Wie ich über Nacht zum Repräsentanten Deutschlands wurde

,,Wie machen die das nur?“, dachte ich und stierte weiter in den Bildschirm meines Handys.

Gebannt verfolgte ich die Schritte zweier Männer, die den kasachischen Volkstanz (zu 89% verwandt mit dem der Kirgisen) auf einer Hochzeit tanzten. Sie bewegten sich so elegant, fast als ob sie einfach nur laufen würden, auf der Straße so wie jeder andere Mensch. Dabei praktizierten sie doch eine uralte Kunstform der Menschheit: Den Tanz.

Ich hatte das Video der beiden Kasachen, die unter tosendem Applaus der Hochzeitsgesellschaft in einem festlichen Saal herum sprangen und für einige Außenstehende und  Unwissende wahrscheinlich auf sehr lustige Art und Weise ihre Körper verrenkten grade auf YouTube gefunden, als meine Mitbewohnerin auf der anderen Seite des Vorhangs, welcher mein Zimmer vom Korridor trennte auftauchte. Ich hatte das gar nicht bemerkt. In letzter Zeit vertiefte ich mich viel zu oft in die Tänze von verschiedenen Völkern und lies mich von eben diesen recht schnell und einfach faszinieren.

,,Hey Constantin, ich hab grade so nen Anruf bekommen von dem Mädchen, das neulich bei uns auf der Arbeit war.“, spricht sie durch den engen Spalt der beiden Vorhänge, die seit fast einem Jahr mein kirgisischer Tür-Ersatz sind.

So schlimm lebt es sich gar nicht ohne Tür. Man bekommt viel mehr mit, was auf der anderen Seite des Vorhangs geschieht und behält trotzdem noch einen gewissen Sichtschutz. Ich hab diesen Vorhang irgendwie doch lieb gewonnen und kann mir momentan nur schwer vorstellen in Deutschland wieder in irgendein Zimmer mit einer Tür und wohl möglich noch einer Türklinke zu ziehen .

,,Welche?“, kommt es von meiner Seite zurück. ,,Begaim, Nasira oder Bermet?“

Meine Augen sind immer noch auf den Bildschirm gerichtet. Die lustigen Kasachen tanzen weiter. Mittlerweile hat jemand einen Teller in die Nähe der Akrobaten gestellt. Auf diesen fallen nun nach und nach Scheine in allen Farben und Größen der kasachischen Währung ,,Tenge“.

,,Bermet. Sie hat mich um die Teilnahme an so ’nem kleinen Projekt gebeten und ich hab dummerweise irgendwie schon zugesagt.“, spricht meine Mitbewohnerin in einem Ton weiter, der so reuevoll klingt, als wäre sie soeben einem kleinen Hund auf den Schwanz getreten.

,,Was für ein Projekt?“, bohre ich nach auf der Suche nach den Kerninformationen und der Antwort auf die Frage, was ich eigentlich mit der ganzen Sache zu tun habe.

,,Das wäre so eine Präsentation über Deutschland. So den Standardkram: Geografische Lage, deutsche Geschichte, Kultur und Küche und Sprache. Man soll eine Powerpoint-Präsentation bringen hieß es.“

,,Haken paka njet. Also?“, gab ich misstrauisch zurück, nun das erste Mal vom winzigen Display meines Handys aufblicken.

[Paka njet ~ noch nicht/ noch kein] Mittlerweile hatten einige Ausdrücke oder Begrifflichkeiten des Russischen den Einzug in meinen Alltagssprachgebrauch erhalten. Auch wenn ich Deutsch sprach.

,,Das ganze findet morgen Vormittag statt. Anderthalb Stunden von Bischkek entfernt.“

Das kam unerwartet. Etwas belämmert musste ich geguckt haben, dem Gesichtsausdruck meiner Mitbewohnerin zu entnehmen.

,,Du beliebst zu scherzen“, antwortete ich und linste ohne eine Antwort abzuwarten auf den oberen Rand meines Smartphones auf dem schon die nächste Ethnie angefangen hatte zu tanzen. Diesmal Aserbaidschaner. Rasch wischte ich die viel zu schnell tanzenden Kaukasier mit meinem Daumen weg und blickte auf die Statusleiste:

21.30 Uhr.

,,Wir beziehungsweise Ich treffe mich morgen um 8 Uhr früh mit Bermet am Osch-Bazaar um dort hin zu fahren. Kannst du bitte auch mitkommen? Ich will das nicht alleine machen, hab aber schon zugesagt.“, bat sie ein wenig ratlos und mit dem leichten Anflug eines Flehen in der Stimme.

