,,Paka“ [Tschüss] zu und knallt die quietschende Tür vor meiner immer noch leicht angefrosteten Nase zu. Wie jetzt? Ohne Bermet? Und wohin überhaupt? Zu welchem Zweck?

Die Antwort auf all diese Fragen saß in der vorletzten Reihe und winkte uns heftig zu. Getrieben von der Neugierde herauszufinden was denn nun grade eigentlich passierte und dem Schub der soeben anfahrenden Marschrutka bewegten wir uns gewohnt tollpatschig und doch bedacht vorsichtig in das hintere Abteil des Kleinbusses. Die beiden Mädchen die dort bereits Platz genommen hatten beäugten uns neugierig und fragten den absoluten Standard-Kram:

Woher? Aus Deutschland? NEIN! Doch! OHHH!

Wie alt seid ihr? Wie lange seid ihr schon in Kirgistan?

Könnt ihr Russisch? Ja? где учили?

Und so ging es auf Russisch weiter bis sich die Möglichkeit ergab zwischen zwei Atemzügen mal etwas in eigener Sache zu erfragen:

,,Mui kuda sitschas?“ [Wir fahren jetzt wohin?], fragte ich nach der augenscheinlich wichtigsten Information.

,,Kara-Balta jedim.“[Nach Kara-Balta fahren wir], gab eines der beiden Mädchen das Reiseziel bekannt.

,,Ah totschna schto tam budim sdelat?“[Und was werden wir da genau machen], bohrte ich tiefer, diesmal auf der Suche nach dem Zweck meiner Anwesenheit in dieser Situation.

,,Presentaziju pridsdavlajem. Pered schkolnikami.“ [Einen Vortrag halten. Vor Schülern], war die Antwort auf meine unschuldige Frage.

Hart getroffen von dieser Prognose ließ ich mich zurück in meinen Sitz sinken und malte mir in Gedanken bereits aus, was da auf mich zukommen würde. Eine Schulklasse. Mit allem hatte ich gerechnet, nur damit nicht. Komisch, denn meist hält man doch Präsentationen vor Schülern. Warum ich wohl daran nicht gedacht hatte. Etwas besorgt dachte ich an den USB-Stick in meiner Hosentasche auf dem die am Vorabend hastig zusammengetüftelte Präsentation ruhte. Entsprach dieses Produkt von spät-abendlicher Gehirnarbeit überhaupt irgendwelchen Deutschland-Präsentations-Standards?

Ich musste wieder an die tanzenden Kasachen denken und fragte mich zu gleich was sie wohl tun würden in dieser Situation. Sofort wurde mir klar, dass das absolut schwachsinnig war und ich blendete den Gedanken so schnell aus wie ich ihn eingeblendet hatte.

 

Als wir in Kara-Balta aus der Marschrutka stiegen fiel mir sofort die große Zahl russischer Gesichter auf der Straße auf. Noch im Prozess der Umtaufung von Kara-Balta in Kara-Barnaul in Gedanken passierte das nächste unangekündigte Phänomen. Ein himmelblauer Honda-Fit fuhr rasant an und hielt mit mehr oder weniger (im zweifelsfall eher viel weniger) quietschenden Bremsen vor uns an. Der Fahrer, dessen Erscheinungsbild nur noch durch eine Sonnenbrille und eine im Mundwinkel hängende Zigarette hätte getoppt werden können bedeutete den beiden Kirgisinen, meiner Mitbewohnerin und mir sich ins Auto zu setzten. Der Mann hinterm Steuer stellte sich als Alim vor und sprach fließend Englisch mit uns. Er würde eine Englisch-Schule in Kara-Balta leiten und fungiere für unsere Präsentation heute gegebenenfalls als Dolmetscher. Ich rollte mit den Augen: Jeder der nicht dumm genug war um eins und eins zusammenzuzählen hatte nun verstanden, dass die Vorträge auf Russisch sein sollten.

Da standen beziehungsweise saßen sie nun, die beiden Deutschen. Noch vor weniger als 12 Stunden nichts ahnend was das Leben wieder für sie bereit hielt nun auf dem Weg zu ihrer wohl größten russischen Herausforderung.

Ich möchte mich an dieser Stelle kurz fassen:

Wir besuchten zwei Schulen: In der ersten wurden wir in einen großen Saal gesteckt, der für Gewöhnlich bestimmt als Theater benutz wurde. Ohne irgendwelche Instruktionen oder Anweisungen warteten wir nun auf die Schüler, die nun die Freude haben würden etwas über Deutschland zu lernen. Aus erster Hand und von zwei durch und durch verschlafenen, jedoch waschechten Deutschen.

Als sich der Saal langsam mit russischen und kirgisischen Gesichtern füllte, das Füllen jedoch kein Ende nahm wurde mir ein wenig mulmig zumute. Wie viele von denen wollten den noch unserem brüchigen Russisch zuhören?

Als wir in die Runde fragte, wer den etwas über Deutschland wüsste hörten wir den Standard wie Autos, Bier und Fußball. Aber es gab auch andere Antworten: Leute konnten auf Deutsch bis zehn zählen oder wussten einzelne Worte, die nichts mit Hitler oder dem Zweiten Weltkrieg zu tun hatten. Sehr erfrischend. Fast ein wenig gerührt über das Interessen und das bereits vorhandene Wissen über Deutschland brachte wir den 14 bis 17-jährigen die Kultur, Geschichte und Küche der Deutschen näher. Wir bedankten uns und erhielten Applaus und beide wurden wir bestimmt zehn Mal gefragt ob man nicht zusammen ein Foto machen könnte.

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Erste Schule. Ein wenig verlegen.

In der zweiten Schule sprachen wir vor weniger Schülern. Vielleicht 30. Einer von ihnen viel besonders durch seine klugen und durchdachten Fragen auf. Jedes Mal meldete er sich, stand auf und sprach in sehr gutem Englisch. Er wollte vor allem wissen, wie in Deutschland mit der Verarbeitung der Geschehnisse des Holocausts umgegangen wird. Was unsere Lehrer uns beibringen würden und wie ihre Einstellung zum Thema Hitler und Holocaust wäre.

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Zweite Schule. Wesentlich überzeugter von Deutschland.

Die Präsentation hätte die Schüler übrigens weniger nicht jucken können. Sie wurde einfach an die Wand geworfen und gut war.

Als wir den Raum verließen hatte ich ein gutes Gefühl, das sofort wieder verschwand als unser Fahrer/ Zwecksdolmetscher verkündete er nehme uns nun noch mit auf eine ,,Graduation-Party“.

Auch hier möchte ich mich, zuliebe der Leser, deren Aufmerksamkeitsspanne bereits überschritten wurde als ich am Anfang von den kasachischen Tänzern schrieb einen kurzen Bericht abgeben.

Diese Graduation-Party war nichts anderes als eine Ausrede um etliche Tische mit Essen zu belade. Kurz gesagt beschreibt das den Ablauf dieser Festivität. Essen, essen und nochmal essen.

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Wir hatte die Ehre am Tisch des Gastgebers zu sitzen.

Irgendwann kam Alim auf mich zu und bat mich um etwas:

Entgegen meiner ursprünglichen Überzeugung hatte diese Veranstaltung hier neben dem Essen noch einen weiteren Zweck: Die Schüler der Sprachschule, die Alim leitete hatten irgendeinen Sprachtest bestanden und dies war ihre Graduation. Somit musste nun natürlich jedem einzelnen der Absolventen ein gerahmtes Diplom verabreicht werden. Zu diesem Zweck hatte sich schon ein viel zu großer Mann bereit gestellt, der nun mit basslastiger Stimme Worte der Gratulation und Bewunderung in ein Mikrofon brummte. Ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster wenn ich sage, dass diese Ansprache stimmlagentechnisch eher an die Motivation einer wilden Meute zum Kampf erinnerte. Sein bloßer Anblick: Ein Kirgise von diesen Ausmaßen. Sowas hatte ich und die restliche Gesellschaft im Raum sicherlich auch noch nie gesehen. Ich würde mit ihm gerne Mal eine Runde Marschrutka um den Block fahren, nur um mir Tipps zu holen wie man als so großer Mensch in den öffentlichen Transportmitteln überlebt. Sein Tipp wäre wahrscheinlich gewesen der Fahrer der Marschrutka zu sein.

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Er könnte beinahe die Birnen im Kronleuchter austauschen. Im Stehen.

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Der Riese, ein beliebtes Fotoobjekt für die ganze Familie

Und dann passierte, was passieren musste. Den Riesen, dessen Namen ich nicht kannte, aber spätestens dann erfahren würde, sobald Kirgistan eine Basketballmannschaft gründen würde hatten sie als Diplom-Überreicher ausgewählt, weil er viel zu groß für dieses Land war. Er war in ihren Augen somit besonders. Und wer war in ihren Augen noch besonders?

,,K nam sewodnja prischol valontijor is germanii. On sitschas tosche budit vam davat gramatu! KOSTJA IDI SUDA!“ [Zu uns ist heute ein Freiwilliger aus Deutschland gekommen. Er wird ihnen nun auch Diplome überreichen. KOSTJA KOMM HER.]

Unter übertriebenem Applaus für jemand, dessen einzige Qualifikation Diplome zu überreichen es war in Deutschland geboren zu sein stand ich von meinem sicheren Platz am Tisch auf und bewegte mich mit einem der unwohlsten Gefühle in Richtung Alim, Riesen und Absolventen.

,,Bitte lateinische Buchstaben, lateinische bitte bitte“, hörte ich mein Hirn flehen, als ich die schweren Dokumente in Holzrahmen entgegennahm. Und Gott sei gelobt, es waren lateinische Buchstaben. Wie hätte Harvard denn auch auf kyrillisch lesen sollen, dass der Bewerber an der Kara-Balta Language School einen Abschluss gemacht hatte.

Und trotzdem verschwand das mulmige Gefühl nicht, das an diesem Tag schon viel zu oft gekommen und wieder verschwunden war: Die Namen sahen aus als wären die Finger der Namensgeber auf der Computertastatur zu einer Partie ,,Twister“ herausgefordert worden. Zur Ermutigung kloppte mir der Riese noch einmal seine Pranke auf den Rücken, um sich daraufhin wieder zu setzen.

Und da stand ich und hob das Mikrofon zum Mund.

 

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, wie komisch es doch war in welche Situationen das Leben einen doch katapultiert: Im einen Moment siehst du dir ein Video über kasachische Tänze an und 12 Stunden später findest du dich auf einer Festivität wieder auf der eben solche Tänze auch gezeigt werden und dir Riesen auf den Rücken klopfen während du jungen Leuten ihr Ticket in eine Zukunft überreichst.

 

 

 

Überall herrscht der Zufall. Laß deine Angel nur hängen. Wo du’s am wenigsten glaubst, sitzt im Strudel der Fisch.

– Ovid

Wie ich mit Kirgisen in den Ring stieg

 

Ich schlug die Augen wieder auf. Erwartungsvoll schaut er mich an:

,,Nu panjatna?“ [Also verstanden?]

,,Ne otschjen. Pakaschite ischjo ras.“ [Nicht so. Zeigen sie es bitte nochmal.]

Leicht genervt verdreht der in die Jahre gekommene Kirgise seine Augen und nimmt daraufhin erneut die Anfangsposition ein.

,,Tak, snatschala levaija ruka, patom vnisu i kanjetz prawaija.“ [Also zuerst die Linke, dann nach unten ausweichen und zum Schluss die Rechte.]

