Von A nach B auf zentralasiatisch

Das Thema “Transport“ oder “öffentliche Transportmittel“ fasziniert mich hier in Kirgistan schon seit längerem. Anders als in Deutschland, wo ich nicht unbedingt auf sie angewiesen war, benutze ich momentan ständig Bus, Marschrutka oder auch Taxi. Beinahe täglich fällt mir aufs Neue auf, wie sehr sich doch das Vom-Fleck-kommen in Zentralasien von dem in Deutschland unterscheidet. Und ich stehe nun kurz davor euch in gewohnt ironischem und übertriebenem Stil von den Tücken und Chancen der drei Fortbewegungsmittel zu berichten.

Beginnen wir mit dem von mir am seltensten frequentierten Gefährt:

Das Taxi

Man (oder vielmehr ich) unterscheidet hier zwischen zwei Arten von Taxis:

1.

In Bischkek gibt es mehrere Taxiunternehmen. Taxi Alpha, Taxi Namba, Taxi SMS, Jorga Taxi um nur ein paar von ihnen zu nennen. Das Prozedere des Taxi-Rufens ist gar nicht so kompliziert. Spätestens nach den ersten zehn Malen hat man den Dreh raus. Zuvor allerdings wird, falls man in einer Gruppe von Leuten unterwegs ist, die erst seit Kurzem die russische Sprache erlernen, oftmals heftig debattiert, wer denn nun am besten Russisch versteht beziehungsweise spricht. Der oder die (Un)glückliche ruft dann eines der oben genannten Unternehmen an und sendet ein Stoßgebet an wen oder was auch immer er oder sie glaubt, auf dass auch ja keine unerwarteten Fragen vom anderen Ende der Leitung kommen.

Ich war so frei einen dieser Telefon-Dialoge nachzustellen:

Die Nummer ist gewählt, es beginnt zu tuten. Die Spannung im Raum steigt, ebenso wie der Puls des Anrufenden. Nach dem zweiten Tuten beginnt eine seichte Fahrstuhlmusik aus den blechernen Lautsprechern zu dröhnen, deren Aufgabe es zu sein scheint den Kunden zu beruhigen. Jedoch zögert das die gesamte Konversation nur heraus und steigert die Nervosität ins Unermessliche. Dann endlich, es macht “Klack“ und es ertönt ein Lebenszeichen:

“Allo, [Hier den Namen des Taxiunternehmens einfügen]“(Hallo, hier [Taxiunternehmen]), ertönt es meist erstaunlich freundlich aus einem Frauenmund.

“Strasdwuitje, mochna Taxi na [Hier den Name der Straße oder Straßenkreuzung einfügen]?“ (Guten Tag, könnte ich ein Taxi in die [Straße] bekommen?), spule ich den Standardsatz ab und versuche dabei so stark wie nur möglich zu nuscheln um nicht gleich als Ausländer erkannt zu werden.

“Panjatna…Sluschaitje:“[Verstanden…Hören sie zu:]

Und darauf hin folgt meistens ein Feuerwerk aus unbekannten Begriffen und Satzgefügen, aus denen ich drei bis vier Worte raushöre, die mir bekannt vorkommen. Im Winter wird man des öfteren vorgewarnt, dass für die Fahrt ein unverschämter Aufschlag von 20 Som (27 Cent) wegen Glatteis verlangt wird. Meist sind all die Informationen allerdings nicht allzu wichtig, da man den ersten großen Schritt einer Taxifahrt bereits gemeistert hat.

Nach dem verbalen Bombardement von teils noch nie gehörten Vokabeln kehrt nach einer gefühlten Ewigkeit (in Echtzeit 5 Sekunden) wieder Ruhe am anderen Ende der Leitung ein.

Zeit für die magischen Worte:

“Charascho, da swidanja!“[Gut, Auf Wiedersehen], schließe ich das Telefonat ab und drücke schnell auf den roten Hörer. Man muss den Überraschungsmoment nutzen, bevor man noch mehr Fragen gestellt bekommt, auf die man nicht antworten kann.

Die Frau am anderen Ende der Leitung könnte mir sagen, dass ich der tausendste Anrufer sei und ich soeben einen Freifahrtschein für alle künftigen Taxifahrten gewonnen habe, meine Antwort wäre trotzdem “Gut, Auf Wiedersehen“.

