Von Kreuzfahrt-Kirgisen und One-Hit-Wonder-Fotografen

Die folgende Episode aus meinem Leben in Kirgistan ereignete sich vor beinahe zwei Monaten. Über diese Zeit hinweg habe ich nie die Ruhe gefunden das Geschehene in Worte zu fassen. Doch nun versuche ich den Leser mit immenser Verspätung an einem meiner kleinen Schlüsselerlebnisse teilhaben zu lassen:

 

Ich sprang die letzten drei Stufen der Treppe hinunter. Aber warum hatte ich das gemacht? Ich gehe diese Treppe mindestens zweimal pro Tag hoch und runter, doch niemals war ich so übermütig gewesen und war den letzten kleinen Treppenabsatz einfach hinunter gesprungen. In den letzten drei Monaten war ich eben diese Stufen täglich mindestens zwei Mal einfach hoch beziehungsweise runter gelaufen, ohne mir irgendetwas dabei zu denken.

Noch während ich überlegte, was mich wohl geritten hatte den Weg aus der Wohnung hinaus in eine Parcour-Einlage zu verwandeln, drückte ich den roten Plastikchip an meinem Schlüsselbund gegen das kleine Druckfeld, welches sich an der massiven Eisentür befand, die das Treppenhaus von der Straße trennte. Es ertönte wie gewohnt der selbe schrille, lang andauernde Pieps-Ton, der signalisierte das die Tür nun elektronisch entriegelt war. Der gleiche Ton, den ich schon seit Wochen, wenn nicht Monaten hörte.

Es ist immer wieder aufs Neue erstaunlich, dass ich die Tür morgens mit einem kleinen Stück Plastik entriegele, dafür aber 15 Minuten später in einen Bus steige, dessen Außenseite deutsche Werbung von vor 15 Jahren ziert. Zudem lassen die Motorengeräusche öfters daran zweifeln, ob man denn an diesem Morgen wirklich das gewünschte Fahrtziel erreichen wird. Wer sich jemals gefragt hat, wo denn all die deutschen Busse von vor mehr als einem Jahrzehnt gelandet sind, sei unbesorgt. Sie leben hier in Zentralasien weiter, der Prüfstelle Nummer 1, wenn es darum geht zu erfahren wie lang so ein Bus-Motor wirklich lebt.

Unter Einsatz meines ganzen Körpergewichts drücke ich die schwere Metalltür auf und stolpere hinaus, raus auf Bischkeks Straßen.

Sofort fühle ich, wie die vereinzelten Tropfen des kühlen Schneeregens mein Gesicht benetzen. Es ist kalt geworden. Kalt und ein wenig ungemütlich hier in der Hauptstadt Kirgistans. Das liegt allerdings mitnichten allein an der klimatischen Situation:

Zum Zeitpunkt dieser Erzählung haben sich einige Dinge verändert, Dinge persönlicher Natur. Ohne zu tief in die Materie einzudringen möchte ich nur gesagt haben, dass mir vieles trist erschien und ich mit mir selbst kämpfen musste.

Ich brauchte Ablenkung, eine Herausforderung, irgendetwas…

Wie der Zufall so will hatte ich kürzlich davon Wind bekommen, dass die Verlängerung meines Visums vor der Tür stand. Auf die Frage, ob ich den im Besitz von Passbildern sei, die zur Verlängerung des Visums nötig waren, musste ich wohl oder übel mit “Njet“ antworten. Ich besitze zwar eine Kamera, die die Herausforderung eines simplen biometrischen Passbildes mit Leichtigkeit stemmen könnte, jedoch hatte ich ungeheuer wenig Lust mein Zimmer in ein semiprofessionelles Fotostudio zu verwandeln. Und zu allem Überfluss besaß ich ja nicht mal einen Drucker.

Was mir allerdings Hoffnung gab, war die Tatsache, dass ich bei diversen Spaziergängen, teils flanierend, teils hastig eilend durch Unterführungen an belebten Straßen gelaufen war. Des öfteren hatte ich in diesen, ganz im Gegensatz zu Deutschland extrem belebten und mit kleinen Ständen gesäumten, unterirdischen Gängen diverse Schilder mit den Lettern “фото“[Foto] erblickt.

Ich zog den Reißverschluss der Motorrad-Lederjacke, die mir ein Bekannter meiner Großmutter vor der Abreise überließ bis zum Anschlag zu. “Es wird doch so kalt, dort wo du hingehst.“ Oh, wie Recht er haben sollte.

