Wie ich über Nacht zum Repräsentanten Deutschlands wurde

,,Wie machen die das nur?“, dachte ich und stierte weiter in den Bildschirm meines Handys.

Gebannt verfolgte ich die Schritte zweier Männer, die den kasachischen Volkstanz (zu 89% verwandt mit dem der Kirgisen) auf einer Hochzeit tanzten. Sie bewegten sich so elegant, fast als ob sie einfach nur laufen würden, auf der Straße so wie jeder andere Mensch. Dabei praktizierten sie doch eine uralte Kunstform der Menschheit: Den Tanz.

Ich hatte das Video der beiden Kasachen, die unter tosendem Applaus der Hochzeitsgesellschaft in einem festlichen Saal herum sprangen und für einige Außenstehende und  Unwissende wahrscheinlich auf sehr lustige Art und Weise ihre Körper verrenkten grade auf YouTube gefunden, als meine Mitbewohnerin auf der anderen Seite des Vorhangs, welcher mein Zimmer vom Korridor trennte auftauchte. Ich hatte das gar nicht bemerkt. In letzter Zeit vertiefte ich mich viel zu oft in die Tänze von verschiedenen Völkern und lies mich von eben diesen recht schnell und einfach faszinieren.

,,Hey Constantin, ich hab grade so nen Anruf bekommen von dem Mädchen, das neulich bei uns auf der Arbeit war.“, spricht sie durch den engen Spalt der beiden Vorhänge, die seit fast einem Jahr mein kirgisischer Tür-Ersatz sind.

So schlimm lebt es sich gar nicht ohne Tür. Man bekommt viel mehr mit, was auf der anderen Seite des Vorhangs geschieht und behält trotzdem noch einen gewissen Sichtschutz. Ich hab diesen Vorhang irgendwie doch lieb gewonnen und kann mir momentan nur schwer vorstellen in Deutschland wieder in irgendein Zimmer mit einer Tür und wohl möglich noch einer Türklinke zu ziehen .

,,Welche?“, kommt es von meiner Seite zurück. ,,Begaim, Nasira oder Bermet?“

Meine Augen sind immer noch auf den Bildschirm gerichtet. Die lustigen Kasachen tanzen weiter. Mittlerweile hat jemand einen Teller in die Nähe der Akrobaten gestellt. Auf diesen fallen nun nach und nach Scheine in allen Farben und Größen der kasachischen Währung ,,Tenge“.

,,Bermet. Sie hat mich um die Teilnahme an so ’nem kleinen Projekt gebeten und ich hab dummerweise irgendwie schon zugesagt.“, spricht meine Mitbewohnerin in einem Ton weiter, der so reuevoll klingt, als wäre sie soeben einem kleinen Hund auf den Schwanz getreten.

,,Was für ein Projekt?“, bohre ich nach auf der Suche nach den Kerninformationen und der Antwort auf die Frage, was ich eigentlich mit der ganzen Sache zu tun habe.

,,Das wäre so eine Präsentation über Deutschland. So den Standardkram: Geografische Lage, deutsche Geschichte, Kultur und Küche und Sprache. Man soll eine Powerpoint-Präsentation bringen hieß es.“

,,Haken paka njet. Also?“, gab ich misstrauisch zurück, nun das erste Mal vom winzigen Display meines Handys aufblicken.

[Paka njet ~ noch nicht/ noch kein] Mittlerweile hatten einige Ausdrücke oder Begrifflichkeiten des Russischen den Einzug in meinen Alltagssprachgebrauch erhalten. Auch wenn ich Deutsch sprach.

,,Das ganze findet morgen Vormittag statt. Anderthalb Stunden von Bischkek entfernt.“

Das kam unerwartet. Etwas belämmert musste ich geguckt haben, dem Gesichtsausdruck meiner Mitbewohnerin zu entnehmen.

,,Du beliebst zu scherzen“, antwortete ich und linste ohne eine Antwort abzuwarten auf den oberen Rand meines Smartphones auf dem schon die nächste Ethnie angefangen hatte zu tanzen. Diesmal Aserbaidschaner. Rasch wischte ich die viel zu schnell tanzenden Kaukasier mit meinem Daumen weg und blickte auf die Statusleiste:

21.30 Uhr.

,,Wir beziehungsweise Ich treffe mich morgen um 8 Uhr früh mit Bermet am Osch-Bazaar um dort hin zu fahren. Kannst du bitte auch mitkommen? Ich will das nicht alleine machen, hab aber schon zugesagt.“, bat sie ein wenig ratlos und mit dem leichten Anflug eines Flehen in der Stimme.

Ich wägte ab: ich war von dem vielen virtuellen Rumgetanze verschiedener Völker auf meinem Handy mit Sicherheit ein wenig müde geworden und eine latente Schläfrigkeit hatte sich in meinen Gliedern breit gemacht. Allerdings hatte ich schon in meiner Schullaufbahn selten vor einer Präsentation zurück geschreckt. Irgendetwas fand ich daran Menschen Informationen näher zu bringen.

Einem sehr müden Gehirn und somit auch einer nicht ganz gesunden Entscheidungsfähigkeit geschuldet willigte ich ein mit der verzweifelten Wohngenossin auf der Stelle eine Präsentation über das geliebte Vaterland zu erstellen und am nächsten Morgen zu der unmenschlichen Uhrzeit 6.30 aufzustehen. Wir reden hier von einem Samstag möchte ich nochmals unterstreichen.

Kasachen am kasachisch sein.

 

 

Grauer Himmel. Marktgeschrei. Anfahrende, bremsende und hupende Autos. Vereinzelt dreckiger Schnee auf den Gehwegrändern. Märzkälte. Osch-Bazar.

Wie es so kommen musste hatten die beiden Germanen den Eindruck, den jeder Lernende der deutschen Sprache erhält, sobald er die erste Seite seines Lehrbuchs überfliegt bestens bestätigt. 7.40 Uhr waren sie am Platz schwer verwundert, warum den die andere Partei, also Bermet noch nicht zu sehen war.