Wer nun denkt, damit wäre der Spuk vorbei, hat sich geschnitten. Denn wenige Sekunden später klingelt das eigene Handy. Auf dem Display wird eine unbekannte Nummer angezeigt: Es ist der Taxifahrer, dem soeben die bestellte Fahrt von der Zentrale zugeteilt wurde und der sich nun meldet um mitzuteilen, dass er bereits auf dem Weg ist und gleich vor Ort sein wird und nicht unbedingt vor hat zu warten. Die Tatsache, dass das alles so schnell vonstatten geht liegt daran, dass die unzähligen Taxen des Unternehmens überall über die Stadt verteilt sind und dem nächstgelegenen Fahrer somit der Auftrag gegeben wird.  Diese Telefonate dauern meistens nur einen Bruchteil der Konversation mit der Zentrale und könnten sich so anhören.

Der Taxifahrer meldet sich: “Allo Baike!“ [Hallo mein Herr]

“Strastwuitje“[Sei gegrüßt], erwidere ich zuversichtlich.

Und alles darauf folgende geht meistens im Lärm des Verkehrs unter. Die Taxifahrer telefonieren grundsätzlich nur mit Mobiltelefonen von vor 15 Jahren, worunter die Gesprächsqualität erheblich leidet.

Doch auch hier kann man sich meist eines einfachen Satzes bedienen:

“Da, ja idu / mui idjiom!“ [Ja, ich/wir komme(n)!]

In meinem Fall legt der Taxifahrer spätestens nun auf, da ihm klar geworden ist, dass jegliches weitere Einreden auf den Ausländer zwecklos ist und es höchste Zeit ist die eigene Aufmerksamkeit wieder auf den Verkehr zu lenken.

Der Rest der kirgisischen Taxifahrt besteht darin herauszufinden, wo der Fahrer geparkt hat, einzusteigen, die Zielstraße zu nennen, zurückzulehnen und zu entspannen im Bewusstsein, dass man es mal wieder irgendwie gebacken bekommen hat ein Taxi zu rufen.

Die Taxifahrten kosten meist zwischen 100 bis 300 Som (1,30 bis 4,00 €), abhängig von der Distanz, die es zu überwinden gilt, logischerweise. Es gibt keine Taxameter in den Autos, lediglich ein Smartphone, das mittels einer Saugnapfhalterung an der Frontscheibe befestigt ist. Auf dem Display läuft eine eigens entwickelte App, die den aktuellen Fahrpreis anzeigt, sowie andere Features, hinter deren Bedeutung ich jedoch noch nicht gekommen bin.

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SMS Taxi. Immer unterwegs. Zwei peinliche Anrufe genügen.

2.

Die andere Art kirgisischer Taxis unterscheidet sich im Wesentlichen darin, dass man sich die ganze Herumtelefoniererei spart. Meistens warten an besonders belebten Punkten innerhalb der Stadt mehrere Taxen, deren Fahrer man einfach nur ansprechen muss. Ein besonders hart umkämpfter Hotspot für derartige Taxifahrer ist der Bischkeker Manas-Airport. Wenn man das International-Terminal verlässt fühlt man sich in mittelalterliche Zeiten zurückversetzt. Dutzende Taxifahrer versuchen sich gegenseitig zu übertönen um raus zu finden, wer denn nun am lautesten ‚‚TAXI“ brüllen kann. Es fehlen noch kleine Podeste, um den Eindruck eines mittelalterlichen Marktplatzes zu verfestigen, auf dem Marktschreier ihre Waren anpreisen.

Allerdings ist der ganze Spaß auch mit Vorsicht zu genießen: Ein solches Taxi nimmt man am besten dann, wenn man Lust hat sich mal ordentlich über den Tisch ziehen zu lassen. Meist setzten die Taxifahrer, die diesen Beruf komplett privat betreiben, den Preis für Fahrten viel zu hoch an. Besonders wenn man einen sehr touristischen Eindruck macht. Aber das Gute ist, dass wir uns nach wie vor in Asien befinden. Und hier kann man handeln.