Trotz der Tatsache, dass er unübersehbar ebenfalls ein Fan der kirgisischen Küche war, zeigt er mir flink die von ihm zuvor geschilderte Schlagfolge. Geschmeidig schlägt er zuerst einmal gerade in Richtung meines Kopfes und duckt sich daraufhin nach unten weg, um nur kurz darauf wieder aufzutauchen und einen rechten Schwinger erneut in meine Richtung zu werfen.

,,Sitschas ponjal?“ [Jetzt kapiert?], fragt er ermahnend.

,,Vsjo jasna.“ [Alles Klipp und Klar.], gebe ich in dem Wissen zurück, dass ich gezeigtes Manöver gleich nachmachen müsste und kläglich scheitern würde.

Die umstehenden Kirgisen schauen mitleidig und auch ein wenig ratlos zu: Was sollte ihr Trainer bloß machen, mit dem einzigen Ausländer in ihrem Boxkurs?

 

Die ganze Geschichte fängt im Winter des vergangenen Jahres an. Bis dato hatte ich den Drang mich zu bewegen gestillt, indem ich mich an einem alten sowjetischen Spielplatz direkt vor meiner Haustür körperlich betätigt hatte. Ich war nicht der Einzige, der dieses kostenlose Fitnessstudio wahrnahm. Oft beobachtete ich andere Männer, die aus den umliegenden Plattenbauten kamen und an jenen Klettergerüsten Sport machten. Einer von diesen Männern, von oben bis unten in einen Adidas-Tracksuit gekleidet, schüttelte mir zur Begrüßung sogar die Hand. Dabei verband uns miteinander nichts außer der Tatsache, dass wir auf eben diesem Spielplatz der gleichen Tätigkeit nachgingen.

Als jedoch die Temperaturen sanken und der zentralasiatische Winter über Bischkek hereinbrach, waren die Eisenstangen mit ihrem Rost und der abblätternden Farbe stetig kälter als der Biss in ein Eis am Stiel, was es unmöglich machte an ihnen weiter rum zu turnen. Eine Zeit lang versuchte ich meinen Alltag gänzlich ohne zusätzliche körperliche Betätigung zu meistern. Immerhin hob ich bestimmt zwanzig Mal täglich mittelgroße Jungen und Mädchen auf der Arbeit hin und her. Alles andere als ein Bürojob. Es fehlte also mitnichten an körperlicher Belastung.

Jedoch merkte ich, je länger die Kälte und das Grau des Winters andauerten, wie unausgeglichen und unzufrieden ich mit der Lage war. Als ich eines Abends auf der Toilette eines Restaurants einen auf den Spiegel geklebten Flyer eines Boxkampfs erblickte, fiel mir prompt ein wie verrückt Russen und auch Kirgisen doch nach Kampfsport waren. Nicht umsonst war jedes zweite T-Shirt und jede dritte Jogginghose mit dem UFC-Logo bedruckt. In den kommenden Tagen fielen mir dutzende Kampfschulen und Martial-Arts-Clubs überall in der Stadt verteilt auf, die ich in den Monaten zuvor allesamt übersehen haben musste. Was mich besonders freute: Direkt über meiner Sprachschule, in der ich zwei Mal pro Woche meine Kenntnisse der russischen Sprache verbesserte, befand sich ebenfalls ein Boxclub. Er sah modern und vertrauenswürdig aus, worauf ich in diesem Moment erstaunlich viel Wert legte. Immerhin wollte ich nicht unbewusst an irgendwelchen Underground-Straßenkämpfen teilnehmen, während ein Zimmer weiter zwei Hähne für Wettgeld um ihr Leben kämpfen würden. Wer weiß was in Bischkek alles passiert und nicht an die Öffentlichkeit kommt.

Ich hatte immer ein gewisses Interesse am Boxsport. In meinem Zimmer in Deutschland hängt nicht umsonst ein Muhammad Ali-Poster. In Deutschland hatte ich allerdings nie wirklich die Initiative ergriffen mit dem Sport anzufangen. Und nun, da ich im Land der Verrückten war, wieso nicht auch mal etwas Verrücktes und total Undurchdachtes machen? Denn einen Sport zu erlernen, in einem Land dessen Sprache man nur ,, In Ordnung“ beherrschte, verhieß garantiert nicht einfach zu werden.

Trotz allen gesunden Menschenverstandes betrat ich wenige Tage später die Boxschule, um mich anzumelden. Im Bewusstsein, dass ich für eine Anmeldung viele mir unbekannte Vokabeln brauchte, hatte ich mir zuvor ein wenig von meiner Russischlehrerin aushelfen lassen.

Am Empfangstisch lehnte ein älterer Herr, von Kopf bis Fuß in einen Adidas-Trainingsanzug aus olive-beigem Samt gehüllt.

,,Salam-Aleikum, Baike“, fand ich als Erster meine Sprache wieder.

,,Aleikum“, kam es zurück.

In gewohnt tollpatschiger Weise brachte ich dem Mann, der sich als Trainer entpuppte, näher, dass ich vorhatte in seinem Kurs anzufangen zu trainieren. Am Ende des Gesprächs hielten wir fest: Ich würde Montags und Mittwochs von 19 bis 21 Uhr im Kurs für Erwachsene boxen, nachdem ich zuvor um 18 Uhr ein Stockwerk tiefer mein Russisch aufpoliert hatte. Der ganze Spaß würde mich monatlich 1500 Som (~20€) kosten und war somit immerhin ein wenig billiger als in Deutschland. Vielleicht doch gar nicht so verrückt. Die Scheine musste ich gleich beim nächsten Mal bar auf die Krallen der blondierten Russin zahlen, die offensichtlich für finanzielle Angelegenheiten zuständig war und jedes Mal verlangte, dass man die Schuhe auszog, sobald man auch nur ins Treppenhaus der peinlich sauberen Boxschule eintrat. Ich verkniff mir die Frage, ob Frauen zusätzlich noch wie in einer Moschee das Haar bedecken mussten und streifte mir jedes Mal aufs Neue die affigen Plastikhüllen über die Sohlen meiner Schuhe, um Eintritt in den Boxpalast gewährt zu bekommen.

Meine erste Begegnung mit besagter Frau war die anfängliche Zahlung meines Monatsbeitrags in der darauffolgenden Woche: Geld geben, Handynummer diktieren, Vor- und Nachnamen buchstabieren. Die Nummer war kein Problem, ebenso wenig wie der Vorname: ,,Konstantin“ ist in Ländern mit russischem Einfluss ein durchaus gängiger Name. Beim Nachnamen wurde es brenzlig:

,,Familija?“[Familienname], fragte die Russin.

,,FERTIG“, sagte ich meinen Nachnamen so langsam, deutlich und idiotensicher wie möglich, schon ahnend, dass dieser weder russische noch kirgisische Familienname Probleme bereiten würde.

Fast perplex schaute sie von ihrem Formular auf. In ihren blau-grauen Augen hätten nur zwei Fragezeichen gefehlt.

,,Kak?!“[Wie?]

,,FERTIG. F-E-R-T-I-G“

Die arme Frau hatte vermutlich mit etwas wie ,,Wasilijew“ oder ,,Nikitin“ gerechnet, aber ich wollte nicht Dokumentenfälschung betreiben, nur um ihr etwas Gehirnsport zu ersparen.

Zwei Kirgisen, die mir aus der Boxhalle hinunter in den Büro/Wellness-Bereich gefolgt waren, guckten ebenfalls ungläubig aus der Wäsche, nachdem sie meinen Nachnamen gehört hatten.

,,Ti atkuda?“ [Woher kommst du?], fragte daraufhin der wesentlich größere und massigere der beiden.

,,Is Germanii.“[Aus Deutschland], antwortete ich ohne meinen Blick vom Kugelschreiber der immer noch notierenden Russin abzuwenden.

Während ich die Blicke des ungleichen kirgisischen Duos in meinem Rücken spürte, fragte die Russin weiter:

,,Dien Raschdenija?“ [Geburtstag?]

,,5.07.97“, antwortete ich nach kurzer Überlegung, wozu diese Information wohl gebraucht werde. Gab es hier etwa eine Altersbeschränkung? So ein rotes Schild am Eingang mit einer dicken schwarzen 18 drauf, welches ich übersehen hatte?

Als sie nun hörten, dass dieser Exot auch noch viel jünger war, als sie es vermutet hatten, drehten die nebenstehenden Kirgisen komplett am Rad:

,,Tebje djewet-natzed led? [Du bis 19 Jahre alt?], fragten sie ungläubig nach.

,,Da kanjeschna. Wui kak dumali?“[Ja klar. Was habt ihr denn gedacht?], gab ich lächelnd zurück.

,,Njemtze.“[Diese Deutschen], entfuhr es dem massiveren Kirgisen, dessen Haare kurz geschoren und dessen Haut, trotz des sonnenlosen Winters, braun gebrannt war.

Irgendetwas in meinem Kopf verlangte danach in ,,Kong“ zu taufen. Ich weiß bis heute, vier Monate später, nicht warum. Der Name passte einfach zu diesem Koloss.

Ohne weitere Fragen schob die Russin, die im Gegensatz zu dem kirgisischen Pendant zu Asterix und Obelix eine sehr nüchterne Reaktion auf mein Alter und meine Herkunft an den Tag gelegt hatte, eine Plastikkarte quer über den Tresen. Ich blickte zögerlich auf das scheinbar schon durch mehrere Hände gegangene rot-gelbe Kärtchen.

Nummer 0156.

,,Was ist das hier? ’n Knast?“, dachte ich mir im Stillen.

R-Studio. Kraft und Männlichkeit. So stand es auf der Karte, der Slogan des Studios.

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Insasse 0156

Schon im Weggehen wurde ich noch ermahnt, den Ausweis immer mitzunehmen und vorzuzeigen.

,,Ladna“ [In Ordnung], warf ich, auf dem Treppenabsatz stehend zurück und steckte meine goldene Eintrittskarte in die Welt des Boxens in meine Hosentasche.

Meine allererste Boxstunde gestaltete sich also auf eher organisatorische Art und Weise. Ein weiteres Detail, das ich nicht bedacht hatte, war die Beschaffung des notwendigen Equipments. In meiner Naivität war ich davon ausgegangen, ich könnte mir im Studio Boxhandschuhe leihen, oder zumindest kaufen. Jedoch nichts dergleichen. Auf die Frage, wo ich denn nun Handschuhe beschaffen könne, bekam ich eine sehr wage Anweisung:

,,No Baike, mnje sche nuschni takie pertschatki. Mjesta gdje moschna kupit ne snajetje?“ [Aber Baike, ich brauche doch solche Handschuhe. Kennen sie keinen Ort, an dem ich die kaufen kann?], frage ich den Trainer, der mich mangels Boxhandschuhe für die erste Trainingseinheit vor den Spiegel verbannte, wo ich schattenboxen sollte.

,,Gdje schiwjiosch?“[Wo wohnst du denn?], kam eine Antwort zurück, mit der ich nicht gerechnet hatte. Was spielte das denn für eine Rolle, hinterfragte ich, antwortete jedoch bereitwillig im selben Moment:

,,Ibraimova /Moskovskaya“

Nachdem ich ihm erklärt hatte, wo sich diese Straßenkreuzung genau befindet, nannte mir der Trainer eine völlig andere, unbekannte Straßenkreuzung in Sredni Dschal, einem Stadtteil Bischkeks, unweit meines täglichen Arbeitswegs.