Jaja diese Deutschen mit ihrer Pünktlichkeit. Wenn ich vor ihnen hier ganz ehrlich bin, so bin ich in dieser Hinsicht gar nicht so präsentabel: Seltenst wird es vorkommen, dass ich zu einem Treffen zehn oder gar zwanzig  Minuten zu früh erscheinen werde. Mit viel Glück und wenig Verstand stolpere ich 3 bis 10 Minuten zu spät durch den Türrahmen des Treffpunktes und schiebe es auf irgendwelche Gegebenheiten höherer Gewalt (Stau, zufällige Wiedersehen mit alten Bekannten oder Bauarbeiten, die mich aufgehalten hätten selbst wenn ich zu Fuß unterwegs war). So auch seit einiger Zeit auf der Arbeit. Mittlerweile kam ich vier Mal pro Woche ein wenig zu spät zur Arbeit. Noch hatte niemand etwas gesagt, ich war also noch am Austesten. Ich verspreche aber an dieser Stelle meinen Wille zur Besserung. Das Problem ist halt nur diese eine Baustelle auf meinem Fußweg seit drei Monaten. Morgen komm ich pünktlicher. Großes Deutschen-Ehrenwort!

All das änderte aber nun ja nicht an der Misere, die sich hier grade ereignete. Ich vergrub mein Gesicht so weit wie nur irden möglich im Kragen meiner treuen Lederjacke. Das würden die längsten zwanzig Minuten meines Lebens werden griff mein übermüdetes Hirn den ersten klaren Gedanken an diesem Morgen.

Als es bereits 8.09 Uhr war und der kalte Morgen meine Mitbewohnerin neben mir und meine Wenigkeit selbst von innen heraus durchgefroren hatte, sodass man uns problemlos in Gang 5 zusammen mit Tiefkühl-Pelmeni hätte auffinden können drehte sich die Situation doch ganz schnell.

Bermet erschien. Völlig unpassend gekleidet angesichts der Temperaturen. Das Bedürfnis wirklich immer (!) schick sein zu müssen war sowohl bei Kirgisinen sowie Russinnen extrem präsent.

,,Iswinitje schto ja posdna prischla“ [Entschuldigung, dass ich zu spät gekommen bin], waren ihre ersten Worte, scheinbar bereits im Bewusstsein über die leichte Verärgerung der beiden Tiefkühl-Deutschen angesichts der langen Wartezeit.

Hätten wird die Absicht gehabt uns zu beschweren, hätten wir dazu sowieso keinerlei Möglichkeit gehabt:

,,Dawai tuda!“ [Los dahin], war die klare Anweisung, die die hübsche Kirgisin ohne jegliche Interesse an Small-Talk schon im Loshetzen verlauten ließ.

Bermet führte uns ein wenig durch das morgendliche Chaos des Bazares, vorbei an Sockenverkäufern und Schustern, sowie alten Mütterchen mit kleinen Bollerwägen, aus denen hinaus sie Kleinigkeiten und ,,Snacks“ verkauften. Es fühlt sich jedesmal an wie in einem Agentenfilm wenn man auf sie zu läuft,  denn sobald man sich auf eine bestimmte Distanz angenähert hat scheint man eine unsichtbare Laserschranke zu durchqueren. Sofort werden im Gehirn der alten Frauen Zellen produziert, die dazu führen, dass sie dem Gegenüber mit Augenkontakt ins Angesicht brüllt:

,,PIRASCHKI, BUTERBRODI, GARJATSCHIJ TSCHAI!“ [Piraschki, belegte Brote, heißer Tee]

Vorbei an Männern, die das wohl beliebteste Kleidungsstück des Landes verkaufen (die Jogginghose) bahnen wir uns unseren Weg hin zu einem Vorhof auf dem mehrere Marschrutkas stehen. Scheinbar Überlandverbindungen und nicht inter-Bischkek.

Bermet scheint es noch eiliger zu haben als wir, als sie die wie gewohnt neben den Marschrutkas stehenden Fahrer anspricht und mit ihnen anfängt auf Kirgisisch zu verhandeln. Nach zwanzig Sekunden uns unverständlichem Gebrabbel und einigen wilden Handgesten stopft man uns mit samt Rucksäcken in eine der Marschrutkas. Bermet erscheint nochmals ganz kurz an der Eingangstür, ruft uns ein hastiges ,,Paka“ [Tschüss] zu und knallt die quietschende Tür vor meiner immer noch leicht angefrosteten Nase zu. Wie jetzt? Ohne Bermet? Und wohin überhaupt? Zu welchem Zweck?

Die Antwort auf all diese Fragen saß in der vorletzten Reihe und winkte uns heftig zu. Getrieben von der Neugierde herauszufinden was denn nun grade eigentlich passierte und dem Schub der soeben anfahrenden Marschrutka bewegten wir uns gewohnt tollpatschig und doch bedacht vorsichtig in das hintere Abteil des Kleinbusses. Die beiden Mädchen die dort bereits Platz genommen hatten beäugten uns neugierig und fragten den absoluten Standard-Kram:

Woher? Aus Deutschland? NEIN! Doch! OHHH!

Wie alt seid ihr? Wie lange seid ihr schon in Kirgistan?

Könnt ihr Russisch? Ja? где учили?

Und so ging es auf Russisch weiter bis sich die Möglichkeit ergab zwischen zwei Atemzügen mal etwas in eigener Sache zu erfragen:

,,Mui kuda sitschas?“ [Wir fahren jetzt wohin?], fragte ich nach der augenscheinlich wichtigsten Information.

,,Kara-Balta jedim.“[Nach Kara-Balta fahren wir], gab eines der beiden Mädchen das Reiseziel bekannt.

,,Ah totschna schto tam budim sdelat?“[Und was werden wir da genau machen], bohrte ich tiefer, diesmal auf der Suche nach dem Zweck meiner Anwesenheit in dieser Situation.

,,Presentaziju pridsdavlajem. Pered schkolnikami.“ [Einen Vortrag halten. Vor Schülern], war die Antwort auf meine unschuldige Frage.