Eine kleine Anekdote am Rande vielleicht:

Ich fuhr einst mit einem solchen Taxi und kam ins Gespräch mit dem Fahrer, der mich nach meinem Namen fragte. Als ich ihm antwortete ich hieße Constantin, wiederholte er fast ehrfurchtsvoll meinen Namen. Promt sagte er vollkommen zusammenhangslos einen weiteren Namen: “Friedrich“ (für diejenigen Leser, die es nicht wissen: Mein Bruder heißt Friedrich).

Fassungslos starte ich ihn aus meinen tellergroßen Augen heraus an und stammelte fast ängstlich:

“Ad…Adkuda wui snaitje?“ [Woher wissen sie das?]

Daraufhin lacht er nur.

Im Endeffekt stellte sich heraus, dass dies einer der wenigen deutschen Namen war, den er kannte, aus dem einfachen Grund das viele Straßen immer noch nach deutschen Persönlichkeiten benannt sind (Karl Marx, Friedrich Ebert).

Aber immerhin, für einen Moment dachte ich ich säße neben dem allwissenden Taxigott Kirgistans.

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Jedes Auto kann ein Taxi sein. Nur das obligatorische Schild auf dem Dach darf nicht fehlen.

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Taxifahrer. Die Lizenz zu Parken wo man will.

Der Avtobus

Der Avtobus oder Trollibus ist sicherlich nicht das von mir am häufigsten benutze Gefährt, jedoch ist es sicherlich mein geheimer Liebling. Die Busse mögen schwer und behäbig sein wie ein Wal im seichten Gewässer und lauter als ein Samstagabend in der Disko, doch am Ende des Tages sind und bleiben sie die komfortabelste Weise in Bischkek vom Fleck zu kommen.

Aber was tun um das Busfahr-Erlebnis teilen zu dürfen?

Nun mag der Leser vielleicht denken, es gäbe so etwas wie Ticketautomaten und Monats- bzw. Jahreskarten, die man an den Haltestellen löst und daraufhin im Bus in einen Ticketstanzer steckt oder gar einem Kontrolleur vorzeigt. Möglicherweise auch noch einen Tarif, abhängig von der Distanz zum Fahrziel oder in welchem Stadtteil man sich bewegt.

Nun ja, der Leser könnte falscher nicht liegen. Eine Fahrt kostet in Bischkek 8 Som (~10 Cent), außer man ist Rentner und kann seinen Pensionär-Ausweis vorzeigen. Dann nur noch 5 Som. Wohin es geht ist dabei völlig egal: Einmal quer durch die Stadt oder eben nur zur nächsten Station, die grundsätzlich nie weiter als 100 Meter entfernt ist.

Eingestiegen wird dann, wenn sich die manchmal löchrigen Flügeltüren öffnen. Kein beleuchteter Druckknopf oder irgendein Sensor. Nur ein Knopf in der Fahrerkabine, der auch garantiert erst dann gedrückt wird, wenn alle Passagiere, die gerade aussteigen vorne beim Fahrer bezahlt und den Bus durch die vorderste Tür verlassen haben. Dann ist der Zeitpunkt gekommen und mit lautem Zischen und Pfeifen (vermutlich wegen der Hydraulik) schnellen die mittlere und hintere Tür auf und man kann die drei Stufen zum Bus- Innenraum empor steigen (Frauen und Kinder selbstverständlich zuerst).

Ich muss zugeben, dass mir bei einer meiner ersten Busfahrten nicht ganz bewusst war wie unerwartet und gnadenlos die Bustüren aufschlagen. Ich stand in der Näher der besagten Tür, als wir bereits Kurs auf die nächste Haltestelle genommen hatten. Unerwartet schnell sprang die etwas in die Jahre gekommene Tür auf und fixierte meinen Arm zwischen einer Haltestange und der Tür selbst. Nach wenigen Versuchen zu rütteln und zu ziehen gab ich auch und tat so gut es mit einem eingeklemmten Arm eben ging auf cool. Als wäre das völlig normal, so ein linker Arm zwischen Haltestange und Bustür. Sobald die Tür sich genauso ruckartig wieder schloss, nahm ich meinen etwas schmerzenden Arm zurück in Empfang und entfernte mich von meinem künftig am wenigsten gemochten Platz im Bus. Kaum auszudenken, was passiert wäre wenn ich mir irgendetwas geprellt hätte. Nicht so sehr der Schmerz, sondern die Erklärung, die ich beim Doktor abgeben müsste beschäftigt mich:

“Wie ist denn das passiert Herr Fertig?“

“Nun ja…sie sind hier doch bestimmt auch schon mal Avtobus gefahren, nicht wahr?“

Manchmal gehen die Türen auch bei voller Fahrt einfach zufällig auf und schließen nicht mehr. Ich sehe darin aber schon lange keinen Defekt des Busses mehr. Das ist nun mal eine andere, eine kirgisische Art der Frischluftzufuhr.

Über die Busfahrer an sich kann man nicht allzu viel bemerkenswertes berichten: Sie sind fokussiert, achten auf den unmittelbar vor ihnen liegenden Straßenverlauf, richten die Fahrerkabinen mit Plastikblumen, Kirgistan- Wimpeln oder Flaggen und muslimischen Rückspiegelanhängern ein und haben immer ihre öl-verschmierten Arbeitshandschuhe griffbereit. Denn ab und an (oft!) kommt es vor, dass der Bus zu schnell auf eine stark befahrene Kreuzung zu jagt und dem Fahrer erst in letzter Minute auffällt, dass unter der Motorhaube kein Ferrari V8 röhrt, sondern nur ein chinesischer Bus- und ein Elektromotor besorgniserregend laut hämmern. Und somit bremst der Busfahrer in letzter Sekunde den Bus ab, wobei durch die Kräfte der Physik die Träger aus den elektrischen Oberleitungen springen. Somit steht der Bus solange, bis der Fahrer oder die Fahrerin auf das Dach geklettert ist und eigenhändig dafür gesorgt hat, dass dort oben wieder alles funktioniert. So steht man dann zwanzig Sekunden bis fünf Minuten auf der Kreuzung (je nach dem wie geübt oder wie lange der Fahrer bereits in der Branche ist) und hinter einem baut sich eine ungeduldig hupende Masse an anderen Fahrzeugen auf.

Komfort pur. Und das meine ich.

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Keine Angst, normalerweise sieht man die Nummer klar. Nur dieses eine Mal nicht.

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Gesplitterte Scheiben waren hier noch nie ein Problem. Das ist mehr so ein Europa-Ding.

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Ganz Bischkek ist von elektrischen Oberleitungen durchzogen.

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Sollte dieser Bus die Landesgrenzen irgendwann mal übertreten wird wenigstens jeder wissen woher er kam. Der Schriftzug sagt “Kirgistan“

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Ich schwöre, von innen sieht der Bus besser aus!

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Unter der Haube hämmern die China-PS.

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Zum Neujahr sind alle Busse überschmückt. Fragt sich nur, an welcher Girlande ich mich bei der nächsten Kreuzung festhalte?

Die Marschrutka

Die Marschrutka ist ein Erlebnis. Mir fehlen leider diesmal wirklich die Worte, die treffend sind um dieses Phänomen zu beschreiben. Im Innenraum dieser Kleinbusse existiert eine Parallelwelt mit ihren eigenen ungeschriebenen Regeln und Eigenheiten.

  • Für wen steht man auf um ihm oder ihr einen Platz anzubieten?
  • Wo sitzt man am besten, wenn man vermeiden will während der Fahrt für jemanden aufzustehen zu müssen?
  • Auf welchem Sitzplatz bekommt man die Fahrweise des Fahrers und die Unebenheit kirgisischer Straßen am wenigsten zu spüren?
  • Wie viel kostet eine Fahrt und ab wann ändert sich der Fahrtpreis?
  • Wie teilt man dem Fahrer richtig mit, dass er doch bitte anhalten soll, damit man aussteigen kann?
  • Und das wichtigste von allem: Wie finde ich die Marschrutka, die mich dahin bringt, wo ich hin will?

Am Besten wird es sein ich klappere die Liste von oben nach unten ab und bringe somit Licht ins Dunkel der Marschrutka-Welt.