,,Tam jest magasin. Tam rabotaet adin pakistanetz, katori tebje budet pradavat schto tebje nuschen.“ [Dort gibt es ein Geschäft. Da arbeitet ein Pakistani, der dir verkaufen wird, was du brauchst.]

Ich stöhnte: Was war das hier? Eine Schnitzeljagd? Das die ganze Sache so kompliziert würde, hätte ich nicht gedacht.

,,On sche tosche moschet kupit v dordoi schtoli“ [Er kann die doch auch auf dem Dordoi-Bazaar kaufen, oder?], mischte sich ein kleiner Junge, der lustigerweise auch an dem Erwachsenenkurs teilnahm, in die Unterhaltung ein.

Der Dordoi-Bazaar. Das hatte mir noch gefehlt. Der einzige Bazaar, der größer als der Osch-Bazaar ist. Ausschließlich Kleidung und Elektronik. Für Ausländer nur in Begleitung eines Einheimischen zu empfehlen. Ansonsten wird es schwer den Weg hinaus zu finden.

Ich lehnte ab, bedankte mich jedoch bei dem Jungen für den Vorschlag. Bis ich dort meine Boxhandschuhe gefunden hätte, wären die Stangen des Spielplatz bereits wieder aufgetaut. Dann doch lieber nach Pakistan.

Als ich am Tag darauf in den Laden mit dem Namen ,,Sales Point“ trat, wurde mir schlagartig klar, dass es die richtige Entscheidung gewesen war herzukommen. Die Preisschilder zeigten akzeptable Preise, die die 800 Som (~11€) nicht überschritten. Nachdem ich den Besitzer aus einem Whatsapp-Video-Call mit einem Landsmann (sie sprachen Urdu) gerissen hatte, erstand ich ein Paar Puma-Boxhandschuhe. Diese Marke war zwar alles andere als nach dem kirgisischen Geschmack, allerdings war ich auch noch nie ein großer Fan von Adidas gewesen. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass es sich in diesem Laden um ausschließlich gefälschte Produkte handelte.

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Man kann den Markennamen nie oft genug aufdrucken.

 

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Fälschen hat hier beinahe Tradition.

Zurück im Studio machte ich gute Fortschritte, so meinte mein Trainer. Ich dreschte auf die Boxsäcke ein, was sie hergaben und fühlte mich auch bald wieder ausgeglichener, der eigentliche Grund warum ich überhaupt dort war. Wenn es allerdings darum ging mit anderen eine Schlagfolge zu üben, hatte ich immer ein wenig Hemmung.

In diesem Kurs hatten alle eine gemeinsame Sprache: Russisch. Egal ob Kirgise, Kasache, Tadschike oder Russe. Alle waren des Russischen mächtig. Also fand der ,,Unterricht“ auf Russisch statt. Auch ich, der einzige ,,echte Ausländer“, der an sich nichts mit der ehemaligen UdSSR zu tun hatte, verstand was der Trainer von uns wollte. Sei es nun am Anfang der Trainingseinheit als er uns, in der Mitte des Saales stehend, zurief welche Aufwärm-Bewegungen wir machen sollten, oder in Einzelgesprächen, wenn er unsere Form verbesserte. Das einzige Problem mit mir war, dass ich alles verstand was er sagte, jedoch ihm gegenüber nicht alles so ausdrücken konnte, wie ich wollte. Mit diesem Problem bin ich auf keinen Fall allein. Viele Menschen, wenn nicht alle, verstehen eine Fremdprache besser, als sie sie sprechen.

Ich wollte also nicht so gerne die Übungen mit den anderen Teilnehmern praktizieren, sondern lieber für mich am Boxsack üben. Somit wäre ich aufgrund meiner Ausdrucksunfähigkeit kein ,,Tormas“ [Bremse], der die anderen aufhielt.

Als mein Trainer dies bemerkte, steckte er mich mit einem Jungen zusammen, dessen Name ,,Elnur“ war. Elnur hatte Verständnis dafür, dass ich die jeweilige Übung nicht gleich beim ersten Mal drauf hatte und ließ mich mal machen. Meistens kam jedoch der Trainer dazwischen und gab mir zu verstehen, dass ich das vollkommen falsch machte. Also wieder an den Boxsack, oder in die Handpolster des Trainers boxen. Mit Elnur redete ich ein wenig über Schulsport in Kirgistan und was ihn dazu bewegte zu boxen. Wirklich komisch war nur, dass er mich immer siezte obwohl er älter war als ich und wir offensichtlich auf einer Wellenlänge waren. Ich mein komm schon, ich bin nicht dein Vorgesetzter.

So verlief ein Großteil der Zeit, die ich in diesem Boxclub zubrachte. Aber in diesen komischerweise ständig kalten Mauern, hat sich auch Vieles zugetragen, was abseits des Boxens erzählenswert wäre:

Als ich beispielsweise nach einem Training ein Lob des Lehrers bekam, der mit den Worten ,,Usche lutsche“ [Schon besser] meinen Fortschritt beschrieb erklärte ich ihm, dass das Ganze hier für mich ein wenig schwerer war, als für seine restlichen Schüler:

,,Wui dalschni snat schto u menja medlenii reaktii. Ja slischaju pa russki patom padumaju pa nemetzki a kanjetz delaju schto nada djelat.“ [Sie müssen wissen, dass ich langsame Reaktionen habe. Ich höre auf Russisch, denke auf Deutsch und mach erst dann, was ich machen soll.], versuchte ich meine schusseligen und ehrlich gesagt auch viel zu lahmen Reaktionen, die ich an den Tag legte, wenn der Trainer mir eine plötzliche Anweisung gab, zu rechtfertigen.

Als der alte Kirgise dann hörte, ich käme aus Deutschland hellten sich seine Augen sofort auf:

,,Ti is Germanii? Ja sche tam schil!“ [Du kommst aus Deutschland? Da hab ich doch auch gelebt], erzählte er stolz.

,,Siriosna? Gdje tam?“ [Ernsthaft? Wo dort?], gab ich ebenso enthusiastisch, wenn auch ungläubig zurück. Das wollte ich jetzt genauer wissen.

,,V Schern“, sagte er erwartungsvoll in meine Richtung.

Schern? Das hatte ich nicht verstanden. Wo war das denn? Ich musste nochmal nachfragen.

,,Gdje? Ischjo ras paschalusta.“ [Wo? Noch mal bitte.], harkte ich nach.

,,Schärwn“, bekam ich noch undeutlicher und gelallter zurück. Oh Gott, die deutsche Sprache musste für ungeübte Zungen echt eine Zumutung sein.

Angestrengt dachte ich nach. Ich ging fest davon aus, dass er sich die Anfangsbuchstaben seiner einstigen Heimat gut behalten hatte und nur den Rest vergessen hatte. Also irgendwas mit ,Sch“. Ziemlich sicher auch Ostdeutschland, denn als er jung war, hat sicher keine Sowjetregierung so leicht Sowjetbürger nach Westdeutschland entsendet. Also vielleicht…

,,SCHWERIN!“, tauchte ich aus meinem Denkprozess auf.

,,DAAAAA!“ [JAAAAA!], erwiderte der Trainer freudig.

,,Ja snaju etat gorad“ [Ich kenne diese Stadt] , sagte ich.

,,Kanjeschna ti snajesch. Ti sche tam schiwjiosch“ [Natürlich kennst du die. Du wohnst doch in Deutschland], kam es mit einer ausladenden Handgeste zurück.

,,Nu takda wui nawerna tosche nemnoschka umeete pa nemetzki“ [Dann können sie wahrscheinlich auch ein wenig Deutsch], machte ich mir Hoffnungen und malte mir schon aus wie es wäre, wenn er mir die Übungen auf Deutsch näher bringen könnte.

,,K saschelenju njet. Mui tam tolka gawarili pa russki.“ [Leider nicht, wir haben dort nur Russisch gesprochen], lies er unbewusst meine Traumvorstellung zerplatzen.

Weiterhin stellte sich heraus, dass er dort sowjetischen Soldaten in einer Kaserne das Boxen beibrachte.

Ein anderes Mal beobachtete ich, wie ein großer, massiger Mann mit Vollbart vor den Aufwärmübungen betete. Während wir anderen unsere Runden liefen und unsere Gliedmaßen lockerten, saß er ruhig und meditativ in Richtung Mekka kniend in einer Ecke und setzte sich abwechselnd auf und wieder ab. Wie in der Moschee, nur ohne Gebetsteppich, und statt Muezzin-Gesängen blecherne Pop-Charts, die aus einer Anlage, die auf einer Fensterbank stand, dröhnten.

Später sprach mich der Mann an und wir redeten ein bisschen. Er selbst sei Tadschike und suche Arbeit. Ob ich welche für ihn hätte. Ich fragte mich ob ich in meinem verschwitzten Tank-Top aussah wie jemand, der eine erfolgreiche Umzugs-Firma oder Ähnliches leitete, und musste leider verneinen. Dafür erfuhr ich von ihm etwas über Tadschiken im Ausland und i n Kirgistan.

Was mich immer gefreut hatte war, dass mein Trainer seit der ersten Sekunde meinen Namen konnte und mich wie alle anderen seit 7 Monaten zu ,,Kostja“ umtaufte. Und niemals scheute er davor zurück ihn zu rufen.

,,Kostja bistrii!“ [Schneller, Kostja!], wenn wir uns warm liefen.

,,Wuische Kostja!“ [Höher, Kostja!], wenn wir Hampelmänner schlugen.

“Kostja idi sjuda“ [Kostja, komm her!], wenn ich mich mal wieder in Richtung Boxsack absetzte.

Als es wieder wärmer wurde, beschloss ich die Boxhandschuhe an den Nagel zu hängen. Das alles fraß zu viel Zeit. Zeit, in der ich schlafen musste. Ich war an den Tagen nach dem Training immer hundemüde und brachte es kaum auf die Reihe am Morgen des nächsten Tag richtig auf russisch zu grüßen. Alles in allem waren es tolle Erfahrungen und Gespräche, andere Gesichter und Geschichten, die ich dort erleben durfte.

 

Als ich letztens nach der Arbeit zur Sprachschule trottete, die gleißende Sonne in meinem Nacken brennend, warf ich einen Blick in die Fenster des Boxstudios. Dort oben stand der Junge, der mir damals geraten hatte auf den Dordoi-Bazaar zu gehen, um meine Handschuhe zu kaufen.

 

Er winkte mir zu.

 

Probieren geht über studieren.

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,,Hat mir ein Freund geschenkt. Aus Deutschland.“ Wissen sie denn was drauf steht? ,,Nein“

 

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Die heiligen Hallen des Boxsports

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Ausblick auf den Stadtteil ,,Dschal“

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Der Trainer. Viel zu schnell um von einer gewöhnlichen Kamera erfasst werden zu können.

 

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Mit einem Nokia-Handy aus dem letzten Jahrhundert wird die Zeit gestoppt.

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Ich weiß bis heute nicht wie der Mann heißt. Für mich wird er immer ,,Der Baike“ bleiben.