Hart getroffen von dieser Prognose ließ ich mich zurück in meinen Sitz sinken und malte mir in Gedanken bereits aus, was da auf mich zukommen würde. Eine Schulklasse. Mit allem hatte ich gerechnet, nur damit nicht. Komisch, denn meist hält man doch Präsentationen vor Schülern. Warum ich wohl daran nicht gedacht hatte. Etwas besorgt dachte ich an den USB-Stick in meiner Hosentasche auf dem die am Vorabend hastig zusammengetüftelte Präsentation ruhte. Entsprach dieses Produkt von spät-abendlicher Gehirnarbeit überhaupt irgendwelchen Deutschland-Präsentations-Standards?

Ich musste wieder an die tanzenden Kasachen denken und fragte mich zu gleich was sie wohl tun würden in dieser Situation. Sofort wurde mir klar, dass das absolut schwachsinnig war und ich blendete den Gedanken so schnell aus wie ich ihn eingeblendet hatte.

 

Als wir in Kara-Balta aus der Marschrutka stiegen fiel mir sofort die große Zahl russischer Gesichter auf der Straße auf. Noch im Prozess der Umtaufung von Kara-Balta in Kara-Barnaul in Gedanken passierte das nächste unangekündigte Phänomen. Ein himmelblauer Honda-Fit fuhr rasant an und hielt mit mehr oder weniger (im zweifelsfall eher viel weniger) quietschenden Bremsen vor uns an. Der Fahrer, dessen Erscheinungsbild nur noch durch eine Sonnenbrille und eine im Mundwinkel hängende Zigarette hätte getoppt werden können bedeutete den beiden Kirgisinen, meiner Mitbewohnerin und mir sich ins Auto zu setzten. Der Mann hinterm Steuer stellte sich als Alim vor und sprach fließend Englisch mit uns. Er würde eine Englisch-Schule in Kara-Balta leiten und fungiere für unsere Präsentation heute gegebenenfalls als Dolmetscher. Ich rollte mit den Augen: Jeder der nicht dumm genug war um eins und eins zusammenzuzählen hatte nun verstanden, dass die Vorträge auf Russisch sein sollten.

Da standen beziehungsweise saßen sie nun, die beiden Deutschen. Noch vor weniger als 12 Stunden nichts ahnend was das Leben wieder für sie bereit hielt nun auf dem Weg zu ihrer wohl größten russischen Herausforderung.

Ich möchte mich an dieser Stelle kurz fassen:

Wir besuchten zwei Schulen: In der ersten wurden wir in einen großen Saal gesteckt, der für Gewöhnlich bestimmt als Theater benutz wurde. Ohne irgendwelche Instruktionen oder Anweisungen warteten wir nun auf die Schüler, die nun die Freude haben würden etwas über Deutschland zu lernen. Aus erster Hand und von zwei durch und durch verschlafenen, jedoch waschechten Deutschen.

Als sich der Saal langsam mit russischen und kirgisischen Gesichtern füllte, das Füllen jedoch kein Ende nahm wurde mir ein wenig mulmig zumute. Wie viele von denen wollten den noch unserem brüchigen Russisch zuhören?

Als wir in die Runde fragte, wer den etwas über Deutschland wüsste hörten wir den Standard wie Autos, Bier und Fußball. Aber es gab auch andere Antworten: Leute konnten auf Deutsch bis zehn zählen oder wussten einzelne Worte, die nichts mit Hitler oder dem Zweiten Weltkrieg zu tun hatten. Sehr erfrischend. Fast ein wenig gerührt über das Interessen und das bereits vorhandene Wissen über Deutschland brachte wir den 14 bis 17-jährigen die Kultur, Geschichte und Küche der Deutschen näher. Wir bedankten uns und erhielten Applaus und beide wurden wir bestimmt zehn Mal gefragt ob man nicht zusammen ein Foto machen könnte.

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Erste Schule. Ein wenig verlegen.

In der zweiten Schule sprachen wir vor weniger Schülern. Vielleicht 30. Einer von ihnen viel besonders durch seine klugen und durchdachten Fragen auf. Jedes Mal meldete er sich, stand auf und sprach in sehr gutem Englisch. Er wollte vor allem wissen, wie in Deutschland mit der Verarbeitung der Geschehnisse des Holocausts umgegangen wird. Was unsere Lehrer uns beibringen würden und wie ihre Einstellung zum Thema Hitler und Holocaust wäre.

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Zweite Schule. Wesentlich überzeugter von Deutschland.

Die Präsentation hätte die Schüler übrigens weniger nicht jucken können. Sie wurde einfach an die Wand geworfen und gut war.

Als wir den Raum verließen hatte ich ein gutes Gefühl, das sofort wieder verschwand als unser Fahrer/ Zwecksdolmetscher verkündete er nehme uns nun noch mit auf eine ,,Graduation-Party“.

Auch hier möchte ich mich, zuliebe der Leser, deren Aufmerksamkeitsspanne bereits überschritten wurde als ich am Anfang von den kasachischen Tänzern schrieb einen kurzen Bericht abgeben.

Diese Graduation-Party war nichts anderes als eine Ausrede um etliche Tische mit Essen zu belade. Kurz gesagt beschreibt das den Ablauf dieser Festivität. Essen, essen und nochmal essen.

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Wir hatte die Ehre am Tisch des Gastgebers zu sitzen.

Irgendwann kam Alim auf mich zu und bat mich um etwas:

Entgegen meiner ursprünglichen Überzeugung hatte diese Veranstaltung hier neben dem Essen noch einen weiteren Zweck: Die Schüler der Sprachschule, die Alim leitete hatten irgendeinen Sprachtest bestanden und dies war ihre Graduation. Somit musste nun natürlich jedem einzelnen der Absolventen ein gerahmtes Diplom verabreicht werden. Zu diesem Zweck hatte sich schon ein viel zu großer Mann bereit gestellt, der nun mit basslastiger Stimme Worte der Gratulation und Bewunderung in ein Mikrofon brummte. Ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster wenn ich sage, dass diese Ansprache stimmlagentechnisch eher an die Motivation einer wilden Meute zum Kampf erinnerte. Sein bloßer Anblick: Ein Kirgise von diesen Ausmaßen. Sowas hatte ich und die restliche Gesellschaft im Raum sicherlich auch noch nie gesehen. Ich würde mit ihm gerne Mal eine Runde Marschrutka um den Block fahren, nur um mir Tipps zu holen wie man als so großer Mensch in den öffentlichen Transportmitteln überlebt. Sein Tipp wäre wahrscheinlich gewesen der Fahrer der Marschrutka zu sein.