Ich wägte ab: ich war von dem vielen virtuellen Rumgetanze verschiedener Völker auf meinem Handy mit Sicherheit ein wenig müde geworden und eine latente Schläfrigkeit hatte sich in meinen Gliedern breit gemacht. Allerdings hatte ich schon in meiner Schullaufbahn selten vor einer Präsentation zurück geschreckt. Irgendetwas fand ich daran Menschen Informationen näher zu bringen.

Einem sehr müden Gehirn und somit auch einer nicht ganz gesunden Entscheidungsfähigkeit geschuldet willigte ich ein mit der verzweifelten Wohngenossin auf der Stelle eine Präsentation über das geliebte Vaterland zu erstellen und am nächsten Morgen zu der unmenschlichen Uhrzeit 6.30 aufzustehen. Wir reden hier von einem Samstag möchte ich nochmals unterstreichen.

Kasachen am kasachisch sein.

 

 

Grauer Himmel. Marktgeschrei. Anfahrende, bremsende und hupende Autos. Vereinzelt dreckiger Schnee auf den Gehwegrändern. Märzkälte. Osch-Bazar.

Wie es so kommen musste hatten die beiden Germanen den Eindruck, den jeder Lernende der deutschen Sprache erhält, sobald er die erste Seite seines Lehrbuchs überfliegt bestens bestätigt. 7.40 Uhr waren sie am Platz schwer verwundert, warum den die andere Partei, also Bermet noch nicht zu sehen war.

Jaja diese Deutschen mit ihrer Pünktlichkeit. Wenn ich vor ihnen hier ganz ehrlich bin, so bin ich in dieser Hinsicht gar nicht so präsentabel: Seltenst wird es vorkommen, dass ich zu einem Treffen zehn oder gar zwanzig  Minuten zu früh erscheinen werde. Mit viel Glück und wenig Verstand stolpere ich 3 bis 10 Minuten zu spät durch den Türrahmen des Treffpunktes und schiebe es auf irgendwelche Gegebenheiten höherer Gewalt (Stau, zufällige Wiedersehen mit alten Bekannten oder Bauarbeiten, die mich aufgehalten hätten selbst wenn ich zu Fuß unterwegs war). So auch seit einiger Zeit auf der Arbeit. Mittlerweile kam ich vier Mal pro Woche ein wenig zu spät zur Arbeit. Noch hatte niemand etwas gesagt, ich war also noch am Austesten. Ich verspreche aber an dieser Stelle meinen Wille zur Besserung. Das Problem ist halt nur diese eine Baustelle auf meinem Fußweg seit drei Monaten. Morgen komm ich pünktlicher. Großes Deutschen-Ehrenwort!

All das änderte aber nun ja nicht an der Misere, die sich hier grade ereignete. Ich vergrub mein Gesicht so weit wie nur irden möglich im Kragen meiner treuen Lederjacke. Das würden die längsten zwanzig Minuten meines Lebens werden griff mein übermüdetes Hirn den ersten klaren Gedanken an diesem Morgen.

Als es bereits 8.09 Uhr war und der kalte Morgen meine Mitbewohnerin neben mir und meine Wenigkeit selbst von innen heraus durchgefroren hatte, sodass man uns problemlos in Gang 5 zusammen mit Tiefkühl-Pelmeni hätte auffinden können drehte sich die Situation doch ganz schnell.

Bermet erschien. Völlig unpassend gekleidet angesichts der Temperaturen. Das Bedürfnis wirklich immer (!) schick sein zu müssen war sowohl bei Kirgisinen sowie Russinnen extrem präsent.

,,Iswinitje schto ja posdna prischla“ [Entschuldigung, dass ich zu spät gekommen bin], waren ihre ersten Worte, scheinbar bereits im Bewusstsein über die leichte Verärgerung der beiden Tiefkühl-Deutschen angesichts der langen Wartezeit.