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Nur ein Happen zwischendurch

Es gibt mittlerweile viel zu vieles, was ich als erzählenswert oder zumindest erwähnenswert befinde. Ich habe eine Notiz-Datei auf meinem Handy in der ich Ereignisse notiere, die ich in einen Blogeintrag verarbeiten will. Diese Datei ist zwar nicht randvoll, jedoch finde ich selten die Ruhe und die Muße mich an die Arbeit zu machen. Ich erwarte oder erhoffe mir auch nur selten Bestätigung oder gar Lob von Lesern. Mir geht es vor allem um die eigene Verarbeitung des Geschehenen. Wenn ich da sitze und einen Text ausarbeite kommen mir fast vergessene Details in den Sinn, die die Geschichten lebendiger und sympathischer machen. So ist das Folgende an sich vielleicht gar nicht so spannend, doch machen es die kleinen Details zugleich erzählenswert und bewegen mich diese Zeilen zu tippen:

Manchmal mache ich einfach diese Gänge. Ich weiß nicht ob man sie als ,,Spaziergänge“ bezeichnen kann. Spaziergänge unternimmt man normalerweise durch Grünanlagen, Wälder oder im Allgemeinen ansehnliche Gegenden.

Nun ich laufe durch Plattenbaugebiete, über dröhnende Kreuzungen und an heruntergewirtschafteten Spielplätzen vorbei. Nicht gerade das, was man auf den ersten Blick als geeignet für einen solchen ,,Spaziergang“ halten würde. Und doch zwingt mich diese Stadt dazu, sie zu Fuß zu erkunden. Es sind die Geschichten und Gesichter die ich suche. Nicht die vor saftigem Grün strotzenden Parks, durch die ich auch in Deutschland flanieren kann. Noch keine Stadt hat mich so dazu gebracht sie zu erkunden, wie es nun Bischkek tut. So streife ich ab und zu ohne Ziel durch die Straßen der sagenumwobenen ,,Grünsten Stadt der Sowjetunion“, die Kamera immer im Anschlag.

Wie bereits erwähnt ist die Begebenheit, die ich nun vorstelle eher von unspektakulärer Natur. Doch ich liebe ihre Ironie und die Bekanntschaft, die aus einer Banalität hinaus entstand:

Ich war wieder in der Stadt unterwegs. Ohne Ziel umherschweifend und nur auf der Suche nach etwas zuvor noch nicht gesehenem. Ich weiß nicht mehr den genauen Zeitpunkt des Erlebten, nur noch das es kalt war. Ich konnte nicht zu lange am Stück Fotos machen, das weiß ich noch. Mir wurden die Hände kalt und zu steif um an den Knöpfen und Rädern der Kamera herum zu manipulieren. Es wird wohl Januar gewesen sein. Der zentrale Ala-Too Platz war schrecklich überschmückt und strahlte in seiner ganzen Kitschigkeit. Dabei hat der Platz sonst so etwas heldenhaftes: Die überdimensionale kirgisische Flagge, die Springbrunnen mit ihren Fontänen, die im Sommer wie eine Oase wirken mussten und die Statur des Manas. Jener Held der über die Grenzen des kirgisischen Landes hinaus bekannt gewesen sein soll und von den uigurischen Feinden gefürchtet wurde.

Nun jedenfalls wollte ich mir die festliche Dekoration aus der Nähe ansehen und beschloss, nachdem ich ausführlich Fotos gemacht hatte einen Happen zu mir zu nehmen.

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Je näher man blickt, desto gruseliger, nicht wahr?

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An dieser Stelle scheint es mir vielleicht auch an der Zeit das System der kirgisischen Gastronomie aufzudröseln. Es gibt viele Arten von Etablissements, in denen man Essen zu sich nehmen kann, darunter (Preislich aufsteigend):

,,Stalowaija“ [wörtlich übersetzt ,,Esszimmer“] auf Russisch und ,,Aschkana“ auf Kirgisisch

Entspricht der deutschen Mensa oder Kantine. Es gibt eine Theke, auf welcher das Essen in Warmhalteschalen aus Metall ausgelegt ist. In einer Stalowaija zu essen ist unvorstellbar günstig. Mit 2 Euro geht man satt und zufrieden zurück auf die Straße.

,,Tschaichana“ [übersetzt ,,Teestübchen“]

Ein eher seltenes Exemplar, jedoch findet man hier normalerweise, wer hätte es wissen können, mehr Sorten Tee als in den restlichen Etablisements. Jedoch erhält man meist auch eine gut gefüllte Speisekarte mit (entgegen der Stalowaija ) frisch zubereiteten Speißen.

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Meine Lieblings-Teestube: Vkus Vostoka [Der Geschmack des Ostens]

,,Kafe“

Kann alle Speißen dieser Welt führen. Die meisten Kafes ähneln dem, was wir in Deutschland unter Restaurant verstehen. Kafes findet man in Bischkek wie Sand am Meer. Die Preisspanne reicht von 3 bis 10 Euro für vollwertiges Essen und Getränke.

,,Restaurant“

Viel lässt sich nicht sagen. Eher ungewöhnlich und sowieso nur etwas für gut betuchte Kirgisen, die sich nicht scheuen 15 bis 30 Euro für Essen auszugeben. Klar, in Deutschland ist das Standard. Aber werft ihr als Deutsche am Ende des Monats erst mal einen Blick auf den kirgisischen Gehaltsscheck.

Ich entscheide mich also in einer Stalowaija meinen vom Fotografieren geweckten Hunger zu lindern oder vielleicht sogar komplett zu stillen. Als ich den vertrauten Schriftzug ,,столовая“[Stalowaija] neben einem Schild mit englischer Aufschrift ,,Anti-Korruptions-Betriebsrat“ lese werde ich stutzig:

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Das Foto habe ich zu einem früheren Zeitpunkt aufgenommen.

Leben wir etwa in Zeiten, in denen selbst unter den Tischen von Kantinen Schmiergelder ausgetauscht werden? Fungieren diese ganzen Kantinen vielleicht einfach nur als Geldwäschereien und trügen deshalb mit ihren niedrigen Preisen? Oder handelt es sich hier einfach nur um einen Fall der effektiven Raumnutzung, bei dem in einer Ecke des Gebäudes ein kräftiger Borsch brodelt und in der anderen ein Beamter, der die Liste der empfangenen politischen Schmiergelder des Jahres betrachtet?

Ich entschied mich für letzteres und trete in freudiger Erwartung auf eine warme Mahlzeit über die Schwelle der Eingangstür. Ich erblicke, noch nicht einmal einen Fuß auf den Boden gesetzt einen Mann, hinter gläsernen Scheiben sitzen. Der betagte Herr sitzt in einer Art Wachhaus, wie man es von größeren Wohnkomplexen kennt, die über eine Einfahrt mit Schranke verfügen und daher auch einen Wachmann besitzen. Mir ist jedoch rätselhaft was es in diesem Fall zu bewachen gibt. Die Kronjuwelen des britischen Königshauses erblicke ich hinter seinem mausgrauen Haar jedenfalls nicht. Etwas weiter rechts führen Stufen einer Treppe hinauf in ein zweites Stockwerk, in dem sich all die Büros oder Ähnliches befinden müssen.

Bemüht die peinliche Stille seit dem Zeitpunkt meines Eintretens aufzulösen entscheide ich mich spontan besagten Mann nach dem Weg in die Kantine zu fragen. Mir war aufgefallen, dass sich im Eingangsbereich mehr als eine Tür befand und ich hatte wenig Lust unter den strengen Blicken des Wachmanns wie in einem Cartoon jede einzelne Tür zu öffnen, nur um herauszufinden, dass keine einzelne zur Kantine führte.

,,Sdrastwuitje Baike, Aschkana atrkrita?“ [Guten Tag mein Herr, hat die Kantine geöffnet], werfe ich laut und deutlich in seine Richtung. Ich wusste ja nicht, ob die Scheiben, die uns beide von einander trennten kugelsicher waren und er mich daher schlechter hören konnte.

Als Antwort bekomme ich das müdeste Kopfnicken des Millenniums. Der Mann musste es mittlerweile satt haben jedem sagen zu müssen, dass es hier auch etwas zwischen die Zähne gibt und nicht nur Bürokratie to go.

Den Bruchteil einer Sekunde überlege ich mir, schon im Weggehen ihn zu fragen ob ich ihn für 2 Som um ein Lächeln bestechen könne. Doch dann fiel mir wieder ein, dass gleich nebenan der ,,Anti-Korruptions-Betriebsrat“ war.

Ich schreite durch die Tür, in deren Richtung das Nicken des Wärters zeigte. Dabei entdecke ich auch das eigentlich unübersehbare Schild, auf dem in roten Lettern ,,Kantine“ steht. Noch bevor ich mir, verärgert über mich selbst an den Kopf greifen kann stehe ich mitten in einem Raum, der viel kleiner ist als erwartet.

Sofort fällt mir ein suspekter junger Mann auf, der alleine an einem Tisch sitzt und in ein IPhone quasselt, während vor ihm ein weiteres liegt. Ein wenig erinnert er mich an jemand anderen mit seinem Wichtig-Getue. Mein Blickt schweift durch den Raum, auf der Suche nach einer Möglichkeit etwas essbares zu bestellen. Am anderen Ende des Raumes erkenne ich eine kleine Theke, auf der zwar keine Gerichte stehen, dafür aber Brot und ein großer Samowar.

Langsam bewege ich mich Schritt für Schritt auf die Theke zu, hinter der ein vergilbter Plastikvorhang den Essbereich von der Küche trennt. Aus jener Küche wehen mir blecherne Geräusche zu, die vermutlich mit voller Lautstärke aus einem Samsung S3 Mini, dem meist verbreiteten Mobilfunkapparat in Kirgistan stammen.

Als ich mich dem Ende des Raumes bereits gefährlich genähert hatte bemerke ich Bewegung in der Küche. Wenige Sekunden später schlüpft eine junge Kirgisin, schätzungsweise 23 Jahre alt durch den uncharmanten Küchen-Esszimmer-Durchgang.

,,Strasdwuitje“[Guten Tag], grüßt sie höflich.

,,Strastje“, antworte ich in der Kurzform halb aus Faulheit, halb aus Erstaunen über ihr unerwartetes Erscheinen.

Sie sieht mich fragend an, scheinbar darauf wartend, dass ich ihr offenbare warum es mich hierher verschlagen hat. Vielleicht will sie aber auch nur wissen was ich denn nun essen möchte.

Meine Augen wandern zu einer Kreidetafel über ihrem Kopf, die ich als Speisekarte erkenne. Alles weitere entzieht sich jedoch meiner Kenntnis, da die Tafel auf russischer Schreibschrift beschrieben ist.

Nun bin ich durchaus dazu in der Lage russische Schreibschrift zu lesen, sofern sie am Computer geschrieben ist. Jedoch tatsächliche handschriftliches Gekrakel zu entziffern benötigt sehr viel Zeit.

Zeit, die ich nicht habe. Mir bleiben ungefähr 5 Sekunden Zeit, um diese Situation zu entschärfen und es nicht so aussehen zu lassen, als sei es mein erster Tag in Bischkek.

Ich spüre förmlich wie mir die Zeit durch die Finger rinnt während ich noch nicht mal das erste Wort der Tafel entziffert habe. Und so kommt es wie es kommen musste und die Lage mündet in meine Standardfrage, wenn es um Essen geht:

,,Ni magu tschitat takaja daska. U was Lagman jest?“ [Ich kann diese Tafel nicht lesen. Habt ihr Lagman]

Erwartungsvoll starre ich in die schwarzen Augen meines Gegenübers. Lagman gehört, soweit ich es beurteilen kann, zum Standard-Repertoire einer kirgisischen Kantine. Aber es könnte ja sein, dass ich in der einzig anormalen Kantine Bischkeks gelandet bin.

