Ein Jahr. 50 Fragen.

Wie sieht es mit der Kriminalität in Bischkek oder generell in Kirgistan aus?

Als ich kurz vor meiner Ausreise nach Kirgistan stand hatte ich schon so einige Schauergeschichten über Diebstähle auf langen Fahrten innerhalb Kirgistans gehört. Die Cousine eines ehemaligen Freiwilligen wäre wohl ständig eingeschlafen und hätte vollkommen achtlos ihre Taschen mit sich geführt. Sie wurde insgesamt drei Mal beklaut. Freiwilligen, die zeitgleich mit mir in Bischkek arbeiteten geschahen ähnliche Unannehmlichkeiten: Hier ein nagelneues Handy, dort ein Geldbeutel mit umgerechnet 20 Euro und glücklicherweise ohne wichtige Papiere.

Ich hatte das Glück, dass in meiner Zeit NIE irgendetwas vorgefallen ist. Ganz im Gegenteil: Man brüllte mir regelrecht hinterher, wenn mir aus Schusseligkeit mal das Portemonnaie irgendwo runterfiel oder ich die bezahlten Einkäufe nicht mit aus dem Laden nahm sondern liegen las. Der Reiseführer verängstigte mich vor der Anreise außerdem, was die katastrophale, praktisch nicht vorhandene nächtliche Straßenbeleuchtung Bischkeks angeht. Das stimmt auch voll und ganz, doch in keinster Weise habe ich mich jemals in Kirgistan unsicher gefühlt. Ich fühlte mich sogar konstant sicherer als in großen europäischen Städten.

Ach ja, außerdem warnen Kirgisen immer vor ihren eigenen Landsleuten, die wohl vor allem in öffentlichen Transportmitteln abwesenden oder schlafenden Fahrgästen den Schmuck vom Körper klauen würden. Sollte dies vom Opfer selbst oder von Umstehenden bemerkt werden, würden die Täter mit Rasierklingen tiefe Schnitte in Arme oder Beine derjenigen ritzen, die auf das Verbrechen aufmerksam machen.

NIE gesehen und auch NIE von gehört. Kirgisen warnen vor fast allem, wenn der Tag lang genug ist.

Wie ticken junge Kirgisen hinsichtlich Politik, Kleidung und Einstellung?

Junge Kirgisen. Natürlich kann man auf keinen Fall alle über einen Kamm scheren, doch ich finde man erkennt deutlich, dass sich viele von ihnen bemühen sowohl die Werte des Westens, als auch die ihrer Heimat zu verfolgen. Es wimmelt nur so von Studenten, die sowohl versuchen eine Karriere auf die Beine zu stellen, als auch den Wunsch besitzen früh zu heiraten und eine Familie zu gründen. Ich weiß nicht wie oft ich die Frage beantwortet habe, mit welcher Organisation ich nach Kirgistan gekommen bin und ob die Möglichkeit eines solchen Freiwilligendienstes auch für Kirgisen bestehe. Viele hegen unheimliches Interesse an unserem Leben im Westen und den Unterschieden zu ihrer eigenen Kultur und dem Lebensstandard. Es kann sein, dass ich mich täusche, doch ich meine die meisten Fragen dieser Natur von Frauen bekommen zu haben. Auch die Freiwilligen, die in meiner Arbeitseinrichtung ein Praktikum absolviert haben, um anschließend nach Deutschland zu reisen und zu arbeiten waren in 8 von 10 Fällen weiblich. Vielleicht wünschen sich einige von ihnen doch ein Entkommen vor dem Druck der frühen Heirat und dem Eingang in das Leben einer traditionellen kirgisischen Ehefrau.

Zu keinem Zeitpunkt habe ich hier über ein so großes politisches Verständnis verfügt, als dass ich mich hätte ernsthaft darüber unterhalten können. Ich habe allerdings auch nie gehört, dass sich irgendwer abwertend über den aktuellen Präsidenten Atambajew geäußert hätte.

Aber es stehen ja bald Wahlen an.

Im Stichpunkt Kleidung gilt vor allem für Frauen eines: Overdressed gibt’s nicht. Kirgisische Frauen sind zu jeder Zeit übertrieben angezogen. Der Großteil der Frauen ist, sofern ich das beurteilen kann immer geschminkt und schick angezogen. Für jeden Anlass passend und hübsch gekleidet zu sein scheint als Devise mit der Muttermilch in den Körper und die Mentalität einzugehen.

Vor kurzem sprach ich einen Kirgisen in meinem Alter an, nachdem ich sah, dass er für einen Aufenthalt am Issyk Kul vier bis fünf Jackets mitgenommen hatte und sie zusammen mit drei Hüten feinsäuberlich in den Schrank unseres Zimmers eingeordnet hatte, während daneben mein unordentlicher Koffer lag, aus dem ich vorhatte für den Rest meines Aufenthaltes zu leben.

Warum denn diese Vielfalt an schicker und zugleich für diesen Ort unvorteilhafter Mode fragte ich.

Seine Antwort war, dass ihm von früh an gelehrt wurde ein Mann habe adrett und präsentabel auszusehen, zu jeder Zeit. Es sei egal, welchen Beruf er ausübe oder welches Gehalt er bezahlt bekäme. Eine gut gekleideter Mann sei ein zu respektierender Mann.

So schön diese Worte auch klingen, sieht man sich in Bischkek um, so steckt ein Großteil der Männerbeine doch in Jogginghosen (mit Vorliebe der Marke Adidas) und die Oberkörper in FC-Bayern oder Barcelona Trikots. Vielleicht hofft der Großteil der kirgisischen Männer auf eine überraschende Partie Fußball, die jederzeit und überall stattfinden könnte.

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Kirgisischer Junge mit Borussia Dortmund Trikot. Neben FC Bayern die bekannteste Mannschaft aus Deutschland. Standard-Frage von fußballbegeisterten Kirgisen: Borussia oder Bayern?

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Junge Kirgisinen auf der Straße.

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Kirgisische Braut in Gesellschaft

Gibt es Golfplätze in Bischkek?

Tut mir Leid, aber dieser Sport ist hier wohl noch nicht so populär.

Gibt es eine Hundesteuer?

Ich kann das nicht wirklich beantworten. Wie man es vermutet gibt es sehr viele Straßenhunde und Katzen. Ob die Haltung von Hunden hingegen kostenpflichtig ist, ist mir unbekannt. Ich kann es mir aber auch nur extrem schwer vorstellen.

Was meinst du? Wäre Kirgistan ein geeigneter Altersruhesitz für Opa und Oma?

Tut mir Leid Opa, aber da gibt es viele Plätze die um ein vielfaches besser geeignet für euch sind. Hier ist es zu heiß und so ganz anders als ihr es kennt. Ich weiß allerdings auch, dass das lediglich eine Scherzfrage war. Deine Wanderleidenschaft könntest du hingegen völlig ausleben in Kirgistan.

Gibt es Scheidungen?

Ja, ich habe des Öfteren von vor allem Frauen gehört, die sich scheiden ließen. Es hieß meistens, dass der Mann ,,schlecht“ wäre. Ob das nun bedeutet, dass die Ehefrau in diesen Fällen gegen ihren Willen in eine Rolle gedrängt wird, in der sie sich selbst nicht sehen will habe ich natürlich nie gefragt. Allerdings tritt dieses Phänomen bestimmt vor allem in der Stadt auf. Auf dem Land ist die Ehe meist beinahe unerschütterlich. Wie immer liegen zwischen Land und Stand Welten.

Gibt es Krankenversicherungen oder muss beim Arzt alles bar bezahlt werden?