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Er könnte beinahe die Birnen im Kronleuchter austauschen. Im Stehen.

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Der Riese, ein beliebtes Fotoobjekt für die ganze Familie

Und dann passierte, was passieren musste. Den Riesen, dessen Namen ich nicht kannte, aber spätestens dann erfahren würde, sobald Kirgistan eine Basketballmannschaft gründen würde hatten sie als Diplom-Überreicher ausgewählt, weil er viel zu groß für dieses Land war. Er war in ihren Augen somit besonders. Und wer war in ihren Augen noch besonders?

,,K nam sewodnja prischol valontijor is germanii. On sitschas tosche budit vam davat gramatu! KOSTJA IDI SUDA!“ [Zu uns ist heute ein Freiwilliger aus Deutschland gekommen. Er wird ihnen nun auch Diplome überreichen. KOSTJA KOMM HER.]

Unter übertriebenem Applaus für jemand, dessen einzige Qualifikation Diplome zu überreichen es war in Deutschland geboren zu sein stand ich von meinem sicheren Platz am Tisch auf und bewegte mich mit einem der unwohlsten Gefühle in Richtung Alim, Riesen und Absolventen.

,,Bitte lateinische Buchstaben, lateinische bitte bitte“, hörte ich mein Hirn flehen, als ich die schweren Dokumente in Holzrahmen entgegennahm. Und Gott sei gelobt, es waren lateinische Buchstaben. Wie hätte Harvard denn auch auf kyrillisch lesen sollen, dass der Bewerber an der Kara-Balta Language School einen Abschluss gemacht hatte.

Und trotzdem verschwand das mulmige Gefühl nicht, das an diesem Tag schon viel zu oft gekommen und wieder verschwunden war: Die Namen sahen aus als wären die Finger der Namensgeber auf der Computertastatur zu einer Partie ,,Twister“ herausgefordert worden. Zur Ermutigung kloppte mir der Riese noch einmal seine Pranke auf den Rücken, um sich daraufhin wieder zu setzen.

Und da stand ich und hob das Mikrofon zum Mund.

 

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, wie komisch es doch war in welche Situationen das Leben einen doch katapultiert: Im einen Moment siehst du dir ein Video über kasachische Tänze an und 12 Stunden später findest du dich auf einer Festivität wieder auf der eben solche Tänze auch gezeigt werden und dir Riesen auf den Rücken klopfen während du jungen Leuten ihr Ticket in eine Zukunft überreichst.

 

 

 

Überall herrscht der Zufall. Laß deine Angel nur hängen. Wo du’s am wenigsten glaubst, sitzt im Strudel der Fisch.

– Ovid

Nur ein Happen zwischendurch

Es gibt mittlerweile viel zu vieles, was ich als erzählenswert oder zumindest erwähnenswert befinde. Ich habe eine Notiz-Datei auf meinem Handy in der ich Ereignisse notiere, die ich in einen Blogeintrag verarbeiten will. Diese Datei ist zwar nicht randvoll, jedoch finde ich selten die Ruhe und die Muße mich an die Arbeit zu machen. Ich erwarte oder erhoffe mir auch nur selten Bestätigung oder gar Lob von Lesern. Mir geht es vor allem um die eigene Verarbeitung des Geschehenen. Wenn ich da sitze und einen Text ausarbeite kommen mir fast vergessene Details in den Sinn, die die Geschichten lebendiger und sympathischer machen. So ist das Folgende an sich vielleicht gar nicht so spannend, doch machen es die kleinen Details zugleich erzählenswert und bewegen mich diese Zeilen zu tippen:

Manchmal mache ich einfach diese Gänge. Ich weiß nicht ob man sie als ,,Spaziergänge“ bezeichnen kann. Spaziergänge unternimmt man normalerweise durch Grünanlagen, Wälder oder im Allgemeinen ansehnliche Gegenden.

Nun ich laufe durch Plattenbaugebiete, über dröhnende Kreuzungen und an heruntergewirtschafteten Spielplätzen vorbei. Nicht gerade das, was man auf den ersten Blick als geeignet für einen solchen ,,Spaziergang“ halten würde. Und doch zwingt mich diese Stadt dazu, sie zu Fuß zu erkunden. Es sind die Geschichten und Gesichter die ich suche. Nicht die vor saftigem Grün strotzenden Parks, durch die ich auch in Deutschland flanieren kann. Noch keine Stadt hat mich so dazu gebracht sie zu erkunden, wie es nun Bischkek tut. So streife ich ab und zu ohne Ziel durch die Straßen der sagenumwobenen ,,Grünsten Stadt der Sowjetunion“, die Kamera immer im Anschlag.

Wie bereits erwähnt ist die Begebenheit, die ich nun vorstelle eher von unspektakulärer Natur. Doch ich liebe ihre Ironie und die Bekanntschaft, die aus einer Banalität hinaus entstand:

Ich war wieder in der Stadt unterwegs. Ohne Ziel umherschweifend und nur auf der Suche nach etwas zuvor noch nicht gesehenem. Ich weiß nicht mehr den genauen Zeitpunkt des Erlebten, nur noch das es kalt war. Ich konnte nicht zu lange am Stück Fotos machen, das weiß ich noch. Mir wurden die Hände kalt und zu steif um an den Knöpfen und Rädern der Kamera herum zu manipulieren. Es wird wohl Januar gewesen sein. Der zentrale Ala-Too Platz war schrecklich überschmückt und strahlte in seiner ganzen Kitschigkeit. Dabei hat der Platz sonst so etwas heldenhaftes: Die überdimensionale kirgisische Flagge, die Springbrunnen mit ihren Fontänen, die im Sommer wie eine Oase wirken mussten und die Statur des Manas. Jener Held der über die Grenzen des kirgisischen Landes hinaus bekannt gewesen sein soll und von den uigurischen Feinden gefürchtet wurde.