,,Da, jest.“[Ja gibt es], antwortet die junge Frau in einem Tonfall der Selbstverständlichkeit. Als hätte ich sie soeben in Gesicht gefragt, ob sie kirgisisch spricht.

,,Nu dawai, takda adna portzija paschalusta“[Nun gut, dann eine Portion bitte], sage ich schon im Weggehen um mich an einen der freien Tische zu setzen.

,,Chai ne buditje pit?“[Sie werden keinen Tee trinken], kommt es sofort von hinten und hält mein Vordringen Richtung Tisch auf.

,,Moschna“[wörtlich ,,Kann man“, aber in diesem Kontext eher ,,Ja kochen Sie mal eine Tasse, werd‘ sicherlich einen trinken“], rufe ich über die Schulter zurück.

Nachdem der Tee gekocht ist wird er mir mitsamt meiner bestellten Nudelspeise an den Platz gebracht. Ein paar Tische weiter plappert noch immer der Nachwuchs-Business-Kirgise in sein Handy. Er mischt Kirgisisch mit Russisch, so wie das hier fast jeder am Telefon tut. Ich verstehe also nur wenig, aber sein Tonfall zeugt von der großen Wichtigkeit des Gesprächs.

Ich mache mich unverzüglich über die halb aus Suppe bestehenden, grade mal 1 € kostenden teigigen Nudeln her, als plötzlich erneut vom anderen Ende des Raumes mit mir gesprochen wird:

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Lagman ohne Suppe [auch Boso Lagman]

,,Wui is Rassii schtoli?“[Sie kommen aus Russland, nicht wahr?], fragt die Kantinenmitarbeiterin und fixiert mich dabei mit ihrem dunklen Augen.

Etwas erschrocken über die sich anbahnende Konversation blickte ich von meiner Schüssel auf. Eine der viel zu langen Nudeln war noch nicht ganz in meinem Mund verschwunden, ehe ich sie mit nie zuvor gesehener Saugkraft ins innere beförderte. Ich räusperte mich um ihr zu antworten:

Ich hatte in den Monaten hier schon sehr viele Vermutungen über meine Herkunft gehört: Von Amerika, England, Frankreich über Georgien, Aserbaidschan bis hin zu Turkmenistan und natürlich Türkei war alles dabei gewesen. Aber Russland? Das hatte ich selten gehört. Diese Annahme erwies sich spätestens dann als falsch, wenn ich den Mund aufmachte und zum Reden ansetzte. Mir wird oft gesagt, es wäre nicht der Akzent der mich entpuppt. Ich vermute einfach es sind kleine Leichtsinnsfehler, die einem nativen Russen nie passieren würden.

Aber dass jemand, auch nachdem ich bereits Russisch gesprochen hatte noch davon ausging ich käme aus Russland. Das war mir fremd.

,,Njet, ja ne russki. Ja nemetz.“[Nein ich bin kein Russe. Ich bin Deutscher], widerlegte ich ihre Annahme.

,,Ahhhh Germanija!?“[Ach Deutschland], weiteten sich ihre Augen.

Und dann ging es los. Fragen und Annahmen in Massen: Wie sauber es dort doch sei. Wie viel die Menschen doch verdienen. Wie groß ist eure Wohnung in Deutschland? Was ein Haus?! Wie viele Zimmer?! Was arbeiten Mama und Papa? Wie viele Geschwister hast du? Was nur einen Bruder? Aus welcher Stadt kommt ihr? Berlin, Suttgardt, Munschen, Fanfort? Ach so Dorf. Wieso kommst du aus so einem Land nach Kirgistan? Wie gefällt dir unser Land, schon schlimm hier oder? Was dir gefällt’s hier?! Wieso das denn? Woher kannst du dein Russisch? Kannst du auch Kirgisisch? Wenig? Aber lernst du noch, oder? Ja? Guter Junge! Ach du kannst auch ein wenig Türkisch? Aber du bist doch Deutscher? Aber kannst trotzdem, ja? redet türkisch Ach soviel verstehst du nicht? Aber ein bisschen, ja? Wie macht ihr das in Deutschland eigentlich mit den ganzen Flüchtlingen? Habt ihr keine Angst? Nein?

Das gesamte Gespräch hier niederzutippen wäre für den Leser sehr mühselig zu lesen und für mich sehr zeitaufwendig zu schreiben. Im Allgemeinen war es das klassische Kirgise-Ausländer-Gespräch: Ein wenig über Deutschland erzählen und sich den Rest vom Gegenüber anhören. Nur eine Frage hatte sie, die sich irgendwie von den üblichen Fragen abhob:

,,Ja tosche chatschu schit v germanii. Chonda Fit skolka tam stoit?“ [Ich will auch in Deutschland leben. Wie viel kostet dort ein “Honda Fit“], fragte sie erwartungsvoll.

Da saß er nun der Deutsche und kannte sich ausreichend bis gut mit BMW, Audi, Mercedes und Volkswagen aus. Und dann wird er ausgerechnet nach einem “Honda Fit“ gefragt. Noch nie davon gehört, war das erste, was durch meinen Kopf ging.

,,Ja..äh..mosched buid…äh…nawerna“[Ich äh vielleicht äh wahrscheinlich], stammelte ich herum.

,,Ja dumaju nowaija maschina stoit…“[Ich denke der kostet als neues Auto]

Angestrengt überlegte ich, während mich die Frau weiterhin erwartungsvoll im Auge behielt. Also Honda: Japanischer Konzern. Eher unteres Preissegment. ,,Fit“= engl. passt/ angepasst also eher Kleinwagen. Also schätze ich so…

,,20.000 Evro“, spucke ich meine Antwort überzeugt aus und sehe noch in den selben Sekunden das Gesicht der Kirgisin in Schockstarre verfallen.

,,Tak doroga“ [So teuer], kommentierte sie den Preis vorwurfsvoll.

Ich zuckte nur unschuldig mit den Schultern und betonte lächelnd:

,,Nowaija maschina“ [Neuwagen]

Trotz der konstanten Fragerei hatte ich bereits aufgegessen, stellte also Schüssel und Tasse auf die Theke und verabschiedete mich mit:

,,Otschjen prijatna, da swidanja“[Sehr angenehm, Auf Wiedersehen]

,,Paka“ [Tschüss], erwiderte sie höflich und nickte mir zu, während sie schon die Bestellung eines neuen Kunden aufnahm.

Ich hoffe ich hatte ihr nicht alle Hoffnungen auf einen deutschen Honda Fit genommen.

Auf dem Weg nach draußen lief ich wieder an der ,,Security“ vorbei, die nach wie vor unverändert da saß. Aufgrund dessen und den fehlenden Einschusslöchern im Scheibenglass, ging ich davon aus, dass zwischenzeitlich nichts erwähnenswertes passiert sein konnte.

Als ich auf die Straße trat dachte ich kurz nach: Eigentlich wollte ich doch nur einen kleinen Happen zwischendurch und nicht einen tieferen Einblick in das Denken der Menschen hierzulande.

Denken heißt Vergleichen.

-Walther Rathenau

Mir scheint es sein zu wenig Fotos, daher hier eine kleine Sammlung von Aufnahmen mit dem Titel ,,Faces of Kyrgyzstan“

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Junge auf der Straße mit Sweater aus einem Second-Hand Laden. Offensichtlich.

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Großvater. Gönnt sich eine Zigarette während er auf die herumtobenden Enkelkinder aufpasst.

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Die Beschreibung überlasse ich dem Leser

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Mutter und Kind auf dem Spielplatz vor meinem Haus

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,,Baike“ mit traditionell kirgisischer Kopfbedeckung

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Hochzeitspaar

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Hochzeitsgesellschaft

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Elektriker tauschen Glühbirne einer Straßenlampe aus

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Dick eingepackt

Wie ich mit Tadschiken das Brot brach

 

Argwöhnisch schaue ich Donyar von meinem Marschrutka-Sitz an. Ich sitze bequem, während er mit seinen sicherlich ein Meter fünfundachtzig mehr oder weniger gedrungen im Mittelgang des Kleinbusses steht. Sein Kopf, den er auf Grund seiner Größe und des niedrigen Wagenhimmels der Marschrutka nicht heben kann scheint fast ehrfürchtig gesenkt, während seine Augen angestrengt auf den Bildschirm seines Smartphones starren.

Noch wenige Minuten zuvor standen wir beide dort im Mittelgang und hatten unsere Köpfe zweckgemäß demütig gesenkt. Glücklicherweise waren wir die einzigen beiden Passagiere, die im Gang standen. Alle Sitze der Marschrutka Nummer 100 waren restlos besetzt.

,,Das wir so lange fahren hätte ich dann doch wieder nicht erwartet.“, dachte ich mir im Stillen, wahrend ich zwischen den Sitzen stand und jedes Ausweichmanöver des Chauffeurs mitbekam. Mein Rucksack, den ich nur über einer Schulter trug pendelte nervös hin und her.

Als dann überraschend ein Platz in der Mitte der letzten Reihe frei wurde ( genaueres zur Sitzaufteilung der Marschrutka) begann das übliche bazaarmäßige Verhandeln um den Sitzplatz. Jedoch mit dem Unterschied, dass es hierbei nicht darum geht, ob man sich selber setzen darf, sondern das Verlangen dem jeweils anderen den Sitzplatz aufzuschwatzen:

,,Dawai Tschuwak sadis tuda.“[Los Kumpel setz dich dahin.], beginne ich die Verhandlungen.

,,Njet stajat mnje udobna. Sadis sam.“[Nein, das Stehen ist mir schon bequem. Setz dich selbst.], kontert Donyar geschickt.

,,Mnje tosche udobna. Ja magu stajat. Vsjo charascho!“[Ich hab’s auch bequem. Ich kann stehen. Alles gut.], werfe ich das Recht auf den Sitzplatz in seine Richtung zurück.

,,No ti tak wsoki. Sadis.“[Aber du bist so groß. Setz dich.], führt Donyar ein berechtigtes Argument in die Sitzplatzproblematik ein.

,,No ti tosche vsoki.“[Aber du bist auch groß], lasse ich den Versuch die Diskussion durch körperlicher Gegebenheiten zu verkürzen an mir abprallen.

,,Otur!“ [Sitz!], macht nun Donyar Gebrauch der kirgisischen Sprache.

,,Nu ladna.“[Nun gut], gebe ich klein bei, meinen Marschrutka-inkompatiblen Körper Richtung letzter Reihe manövrierend und dabei bemüht so wenig Leuten wie möglich meinen Rucksack durchs Gesicht zu ziehen.

 

Donyar heißt eigentlich Donyarzhon Alimov. Ich kannte ihn zum Zeitpunkt der Geschichte noch nicht sehr lange. Eines Tages tauchte er einfach in meiner Arbeitsstelle auf. Ich sah ihn von da an häufiger im Kinderzentrum und erfuhr mit der Zeit mehr und mehr über den Zweck seiner Anwesenheit bei der Arbeit.

Donyarzhon würde genau wie ich einen Freiwilligendienst ableisten, jedoch nicht in Kirgistan sondern in Deutschland. Er würde von einer deutschen Organisation entsendet werden, die Freiwilligen aus aller Welt eine Reise nach Deutschland ermöglicht, wo sie dann ein Jahr lang in sozialen Einrichtungen arbeiten.