Einmal war ich zusammen mit Ruslan [Warum es sich lohnt einen Konferenz-Kirgisen zu treffen] im Krankenhaus und konnte dort beobachten, dass die meisten Leute am Eingang für ihre Behandlung bezahlen mussten. Es scheint somit nicht diesen Unterschied zwischen Privatversicherten und den Gesetzlichen zu geben. Vor den Behandlungszimmern waren riesige Schlangen von Leuten, bei denen scheinbar niemand groß bevorzugt wurde.

Wie ist der Drogenkonsum?

Was weiche/leichte Drogen angeht, so soll gesagt sein, dass der Konsum bodenlos ist. Fast jeder Mann raucht und trinkt. Bei den Tiefpreisen ist das auch nicht weiter verwunderlich (0.75 L Vodka ~ 2€ / Zigaretten pro Packung 0,5 bis 1 €). Trotz der Tatsache, dass der Großteil der Kirgisen muslimisch ist scheint Alkoholkonsum besonders an großen Feiertagen überhaupt kein Problem zu sein. Frauen wiederum rauchen auch und trinken ebenfalls, allerdings gilt es als unattraktiv und ist gesellschaftlich eher verpönt.

Was den Konsum von harten Drogen angeht, so muss ich leider sagen, dass ich überhaupt keine Ahnung von gar nichts habe. Marihuana wächst überall in Kirgistan, egal ob am Straßenrand oder auf den Feldern. Speziell in der Region um den Issyk-Köl-See ist die Kultivierung der Pflanze verbreitet. Man spricht von Zentralasien auch als die ,,Wiege des Marihuanas“. Wie die Ernte allerdings verwertet oder vertrieben wird weiß ich nicht. Der Konsum von Rauschgiften ist in Kirgistan generell untersagt und wird mit rigorosen Strafen sanktioniert.

Was gibt es für spezielle Rituale in Kirgistan?

Rituale zeigen sich ja in den unterschiedlichsten Aspekten des Alltagslebens. Zuerst wäre wahrscheinlich das Grüßen zu erwähnen: Männer grüßen sich hauptsächlich mit der muslimischen Grußformel ,,As salam alaikum“ woraufhin mit ,,Alaikum as salam“ geantwortet wird, der Satz also praktisch einfach umgestellt erwidert wird. Unheimlich wichtig und wenn nicht getan als ein Zeichen von mangelndem Respekt empfunden ist das gegenseitige Händeschütteln. Es ist vollkommen egal was das Anliegen ist oder wie nichtig die Konversation: Bei der Polizeikontrolle, dem Fragen nach dem Weg oder beim Aussteigen aus dem Taxi. Händeschütteln unter Männern ist ein Muss. Sogar kleine Neunjährige geben sich die Hand zum Gruß und deuten ein leichtes Beugen des Kopfes an.

Männer und Frauen grüßen einander hingegen recht nüchtern. Es bleibt meistens bei einem Gruß und einem stummen Nicken in die jeweilige Richtung.

Frauen begrüßen sich gegenseitig dafür umso ausladender: Wangenküsse und Umarmungen, je nach dem wie nahe man sich steht.

Wenn sich Kirgisen begrüßen folgt meist noch eine Frage nach dem Befinden, die aber nur selten beantwortet wird und somit eher als eine obligatorische aber unzubeantwortende Frage fungiert.

Glaubensfeste Muslime fahren sich mit beiden, zu einem Hohlraum geformten Händen durchs Gesicht, sobald sie an einer Moschee oder einem muslimischen Friedhof vorbeikommen. Egal ob im Auto oder zu Fuß, als Beifahrer oder als Fahrer. Selbige Geste wird auch in anderen religiösen Situationen der Moslems getätigt. Einmal saß ich in einem Taxi in Zentralkirgistan und wartete auf die anderen Mitfahrer als ich von draußen Gemurmel hörte und die gesamte Besetzung des Taxis bei einem Imam stehen sah und beobachten konnte wie sie beteten. Als sich fertig waren fuhren sie sich alle mit den Handinnenflächen durchs Gesicht.

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Ihr werdet mir wohl einfach glauben müssen, dass sich dieser Schäfer und der andere Mann vor der Konversation die Hände gegeben haben. Den Moment selbst konnte ich leider nicht festhalten.

Wie sieht es mit dem Musikgeschmack in Kirgistan aus? Welche Musik machen Kirgisen und welche westliche Musik hört man?

Ich muss zugeben, dass ich förmlich auf diese Frage gehofft habe. Das Thema Musik ist meiner Meinung nach ziemlich interessant und durchaus erwähnenswert. Trotz der geringen Größe des Landes und der nicht vorhandenen Popularität im Ausland, geschweige denn in Europa besitzt Kirgistan eine recht beachtliche Musikindustrie. Viele der Lieder entstehen als Soundtracks kirgisischer Filme, von denen jährlich vielleicht vier produziert werden. Gibt es also einen kirgisischen Song so findet er sich höchstwahrscheinlich auch in irgendeinem Film wieder.

Natürlich variiert der Musikgeschmack je nach dem wo man Musik hört:

In Bussen und Marschrutkas findet man häufig traditionellere Musik, meistens mit kirgisischen Instrumenten und Gesängen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Musik vom Fahrer ausgewählt wird. Viele von ihnen sind ältere Kirgisen. Ich habe aber auch schon ,All The Way Up“ von Fat Joe auf dem Weg zur Arbeit gehört.

In Bars und Clubs hört man die gleiche Chartmusik, die man in selbigen Plätzen auch in Europa vernehmen kann. Dazu paaren sich die Charts aus Russland, wo natürlich eine wesentlich stärkere Musikindustrie beheimatet ist.

Im Radio gibt es dafür unterschiedliche Sender, die Musik nach allen Geschmäckern senden. Ich habe hier generell öfters beobachtet, dass Menschen mit dem Smartphone Radio hören. Die Nutzung dieser Funktion scheint, meinem Gefühl nach in Deutschland nicht wirklich getätigt zu werden.

Das besondere an kirgisischer Musik im allgemeinen ist, dass sie immer traditionelle Elemente beinhaltet. Völlig ungeachtet des Genres findet man fast immer in Text oder Melodie Referenzen zur hiesigen Kultur: Oft wird das Nationalinstrument ,,Komuz“ (ein Gitarren-ähnliches Saiteninstrument) in den Refrain eingebaut und die Frauen und Männer in den Musikvideos tragen traditionelle Kleidung. Als Drehort dienen entweder kirgisische Städte, Dörfer oder die Natur des Landes. Die Lieder drehen sich oft um die Schönheit der kirgisischen Frauen und der Natur Kirgistans oder im allgemeinen um Liebe. Eine Große Rolle in den Musikvideos spielen Pferde: Sie sind ein Symbol der nomadischen Vergangenheit Kirgistans. Eines der wenigen kirgisischen Worte die ich beherrsche kenne ich aus der kirgisischen Musik: ,,sulu“~Schönheit, hübsch

Außer kirgisischer und russischer Musik hört man außerdem Lieder aus Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan, der Türkei und natürlich die Latino-Hits aus Spanien. Das bemerkenswerte daran ist ja, das sie bist auf die spanischen Lieder vieles von dem  verstehen, was die Künstler singen.

Besonders überrascht hat mich die Information, das die Band ,,Rammstein“ sich großer Beliebtheit bei den Kirgisen erfreut. Einmal lief ein Kirgise an mit vorbei mit Kopfhörern im Ohr und sang mit Schmackes: ,,We’re all living in Amerika. Amerika it’s wunderbar“. Ich blickte im hinterher und musste lachen und fand es zur gleichen Zeit ein wenig komisch, dass ich als Deutscher keine Ahnung von Rammstein hatte.

Das Erste was ich in Deutschland von oder über Kirgistan gesehen habe war das folgende Video. Ich habe mich am Bildschirm sofort in diese freundlich tanzenden Menschen verliebt.