Nun jedenfalls wollte ich mir die festliche Dekoration aus der Nähe ansehen und beschloss, nachdem ich ausführlich Fotos gemacht hatte einen Happen zu mir zu nehmen.

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Je näher man blickt, desto gruseliger, nicht wahr?

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An dieser Stelle scheint es mir vielleicht auch an der Zeit das System der kirgisischen Gastronomie aufzudröseln. Es gibt viele Arten von Etablissements, in denen man Essen zu sich nehmen kann, darunter (Preislich aufsteigend):

,,Stalowaija“ [wörtlich übersetzt ,,Esszimmer“] auf Russisch und ,,Aschkana“ auf Kirgisisch

Entspricht der deutschen Mensa oder Kantine. Es gibt eine Theke, auf welcher das Essen in Warmhalteschalen aus Metall ausgelegt ist. In einer Stalowaija zu essen ist unvorstellbar günstig. Mit 2 Euro geht man satt und zufrieden zurück auf die Straße.

,,Tschaichana“ [übersetzt ,,Teestübchen“]

Ein eher seltenes Exemplar, jedoch findet man hier normalerweise, wer hätte es wissen können, mehr Sorten Tee als in den restlichen Etablisements. Jedoch erhält man meist auch eine gut gefüllte Speisekarte mit (entgegen der Stalowaija ) frisch zubereiteten Speißen.

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Meine Lieblings-Teestube: Vkus Vostoka [Der Geschmack des Ostens]

,,Kafe“

Kann alle Speißen dieser Welt führen. Die meisten Kafes ähneln dem, was wir in Deutschland unter Restaurant verstehen. Kafes findet man in Bischkek wie Sand am Meer. Die Preisspanne reicht von 3 bis 10 Euro für vollwertiges Essen und Getränke.

,,Restaurant“

Viel lässt sich nicht sagen. Eher ungewöhnlich und sowieso nur etwas für gut betuchte Kirgisen, die sich nicht scheuen 15 bis 30 Euro für Essen auszugeben. Klar, in Deutschland ist das Standard. Aber werft ihr als Deutsche am Ende des Monats erst mal einen Blick auf den kirgisischen Gehaltsscheck.

Ich entscheide mich also in einer Stalowaija meinen vom Fotografieren geweckten Hunger zu lindern oder vielleicht sogar komplett zu stillen. Als ich den vertrauten Schriftzug ,,столовая“[Stalowaija] neben einem Schild mit englischer Aufschrift ,,Anti-Korruptions-Betriebsrat“ lese werde ich stutzig:

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Das Foto habe ich zu einem früheren Zeitpunkt aufgenommen.

Leben wir etwa in Zeiten, in denen selbst unter den Tischen von Kantinen Schmiergelder ausgetauscht werden? Fungieren diese ganzen Kantinen vielleicht einfach nur als Geldwäschereien und trügen deshalb mit ihren niedrigen Preisen? Oder handelt es sich hier einfach nur um einen Fall der effektiven Raumnutzung, bei dem in einer Ecke des Gebäudes ein kräftiger Borsch brodelt und in der anderen ein Beamter, der die Liste der empfangenen politischen Schmiergelder des Jahres betrachtet?

Ich entschied mich für letzteres und trete in freudiger Erwartung auf eine warme Mahlzeit über die Schwelle der Eingangstür. Ich erblicke, noch nicht einmal einen Fuß auf den Boden gesetzt einen Mann, hinter gläsernen Scheiben sitzen. Der betagte Herr sitzt in einer Art Wachhaus, wie man es von größeren Wohnkomplexen kennt, die über eine Einfahrt mit Schranke verfügen und daher auch einen Wachmann besitzen. Mir ist jedoch rätselhaft was es in diesem Fall zu bewachen gibt. Die Kronjuwelen des britischen Königshauses erblicke ich hinter seinem mausgrauen Haar jedenfalls nicht. Etwas weiter rechts führen Stufen einer Treppe hinauf in ein zweites Stockwerk, in dem sich all die Büros oder Ähnliches befinden müssen.

Bemüht die peinliche Stille seit dem Zeitpunkt meines Eintretens aufzulösen entscheide ich mich spontan besagten Mann nach dem Weg in die Kantine zu fragen. Mir war aufgefallen, dass sich im Eingangsbereich mehr als eine Tür befand und ich hatte wenig Lust unter den strengen Blicken des Wachmanns wie in einem Cartoon jede einzelne Tür zu öffnen, nur um herauszufinden, dass keine einzelne zur Kantine führte.

,,Sdrastwuitje Baike, Aschkana atrkrita?“ [Guten Tag mein Herr, hat die Kantine geöffnet], werfe ich laut und deutlich in seine Richtung. Ich wusste ja nicht, ob die Scheiben, die uns beide von einander trennten kugelsicher waren und er mich daher schlechter hören konnte.

Als Antwort bekomme ich das müdeste Kopfnicken des Millenniums. Der Mann musste es mittlerweile satt haben jedem sagen zu müssen, dass es hier auch etwas zwischen die Zähne gibt und nicht nur Bürokratie to go.

Den Bruchteil einer Sekunde überlege ich mir, schon im Weggehen ihn zu fragen ob ich ihn für 2 Som um ein Lächeln bestechen könne. Doch dann fiel mir wieder ein, dass gleich nebenan der ,,Anti-Korruptions-Betriebsrat“ war.

Ich schreite durch die Tür, in deren Richtung das Nicken des Wärters zeigte. Dabei entdecke ich auch das eigentlich unübersehbare Schild, auf dem in roten Lettern ,,Kantine“ steht. Noch bevor ich mir, verärgert über mich selbst an den Kopf greifen kann stehe ich mitten in einem Raum, der viel kleiner ist als erwartet.