Ohne diese Vorkenntnis war ich dementsprechend erstaunt, als er mich bei unserer ersten Begegnung mit ,,Guten Tag mein Herr“ ansprach. Etwas hoch gegriffen vielleicht, aber zumindest würde ihm in Deutschland niemand vorwerfen, dass er nicht genügend Wert auf höfliche Begrüßungen legt.

Es stellte sich weiterhin heraus, dass Donyar sich bereits in den langen und kräftezehrenden Kampf  mit der deutschen Sprache begeben hatte. Für seine Ausreisegenehmigung war es einfach von Nöten bereits im Heimatland mit dem Lernen des Deutschen zu beginnen und Seminare in einer heilpädagogischen Anstalt zu besuchen. In seinem Fall in meiner Arbeitseinrichtung: Ümüt-Nadjeschda.

Am Vortag hatte Donyar mich gefragt, ob ich ihm nicht bei einer kleinen Sache helfen könnte, bei der er Verständnisprobleme hätte. Die Organisation habe ihm viel Papierkram zugeschickt, hauptsächlich Verträge und andere organisatorische Dokumente. Alles auf Deutsch. Somit wand er sich an mich, den Deutschen seines Vertrauens. Ich hatte so meine Bedenken bei dem Vorhaben: Ich würde die Verträge lesen können und selbst wahrscheinlich auch verstehen, aber das alles zu übersetzten? Mein Wortschatz erweitert sich zwar von Tag zu Tag, aber mit Nichten hatten wir im Russischkurs bereits das Wortfeld der Juristik behandelt. Und ich sah mich nur geringfügig fähig Donyar irgendwelche Rücktrittsklauseln und Reiserücktrittsversicherungen auf Russisch näher zu bringen. Ich sagte ihm dennoch zu und bat ihn am nächsten Tag um 16.00 Uhr bei Nadjeschda anzutanzen. Ich war in der festen Überzeugung, wir würden innerhalb von 10 Minuten alles nötige auseinander dividiert haben.

Am nächsten Tag erschien der junge Kirgise mit seiner ungewöhnlich dunklen Haut um 15.30 Uhr auf der Arbeit und verlangte nach Constantin. Er hatte sich das mit der ,,Vorbereitung auf die deutsche Mentalität“ wahrscheinlich etwas zu sehr zu Herzen genommen.

Da Constantin allerdings noch damit beschäftigt war herumlaufenden Kinder einzufangen und sie in ihre dicken Winterjacken zu stopfen bat ich ihn sich noch kurz zu setzten. Ich würde so bald wie möglich helfen.

Als die Kinder angezogen, in den Schulbus gesetzt und abgedampft waren kam ich erschöpft zur Sitzbank im Vorhof der Schule und ließ mich neben den dort wartenden Donyar fallen. Er wiederum schien nur so vor Energie zu strotzen.

,,Priechali?!“ [Gehen wir?!], formulierte er eine Frage, die mehr nach einer Feststellung klang.

,,Priechali kuda?“[Wohin gehen?], antwortete ich halb entsetzt bei dem Gedanken wir könnten das ganze nicht hier vor Ort regeln.

,,Damoi. U menja tam Kampjutr.“[Nach Hause. Dort hab ich den Computer.], erklärte Donyarzhon.

,,Ah jasna. Kampjutr nuschen. Nu paschli!“[Ach klar. Es braucht ja einen Computer. Na dann los!], sah ich meine Chancenlosigkeit ein und folgte ihm aus dem Schultor hinaus auf die halb aus Teer, halb aus Eis bestehenden Straßen des Stadtteils ,,Dschal“.

An der Haltestelle angekommen teilte ich Donyar meine ausdrückliche Abneigung gegenüber langen Marschrutkafahrten mit, woraufhin er mir nur zustimmte und seine Pläne, den nächsten Avtobus Nummer 5 zu nehmen eröffnete. Cool dachte ich mir, den Bus den ich selbst immer nahm und der in Richtung meiner Wohnung fuhr. Anscheinend wohnte er nicht so weit entfernt, was bedeutete mein Weg nach Hause würde umso kürzer. Wir nehmen ganz sicher keine Marschrutka, sagte er noch: Immer so voll, so eng, so unbequem, nein wir warten auf den Bus.

 

Und hier sitze ich nun: In einer Marschrutka. Es waren überhaupt keine Busse gekommen. Weder die Fünf, noch die Zehn, noch die Vierzehn.

,,Kostja! … Konstantin?“

,,Hmm?!“, erwache ich aus meinem Tagtraum. Donyar sieht mich an.

,,Wstawai! Mui uchadim!“[Steh auf! Wir steigen aus!], sagt er in einem freundlich auffordernden Ton.

Ich grabsche meinen Rucksack, der zu meinen Füßen liegt und stolpere den Gang entlang zum ,,Ausgang“, der Beifahrertür. Die Marschrutka spukt uns auf einer mir bereits bekannten Straße aus: Vostok-Pjat. Viel zu lang und zu schlecht ausgeschildert um irgendwie den Überblick zu behalten.

,,Maja Kwartira nje dalego“[Meine Wohnung ist nicht weit], versucht Donyar mich aufzumuntern. Mein verzweifelter Blick schien nicht übersehbar zu sein.

Nachdem wir in gewohnt halsbrecherischer Manier die Straße überquert haben und ich mich zu wiederholten Mal frage worin der Sinn besteht bei Sichtung eines Fußgängers nochmal richtig zu heizen, nur um dann 10 Meter vor dem Zebrastreifen richtig stark in die Eisen zu steigen, fällt mir erneut auf, wie wenig Donyar doch nach einem Kirgisen aussieht.

Ich entscheide mich diesmal einfach nachzuhaken. Ich kann diese Frage nicht ewig mit mir rumtragen.

,,Danyar, ti tschisti kirgisi?“[ Donyar, bist du ein reiner (wörtl.: sauberer) Kirgise], frage ich dezent und gewollt nebenbei, als stellte ich mir die Frage erst seit zehn Sekunden.

,,Njet. Ne tschisti.“[Nein. Nicht rein.], antwortet er lachend.

Ich weiß ja nicht wie sehr den Leser die Wurzeln einer fast fremden Person interessieren, aber mit einem ,,Njet“ als Antwort habe ich mich selten zufrieden gegeben.

,,Tak, twai raditeli, ani kto pa nationalnasti?“[Also, deine Eltern, welche Nationalität haben sie?], bohre ich nach.

Fast ein wenig penetrant. Jäger der verlorenen Nationalität.

Sichtlich erfreut darüber, dass es mich anscheinend wirklich interessiert antwortet Donyar: ,,Mama maja, ana Usbekskaya. No moi atjets, on Tadschiki.“ [Meine Mutter ist Usbekin. Aber mein Vater ist Tadschike.], klärt er mich auf.

,,Die Mischung hat was“, denke ich mir: Ein usbekischer Tadschike, der in Kirgistan wohnt. Eine satte Zentralasien-Mischung.

Wir sind angekommen. Wie ich es mir gedacht hatte: eine klassische Etagenwohnung im Plattenbau. Als wir jedoch das Treppenhaus empor steigen drängt sich mir erneut eine essentielle Frage auf:

,,Donyar, patschimu sdies tak tschisti?“[Donyar, warum ist es hier so sauber],fragte ich mit ungläubiger Miene.

Ich war nicht darum herum gekommen dieses Treppenhaus, in dem wir uns gerade bewegten mit dem in meinem Plattenbau zu vergleichen. Nirgendwo sah ich abgerauchte Kippen, Flyer von Restaurant-Neueröffnungen, alte Gasrechnungen oder einfach Plastiktüten mit Müll, wie es ab und an in meinem Treppenhaus der Fall war.

,,Patamu schto u nas jest Putzfrau.“[Weil wir eine Putzfrau haben], antwortete Donyar feixend.

Verwundert über das eine Wort in seinem letzten Satz, dass offensichtlich nicht in die Reihe gehört frage ich:

,,Atkuda snaesch slava Putzfrau?“ [Woher kennst du das Wort Putzfrau]

,,Ich habe gelernt.“, bekomme ich mit einem Grinsen zurück.

Donnerwetter, der Junge bringt’s zu was. Putzfrau ist vielleicht nicht ganz so hilfreich wie ,,Ich bin…“ aber trotzdem.

Die gut gelaunte Zentralasien-Mischung schließt die Tür zur Wohnung auf und zeigt mir, was es zu zeigen gibt.

Zuvor hatte er mir noch erklärt, dass besagte Putzfrau einmal im Monat von jeder bewohnten Wohnung im Haus 100 Som als Bezahlung bekommt dafür, dass sie das Treppenhaus in Schuss hält. (100 Som x 20 / 72 = 27,7 €/Monat)

Zu sehen gibt es im Allgemeinen 2 Zimmer: Ein Schlafzimmer mit zwei Betten und ein großen fast leeren Raum, in dem gelebt, gespeist und geschlafen wird. Ein Bad, eine Küche, das war’s. Keine Bilder an den Wänden und wenig bis gar keine Möbel. Das einzige was Farbe in die Gemächer bringt ist die klassisch ,,sowjetische“ Tapeten-Musterung (schrill, rosa, glitzernd) und das verstellbare Licht, das Blumenmuster an die Wände schmeißt.

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Standard-Tapete in einer (post-)sowjetischen Plattenbauwohnung. Dieses Exemplar mit glitzernden rosa Blumen findet sich in meinem Zimmer.

Wer jetzt denkt diese Wohnung ist doch angemessen groß und bietet einiges an Platz und Raum für eine Person, der könnte falscher nicht liegen: Donyar wohnt in diesen paar Dutzend Quadratmetern zusammen mit anderen Tadschiken. Allesamt Studenten an der türkisch-kirgisischen Universität, an der ich jeden morgen vorbei fahre.

Die anderen sind heute nicht da, sagt Donyar fast auf eine entwarnende Art und Weise, als wir als letztes das Wohn/Esszimmer betreten. Mir war das irgendwie schon klar, dachte ich mir: Immerhin war uns in keinem der Zimmer in dem wir bis jetzt waren jemand begegnet. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die vier anderen Tadschiken in der letzten Ecke der Wohnung zusammengequetscht lauerten, nur um bei meinem Anblick aufzuspringen und mit Tröten und Konfetti ,,Überraschung“ zu brüllen, schien mir doch erstaunlich gering.

Es war Novi God, russisches Neujahr. Die Feiertage standen vor der Tür und die Studenten schienen ihre Chance genutzt zu haben um ihre Eltern im nicht ganz so weit entfernten Tadschikistan zu besuchen.

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Als wir uns gerade in dem großen Raum niedergelassen hatten und Donyar mit einem knallgelben DHL-Express Umschlag angekommen war klingelte es an der Tür.

Mein neuer Freund drückt mir den Karton in die Hand und hastet zur Tür. Ich versuche mich schon mal einzulesen. Ich war in diesem Abenteuer immerhin schon zwei Stunden lang unterwegs. Weit mehr Zeit als ich eingeplant hatte: Ich hatte Hunger, war erschöpft von Arbeit und Alltag und wollte doch eigentlich nur schnell helfen.

Das Geschnatter im Gang wurde lauter und ich stellte fest, dass ich gar nichts verstand. Das musste Tadschikisch sein, kurz gesagt ein modernes Persisch. Die Herrschaften betraten den Raum.