 

Das Kirgistan-Lied schlechthin ist das Volkslied ,,Kara Jorgo“, was übersetzt schwarzer Hengst bedeutet. Es ist im Zuge eines Kirgistan-Aufenthalts, sei er nun eine Woche oder ein Jahr lang unmöglich nicht die Bekanntschaft mit diesem Lied und dem damit verbundenen Nationaltanz zu machen:

Die traditionellen Musikinstrumente Kirgistans kommen sehr gut in diesem Video zur Geltung. Was mir nicht ganz koscher vorkommt ist, dass die Kirgisen in diesem Video russisch sprechen und danach auf kirgisisch synchronisiert werden. Hätte man sich einen Schritt sparen können:

Hier ein modernes kirgisisches Pop-Video. Man erkennt, dass der alte kirgisische Brauch seine Reitfähigkeiten zu beweisen, indem man eine Frau bei einem Rennen einholen und sie während des Galopps küssen muss mit ins Video eingebaut wurde. Tradition: Check!

Ein Musikvideo, das eine kleine Geschichte beinhaltet und eher im ländlichen Kirgistan zu spielen scheint:

Ein Hit aus Kasachstan, der mich in diesem Jahr ständig und überall begleitet hat:

Ein Song aus Turkmenistan, den ich rauf und runter hören kann. Sehr zum Leidwesen der Mitbewohner:

Und natürlich, wie hätte es anders sein sollen: Der jährliche Sommerhit direkt aus Moskau. So simpel gehalten, dass sogar ich nach einem Jahr Russisch lernen beinahe alles verstehe:

Wie sieht es mit der Globalisierung in Kirgistan aus?

Man rennt hier fast jedem Trend hinterher, der auch nur aus Richtung Westen kommt: Den vielen Fast-Food Läden nach zu urteilen, wird die Pizza bald das traditionelle kirgisische Essen überholt haben, was den Konsum angeht. Die jungen Kirgisen laufen mit Markenkleidung rum und stecken ihre Füße in Nike Schuhe. Ed Sheeran dröhnt aus allen Lautsprechern. Einrichtungshäuser, Kleidungs- oder Schuhgeschäfte und andere Läden werben damit, das ihre Produkte aus der Türkei, Südkorea oder Deutschland kommen. Im Kino laufen die aktuellsten Filme synchronisiert in russischer Sprache aber es gibt auch Kinos, die Filme in ihrer Originalsprache wiedergeben. Coca-Cola ist mit Abstand das beliebteste Getränk der Kirgisen und nicht wie man vielleicht annehmen könnte die vergorene Stutenmilch ,,Kymyz“. In Bischkek gibt es internationale Schulen in denen die Unterrichtssprache Englisch ist. Das sind die ersten Anzeichen für Globalisierung, die mir einfallen. Also ja: BISCHKEK ist globalisiert. Fährt man allerdings ein bisschen weiter aufs Land, so ist von all dem keine Spur mehr. Selten muss es irgendwo auf der Welt so sein wie in Kirgistan, dass das Land sowohl extrem global, als auch überhaupt nicht global ist.

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Pizza in einem der unzähligen Fast-Food-Ketten. Hier: Imperija Pizza

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Wir Deutschen sind zwar nicht die mit der Pub-Kultur, aber ich sage auch nichts dagegen.

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Sport-Bar, die hingegen der Aussage des Schildes doch recht geschlossen aussieht.

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Auch die bescheuerten Hoverboards haben ihren Weg in die Hände der Kirgisen gefunden. Sie werden jedoch etwas ,,umfunktioniert“.

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Genosse Russki Kung-Fu Panda

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Belgische Fritten für die der amerikanische Präsident bei kirgisischem Regen wirbt. Der Schriftzug unten links sagt : empfehl’s euch. Barack Obama.

Wie sieht es mit der Industrie in Kirgistan aus?

Kirgistan ist eines der ärmsten Länder, das nach dem Zerfall der Sowjetunion in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Viel Industrie gibt es hier nicht. Landwirtschaft wird betrieben, aber nicht von Großkonzernen, sondern von den Bauern selbst, die ihre Ware selbst auf den Bazaren verkaufen.

Dass eines der weltweit größten Goldvorkommen in Kirgistan beheimatet ist lockte außerdem kanadische Unternehmen an, die seitdem das Gold bergen und die kirgisische Bevölkerung ausbeuten.

Eine Millionen Kirgisen arbeiten in Russland oder Kasachstan als Arbeitsmigranten. Das sind über 15 % der kirgisischen Bevölkerung. Außerdem hörte ich von Familienteilen, Freunden und Verwandten, die in Amerika und vor allem Deutschland arbeiten.

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Felder. Nicht ganz so akkurat wie in Deutschland, aber ihre Szenerie gibt uns den Rest.

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Kirgisische Bauern bei der Arbeit

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Welches Schulsystem hat Kirgistan?

Das kirgisische Bildungssystem beginnt nach dem Kindergarten mit einer 9- oder 11-jährigen Mittelschulphase (Eintrittsalter 6 oder 7 Jahre). Nach Abschluss des 9-jährigen Zweiges gibt es die Möglichkeit einer praktischen Berufsausbildung oder des Besuchs einer technischen Mittelschule. Die 11-jährige Mittelschulausbildung berechtigt zum Hochschulstudium. Als Unterrichtssprache überwiegt Russisch, aber der Trend geht zum Kirgisischen. Im Vergleich zu anderen ehemaligen Ländern der Sowjetunion spielt in kirgisischen Schulen die russische Sprache noch eine größere Rolle. (Ich entschuldige mich für das Kopieren der Schulsysteminformationen von der Internetseite des auswärtigen Amtes, doch ich hatte in einem Jahr nicht so viel Möglichkeit Schüler kennenzulernen und mit ihnen zu reden)

Gibt es Dinge die in Kirgistan teurer sind als in Deutschland?

Logischerweise sind viele Produkte und deren Preise in Bischkek an das Einkommen der Menschen angepasst: Fleisch ist billig und in rauen Massen erhältlich, Cola und Alkohol sind spottbillig. Eier sind erschwinglicher und werden oft auf der Straße aus eigener Hühnerhaltung verkauft. Früchte, speziell heimische wie zum Beispiel Wasser- und Honigmelonen sind in der Saison für uns als Europäer unverständlich billig (10 Kilo Wassermelonen für etwa 1,20€).

Die Kehrseite der Medaille sind Produkte aus dem Westen. Nutella und generell Produkte von Ferrero sind schwarzes Gold und kostspielig. Olivenöl und Cornflakes sind ebenfalls auf Dauer dem Portemonnaie nicht freundlich gesinnt. Fisch ist nur tiefgefroren in der Stadt und als Stockfisch am Issyk-Kul erhältlich. Einmal kam ich mit dem Gedanken zu Abend eine Pasta mit Lachs zu essen in den Supermarkt hinein und verließ ihn mit dem Plan Essen zu gehen. Das Preisschild des Lachses war vierstellig. Vermutlich fehlt Kirgistan einfach die Discounter-Landschaft, die bei uns mit Aldi, Lidl, Penny usw. perfekt besetzt ist. Hier bedeutet einkaufen im Zweifelsfall die Wahl zwischen großen Supermärkten, kleinen privaten ,,Tante-Emma“-Läden und dem Bazaar. Letztere siegt fast immer im Punkto Preis.

Was Mode angeht, so ist die spanische Marke ,,Mango“ hier eher im oberen Preissegment angesiedelt und Sandalen von Birkenstock zu besitzen, die auch in Deutschland nicht umsonst sind ist für das finanzielle Ansehen sicherlich auch nicht verkehrt. Wer also aus einem Mercedes mit Birkenstocksandalen aussteigt, der macht irgendetwas richtig.