маршрутка [Marschrutka] leitet sich vom Russischen маршрут [Marschrut] ab, was nichts anderes bedeutet als “Route“ oder “Weg“. Marschrutka bedeutet wiederum einfach “Kleinbus“. Das Wort ist, für alle die es nach der zwanzigsten Erwähnung noch nicht bemerkt haben deutschen Ursprungs.

Überwiegend sind die Marschrutkas in Kirgistan Sprinter-Modelle von Mercedes-Benz. Aber ich sah ach schon Modelle von Ford oder Volkswagen. Im Allgemeinen sind die Kirgisen sehr stolz auf ihre Sprinter-Marschrutkas und zeigen dies in Form von völlig überzogenen Wagentatoos, die Löwen mit ihrer Pranke auf dem Benz-Stern zeigen oder in übergroßen Lettern “DAIMLER“ abbilden.

Mercedes ist eben Deutsch. Und Deutsch ist Luxus. Und Luxus zeigt man gern.

  • Für wen steht man auf um ihm oder ihr einen Platz anzubieten?

Im Groben steht man immer (!) für Menschen auf die älter sind als man selbst. Dabei gibt es jedoch verschiedene Abstufungen:  Man steht immer für eine alte Dame oder einen alten Herren auf. Meine Vorgehensweise bei dieser Problematik: “Hat der Baike weißes Haar, schwing dich weg von deinem Sitzplatz mit deinem jungen Jahr!“ Trotzdem steht man ebenfalls sofort auf für Eltern mit Baby oder Kleinkind, egal wie alt Mutter oder Vater sind (bei Frauen geht es bei 23 los). Kommt jemand mit beschwerlichen Einkaufstüten oder vollem Rucksack in den Kleinbus, so ist es das mindeste, ihm anzubieten als Sitzender für ihn die Tüten oder Taschen zu nehmen, damit er sich festhalten kann.

  • Wo sitzt man am besten, wenn man vermeiden will während der Fahrt für jemanden aufzustehen zu müssen?

Je weiter hinten, desto besser. Merken! Es gibt keinen besseren Platz, als in der letzten Reihe am Fenster. Von dort aus ist es ohnehin schon abnormal schwer aufzustehen und sich durch den schmalen Gang Richtung Ausgang zu quetschen. Wenn die Marschrutka erstmal gefüllt ist kommt hier hinten keiner so schnell an und verlangt zu sitzen. Faustregel: Je schwerer es für dich ist aufzustehen um deinen Platz anzubieten, desto wahrscheinlicher ist es, dass du deine Fahrt im Sitzen erlebst.

  • Auf welchem Sitzplatz bekommt man die Fahrweise des Fahrers und die Unebenheit kirgisischer Straßen am wenigsten zu spüren?

Das ist die Kehrseite der Medaille: Je weiter vorne, desto sanfter.Hinten sieht es aus wie in einer Werbung für einen Mixbecher. Man muss sich eben entscheiden zwischen Komfort und dem Risiko den Platz zu verlieren. Meistens kommt man aber sowieso in eine maßlos überfüllte Marschrutka und nimmt dankbar das, was man bekommt.

  • Wie viel kostet eine Fahrt und ab wann ändert sich der Fahrtpreis? 

In der Regel kostet die Marschrutkafahrt 10 som (~14 Cent). Für Pensionäre gibt es auch hier einen Sondertarif. Ab 9 Uhr kostet Marschrutka fahren 12 Som.

  • Wie teilt man dem Fahrer richtig mit, dass er doch bitte anhalten soll, damit man aussteigen kann?

Die wohl effektivste Methode ist es einfach mit dem Fahrer zu kommunizieren. Nützliche Sätze dabei sind:

“Остановите,Пожалуйста“ [Astanavite paschalusta], was “Halten sie bitte an.“ bedeutet.

Oder ganz profan:

Стой!“ [Stoi]. Stop.

Wenn alle Stricke reisen kann man sich auch einfach so nahe an die Tür stellen, dass der Fahrer von selbst darauf kommt das man raus will.

  • Wie finde ich die Marschrutka, die mich dahin bringt, wo ich hin will?

Die Einheimischen kann man nachts aus dem Schlaf reisen, ihnen einen Platz in der Stadt nennen und sie werden alle möglichen Marschrutka-Linien aufzählen können.