Der Abend legte sich über die Stadt und tauchte die ohnehin durch den Schneeregen dunkel wirkende Szenerie in ein noch dunkleres Licht. Trotz des ungemütlichen Wetters war auf den Straßen auch zu so fortgeschrittener Stunde noch ein beachtlicher Betrieb. Die Menschen wirkten ausgelassen: Sie stehen feixend und schnatternd an Marschrutka-Haltestellen, schmatzen zufrieden an fettigen ,,Gamburgern“ (der kirgisischen Version des Döners) oder erledigen ihren abendlichen Einkauf an den vielen üppig gefüllten Obst- und Gemüseständen an den Straßenrändern.

Ich wusste wohin ich wollte: Wie bereits zuvor erwähnt hatte ich Fotoshops, beziehungsweise deren Schilder in Unterführungen gesehen. In Bischkek wohne ich auf der Sultan Ibrahimanova Street, Ecke Moskovskaya Street. Die Wohnung ist zentral gelegen und ermöglicht es mir, alle meine Besorgungen in einem Radius von einem Kilometer zu erledigen.

Aber genug davon, ich will die Wohnung ja niemandem verkaufen. Die Unterführung am Ala-Too Platz schien mir für mein Vorhaben am geeignetsten. Dieser Platz ist mit der größte in der Hauptstadt und prinzipiell auch sehr simpel zu finden.

Das dachte ich mir, bis zu dem Punkt, an dem ich an der Kreuzung stand, die die Grenze meines Orientierungs-Horizonts markierte (keine Sorge, zum Zeitpunkt der Entstehung des Blogeintrags hat sich mein Orientierungs-Radius mindestens um 200 Meter in besagte Richtung erweitert).

Autos hupen, Taxifahrer brüllen “такси такси!“ [Taxi Taxi!] in meine Richtung und zahllose Passanten streifen an mir vorbei, vorbei auf ihrem Weg nach Hause.

Mache ich wirklich so einen verlorenen Eindruck? Die Taxifahrer blicken zu mir rüber, als sähen sie in mir die Brücke in ein reicheres Leben. Aber Nein Genossen, für eine lumpige zwei minütige Taxifahrt von besagter Kreuzung zum Ala-Too Platz lasse ich mich nicht ausnehmen, wie eine Weihnachtsgans. Selbst ist der Mann und ich werde es ja noch irgendwie schaffen einen Ort zu finden, an dem ich schon so oft mehr oder weniger ,,aus Versehen“ vorbeigekommen bin .

Während ich die Stimmen der Taxifahrer, die wie Geier in der Wüste über mir zu kreisen scheinen immer näher kommen höre, fasse ich den Entschluss zuallererst die Straße zu überqueren, um mich neu zu orientieren. Hastig über die Straße sputend, merke ich, wie die Stimmen hinter mir in der Geräuschkulisse des abendlichen Bischkeks verschwimmen. Nur noch vereinzelt höre ich Rufe:

“Oi, Maltschik!“ [Hey Junge!]

oder

“Maladoi Tschelowek! Taksi!“ [Junger Mann! Taxi!]

Den reißenden Fluss des Verkehrs überwunden, komme ich, jetzt schon skeptisch eingestellt gegenüber meinem Vorhaben an der anderen Seite der Straße an. War diese ganze Aktion vielleicht etwas überstürzt? Sollte ich mich vielleicht zuerst ein wenig mit meinen eigenen Gedanken beschäftigen?

Quatsch, denke ich schnell, schüttele den Kopf und mache eine Handbewegung, als würde ich versuchen jene negative Gedanken wegzufegen. Nein, es ist Zeit für ein kleines Abenteuer, auch wenn es für den Leser nur wie ein ordinärer Stadtspaziergang klingen mag. In meinem Fall suchte ich den Adrenalinkick nun mal in einem Passbild-Fotoshooting. So einen Satz hätte ich in Deutschland niemals von mir gegeben, doch so verhält es sich hier scheinbar.

Ich wäge meine Optionen ab:

1. Nicht nachdenken und einfach drauf los laufen. Doch es ist schon zu spät um mich zu verlaufen. Die Zeit habe ich nicht. Ich habe Russisch-Hausaufgaben zu machen, Wäsche zu waschen, Essen zu kochen, Serien zu schauen.