Wie gut kannst du dich nun am Ende des Jahres mit Russen und Kirgisen unterhalten?

Interessante Frage, denn die ganze Sache ist ein wenig verzwickter als es vielleicht scheinen mag.

Zuerst die gute Nachricht: Unterhalten kann ich mich mit jedem, egal ob Russe, Kirgise, Tatar, Uighure, Kasache, Usbeke oder Tadschike. Sie sprechen ja alle russisch.

Die nicht so gute Information ist, dass meine Sprachfertigkeiten extrem davon abhängig sind mit wem ich rede. Es gab in diesem Jahr Personen mit denen ich sehr gut kommunizieren konnte und in deren Umfeld es mir sehr angenehm war russisch zu sprechen. Dazu zählen unter anderem die Kinder mit denen ich gearbeitet habe, meine Sprachlehrerin, meine Klassenlehrerin und junge Leute die ich kennen gelernt habe.

Leute mit denen ich sprachlich gesehen meine Probleme hatte waren meistens diejenigen die ich nicht kannte. Marschrutkafahrer oder Leute in der Marschrutka und Kassierer, Beamte sowie Verkäufer. Wahrscheinlich bin ich dabei kein Einzelfall und es ergeht vielen Menschen so, die im Gastland die Landessprache erlernen.

Generell lässt sich jedoch auch sagen, dass es mir einfacher fällt mit Kirgisen oder anderen Landsmännern/-frauen zu sprechen, deren Muttersprache nicht Russisch ist. Wir haben somit immer einen gemeinsamen Nenner, nämlich die Tatsache, dass wir uns nicht in unserer Muttersprache unterhalten. Sie machen Fehler und haben einen Akzent, ich mache Fehler und habe einen Akzent. Der Vorteil dafür ist, dass man den anderen sehr gut versteht und viele der ungewöhnlichen Strukturen in ihren Sätzen von sich selbst kennt und sie gut versteht.

Ganz anders wiederum mit Russen: Es fällt mir schwerer sie zu verstehen, da sie Wörter und Konstruktionen benutzen, die mir nicht so bekannt sind. Ich muss im Gespräch mit ihnen manchmal auf Anhaltspunkte im Kontext warten um sie gänzlich zu verstehen.

Aber um nun alles in einen Satz zusammenzufassen: Fast alle Leute mit denen ich hier gesprochen habe fanden es nicht sehr glaubwürdig, dass ich erst in Kirgistan angefangen hätte die russische Sprache zu lernen. Sie gingen oft davon aus ich hätte bereits in der Schule Russisch gelernt.

Kann man das Leitungswasser in Kirgistan trinken und wie schmeckt es im Mund?

Als es mir irgendwann zu blöd wurde dauernd Wasserkanister oder Flaschen zu kaufen stellte ich die dauernden Einkaufstouren, von denen ich stets mit Paletten von Flaschen zurückkehrte ein. Einmal fragte mich ein Verkäufer, bei dem ich zum wiederholten Male Wasser kaufte mit sowohl Verwunderung als auch Spaß in seiner Stimme: ,,Trinkst viel Wasser, hm?“. Etwas gezwunen lachte ich auf dem Weg nach draußen ein ,,Ja anscheinend“ aus mir heraus und fragte mich gleichzeitig, ob es denn ungewöhnlich sei Trinkwasser in Flaschen in rauen Mengen zu kaufen. Ich kannte es von Deutschland immerhin nicht anders. In den nächsten Wochen fing ich an nur noch aus dem Hahn Wasser zu trinken, was mir bekam und nicht anders schmeckte als das Wasser, das ich im Laden kaufte. Einer der wenigen Reichtümer, die Kirgistan im Vergleich zu den anderen zentralasiatischen Staaten besitzt ist Wasser. Klares, reines Wasser aus Bergquellen. Ja man kann meiner Meinung nach das Wasser hier sehr gut trinken und es schmeckt nicht anders als man es sich vorstellen könnte. Vielleicht ein bisschen klarer, weil man bei jedem Schluck die Illusion einer eiskalten Bergquelle hat, die vor sich hin blubbert.

Gibt es in Kirgistan bestimmte Rituale oder Verhaltensweisen beim Essen wie zu Beispiel in China?

Ja die gibt es: Angefangen damit, dass das Essen auf dem Boden stattfindet und zu jeder Zeit im Sitzen zu sich genommen wird. Man sitzt üblicherweise um einen tiefen Tisch oder ein auf dem Boden ausgebreitetes Tuch herum. Die Form des Sitzes ist dabei ebenfalls wichtig. Männer sitzen normalerweise im Schneidersitz während Frauen sich mit den Beinen zur Seite gerichtet setzen (schwer in Worten auszudrücken). Der wichtigste Mann (sei es nun der Familienvater oder der Älteste) sitzt für gewöhnlich am zentralsten während die jüngste Frau der Runde am Tischende neben dem Samowar (großer Teekocher) sitzt um ständig jedem Tee nachzuschenken. Die schalenartigen Tassen werden dabei bis ans Tischende weitergegeben und gelangen auch auf gleichem Weg zurück zum Besitzer.

Die Aufteilung des Gerichtes ist ebenfalls besonders: Wenn Kirgisen, die in der Jurte wohnen ein Tier schlachten (egal ob Kuh, Schaf oder Pferd), so werden die Fleischteile nicht willkürlich aufgeteilt, sondern gemäß der Position in der Gemeinde. Besondere Ehre kommt demjenigen zu, der zum Beispiel Augen erhält.

Außerdem muss zu beinahe jeder Speise Brot serviert werden. Kirgisen sagen von sich selbst:

,,Wir würden sogar zu Brot Brot essen.“

Das Brot, wobei es sich um das traditionelle zentralasiatische Lipjioschka handelt, wird in Stücke gerissen und überall auf dem Tisch verteilt, vor allem zwischen den einzelnen Schüsseln. Dabei zeigt sich eine weitere Eigenheit des Kirgisen:

Für sie ist es bedrückend und ein Zeichen von Armut, wenn der Tisch nicht brechen voll ist und überall noch freie Lücken sichtbar sind. Deswegen findet man auch meistens die selben Speisen in verschiedenen Behältern überall auf dem Tisch verteilt. Bloß keine Lücken!

Beendet wird das kirgisische Essen von allen gleichzeitig, indem sich synchron mit den Handinnenflächen durchs Gesicht gewischt wird, wie bereits weiter oben erwähnt. Dabei spricht man das Wort ,,Omin“.

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Egal ob bei Tadschiken…

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Kirgisen…

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oder bei Deutschen. In Kirgistan isst man traditionell auf dem Boden

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Das Brot Zentralasiens: ,,Issyk Nan“ auf Kirgisisch ,,Lipjioschka“ zu Russisch

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Finde die Lücke.

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Tafel der Weihnachtsfeier von Ümüt-Nadjeschda. Ich hatte Probleme eine Stelle zu finden um meinen Ellenbogen aufzustützen.

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Nursultan! Ich hab doch da grade irgendwo eine freie Stelle gesehen?!

Gefallen dir kirgisische Frauen?

Ich muss zugeben: Ich habe noch nie so viele schöne Menschen auf einem Platz gesehen. Von 10 Frauen sind mindestens 5 überdurchschnittlich hübsch (wenn man mich fragt). Ich finde außerdem, dass die stereotype asiatische Schönheit wie man sie im Westen kennt viel eher in Kirgistan und generell Zentralasien zu finden ist als in China oder Japan, wo sie am meisten erwartet wird. Kurzum: Mir gefallen die Frauen hier sehr gut.

Wie läuft ein Friseurbesuch in Kirgistan ab?