Donyar kannte ich ja und habe ihn hier bereits beschrieben: groß, schwarzes glattes Haar, dunkle Haut und schwarze Augen, deren Form nicht an Asien, sondern vielmehr an Persien erinnerten .

Somit war es ein leichtes zu erkennen, dass der Mann, der nun an seiner Seite stand ein Landsmann sein musste. Etwas kleiner, ebenso dunkel und sauber rasiert trug er eine Schiebermütze und ein ordentliches Sakko, das ihm einen sehr gepflegten Eindruck verlieh.

Das Kind, ein Junge, vielleicht 8 Jahre schien der Sohn zu sein. Er wiederum tanzte, was sein Aussehen anging genauso aus der Reihe, wie zuvor das Wort ,,Putzfrau“ aus Donyar’s russischen Satz. Das glatte Haar des Jungen war nicht tiefschwarz, wie das seines Vaters oder das des Gastgebers der sich grade entwickelnden Tadschiken-Party. Es war von einem hellen Braun, während seine Augen grau schienen.

,,Salam aleikum!“, fand ich als erster meine Sprache wieder.

,,Aleikum salam“, antwortete der Mann, er musste Anfang vierzig sein, freundlich.

Von der Türkei bis Pakistan gibt es nur wenige Orte an denen der Gruß der Moslems nicht als freundlich und offen aufgegriffen wird. Ich habe ihn mir mittlerweile selbst angewöhnt, auch wenn ich kein Moslem bin. Einzig Russen grüße ich nicht auf diese Art und Weiße. Und immer sind die Menschen sichtlich erfreut und antworten um Längen enthusiastischer als bei einem russischen Gruß. Ich sehe es nicht als ein Muss, vielmehr als eine Geste des Respekts. Außerdem klingt es viel schöner und geht einfacher über die Lippen.

Donyar gab mir zu bedeuten, dass die Neuankömmlinge Bekannte von ihm sein und aus dem selben Dorf kämen wie er. Weiterhin klärte er mich auf, dass er noch kurz etwas einkaufen müsse. Er schnappte sich den Mann, zog Schuhe und Jacke an, die Tür viel ins Schloss und schon saß ich allein in einer mir vor 30 Minuten noch wildfremden Wohnung.

Ich sah mich um. Auf meinem Schoß lag noch immer der Umschlag in seiner gelben Signalfarbe. Meine Augen wanderten weiter: Am gegenüberliegenden Ende des Raumes saß unverändert der kleine tadschikische Junge. Sie hatten ihn hier gelassen. Sie kannten mich 5 Minuten und sahen es schon an der Zeit den Knirps in meiner Obhut zu lassen.

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,,Maltschik, kak tebja savut?“[Junge, wie heißt du], rief ich durch den endlos langen Raum zu dem in das Smartphone seines Vaters vertieften Nachwuchstadschiken.

Er schaute kurz auf, senkte den Kopf aber genauso schnell wie ich, wenn ich eine Marschrutka betrete. Ich stutze. Seit langem war das das erste mal, das ich in einer Situation mit Russisch nicht weiterkam. Aber mir wurde klar, dass das hier nicht mehr die Sovietunion war. Es musste hier niemand Russisch sprechen, wenn er nicht wollte oder konnte. Schon gar nicht im zarten Alter von acht Jahren.

Ich zog mein Phone aus der Hosentasche. Noch nie war Kommunikation so einfach wie im 21. Jahrhundert. Ich habe pro Woche 8 Gigabyte Internetvolumen, dass sich logischerweise nicht klein kriegen lässt. Warum nicht mal was sinnvolles damit machen?

Ich suchte nach einer Übersetzung für: ,,Wie heißt du?“ auf Tadschikisch. Als ich sie gefunden, ein paar Sekunden lang im Kopf einstudiert und dann so laut wie möglich verbal ans andere Ende des Raums geschickt hatte schaute ich gespannt vom Bildschirm auf.

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Keine Reaktion. Sogar noch weniger als beim ersten Versuch.

Ich stand auf, um mir die Wohnung noch einmal auf eigene Faust anzusehen. Der Junge saß auf einer traditionellen kirgisischen Filzmatte nahe des Ausgangs. Als ich an ihm vorbeiging schaute der Kleine nicht mal auf. Manche haben die Ruhe weg.

Als ich meine zweite Tour durch die enge Wohnung beendet hatte setzte ich mich wieder auf meinen Platz am anderen Ende des Raums und sah dem Jungen beim daddeln zu. Er saß seit Minuten in diesem perfekten Schneidersitz und hob nicht einmal seinen Kopf. Er war nur über das Handy gebeugt. Es hatte seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Nicht der komische Deutsche am anderen Ende des Raumes, der zwar wie ein Tadschike aussah, aber den tadschikischen Satz  wahrscheinlich so verunstaltet hatte, dass er alles an Glaubwürdigkeit verloren hatte.

Die Wohnungstür wird entriegelt. Ich höre wieder die Sprache, die ich vor ein paar Minuten versucht hatte zu imitieren.

Donyar kommt gut gelaunt in den Raum. Was ein Strahlemann.

,,Vsjo charascho?“[Alles gut], fragt er nach meinem Befinden.

Ich antwortet ihm, dass ich in seiner Abwesenheit nicht wie erwartet gestorben sei und das alles bestens ist. Erfreut über die Antwort verschwindet er in der Küche woraufhin der Mann den Raum betritt. Ich fühle mich mittlerweile als nähme ich an einer Theaterversion von Goethes Faust teil: Ständig verlassen Menschen den Raum (die Bühne) und neue Gesichter erscheinen.

Der Vater schenkt seinem Sohn ein Glas Saft ein und blick zu mir:

,,Chotschesch?“[Willst du]

Ich nicke und bedanke mich in gewohnt übertriebener Manier für das Glas Pfirsichsaft.

Ein zweites Mal kommt der Mann kurz darauf zu mir um mich in technischen Fragen zu konsultieren: In seinen Händen hält er einen kleinen mobilen DVD-Player. Diese Dinger, die wie kleine Laptops aussehen. Er deutete auf einen Fehlermeldung am linken oberen Rand des Bildschirms. dort Stand auf Englisch: ,,Disc not readable“. Bemüht wie ein Saturn-Mitarbeiter übersetzte ich ihm das Problem ins Russische. Er nickte verständnisvoll und erzähle sie hätten die DVD zuvor auf dem Bazaar gekauft. Ich wusste was er meinte. Ich hatte diese DVDs bereits gesehen. Unbedruckte Discs, die in Klarsichtfolien verkauft werden und deren Inhalt man nur anhand von auf kleines Din A-5 Papier gedruckte pixelige Moviecover auseinander halten kann.

Nach circa zwanzig Minuten Schweigen, in denen ich Donyars Papiere zum ersten Mal genau durchlese betritt der zukünftige Freiwillige wieder das Zimmer. Ich kann mir genau vorstellen wie das in Textform in einer Faust-Lektüre aussehen würde.

– Auftritt Donyar-

In seinen Händen hält er einen großen dampfenden Teller Plov, dem Reisgericht, dass in allen zentralasiatischen Ländern nicht wegzudenken ist (vermeintlicher Ursprung: Usbekistan).

Er bittet mich zum essen dorthin zukommen, wo der Junge die ganze Zeit gesessen hatte. Dankend willige ich ein. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich hier so fürstlich bekocht werde. Sofort ist der sich leicht angestaute Frust über die 3 Stunden, zu denen sich die vermuteten 10 Minuten ausgeweitet haben verflogen, bei dem Anblick des Bergs von farbigem Reis. Zusätzlich serviert Chefkoch Donyar traditionell schwarzen Tee, den obligatorischen Granatapfel und Lepioshka Brot, das auch überall in Zentralasien gegessen wird.

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Während dem Essen dividiere ich mit Donyar seine Papier auseinander und versuche ihm die paar Fragen, die am Ende noch übrig sind so weit es geht richtig zu beantworten. Danach unterhalte ich mich lange mit dem tadschikischen Vater, der mir erklärt, dass die Familie unseres Gastgebers und seine aus dem selben kleinen Dorf unweit der tadschikisch-kirgisischen Grenze kommen. Er selbst wohnt und arbeitet jedoch in Moskau wie sehr viele andere Tadschiken. Als ich ihn frage wie es denn dort so ist verzieht er die Miene und sagt nur ,,Plocha!“[Schlecht]. Die Russen in Moskau wären wie Roboter: Zur Arbeit gehen, essen, schlafen wieder arbeiten. In der Stadt sähe man keine fröhlichen Gesichter. Außerdem würden sie die doch beträchtliche Zahl an Tadschiken, die dort die eher unbeliebten Berufe ausführen unterschwellig bis offensichtlich diskriminieren. Das hatte ich auch an anderer Stelle bereits gehört.

Wir wechselten zu schöneren Themen. Scherzend erzähle ich von meinem Versuch mit seinem Sohn auf Tadschikisch zu kommunizieren. Der Vater lacht und erklärt mir, dass ich das beste Tadschikisch auf der Welt sprechen könne, sein Sohn würde mich trotzdem nicht verstehen. Seit kurzem höre er nichts mehr und sie sein nun in Bischkek um zum Ohrenarzt zu gehen und die Sache untersuchen zu lassen. Ich fragte nicht nach, aber ich nahm an, dass sie den weiten Weg aus Moskau auf sich genommen hatten, weil sie sich von dem Preis-Leistungs-Verhältnis in Kirgistan mehr versprachen.

Wir redeten noch weiter, auch nachdem wir bereits aufgegessen hatten. Inzwischen war es längst dunkel draußen und ich wollte zwar nicht unhöflich sein jedoch trotzdem aufbrechen. Als ich den Vorschlag in die Runde warf wollten die beiden ausgewachsenen Tadschiken davon überzeugen es wäre viel sinnvoller ich würde diese Nacht bei ihnen schlafen. Dankend lehnte ich ab, mit der Begründung ich wohnte nur einen Kilometer entfernt und ein kleiner Spaziergang wäre angebracht nachdem reichen Mahl.

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Wenn die DVD schon nicht funktioniert, so doch hoffentlich Tom und Jerry auf YouTube. Hoffentlich hat er wenigstens durch die Kopfhörer etwas von den tiefsinnigen Dialogen von Katz und Maus mitbekommen.

Donyar begleitete mich durch die Nacht, obwohl ich ihm zehnmal versichert hatte, dass ich die Gegend kannte. Auf dem Rückweg unterhielten wir uns viel darüber, was nun geschehen würde, was es noch zu tun und erledigen gäbe vor der Abreise nach Deutschland.

Auf den letzten Metern passierte dann das größte Geschenk, dass Donyar mir hätte machen können. Er sagte er müsse in ein paar Wochen in sein Heimatdorf fliegen. Sich von den Eltern verabschieden. Keine lange Reise, aber umständlich. Spontan lud er mich ein ihn zu begleiten.

Nur leider wusste ich, dass daraus nichts werden würde. Ich konnte mir bis zum Sommer keinen Urlaub nehmen.

Zweiter Besuch in Klein-Tadschikistan

Wieder hatte Donyar mich gebeten ihm zu helfen. Wieder dachte ich es handle sich um 10 Minuten nach der Arbeit. Wieder hatte ich mich getäuscht.