Hätten wird die Absicht gehabt uns zu beschweren, hätten wir dazu sowieso keinerlei Möglichkeit gehabt:

,,Dawai tuda!“ [Los dahin], war die klare Anweisung, die die hübsche Kirgisin ohne jegliche Interesse an Small-Talk schon im Loshetzen verlauten ließ.

Bermet führte uns ein wenig durch das morgendliche Chaos des Bazares, vorbei an Sockenverkäufern und Schustern, sowie alten Mütterchen mit kleinen Bollerwägen, aus denen hinaus sie Kleinigkeiten und ,,Snacks“ verkauften. Es fühlt sich jedesmal an wie in einem Agentenfilm wenn man auf sie zu läuft,  denn sobald man sich auf eine bestimmte Distanz angenähert hat scheint man eine unsichtbare Laserschranke zu durchqueren. Sofort werden im Gehirn der alten Frauen Zellen produziert, die dazu führen, dass sie dem Gegenüber mit Augenkontakt ins Angesicht brüllt:

,,PIRASCHKI, BUTERBRODI, GARJATSCHIJ TSCHAI!“ [Piraschki, belegte Brote, heißer Tee]

Vorbei an Männern, die das wohl beliebteste Kleidungsstück des Landes verkaufen (die Jogginghose) bahnen wir uns unseren Weg hin zu einem Vorhof auf dem mehrere Marschrutkas stehen. Scheinbar Überlandverbindungen und nicht inter-Bischkek.

Bermet scheint es noch eiliger zu haben als wir, als sie die wie gewohnt neben den Marschrutkas stehenden Fahrer anspricht und mit ihnen anfängt auf Kirgisisch zu verhandeln. Nach zwanzig Sekunden uns unverständlichem Gebrabbel und einigen wilden Handgesten stopft man uns mit samt Rucksäcken in eine der Marschrutkas. Bermet erscheint nochmals ganz kurz an der Eingangstür, ruft uns ein hastiges ,,Paka“ [Tschüss] zu und knallt die quietschende Tür vor meiner immer noch leicht angefrosteten Nase zu. Wie jetzt? Ohne Bermet? Und wohin überhaupt? Zu welchem Zweck?

Die Antwort auf all diese Fragen saß in der vorletzten Reihe und winkte uns heftig zu. Getrieben von der Neugierde herauszufinden was denn nun grade eigentlich passierte und dem Schub der soeben anfahrenden Marschrutka bewegten wir uns gewohnt tollpatschig und doch bedacht vorsichtig in das hintere Abteil des Kleinbusses. Die beiden Mädchen die dort bereits Platz genommen hatten beäugten uns neugierig und fragten den absoluten Standard-Kram:

Woher? Aus Deutschland? NEIN! Doch! OHHH!

Wie alt seid ihr? Wie lange seid ihr schon in Kirgistan?

Könnt ihr Russisch? Ja? где учили?

Und so ging es auf Russisch weiter bis sich die Möglichkeit ergab zwischen zwei Atemzügen mal etwas in eigener Sache zu erfragen:

,,Mui kuda sitschas?“ [Wir fahren jetzt wohin?], fragte ich nach der augenscheinlich wichtigsten Information.

,,Kara-Balta jedim.“[Nach Kara-Balta fahren wir], gab eines der beiden Mädchen das Reiseziel bekannt.

,,Ah totschna schto tam budim sdelat?“[Und was werden wir da genau machen], bohrte ich tiefer, diesmal auf der Suche nach dem Zweck meiner Anwesenheit in dieser Situation.

,,Presentaziju pridsdavlajem. Pered schkolnikami.“ [Einen Vortrag halten. Vor Schülern], war die Antwort auf meine unschuldige Frage.

Hart getroffen von dieser Prognose ließ ich mich zurück in meinen Sitz sinken und malte mir in Gedanken bereits aus, was da auf mich zukommen würde. Eine Schulklasse. Mit allem hatte ich gerechnet, nur damit nicht. Komisch, denn meist hält man doch Präsentationen vor Schülern. Warum ich wohl daran nicht gedacht hatte. Etwas besorgt dachte ich an den USB-Stick in meiner Hosentasche auf dem die am Vorabend hastig zusammengetüftelte Präsentation ruhte. Entsprach dieses Produkt von spät-abendlicher Gehirnarbeit überhaupt irgendwelchen Deutschland-Präsentations-Standards?