Sofort fällt mir ein suspekter junger Mann auf, der alleine an einem Tisch sitzt und in ein IPhone quasselt, während vor ihm ein weiteres liegt. Ein wenig erinnert er mich an jemand anderen mit seinem Wichtig-Getue. Mein Blickt schweift durch den Raum, auf der Suche nach einer Möglichkeit etwas essbares zu bestellen. Am anderen Ende des Raumes erkenne ich eine kleine Theke, auf der zwar keine Gerichte stehen, dafür aber Brot und ein großer Samowar.

Langsam bewege ich mich Schritt für Schritt auf die Theke zu, hinter der ein vergilbter Plastikvorhang den Essbereich von der Küche trennt. Aus jener Küche wehen mir blecherne Geräusche zu, die vermutlich mit voller Lautstärke aus einem Samsung S3 Mini, dem meist verbreiteten Mobilfunkapparat in Kirgistan stammen.

Als ich mich dem Ende des Raumes bereits gefährlich genähert hatte bemerke ich Bewegung in der Küche. Wenige Sekunden später schlüpft eine junge Kirgisin, schätzungsweise 23 Jahre alt durch den uncharmanten Küchen-Esszimmer-Durchgang.

,,Strasdwuitje“[Guten Tag], grüßt sie höflich.

,,Strastje“, antworte ich in der Kurzform halb aus Faulheit, halb aus Erstaunen über ihr unerwartetes Erscheinen.

Sie sieht mich fragend an, scheinbar darauf wartend, dass ich ihr offenbare warum es mich hierher verschlagen hat. Vielleicht will sie aber auch nur wissen was ich denn nun essen möchte.

Meine Augen wandern zu einer Kreidetafel über ihrem Kopf, die ich als Speisekarte erkenne. Alles weitere entzieht sich jedoch meiner Kenntnis, da die Tafel auf russischer Schreibschrift beschrieben ist.

Nun bin ich durchaus dazu in der Lage russische Schreibschrift zu lesen, sofern sie am Computer geschrieben ist. Jedoch tatsächliche handschriftliches Gekrakel zu entziffern benötigt sehr viel Zeit.

Zeit, die ich nicht habe. Mir bleiben ungefähr 5 Sekunden Zeit, um diese Situation zu entschärfen und es nicht so aussehen zu lassen, als sei es mein erster Tag in Bischkek.

Ich spüre förmlich wie mir die Zeit durch die Finger rinnt während ich noch nicht mal das erste Wort der Tafel entziffert habe. Und so kommt es wie es kommen musste und die Lage mündet in meine Standardfrage, wenn es um Essen geht:

,,Ni magu tschitat takaja daska. U was Lagman jest?“ [Ich kann diese Tafel nicht lesen. Habt ihr Lagman]

Erwartungsvoll starre ich in die schwarzen Augen meines Gegenübers. Lagman gehört, soweit ich es beurteilen kann, zum Standard-Repertoire einer kirgisischen Kantine. Aber es könnte ja sein, dass ich in der einzig anormalen Kantine Bischkeks gelandet bin.

,,Da, jest.“[Ja gibt es], antwortet die junge Frau in einem Tonfall der Selbstverständlichkeit. Als hätte ich sie soeben in Gesicht gefragt, ob sie kirgisisch spricht.

,,Nu dawai, takda adna portzija paschalusta“[Nun gut, dann eine Portion bitte], sage ich schon im Weggehen um mich an einen der freien Tische zu setzen.

,,Chai ne buditje pit?“[Sie werden keinen Tee trinken], kommt es sofort von hinten und hält mein Vordringen Richtung Tisch auf.

,,Moschna“[wörtlich ,,Kann man“, aber in diesem Kontext eher ,,Ja kochen Sie mal eine Tasse, werd‘ sicherlich einen trinken“], rufe ich über die Schulter zurück.

Nachdem der Tee gekocht ist wird er mir mitsamt meiner bestellten Nudelspeise an den Platz gebracht. Ein paar Tische weiter plappert noch immer der Nachwuchs-Business-Kirgise in sein Handy. Er mischt Kirgisisch mit Russisch, so wie das hier fast jeder am Telefon tut. Ich verstehe also nur wenig, aber sein Tonfall zeugt von der großen Wichtigkeit des Gesprächs.

Ich mache mich unverzüglich über die halb aus Suppe bestehenden, grade mal 1 € kostenden teigigen Nudeln her, als plötzlich erneut vom anderen Ende des Raumes mit mir gesprochen wird:

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Lagman ohne Suppe [auch Boso Lagman]

,,Wui is Rassii schtoli?“[Sie kommen aus Russland, nicht wahr?], fragt die Kantinenmitarbeiterin und fixiert mich dabei mit ihrem dunklen Augen.

Etwas erschrocken über die sich anbahnende Konversation blickte ich von meiner Schüssel auf. Eine der viel zu langen Nudeln war noch nicht ganz in meinem Mund verschwunden, ehe ich sie mit nie zuvor gesehener Saugkraft ins innere beförderte. Ich räusperte mich um ihr zu antworten:

Ich hatte in den Monaten hier schon sehr viele Vermutungen über meine Herkunft gehört: Von Amerika, England, Frankreich über Georgien, Aserbaidschan bis hin zu Turkmenistan und natürlich Türkei war alles dabei gewesen. Aber Russland? Das hatte ich selten gehört. Diese Annahme erwies sich spätestens dann als falsch, wenn ich den Mund aufmachte und zum Reden ansetzte. Mir wird oft gesagt, es wäre nicht der Akzent der mich entpuppt. Ich vermute einfach es sind kleine Leichtsinnsfehler, die einem nativen Russen nie passieren würden.

Aber dass jemand, auch nachdem ich bereits Russisch gesprochen hatte noch davon ausging ich käme aus Russland. Das war mir fremd.

,,Njet, ja ne russki. Ja nemetz.“[Nein ich bin kein Russe. Ich bin Deutscher], widerlegte ich ihre Annahme.

,,Ahhhh Germanija!?“[Ach Deutschland], weiteten sich ihre Augen.