Ich hatte es mir dieses Mal zur Aufgabe gemacht seine Wohnung allein wieder zu finden. Und das klappte erstaunlich gut. Nach nur drei Mal umkehren und den Weg, den ich grade eben hergekommen war wieder zurückzugehen hatte ich das Blockhaus gefunden.

Ich will mich kurz fassen:

Diesmal war die Wohnung alles andere als ausgestorben. Alle vier anderen Tadschiken waren da und kamen nach einander aus der Küche zu mir in das Wohnzimmer um mich zu begrüßen. Keiner älter als 22 und alle sehr höfflich.

Im Verlaufe des Abends tauchten auch Vater und Sohn wieder auf. Der Junge grinste mich fröhlich an. Ich winkte grinsend zurück. Er winkte. Wir hatten unsere Sprache gefunden.

Sie würden heute nach Moskau abreisen und schlugen die Zeit bis zum Flughafen in Klein-Tadschikistan tot, erklärte mir der Vater. Denn dort kochte Donyar wieder. Heute sollte es ein Dorfgericht geben. Kefir-Suppe mit ausgelassener Butter und Brot. Bei weitem nicht so aufwendig wie das Plov zuvor, aber trotzdem ungewohnt und deliziös. Ich hatte sowieso nicht damit gerechnet, dass wieder gekocht wird. Aber ohne Essen und Tee läuft in diesem Teil der Welt einfach gar nichts.

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Die Bitte die Donyar dieses Mal an mich hatte war etwas aufwendiger: Der letzte Schritt seiner Visumsbeschaffungsmaßnahmen beinhaltete ein Motivationsschreiben an seine Entsendeorganisation, welches der deutschen Botschaft vorgelegt werden würde. Diese würde aufgrund dessen entscheiden ob der Visumsantrag bestätigt oder abgelehnt wird. Dementsprechend hoch war die Bedeutung dieses Dokuments. Spontan und ohne jegliche Ahnung was für eine Verantwortung ich mir dabei auflud willigte ich spontan ein das gesamte Dokument in seinem Namen zu schreiben. Donyar wollte es in Deutsch weil er sich somit mehr Chancen erhoffte.

Während mein Auftraggeber in der Küche so vor sich hin köchelte begann der Vater des kleinen Schneidersitztadschiken, der auch wieder genauso wie bei meinem ersten Besuch dasaß und in Papa’s Handy glotzte erneut ein Gespräch mit mir.

Ich fragte irgendwann wie sie gedenken zum Flughafen zu kommen. Etwa mit Marschrutka?

Der Mann schüttelte sich vor Anwiderung und fluchte los:

,,Bljat Marschrutka, pisdetz sikda tak polni“[(…) Marschrutka, (…) immer so voll]

Damit hatten wir wohl einen gemeinsamen Nenner gefunden. Ich erklärte ihm, dass auch ich das Prinzip der Marschrutka genial fand, jedoch die Umsetzung vor allem zur Rush-Hour doch noch verbesserungswürdig ist. Selbstverständlich nicht ganz so vulgär.

 

Ein paar Tage später schrieb mir Donyar auf WhatsApp. Ich konnte die Aufregung durch die Buchstaben hindurch spüren. Er bedankte sich vielmals für das Schreiben, dass ich an diesem Abend in seiner Wohnung angefertigt hatte. Das Visum wurde ihm gewährt. Er hatte freie Bahn.

 

Danyar arbeitet zum Zeitpunkt des Entstehens dieses Blog bereits in Deutschland. Er hilft in Ahrensburg bei Hamburg in einer sozialen Einrichtung für Menschen mit Behinderung.

 

Manchmal frage ich mich ob dieses simple Motivationsschreiben, welches ich an jenem Abend anfertigte wirklich so eine große Rolle spielte.

 

Wahrscheinlich hat es schon gereicht, dass die Anrede ,,Sehr geehrte Damen und Herren“ war und nicht ,,Guten Tag mein Herr“.

 

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Ein Bild, dass mir Donyar kurz vor seiner Abreise schickte. Sein Dorf. Das schönste Dorf in ganz Kirgistan, Wie gerne hätte ich es mit eigenen Augen gesehen.

 

Mann mit zugeknöpften Taschen,
Dir tut niemand was zulieb:
Hand wird nur von Hand gewaschen;
Wenn du nehmen willst, so gib.

– Johann Wolfgang von Goethe

 

Warum ausgerechnet Kirgistan?

Das ist doch da…Afghanistan oder?

Traurig aber wahr,  jedoch ist das so eine der Aussagen, mit der man sich zuerst konfrontiert sieht, wenn man den Namen „Kirgistan“ zum ersten Mal in einer Konversation fallen lässt.

Auf der anderen Seite ist es fast amüsant mit anzusehen, dass die Endsilbe „-stan“ bei manchen Leuten anscheinend sofortige Assoziationen mit dem umkämpften Afghanistan weckt. Ich werde es mir in diesem Fall nicht nehmen lassen eine wissenschaftliche, gut formulierte und 1:1 aus Wikipedia kopierte Erklärung der „-stan“-Silbe hier rein zu posten. Einzig und allein um ein wenig Licht ins Dunkel der verwirrten Geister zu bringen:

-stan (persisch ـستان) bedeutet im Persischen „Ort des“ oder „Heimat von“ und geht auf einen indoiranischen sowie indoarischen Grundausdruck für „Platz“ oder „wo man steht“ zurück.

– Wikipedia, 30. Juni 2016

Im Klartext bedeutet das einfach, dass all die Länder, die sich im zentralasiatischen Raum befinden (d.h. Kirgistan/ Kirgisistan, Usbekistan, Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan oder eben auch Afghanistan) nur den Namen der Völker, die sie beheimaten, repräsentieren.

So weit und so gut die Theorie. Aber was habe ich nun in diesem entlegenen Winkel unseres Planeten verloren. Die Antwort wird euch nicht zufrieden stellen:

Ich weiß es selbst noch nicht.

Was ich allerdings weiß, ist, dass sich spezielle Fragen an mich in letzter Zeit ziemlich häufen. Mir scheint, als würden manche Fragen auf meiner Stirn stehen und nur darauf warten, laut vorgelesen zu werden: „Was machst’n dann da?“,“Wo lebst’n dann da?“ aber allem voran:“Warum ausgerechnet Kirgistan?“

Wie gesagt, keine Ahnung. Wovon ich allerdings Ahnung habe, sind meine Interessen. Viele Abiturienten zieht es nach dem Ende ihrer Schullaufbahn ebenfalls ins Ausland: Die wohl häufigsten Vorhaben sind Backpack-Touren durch das australische Outback oder die Besichtigung der „Herr der Ringe“-Drehorte in Neuseeland. Viele wollen auch ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, jedoch sind meines Wissens, die Möglichkeiten dort zu landen, im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres  ironischerweise doch sehr begrenzt. Sehr viel realistischer, sind dann wiederum Destinationen in Afrika oder Lateinamerika. Ein weiteres Land, das jährlich unzähligen jungen Menschen eine neue Heimat wird, ist Indien. Aber Kirgistan? Das deckt sich so gar nicht mit all dem oben Stehenden…

Nun gut, die einzige Möglichkeit zu veranschaulichen, warum ich nach Zentralasien gehen werde, ist die des Ausschlussverfahrens.

Alles, was nun folgt, ist 100% meine eigene Meinung. Sie muss niemandem gefallen und es muss sich niemand mit ihr identifizieren können. Ich beabsichtige auch nicht irgendjemanden anzugreifen, der gerne einen der oben genannten Orte bereisen möchte/ wird. Im Gegenzug erwarte ich auch nicht, dass man sich meinetwegen jetzt in Kirgistan verliebt. Ich wünsche mir lediglich etwas Interesse:

Australien, Neuseeland oder Amerika hatte ich noch nie auf dem Schirm. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass alle drei sehr schöne Seiten zu bieten haben (z.B. Landschaft). Aber ich wollte noch nie an diese Orte reisen und kann ihnen auch nicht wirklich viel abgewinnen. Mich interessiert an Ländern vor allem die Sprache, die Mentalität und die Eigenheiten der Kultur. Und grob gesagt, gibt es nicht sehr viele Punkte, in denen sich Australien, Neuseeland oder die USA von Deutschland abheben. Klar, wer sucht, der findet. Aber mir „reichen“ die Unterschiede nicht.

Sehr viel interessanter sind dann wiederum die Länder in Südamerika. Ich hatte in der Schule zwar kein Spanisch und habe es auch anderweitig nicht gelernt, aber ich glaube die Sprache wäre in diesem Fall sowieso die kleinste Barriere, die mich von diesem Kontinent fernhalten würde. Sprachen interessieren mich ja ohnehin. Ich finde Azteken, Inka und Maya- Stämme auch sehr faszinierend, jedoch bin ich , denke ich, kein großer Freund der Geschöpfe des Regenwalds. Das allein ist zwar kein Grund, jedoch freue ich mich über jeden, der sich für Südamerika mehr begeistern kann als ich. Und ich unterstütze jeden, der dort hinreist. Hat das Land doch soviel zu bieten.

Nun Afrika. Zweifelsohne der Kontinent, auf dem mit am meisten Hilfe von Nöten ist. Ich hatte zuerst auch in Erwägung gezogen, ein Auslandsjahr in Marokko zu verbringen. Immerhin spreche ich einigermaßen gutes Französisch und war, nachdem wir in eben diesem Unterricht zum vierten Mal das Thema “ Le Maroc“ durchgekaut hatten, immer noch nicht abgeneigt, dem Land einen längeren Besuch abzustatten. Projekte von Hilfsorganisationen gab es dort ja auch (Straßenkinder, Emanzipation, Wasserversorgung). Aber leider verschlechterte sich die Sicherheitslage.

Womit wir beim Offensichtlichen angekommen wären: Asien. Dieser ganze Kontinent hat etwas Mysteriöses an sich: Die Chinesen und ihr jahrtausendealter Erfindungsreichtum, die Russen und ihr beinahe-Kontinent mit verschiedenen Klimazonen und Ethnien, Zentralasien mit den Bergen, Tälern und Völkern, von denen man so gar nichts in der Schule oder im Alltag lernt, Indien mit den Maharadschas und den farbenfrohen Gewändern (und natürlich ihrem Curry) oder Südostasien mit den wunderschönen Buchten und Tempeln. All das ist genau meins.

Den Grund, warum ich jetzt genau nach Kirgistan reisen werde hier offen zu legen, würde den Rahmen und wahrscheinlich auch die ein oder andere Konzentrationsbereitschaft sprengen, allerdings sei soviel gesagt: Mich reizt das Neue, das Unbekannte und ein wenig auch die Herausforderung. Welche Herausforderung? Selbstständig sein; eine Sprache sprechen zu müssen, mit der ich zuvor keinerlei Berührungspunkte hatte, außer enormes Interesse (die Rede ist von русский) und nicht zuletzt die Arbeit mit behinderten Kindern. Ich werde an anderer Stelle sicherlich nochmal auf dieses Thema eingehen.

Soweit, so gut. Aber eine wirkliche Antwort auf die Frage „Warum ausgerechnet Kirgistan?“ habe ich dem Publikum jetzt auch nicht gegeben. Aber ich finde, dass ich das momentan auch noch gar nicht wirklich muss. Vielleicht kann ich in ein paar Monaten eine ausreichende Antwort nachreichen.

Aber für den Moment reicht das oben Stehende.

Das war dieses Haus, auf zum nächsten.

– kirgisisches Sprichwort