Ich musste wieder an die tanzenden Kasachen denken und fragte mich zu gleich was sie wohl tun würden in dieser Situation. Sofort wurde mir klar, dass das absolut schwachsinnig war und ich blendete den Gedanken so schnell aus wie ich ihn eingeblendet hatte.

 

Als wir in Kara-Balta aus der Marschrutka stiegen fiel mir sofort die große Zahl russischer Gesichter auf der Straße auf. Noch im Prozess der Umtaufung von Kara-Balta in Kara-Barnaul in Gedanken passierte das nächste unangekündigte Phänomen. Ein himmelblauer Honda-Fit fuhr rasant an und hielt mit mehr oder weniger (im zweifelsfall eher viel weniger) quietschenden Bremsen vor uns an. Der Fahrer, dessen Erscheinungsbild nur noch durch eine Sonnenbrille und eine im Mundwinkel hängende Zigarette hätte getoppt werden können bedeutete den beiden Kirgisinen, meiner Mitbewohnerin und mir sich ins Auto zu setzten. Der Mann hinterm Steuer stellte sich als Alim vor und sprach fließend Englisch mit uns. Er würde eine Englisch-Schule in Kara-Balta leiten und fungiere für unsere Präsentation heute gegebenenfalls als Dolmetscher. Ich rollte mit den Augen: Jeder der nicht dumm genug war um eins und eins zusammenzuzählen hatte nun verstanden, dass die Vorträge auf Russisch sein sollten.

Da standen beziehungsweise saßen sie nun, die beiden Deutschen. Noch vor weniger als 12 Stunden nichts ahnend was das Leben wieder für sie bereit hielt nun auf dem Weg zu ihrer wohl größten russischen Herausforderung.

Ich möchte mich an dieser Stelle kurz fassen:

Wir besuchten zwei Schulen: In der ersten wurden wir in einen großen Saal gesteckt, der für Gewöhnlich bestimmt als Theater benutz wurde. Ohne irgendwelche Instruktionen oder Anweisungen warteten wir nun auf die Schüler, die nun die Freude haben würden etwas über Deutschland zu lernen. Aus erster Hand und von zwei durch und durch verschlafenen, jedoch waschechten Deutschen.

Als sich der Saal langsam mit russischen und kirgisischen Gesichtern füllte, das Füllen jedoch kein Ende nahm wurde mir ein wenig mulmig zumute. Wie viele von denen wollten den noch unserem brüchigen Russisch zuhören?

Als wir in die Runde fragte, wer den etwas über Deutschland wüsste hörten wir den Standard wie Autos, Bier und Fußball. Aber es gab auch andere Antworten: Leute konnten auf Deutsch bis zehn zählen oder wussten einzelne Worte, die nichts mit Hitler oder dem Zweiten Weltkrieg zu tun hatten. Sehr erfrischend. Fast ein wenig gerührt über das Interessen und das bereits vorhandene Wissen über Deutschland brachte wir den 14 bis 17-jährigen die Kultur, Geschichte und Küche der Deutschen näher. Wir bedankten uns und erhielten Applaus und beide wurden wir bestimmt zehn Mal gefragt ob man nicht zusammen ein Foto machen könnte.

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Erste Schule. Ein wenig verlegen.

In der zweiten Schule sprachen wir vor weniger Schülern. Vielleicht 30. Einer von ihnen viel besonders durch seine klugen und durchdachten Fragen auf. Jedes Mal meldete er sich, stand auf und sprach in sehr gutem Englisch. Er wollte vor allem wissen, wie in Deutschland mit der Verarbeitung der Geschehnisse des Holocausts umgegangen wird. Was unsere Lehrer uns beibringen würden und wie ihre Einstellung zum Thema Hitler und Holocaust wäre.

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Zweite Schule. Wesentlich überzeugter von Deutschland.

Die Präsentation hätte die Schüler übrigens weniger nicht jucken können. Sie wurde einfach an die Wand geworfen und gut war.

Als wir den Raum verließen hatte ich ein gutes Gefühl, das sofort wieder verschwand als unser Fahrer/ Zwecksdolmetscher verkündete er nehme uns nun noch mit auf eine ,,Graduation-Party“.

Auch hier möchte ich mich, zuliebe der Leser, deren Aufmerksamkeitsspanne bereits überschritten wurde als ich am Anfang von den kasachischen Tänzern schrieb einen kurzen Bericht abgeben.