Und dann ging es los. Fragen und Annahmen in Massen: Wie sauber es dort doch sei. Wie viel die Menschen doch verdienen. Wie groß ist eure Wohnung in Deutschland? Was ein Haus?! Wie viele Zimmer?! Was arbeiten Mama und Papa? Wie viele Geschwister hast du? Was nur einen Bruder? Aus welcher Stadt kommt ihr? Berlin, Suttgardt, Munschen, Fanfort? Ach so Dorf. Wieso kommst du aus so einem Land nach Kirgistan? Wie gefällt dir unser Land, schon schlimm hier oder? Was dir gefällt’s hier?! Wieso das denn? Woher kannst du dein Russisch? Kannst du auch Kirgisisch? Wenig? Aber lernst du noch, oder? Ja? Guter Junge! Ach du kannst auch ein wenig Türkisch? Aber du bist doch Deutscher? Aber kannst trotzdem, ja? redet türkisch Ach soviel verstehst du nicht? Aber ein bisschen, ja? Wie macht ihr das in Deutschland eigentlich mit den ganzen Flüchtlingen? Habt ihr keine Angst? Nein?

Das gesamte Gespräch hier niederzutippen wäre für den Leser sehr mühselig zu lesen und für mich sehr zeitaufwendig zu schreiben. Im Allgemeinen war es das klassische Kirgise-Ausländer-Gespräch: Ein wenig über Deutschland erzählen und sich den Rest vom Gegenüber anhören. Nur eine Frage hatte sie, die sich irgendwie von den üblichen Fragen abhob:

,,Ja tosche chatschu schit v germanii. Chonda Fit skolka tam stoit?“ [Ich will auch in Deutschland leben. Wie viel kostet dort ein “Honda Fit“], fragte sie erwartungsvoll.

Da saß er nun der Deutsche und kannte sich ausreichend bis gut mit BMW, Audi, Mercedes und Volkswagen aus. Und dann wird er ausgerechnet nach einem “Honda Fit“ gefragt. Noch nie davon gehört, war das erste, was durch meinen Kopf ging.

,,Ja..äh..mosched buid…äh…nawerna“[Ich äh vielleicht äh wahrscheinlich], stammelte ich herum.

,,Ja dumaju nowaija maschina stoit…“[Ich denke der kostet als neues Auto]

Angestrengt überlegte ich, während mich die Frau weiterhin erwartungsvoll im Auge behielt. Also Honda: Japanischer Konzern. Eher unteres Preissegment. ,,Fit“= engl. passt/ angepasst also eher Kleinwagen. Also schätze ich so…

,,20.000 Evro“, spucke ich meine Antwort überzeugt aus und sehe noch in den selben Sekunden das Gesicht der Kirgisin in Schockstarre verfallen.

,,Tak doroga“ [So teuer], kommentierte sie den Preis vorwurfsvoll.

Ich zuckte nur unschuldig mit den Schultern und betonte lächelnd:

,,Nowaija maschina“ [Neuwagen]

Trotz der konstanten Fragerei hatte ich bereits aufgegessen, stellte also Schüssel und Tasse auf die Theke und verabschiedete mich mit:

,,Otschjen prijatna, da swidanja“[Sehr angenehm, Auf Wiedersehen]

,,Paka“ [Tschüss], erwiderte sie höflich und nickte mir zu, während sie schon die Bestellung eines neuen Kunden aufnahm.

Ich hoffe ich hatte ihr nicht alle Hoffnungen auf einen deutschen Honda Fit genommen.

Auf dem Weg nach draußen lief ich wieder an der ,,Security“ vorbei, die nach wie vor unverändert da saß. Aufgrund dessen und den fehlenden Einschusslöchern im Scheibenglass, ging ich davon aus, dass zwischenzeitlich nichts erwähnenswertes passiert sein konnte.

Als ich auf die Straße trat dachte ich kurz nach: Eigentlich wollte ich doch nur einen kleinen Happen zwischendurch und nicht einen tieferen Einblick in das Denken der Menschen hierzulande.

Denken heißt Vergleichen.

-Walther Rathenau

Mir scheint es sein zu wenig Fotos, daher hier eine kleine Sammlung von Aufnahmen mit dem Titel ,,Faces of Kyrgyzstan“

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Junge auf der Straße mit Sweater aus einem Second-Hand Laden. Offensichtlich.

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Großvater. Gönnt sich eine Zigarette während er auf die herumtobenden Enkelkinder aufpasst.

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Die Beschreibung überlasse ich dem Leser

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Mutter und Kind auf dem Spielplatz vor meinem Haus

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,,Baike“ mit traditionell kirgisischer Kopfbedeckung

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Hochzeitspaar

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Hochzeitsgesellschaft

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Elektriker tauschen Glühbirne einer Straßenlampe aus

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Dick eingepackt

Warum ausgerechnet Kirgistan?

Das ist doch da…Afghanistan oder?

Traurig aber wahr,  jedoch ist das so eine der Aussagen, mit der man sich zuerst konfrontiert sieht, wenn man den Namen „Kirgistan“ zum ersten Mal in einer Konversation fallen lässt.

Auf der anderen Seite ist es fast amüsant mit anzusehen, dass die Endsilbe „-stan“ bei manchen Leuten anscheinend sofortige Assoziationen mit dem umkämpften Afghanistan weckt. Ich werde es mir in diesem Fall nicht nehmen lassen eine wissenschaftliche, gut formulierte und 1:1 aus Wikipedia kopierte Erklärung der „-stan“-Silbe hier rein zu posten. Einzig und allein um ein wenig Licht ins Dunkel der verwirrten Geister zu bringen:

-stan (persisch ـستان) bedeutet im Persischen „Ort des“ oder „Heimat von“ und geht auf einen indoiranischen sowie indoarischen Grundausdruck für „Platz“ oder „wo man steht“ zurück.

– Wikipedia, 30. Juni 2016

Im Klartext bedeutet das einfach, dass all die Länder, die sich im zentralasiatischen Raum befinden (d.h. Kirgistan/ Kirgisistan, Usbekistan, Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan oder eben auch Afghanistan) nur den Namen der Völker, die sie beheimaten, repräsentieren.