Wieder ein Thema, auf das ich insgeheim gehofft hatte. Der wohl größte Unterschied zwischen einem Friseurbesuch in Deutschland und einem in Kirgistan ist wohl die Freundlichkeit gegenüber dem Inhalt der Brieftasche: In Kirgistan kostet der durchschnittliche Friseurbesuch nur 150 Som ~1,80 €. Es geht aber auch noch billiger. Für Frauen ist es etwas teurer, denn ich habe aus verschiedenen Quellen gehörten, dass es üblicherweise 500-800 Som~6,00 € bis 8,00 € kosten soll. Wer nun glaubt, dass man für diesen schmalen Preis von irgendwelchen blutigen Anfängern die Frisur ruiniert bekommt, der denkt falsch. Alle Friseure, denen ich die Verantwortung über mein Haupthaar überlassen habe waren geschult und beherrschten ihr Handwerk. Besonders natürlich wenn man sie nach dem Standard-Haarschnitt kirgisischer Männer gefragt hat (kurze Haare mit einem sauberen Übergang nach oben hin)

Wodurch sich der kirgisische Friseurbesuch außerdem vom deutschen abhebt ist, dass Haare waschen inklusive zu jedem Schnitt ist. Völlig gleich ob die Ohr-, Nasen- oder Haupthaare behandelt werden sollen. Die Waschbecken sind dabei allerdings in keinem Fall mit einem bequemen Liegestuhl versehen, der Wellness-Atmosphäre in den Friseurladen bringt, sondern bestehen im allgemeinen bloß aus einem gewöhnlichen Waschbecken an der Wand, zu dem man am Anfang geführt wird. Mit einem etwas verwirrten Gesicht stand ich beim ersten Mal vor dem nicht sehr stabil wirkenden China-Porzellan und wartete auf Anweisungen. ,,Runter“, kam es dann von der Friseuse, die offensichtlich kein Verständnis für mein planloses Verhalten übrig hatte worauf hin ich mich ehrfürchtig vor dem spritzenden Wasserhahn verbeugte. Das ganze wiederholt sich nochmal nach dem Haarschnitt.

Bei den ersten Malen hatte ich jedes mal ein Bild auf dem Handy dabei, anhand dem ich den Friseuren erklärte wie sie mich bitte zurichten sollten. In letzter Zeit bin ich aber dazu übergegangen im Freestyle zu erklären wie ich’s gerne hätte. Das liegt zum einen wahrscheinlich daran, dass ich sicherer im Erklären geworden bin, aber auch daran, dass ich meine Ansprüche runtergeschraubt habe und am Ende froh bin wenn ich überhaupt noch Haare habe.

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Der erste Friseur, zu dem ich mich getraut habe. Er lag auf dem Weg zur Arbeit und musste mit Zaubertechnik gebaut worden sein: Von außen Schuhschachtel, von innen geräumiges Platzangebot.

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Nie wieder mit nur drei Vokabeln zum Friseur.

Wie sieht’s im nächtlichen Bischkek aus? Wie gut ist die Club-Szene besetzt?

Hingegen der möglichen Erwartungen kann man sich in Bischkek sehr gut amüsieren und ausgehen. Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass mir die ganze Sache hier um Längen besser gefällt als in Deutschland. Der einzige Nachteil ist vielleicht, dass Clubs und Tanzbars hier ein wenig unauffälliger und versteckter sind. Man muss eine Weile in Bischkek leben und vielleicht auch die richtigen Leute kennen um herauszufinden wo die Kirgisen ihren Spaß haben. Eintritt ist fast immer frei, was es sehr viel attraktiver macht an einem Abend in mehreren Locations zu tanzen, trinken oder rumzustehen. Zudem ist es dann nicht so eine Wundertüten-Aktion, bei der du nicht weißt ob du 10 € für einen brechend vollen oder leeren Club zahlst. Reingehen, umschauen und weiter wenn’s nicht gefällt. Je nach Club ist die Musik und somit auch die Zielgruppe unterschiedlich. Getränke sind natürlich im Vergleich zum Einkauf teurer aber lange nicht so teuer wie in Deutschland. Von Club zu Club geht es mit dem Taxi, wobei der Durchschnittspreis für eine Fahrt 1,20€ beträgt.

Gibt es Universitäten in Bischkek und wie studiert man dort?

Schande über mein Haupt, aber ich weiß nichts genaueres über das Studiensystem Kirgistans. Dem nach zu urteilen was ich gehört habe soll es sich nicht groß unterscheiden von jeglichen anderen: Examen, Klausurenphasen und Vorlesungen. Universität halt.

Viel interessanter ist hingegen wie viele Universitäten Bischkek beheimatet. Da wären:

Die American University of Central Asia

Die Kirgisisch-Russische Slawische Universität

Die Internationale Atatürk-Alatoo Universität

Die Kyrgyz National University

Die Staatliche Kirgisische Universität für Bauwesen, Verkehrswesen und Architektur

Die Türkisch-Kirgisische Manas Universitäten

Das Asiatische Medizinische Institut

Die Kyrgyzs Technical University

Die International University of Kyrgyzstan

Die Kyrgyz State Medical Academy

Die University of Central-Asia

Die Bischkek Humanities University

Was ist dein kirgisisches Lieblingsgericht und haben die Kirgisen ein Nationalgericht?

Eine wirklich schwere Frage, denn mir schmeckt fast alles hier richtig gut. Wenn ich mich entscheiden müsste, dann wäre es wahrscheinlich Lagman, ein Gericht mit Suppe und unheimlich langen teigigen Nudeln. Ganz dicht darauf folgt Plov. Aber es ist alles wirklich köstlich.

Das kirgisische Nationalgericht nennt sich ,,Besch-Barmak“, was übersetzt ,,Fünf Finger“ bedeutet. Nomen ist Omen, denn das Gericht wird traditionell mit den Händen gegessen und besteht aus Nudeln, Fleisch und Zwiebeln. Vielerorts wird die Erfindung dieses Gerichts der kasachischen Küche zugesprochen doch echte Kirgisen werden immer darauf beharren, dass sie das Gericht erfunden hätten.

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Lagman. Boso Lagman

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Plov Love!

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Besch Barmak (links)

Wie gehen die Menschen in Kirgistan zur Toilette?

In ländlichen Regionen und im Großteil der einfacheren Kafés oder Kantinen stößt man auf das Hock- bzw. Plumsklo. Auf dem Land sind es meist einfach gezimmerte Holzhütten, in denen es im Winter schrecklich zieht. Wohnungen, die während der Sowjetunion entstanden sind standardmäßig mit europäischen Toiletten ausgestattet, die man auch in jedem gehobenen Etablissement vorfindet.

 

 

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Just do it the europen way!

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kirgisische Plumpsklos…in Bischkek.

Wo kaufen die Einwohner Kirgistans ihre Lebensmittel?

Wie bereits erwähnt haben die Bischkeker die Auswahl zwischen drei großen Einkaufsmöglichkeiten. Tante Emma Läden, großen Supermarktketten und dem Bazaar. Geht es den Kirgisen um die Unterstützung des Einzelhandels, so gehen sie in Tante Emma Läden. Sollen große Einkäufe getätigt werden oder nicht zu viel Geld fließen wird auf dem Bazaar eingekauft. Geht es um Auswahl und den Zugang zu Produkten aus aller Welt dienen die großen Ketten.

In Regionen außerhalb Bischkeks hat, so glaube ich vor allem im Süden der Bazaar eine stärkere Bedeutung und zieht mehr Einkäufer an.

Wie sehen die Häuser in Kirgistan aus?

Bis die Russen kamen lebten alle Kirgisen in Jurten und führten ein nomadisches Leben, das abrupt beendet wurde als die Besetzungsmacht (russ. Kaiserreich) einsah, dass dieser Lebensstil nicht profitabel für sie war woraufhin sie die einstigen Nomaden sesshaft machten.