Diese Graduation-Party war nichts anderes als eine Ausrede um etliche Tische mit Essen zu belade. Kurz gesagt beschreibt das den Ablauf dieser Festivität. Essen, essen und nochmal essen.

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Wir hatte die Ehre am Tisch des Gastgebers zu sitzen.

Irgendwann kam Alim auf mich zu und bat mich um etwas:

Entgegen meiner ursprünglichen Überzeugung hatte diese Veranstaltung hier neben dem Essen noch einen weiteren Zweck: Die Schüler der Sprachschule, die Alim leitete hatten irgendeinen Sprachtest bestanden und dies war ihre Graduation. Somit musste nun natürlich jedem einzelnen der Absolventen ein gerahmtes Diplom verabreicht werden. Zu diesem Zweck hatte sich schon ein viel zu großer Mann bereit gestellt, der nun mit basslastiger Stimme Worte der Gratulation und Bewunderung in ein Mikrofon brummte. Ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster wenn ich sage, dass diese Ansprache stimmlagentechnisch eher an die Motivation einer wilden Meute zum Kampf erinnerte. Sein bloßer Anblick: Ein Kirgise von diesen Ausmaßen. Sowas hatte ich und die restliche Gesellschaft im Raum sicherlich auch noch nie gesehen. Ich würde mit ihm gerne Mal eine Runde Marschrutka um den Block fahren, nur um mir Tipps zu holen wie man als so großer Mensch in den öffentlichen Transportmitteln überlebt. Sein Tipp wäre wahrscheinlich gewesen der Fahrer der Marschrutka zu sein.

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Er könnte beinahe die Birnen im Kronleuchter austauschen. Im Stehen.

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Der Riese, ein beliebtes Fotoobjekt für die ganze Familie

Und dann passierte, was passieren musste. Den Riesen, dessen Namen ich nicht kannte, aber spätestens dann erfahren würde, sobald Kirgistan eine Basketballmannschaft gründen würde hatten sie als Diplom-Überreicher ausgewählt, weil er viel zu groß für dieses Land war. Er war in ihren Augen somit besonders. Und wer war in ihren Augen noch besonders?

,,K nam sewodnja prischol valontijor is germanii. On sitschas tosche budit vam davat gramatu! KOSTJA IDI SUDA!“ [Zu uns ist heute ein Freiwilliger aus Deutschland gekommen. Er wird ihnen nun auch Diplome überreichen. KOSTJA KOMM HER.]

Unter übertriebenem Applaus für jemand, dessen einzige Qualifikation Diplome zu überreichen es war in Deutschland geboren zu sein stand ich von meinem sicheren Platz am Tisch auf und bewegte mich mit einem der unwohlsten Gefühle in Richtung Alim, Riesen und Absolventen.

,,Bitte lateinische Buchstaben, lateinische bitte bitte“, hörte ich mein Hirn flehen, als ich die schweren Dokumente in Holzrahmen entgegennahm. Und Gott sei gelobt, es waren lateinische Buchstaben. Wie hätte Harvard denn auch auf kyrillisch lesen sollen, dass der Bewerber an der Kara-Balta Language School einen Abschluss gemacht hatte.

Und trotzdem verschwand das mulmige Gefühl nicht, das an diesem Tag schon viel zu oft gekommen und wieder verschwunden war: Die Namen sahen aus als wären die Finger der Namensgeber auf der Computertastatur zu einer Partie ,,Twister“ herausgefordert worden. Zur Ermutigung kloppte mir der Riese noch einmal seine Pranke auf den Rücken, um sich daraufhin wieder zu setzen.

Und da stand ich und hob das Mikrofon zum Mund.

 

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, wie komisch es doch war in welche Situationen das Leben einen doch katapultiert: Im einen Moment siehst du dir ein Video über kasachische Tänze an und 12 Stunden später findest du dich auf einer Festivität wieder auf der eben solche Tänze auch gezeigt werden und dir Riesen auf den Rücken klopfen während du jungen Leuten ihr Ticket in eine Zukunft überreichst.

 

 

 

Überall herrscht der Zufall. Laß deine Angel nur hängen. Wo du’s am wenigsten glaubst, sitzt im Strudel der Fisch.

– Ovid

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