So weit und so gut die Theorie. Aber was habe ich nun in diesem entlegenen Winkel unseres Planeten verloren. Die Antwort wird euch nicht zufrieden stellen:

Ich weiß es selbst noch nicht.

Was ich allerdings weiß, ist, dass sich spezielle Fragen an mich in letzter Zeit ziemlich häufen. Mir scheint, als würden manche Fragen auf meiner Stirn stehen und nur darauf warten, laut vorgelesen zu werden: „Was machst’n dann da?“,“Wo lebst’n dann da?“ aber allem voran:“Warum ausgerechnet Kirgistan?“

Wie gesagt, keine Ahnung. Wovon ich allerdings Ahnung habe, sind meine Interessen. Viele Abiturienten zieht es nach dem Ende ihrer Schullaufbahn ebenfalls ins Ausland: Die wohl häufigsten Vorhaben sind Backpack-Touren durch das australische Outback oder die Besichtigung der „Herr der Ringe“-Drehorte in Neuseeland. Viele wollen auch ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, jedoch sind meines Wissens, die Möglichkeiten dort zu landen, im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres  ironischerweise doch sehr begrenzt. Sehr viel realistischer, sind dann wiederum Destinationen in Afrika oder Lateinamerika. Ein weiteres Land, das jährlich unzähligen jungen Menschen eine neue Heimat wird, ist Indien. Aber Kirgistan? Das deckt sich so gar nicht mit all dem oben Stehenden…

Nun gut, die einzige Möglichkeit zu veranschaulichen, warum ich nach Zentralasien gehen werde, ist die des Ausschlussverfahrens.

Alles, was nun folgt, ist 100% meine eigene Meinung. Sie muss niemandem gefallen und es muss sich niemand mit ihr identifizieren können. Ich beabsichtige auch nicht irgendjemanden anzugreifen, der gerne einen der oben genannten Orte bereisen möchte/ wird. Im Gegenzug erwarte ich auch nicht, dass man sich meinetwegen jetzt in Kirgistan verliebt. Ich wünsche mir lediglich etwas Interesse:

Australien, Neuseeland oder Amerika hatte ich noch nie auf dem Schirm. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass alle drei sehr schöne Seiten zu bieten haben (z.B. Landschaft). Aber ich wollte noch nie an diese Orte reisen und kann ihnen auch nicht wirklich viel abgewinnen. Mich interessiert an Ländern vor allem die Sprache, die Mentalität und die Eigenheiten der Kultur. Und grob gesagt, gibt es nicht sehr viele Punkte, in denen sich Australien, Neuseeland oder die USA von Deutschland abheben. Klar, wer sucht, der findet. Aber mir „reichen“ die Unterschiede nicht.

Sehr viel interessanter sind dann wiederum die Länder in Südamerika. Ich hatte in der Schule zwar kein Spanisch und habe es auch anderweitig nicht gelernt, aber ich glaube die Sprache wäre in diesem Fall sowieso die kleinste Barriere, die mich von diesem Kontinent fernhalten würde. Sprachen interessieren mich ja ohnehin. Ich finde Azteken, Inka und Maya- Stämme auch sehr faszinierend, jedoch bin ich , denke ich, kein großer Freund der Geschöpfe des Regenwalds. Das allein ist zwar kein Grund, jedoch freue ich mich über jeden, der sich für Südamerika mehr begeistern kann als ich. Und ich unterstütze jeden, der dort hinreist. Hat das Land doch soviel zu bieten.

Nun Afrika. Zweifelsohne der Kontinent, auf dem mit am meisten Hilfe von Nöten ist. Ich hatte zuerst auch in Erwägung gezogen, ein Auslandsjahr in Marokko zu verbringen. Immerhin spreche ich einigermaßen gutes Französisch und war, nachdem wir in eben diesem Unterricht zum vierten Mal das Thema “ Le Maroc“ durchgekaut hatten, immer noch nicht abgeneigt, dem Land einen längeren Besuch abzustatten. Projekte von Hilfsorganisationen gab es dort ja auch (Straßenkinder, Emanzipation, Wasserversorgung). Aber leider verschlechterte sich die Sicherheitslage.

Womit wir beim Offensichtlichen angekommen wären: Asien. Dieser ganze Kontinent hat etwas Mysteriöses an sich: Die Chinesen und ihr jahrtausendealter Erfindungsreichtum, die Russen und ihr beinahe-Kontinent mit verschiedenen Klimazonen und Ethnien, Zentralasien mit den Bergen, Tälern und Völkern, von denen man so gar nichts in der Schule oder im Alltag lernt, Indien mit den Maharadschas und den farbenfrohen Gewändern (und natürlich ihrem Curry) oder Südostasien mit den wunderschönen Buchten und Tempeln. All das ist genau meins.

Den Grund, warum ich jetzt genau nach Kirgistan reisen werde hier offen zu legen, würde den Rahmen und wahrscheinlich auch die ein oder andere Konzentrationsbereitschaft sprengen, allerdings sei soviel gesagt: Mich reizt das Neue, das Unbekannte und ein wenig auch die Herausforderung. Welche Herausforderung? Selbstständig sein; eine Sprache sprechen zu müssen, mit der ich zuvor keinerlei Berührungspunkte hatte, außer enormes Interesse (die Rede ist von русский) und nicht zuletzt die Arbeit mit behinderten Kindern. Ich werde an anderer Stelle sicherlich nochmal auf dieses Thema eingehen.

Soweit, so gut. Aber eine wirkliche Antwort auf die Frage „Warum ausgerechnet Kirgistan?“ habe ich dem Publikum jetzt auch nicht gegeben. Aber ich finde, dass ich das momentan auch noch gar nicht wirklich muss. Vielleicht kann ich in ein paar Monaten eine ausreichende Antwort nachreichen.

Aber für den Moment reicht das oben Stehende.

Das war dieses Haus, auf zum nächsten.

– kirgisisches Sprichwort