Bischkek und alle anderen Städte bestehen zu großen Teilen aus Sowjet-Gebäuden und Platten-Bauten. Die Häuser die es gibt sind einfache oder auch bis zu drei Stockwerke hohe Neubauten.

Erwähnenswert ist auch, dass in Bischkek extrem viel gebaut wird. Alle Wohngebäude die entstehen sind allerdings dem Stadtbild entsprechend dem Plattenbaustil ähnlich und im Block-Stil gehalten .

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Klassisches Etagen-Haus samt Freiluft-Fahrrad

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Klassisches Straßenbild kirgisischer Städte. Hier in Naryn (Ostkirgistan)

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Einfache Häuser in ländlichen Regionen.

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Sonnenaufgang über Bischkeks Platten.

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Gehobener Komplex. Die Aussicht ist ein großes Kaufargument.

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Klassische Häuserfassade eines bischkeker Plattenbau. Man beachte die Ornamente und Verzierung. Es muss nicht alles hässlich sein, von dem gesagt wird es ist hässlich.

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Ein monströses Konstrukt

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Under Construction!

Sind Kirgisen grundsätzlich freundlicher als Deutsche?

Die Frage lässt sich sehr schwer beantworten um ehrlich zu sein. Sie sind auf ihre Art wahrscheinlich wirklich freundlicher als Deutsche. Auf ihre Art.

Kirgisen hegen auf jeden Fall ein großes Interesse daran, wie man über sie denkt, was wiederum dazu führt, dass sie sehr freundlich auftreten.

Ich denke Kirgisen sind von Natur aus sehr neugierig und vor allem an Ausländern interessiert und wollen wissen was einen in ihr Land verschlagen hat. Es sind viele verschiedene Faktoren, die dazu führen, dass Kirgisen sehr freundlich wirken.

Ob Kirgisen nun von Haus aus freundlicher sind als Deutsche kann ich partout nicht beantworten, da ich selbst auch keine Ahnung habe ob Deutsche nun freundlich sind oder nicht. Ich habe mein Leben lang dort gelebt und nie wirklich darauf geachtet.

Vielleicht hilft diese Information ein wenig weiter: Wann immer ich das Gefühl hatte jemand, den ich etwas fragen wollte sei kein 100%-iger Gutelaunemensch entschuldigte ich mich zu Anfang des Gesprächs zuerst für mein Russisch und bat um Verständnis, dass ich nicht alles richtig erklären könnte und würde. Daraufhin waren die Menschen meist sehr geduldig und vielleicht auch ein wenig freundlicher.

Was sagen die Kinder dazu, dass du bald weg bist?

Diejenigen von ihnen, die verstehen, dass meine Ausreise aus Kirgistan näher rückt fragen mich ob ich wiederkommen werde so wie die meisten der Freiwilligen, die vor mir bei Ümüt-Nadjeschda gearbeitet haben. Natürlich versprach ich ihnen zurückzukehren und sie zu besuchen. Einer der Jungen mit dem ich arbeitete sagte sogar er würde Tränen vergießen, sobald ich weg sei. Ich weiß von ihm, dass das jedes Jahr so ist. Aber ich bin in gutem Gewissen, dass er sich mit dem nächsten Freiwilligen genauso gut verstehen wird.

Hast du vor Kirgistan noch mal zu besuchen?

Ein bisschen ungünstig von mir gesetzt die Frage, aber wie schon gerade eben beantwortet: Ja auf jeden Fall! Am liebsten mit Leuten, die mit mir kommen wollen. Es gibt vieles was ich gerne noch erkunden würde.

Glaubst du, dass du deine Beziehungen und Kenntnisse über Kirgistan in deinen Beruf einbinden kannst?

Da ich vorhabe mich beruflich und zuerst einmal studientechnisch näher mit dem Islam zu beschäftigen bin ich mir sicher, dass meine Zeit in Kirgistan mir später behilflich sein könnte. Nicht zuletzt hat sie immerhin zu der Entscheidung für dieses Studium beigetragen.

Welche Vorurteile über Kirgistan und Zentralasien würdest du gerne aus dem Weg schaffen wenn du könntest?

  1. Es ist nicht gefährlich hier. Ich habe bereits erwähnt, dass ich mich hier sicherer fühlte als in manchen europäischen Städten und das möchte ich nochmal bekräftigen.
  2. Es ist eine Reise wert. Kirgistan und ganz Zentralasien sind sehenswert. Kultur ist in diesem Winkel der Erde soviel lebendiger als an anderen Orten der Welt und noch in ihrer ursprünglichen Form zu erleben. Nicht verfälscht und rekriert
  3. Es ist kein ausgelagerter Teil Russlands: Die Menschen Tadschikistans, Kasachstans, Kirgistans, Turkmenistans und Usbekistans mögen sich Sprache und Eigenheiten ihrer sowjetischen Vergangenheit behalten haben, doch es schimmert so oft der Charakter des Orients und des fernen Ostens durch sie hindurch. Ich habe selten spannenderes Verhalten erleben dürfen.
  4. Zentralasien ist bunt: Als ich in einem Dorf an der westlichen Grenze Kirgistans zum ersten Mal Usbeken sah hätte meine Verwirrung nicht größer sein können. Es liegen vielleicht keine Welten zwischen Kasach- und Kirgistan, aber es sind die kleinen Details, die einem aufzeigen, dass sich diese Völker voneinander unterscheiden. Eine gewisse Ähnlichkeit bleibt.
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Ded Maros. Der Weihnachtsmann der Russen und der Sowjetunion. Hier gespielt von einem Kirgisen. Ein perfekteres Beispiel für das Durchschimmern des fernen Ostens durch die Fassade der Sowjetunion werdet ihr wohl nicht finden.

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Ja sie waren hier die Russen. ,,Platz für ihre Werbung“. Obere Hälfte auf Kirgisisch, untere Hälfte auf Russisch.

Was hat dich an Kirgistan am meisten überrascht?

Wahrscheinlich die Tatsache wie international es ist. Klar ist es nicht Berlin, aber für ein Land, von dem du nur weißt, dass es in der westlichen Welt nicht sonderlich bekannt ist hat es mich positiv überrascht. Ich hätte nie gedacht, dass es hier Organisationen gibt, die auf Deutsch und Französisch über allen möglichen Ereignisse aus Zentralasien berichten (https://www.novastan.org/de/) oder Stammtische stattfinden, die beachtliche Zahlen von Deutschen anlocken, die in Kirgistan temporär oder permanent leben. Jetzt im Sommer sind die Überlandmarschrutkas voll mit Amerikanern und Europäern, die in kirgisischen Dörfern und Städten übernachtet, wo eine Organisation namens ,,Community Based Tourism“ ein System aus Gastfamilien errichtet hat, welche von dem Besuch der Gäste profitieren. Es klingt vielleicht wie ein veralteter Begriff, doch Kirgistan ist touristisch gesehen erschlossen.

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Finde den Fehler.

Wie viele Freiheiten haben junge Leute?

Jedes Mal als ich mit jungen Frauen, die in unseren Augen vollkommen unabhängig und souverän handeln hätten können irgendwo unterwegs war gab es immer eine besorgte und teils strenge Oma oder einen älteren Bruder, die es nicht lassen konnten alle halbe Stunde anzurufen um sich zu versichern, dass das Mädchen nicht gekidnapped wurde. Was der Sache noch den Hut aufsetzt ist, dass selbige Familienmitglieder zuvor belogen wurden und dachten die Mädchen sein mit einer Freundin unterwegs. Zudem gab es für sie immer eine Sperrstunde zu der sie zu Hause sein mussten.

Ich habe zudem von wenigen Paaren gehört, die vor der Heirat zusammenlebten.