Kennt man ein größeres Gebäude, oder einen Platz in der Nähe des Ortes zu dem man möchte, so betrachtet man einfach die Schilder an den Windschutzscheiben, die erklären an welche größere Haltestelle die jeweilige Marschrutka fährt.

Hat man gar keine Ahnung von gar nichts, so nutzt man BUS.kg. Eine App die eigens für den Bischkeker Nahverkehr entwickelt wurde. Man sucht auf der Karte den aktuellen Standort und das gewünschte Ziel. Schon spuckt die App Ergebnisse aus. Aber Vorsicht! Man verfährt sich mindestens drei Mal, bevor man den Bogen raus hat.

Im Allgemeinem lässt sich über die Marschrutka noch sagen, dass sie standardmäßig immer gut gefüllt, bis brechend voll ist. Das geht meistens so lange bis 33 Leute in einem Bus sind der für 15 Leute ausgelegt ist. Und trotzdem wird der Fahrer immer sagen:

“Проходите, Проходите!“ [Prachaditje, Prachaditje], also “Gehen sie durch, weiter hinter!“

Und wer eine Maschrutka vom Straßenrand, abseits einer Haltestelle anhalten will, der winkt einfach in Richtung des Fahrers, der daraufhin neben einem anhalten wird.g

Oftmals frage ich mich wo ich mit meiner überdurchschnittlichen Körpergröße noch hin soll. Ins Handschuhfach? In die Gepäckhalterung?

Und nicht zu vergessen: Ein Lob an alle Marschrutkafahrer! Ihr seid die wohl größten Multitalente, die ich je gesehen habe. Keine andere Art Mensch mag im Stande zu sein lautstark zu telefonieren, eine uralte Gangschaltung zu bedienen, zu rauchen, Geld entgegen zu nehmen, Geld raus zu geben, auf die Straße zu spuken und trotz alle dem keinen Unfall zu bauen.

Danke, dass ihr uns tagtäglich sicher und illegal schnell von A nach B bringt!

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Die meisten Kilometerstände stehen bei 500.000 km. Deutsche Wertarbeit, die hier in Asien noch die Milionen knacken wird.

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Wohin soll’s gehen? Aber Achtung: Nur mit Kyrillisch-Kenntnissen einsteigen!

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Eine klassische Haltestelle für Bus und Marschrutka. Zugekleistert mit Werbung.

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Hier ist man auf jeden Stern stolz. Ach ja und telefonieren am Steuer ist das normalste der Welt.

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Was der Stadt an Farbenpracht fehlt machen die Marschrutkas teilweise wieder gut.

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Man fragt sich ob Mercedes eigenhändig diese Wimpel für den asiatischen Markt entwarf. Auf der Ablagefläche: Das Scheingeld zum wechseln, meistens sind es jedoch Münzen.

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Bewaffnet bis an die Zähne: Rückfahrkamera, Dreifachstecker, Münzbrett, Einbauradio.   Wie bitte? Serienmäßig?

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Die App hat eine kurze Einarbeitungszeit von etwa 3 bis 5 vergeigten Marschrutkafahrten.

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Innenraum einer recht modernen Marschrutka. Ich weiß: Wo sind all die Leute?

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Luxus-Marschrutka mit automatischer Schiebetür. Auf Bordservice müssen wir nochmal 10 Jahre warten.

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Kyrgyzstan in a nutshell.

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Meine Theorie ist, dass das Blumenpapier die Hitze im Winter im Motorraum halten soll.

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Warten. Manchmal 20 Sekunden, manchmal 20 Minuten.

Als ich die Fotos für diesen Blogeintrag machte wurde ich von einem älteren Mann angesprochen. Ob ich denn aus Frankreich oder England kommen würde. Als die Antwort Deutschland war fing er an von Dresden zu schwärmen und wie sauber Deutschland doch wäre. Nach zehn Minuten Plausch bat ich ihn um ein möglichst authentisches Foto. Das war was ich vor die Linse bekam:

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Cool to the bone.

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Wenn man das magische Wort “GERMANIA“ hört ist plötzlich niemand mehr foto-schüchtern.

Ein Gedanke zu “Von A nach B auf zentralasiatisch

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