Einmal fragte mich ein Mädchen, ob in Deutschland junge Frauen in eine Bar oder ein Restaurant gehen dürften und sich ein Bier bestellen könnten ohne dabei schief angesehen zu werden. Als ich dies bestätigte wuchsen die Augen meines Gegenübers und sie war noch begeisterter von Deutschland als zuvor.

Womit kamst du in Kirgistan am wenigsten zurecht?

Vermutlich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das war für mich auch in Deutschland immer ein großes Problem gewesen, obwohl ich alles verstand und es klare Informationen gab. Hier wurde ich in ein völlig neues und noch dazu mehr oder weniger planloses System geworfen, welches ich am Ende des Jahres lieb gewonnen habe und dessen Stärken mir nun offensichtlich sind.

Das ganze war so schlimm, dass ich zuerst wirklich Angst hatte alleine Marschrutka zu fahren und es für mich ein Albtraum war wenn ich realisierte, dass ich in die falsche Richtung fuhr und irgendwie raus musste. Ich weiß noch welche Angst ich vor dem Fahrer hatte und mir Minuten zuvor die Worte zurechtlegte, die ihm klar machen sollten, dass er mich aussteigen lassen sollte.

Mittlerweile realisiere ich meine falsche Fahrtrichtung, stürme zum Fahrer vor, plappere in mit irgendwas zu von wegen ich müsste nun aber schleunigst aussteigen, verlasse die Marschrutka, fluche ein wenig vor mich hin (auf russisch um die Authentizität meines Auftretens zu wahren) und springe wenige Minuten später in die nächste Marschrutka.

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Kann mir das mal jemand vorlesen? Bis ich die erste Station entziffert hatte war die Marschrutka meist schon wieder weg

Wie lebt die Durchschnittsfamilie in Kirgistan (Haus, Auto usw.) Wie groß sind die Familien und wohnt man mit den Großeltern zusammen?

Da es den Kirgisen besonders darum geht die Plagen der öffentlichen Transportmittel zu umgehen besitzen sehr viele Familien ein Auto. Gewohnt wird in einer Wohnung oder einem Haus. Die klassische bischkeker Wohnung besteht aus zwei Zimmern, einem Wohnzimmer, Küche und Bad mit manchmal seperater Toilette. Wohnungen in der Innenstadt oder nahe dem Zentrum sind angeblich sehr teuer und nicht unbedingt einfach zu ergattern. Umso erfreulicherist es, dass ich ein Jahr lang in einer solchen Wohngegend leben konnte. Eine kirgisische Familie ist, was die Anzahl der Kinder angeht größer als eine deutsche: 3-5 oder mehr Kinder sind eine normale Zahl. Auf dem Land ist die Zahl sicherlich nochmal größer. Besitzt die Familie ein Haus, so kommt es nicht selten vor, dass Großeltern mit der Familie zusammenwohnen.

Wie denken Leute über die politische Situation mit Russland und Nordkorea?

Um ehrlich zu sein habe ich hier noch nie irgendjemanden über Nordkorea reden hören und kann mir auch nur schwer vorstellen wie der Einzelne hier über das aggressive kleine Land denkt.

Was Russland angeht, so kann ich eine kleine Anekdote erzählen, die veranschaulicht wie die Menschen über ihren großen Schatten denken:

Als mich ein Taxist während einer Fahrt in seinem winzigen Honda Fit fragte ob es stimmte, dass wir in Deutschland Angst vor Putin hätten und ihm nicht trauen würden wusste ich auf diese Frage keine wirkliche Antwort. Ohne mir Zeit zum überlegen zu geben platzte der ältere Mann aus sich heraus und quasselte mit einer betont beruhigenden Stimme:,,Habt keine Angst. Er ist nicht gefährlich. Er ist ein guter Mann.“ Ich lenkte das Gespräch daraufhin schnell auf deutsches Bier.

Sind die Einwohner Bischkeks religiöser als Einwohner deutscher Großstädte?

Ja, definitiv. Diese engere Beziehung zu den einzelnen Religionen zeigt sich auf verschiedene Weisen:

Freitags, wenn in Bischkeks Moscheen das traditionelle Freitagsgebet stattfindet ist der Verkehr wesentlich dichter und das Durchkommen sehr schwer. Da ich in einer Parallelstraße zu einer großen Moschee wohne konnte ich das ein paar Male beobachten. Außerdem laufen viele Männer in Bischkek mit traditionellen muslimischen Kappen rum und lassen ihre Bärte lang und dicht wachsen. Ultrareligiöse Moslems laufen hier sogar in langen wallenden Gewändern durch die Stadt, welche eher an Saudi-Arabien und Scheichs erinnern. Der Muezzin ruft mehrmals am Tag und so weiter. Ein großer Teil der Bevölkerung fastet in der Zeit des Ramadans und bricht das Fasten erst nach Sonnenuntergang.

Als ich am Issyk Kul ein paar Tage mit einem weiteren jungen Studenten in einem Zimmer zusammenwohnte, konnte ich beobachten dass er jeden Tag drei Mal auf seinem Gebetsteppich betete. Ich fragte ihn ob wir uns zusammen die Moschee bei der ich wohne ansehen könnten und er war sofort begeistert, doch leider musste er mir absagen, da er in nächster Zeit nicht in Bischkek sein würde.
Zu den Christen: Die orthodoxen Russen, von denen es viele in Bischkek gibt haben ihre eigene große Kirche im Zentrum der Stadt, was nicht unbedingt normal ist und sicherlich mit der in Zentralasien seltenen Liberalität Kirgistans zu tun hat. Viele russische Männer und Kinder tragen Kreuzketten und ihre Wohnungen sind vollgehängt mit Ikonen und anderen religiösen Bildnissen.

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Die Moschee um die Ecke. Oft sehe ich ganze Geländewagen voll von bärtigen Kirgisen mit Gebetsketten nach dem Mittagsgebet.

Hättest du dir gewünscht, dass man dich vor irgendetwas warnt?

Wahrscheinlich davor, dass die Jahreszeiten viel intensiver sind. Ich habe im Winter noch nie so auf der Straße gefroren und im Sommer noch nie tagsüber zu Hause rumgehangen weil es draußen zu heiß war. Außerdem hatte ich überhaupt keine Winterkleidung dabei. Über den Wintereinkauf gleich relativ zu Beginn will ich gar nicht sprechen.

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Der Moment an dem ich merkte, dass ich dem Winter nicht mehr entfliehen konnte.

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Peitschende Schneefälle auf dem Weg nach Hause

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Nächtlicher Schneefall

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Wintereinkauf. Vorfreude geht gegen Null.

Hast du Kirgisen kennengelernt, zu denen du in Zukunft weiterhin Kontakt halten willst?

Tatsächlich gibt es neben den vielen flüchtigen Bekanntschaften auch einige Leute, zu denen ich gerne Kontakt halten würde. Donyar [Wie ich mit Tadschiken das Brot brach] ist einer von ihnen und da er momentan in Deutschland ist plane ich auch ihn zu besuchen.

Wie muss ein für Kirgisen schöner Mensch aussehen?

Ich beziehe das ganze jetzt mal auf kirgisische Männer und Frauen:
Eine schöne Kirgisin hat helle Haut und langes schwarzes oder braunes Haar, welches meistens glatt teils aber auch gewellt bis lockig ist. Ihre Augen sollten asiatisch sein, aber nicht zu sehr verengt. Da die Augenfarbe in Kirgistan ganz im Gegensatz zum Stereotyp gegenüber asiatischen Menschen neben Braun auch Grün oder Blau sowie Grau sein kann ist es sicher nicht verkehrt eine der letzteren Farben sein Eigen nennen zu können. Aber um ehrlich zu sein ist das hier alles kein fundiertes Wissen. Man gucke sich einfach genügend der oben genannten Musikvideos an und schon kann man sich ein eigenes Bild kirgisischer Frauen machen. Schön sind sie alle.
Auch der schöne Kirgise besitzt helle Haut und ist groß gewachsen. Bartwuchs ist als Zeichen der Männlichkeit ein verbreitetes Schönheitsideal. Wie oft habe ich Werbung für irgendwelche wundersamen Bartwuchsmittel gesehen, die dichteres oder überhaupt Bartwachstum versprachen. Dabei haben viele Kirgisen das überhaupt nicht nötig, da sie von Natur aus gemessen an anderen Bewohnern des fernen Ostens ziemlich starkes Bartwachstum haben.

Gibt es ein Tabuthema in Gesprächen mit Kirgisen?

Ich bin selbst nie auf ein Tabuthema gestoßen, doch ich weiß, dass Kirgisen ungern über die Unruhen in Südkirgistan von 2010 sprechen, bei denen es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und der sehr starken Minderheit der Usbeken kam. Die Schuld für die Ereignisse schieben sich beide Völker gegenseitig in die Schuhe und den vielen Toten wird jährlich an Trauertagen gedenkt.

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Ein Denkmal auf dem zentralen Ala-Too Platz zu Ehren der Opfer der Revolution von 2010

Sind die Menschen in Bischkek genauso verschlossen wie Menschen in einer deutschen Großstadt?

Aufgrund der Tatsache, dass Leute in Läden, auf dem Bazaar oder in der Marschrutka sehr oft von sich aus anfingen sich mit mir zu unterhalten und dabei oft kürzere oder teils längere Gespräche entstanden möchte ich behaupten, dass viele Menschen tatsächlich ein wenig interessierter sind und vielleicht öfter rechts und links gucken. Man redet gerne und fragt noch lieber.

Was sind die größten Unterschiede einer kirgisischen und einer deutschen Familie?

Wahrscheinlich ist es der traditionell stärkere Familienzusammenhalt. Die Tradition verlangt, soweit ich mich erinnern kann, dass der jüngste Sohn bei seinen Eltern bleibt um sie zu unterstützen. Zudem zieht eine verheiratete Frau zunächst in das Haus der Familie ihres Mannes und bekommt dort die Aufgabe jegliche Hausarbeit zu erledigen. Ich glaube diese Bräuche tragen dazu bei, dass der Familienzusammenhalt noch als größerer Wert betrachtet wird. Ich habe hier auch noch nie von Altersheimen gehört.

Gibt es große mentale Unterschiede zwischen uns und den Kirgisen?

Die gibt es sicherlich. Um nur einen Teil aufzuzählen: Ich finde generell, dass Kirgisen mehr im Hier und Jetzt leben und sich wenige Gedanken machen, was denn dann in Zukunft aus der Situation wird, in der sie sich momentan befinden.

Kirgisen fragen zum Beispiel ganz andere Fragen bei ersten Begegnungen. Sie interessiert welchen Beruf und welche Position man in der Rangordnung besitzt, wie viel man verdient, ob man verheiratet ist oder nicht und wenn nicht warum denn nicht oder andere Themen, die Deutschen etwas sehr privat vorkommen würden.

Es gibt sicherlich noch viele Unterschiede zwischen uns und diesen Menschen hier am anderen Ende der Welt, aber ich möchte nicht irgendetwas leichtfertig dahin plappern, nur um noch noch einen dritten Punkt dazu zu dichten.

Wie sieht es mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau aus?

Nicht allzu gut, aber es wird besser: Generell stecken Frauen ebenso wie Männer in einer gewissen Geschlechterrolle drin.

Frau: Früh heiraten, Kinder bekommen, Kochen, Putzen, Einkaufen, den Haushalt führen und dabei immer so feminin wie möglich wirken.

Mann: Stark, keine Schwäche zeigen, nicht weinen, schwere Dinge heben mit denen sich ansonsten die schwache Frau plagen müsste, arbeiten, Geld verdienen.

In Bischkek scheint es viele Frauen zu geben, die sich nicht in dieser Rolle sehen und versuchen aus ihr herauszutreten, aber wie immer ist die Situation anderswo, vornehmlich auf dem Land ganz anders.

Der Mann wird generell als Familienversorger und starkes Geschlecht gesehen aber es gibt Grund zur Hoffnung, dass sich etwas in den kirgisischen Köpfen tun wird.

Auf was war es am schwersten zu verzichten?

Leicht: Gute Freunde.

Ich habe viele Bekanntschaften gemacht, klar. Das größte Problem war jedoch sich nicht wirklich über alles mit Leuten auszusprechen und sie konsultieren zu können. Ich kann ein Jahr lang auf Nutella, Mamas Küche, die deutsche Sprache und Mentalität sowohl als auch auf das fahren eines Autos verzichten. Kein Problem. Was mich wirklich überrascht hat war meine Unterschätzung der Wichtigkeit von engen Freunden.

Was wirst du an Kirgistan am meisten vermissen?

In einem völlig neuen Land zu leben. Jeden Tag Sachen und Dinge zu erleben, bei denen man sich denkt: ,,Ach das machen die hier auch so!“ oder ,,Ach so machen die das hier?!“. Einkäufe auf lauten, heißen und chaotischen Bazaren zu erledigen, nach denen man sich denkt ,,Leck mich, da geh‘ ich nie wieder hin“ und sich ein paar Tage später wieder auf dem Weg zum selbigen Ort zu erwischen. Sprechen, erklären, fragen, loben, fluchen, lesen und telefonieren auf einer anderen Sprache. Sich selbst zu beobachten, wie man in einer anderen Kultur untertaucht, eines Tages in den Spiegel blickend und urplötzlich realisierend, dass man ein Kirgise ist, der in Kirgistan lebt. Am Ende eines Jahres zurückzublicken, sich an den Kopf zu greifen und zu fragen, wie man sich am Anfang so doof anstellen hat können.

Freust du dich auf Deutschland?

Ja komischerweise sogar sehr.

Was nimmst du mit?

Einen Satz: ,,Mach doch einfach. Was soll denn groß passieren? Du hast es in Zentralasien geschafft und lässt dich von Zentraleuropa einschüchtern?“

Würdest du dich wieder entscheiden für ein Jahr nach Kirgistan zu gehen?

Jedes einzelne Mal.

Was schätzt du nun in Deutschland noch mehr als zuvor?

Ich weiß nicht recht. Vielleicht, dass Deutschland Deutschland ist und Kirgistan Kirgistan. Dass wir wir sind und sie sie.  Dass wir beide unseren eigenen Kopf haben und ich zum Beispiel das Glück hatte einen Kulturschock zu erleben, als ich hier ankam. Mit der stetigen Assimilierung an Leitkulturen muss man es wahrscheinlich bereits wertschätzen von einer fremden Kultur geschockt zu werden. Einen Satz denn ich oft ans Ende von Erklärungen von Unterschieden zwischen Kirgistan und Deutschland gesetzt habe: ,,у нас так у вас так.“ ~ Bei uns so, bei euch so.
Und die mit Abstand am meisten gestellte Frage über ein Jahr hinweg:

 

Wann kommst du wieder nach Hause?

Bald.

 

Ich bedanke mich von Herzen bei allen, die vom ersten Tag, an dem ich beschrieb wie ich um mein Visum bangen musste und am Flughafen nicht mal Russisch sprechen durfte diese Reise ein Stück weit durch diese vielen tausend Wörter mit mir geteilt haben.

удачи, и Счастливо вам.

Viel Erfolg und Glück euch.

(klassische kirgisisch-russische Abschiedsformel)

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Ein Gedanke zu “Ein Jahr. 50 Fragen.

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