2. Das Internet nach dem Weg fragen. Jedoch würde es höchstwahrscheinlich keine exakte Beschreibung von meinem jetzigen Standort zum Ala-Too Platz geben. Google Maps würde mich auch nur in die falschen Richtungen ordern. Zudem würde ich die ganze Zeit auf mein Phone starrend durch die Straßen stolpern, was mich erneut wie auf dem Silbertablett für Taxifahrer servieren würde. Bei diesem Gedanken schienen die Rufe wieder näher zu kommen.

3. Einen Fremden fragen. Aber dazu müsste ich ja Mut beweisen und überzeugend rüberkommen. Zu allem Überfluss wäre es dann ja auch noch von Nöten, dass ich in die Russisch-Trickkiste greife, was mir zu dieser fortgeschrittenen Stunde noch schwerer zu sein schien, als ohnehin schon.

Noch in meinen Denkprozess vertieft, nahm mir das Leben, wie so oft die Entscheidung ab: Unweit von mir löste sich ein kirgisischer Mann, nicht älter als 30 Jahre aus einer Konversation und steuerte nun mit Blick zum Boden in meine Richtung. Aus seiner Jackentasche kramte er eine Schachtel Zigaretten hervor, während er immer näher kam und ich mich schon in Angriffsstellung begab. Option 3 also:

“Sdrastwuitje Baike“, überrumpelte ich den Mann, der sich grade genüsslich eine Zigarette anzünden wollte. “Guten Tag Baike“ (Baike ist die respektvolle kirgisische Anrede für einen Mann, der älter ist als man selbst) war so ziemlich das nichts sagende, womit man eine Konversation anfangen kann. Doch noch bevor der Kirgise, dessen Augen nun nicht mehr auf den Boden gerichtet waren, sondern direkt in mein fragendes Gesicht blickten überhaupt die Möglichkeit hatte meinen höflichen Gruß zu erwidern, setzte ich nach:

“Skaschitje: Wui snaitje gdje eta Ala Too?“

.Wow, ich gab meiner armen nicht-slawischen Zunge eine kleine Verschnaufpause: Das waren viel zu viele “je’s“ für die simple Frage, wo denn der Ala-Too Platz war. Aber ich war zufrieden: keine Versprecher, kein Verhaspeln und kein Wort, das mir nicht eingefallen war. Eine kurze prägnante Frage, deren Antwort, zumal an einen Einheimischen gerichtet ziemlich eindeutig sein müsste. Was würde er mir schon sagen? Geh grade aus,  zweimal recht, am 12. Obststand links vorbei, dann ein letztes Mal rechts und du wirst auf dem Platz stehen. Innerlich triumphierte ich: Ich war stolz, dass ich die Situation zu meinem Gusten gedreht hatte.

Ich schwelgte weiter in Eigenlob, bis mich ein jähes “Schto?!“auf die verregnete Straße zurückholte:

“Schto?! Schto chotschesch?!“[Was? Was willst du?!], schallte es mir mit einem verwirrten Unterton entgegen.

Offensichtlich schien der Mann meinem Anliegen, den bekanntesten Platz der Stadt zu finden nicht folgen zu können. Aus der Rückfrage, was ich von ihm wollte, leitete ich ab, dass irgendein Teil, der von mir gestellten Frage fälschlich sein musste. Die Kippe, die er sich zu Beginn der Unterhaltung in den Mund gesteckt hatte, hing immer noch in selbigem Mundwinkel und verformte sich nun unter den stetig prasselnden Regentropfen. Die Zigarette schien sich zu biegen, biegen vor Lachen über das klägliche Scheitern meines Versuchs, so mir nichts dir nichts eine Wegbeschreibung zu erhalten.

“Ja iskaju Ala Too.“, startete ich einen erneuten Versuch. Vielleicht hatte ich den offensichtlich kirgisischen Namen des Platzes einfach so schlimm ausgesprochen, dass für den Mann keinerlei Wiedererkennungswert bestand. Aber auch auch nach meiner Aussage “Ich suche den Ala-Too“ sah ich kein Verständnis in seinem Gesicht aufblitzen.

Nun war es erneut an der Zeit für eine taffe Entscheidung: Würde ich den Mann ziehen lassen, um mich daraufhin selbst irgendwie zum Ala-Too Platz durchzuschlagen oder würde ich in die Pantomime-Trickkiste greifen, um ihm irgendwie mitzuteilen, dass ich diesen verdammten Platz suchte?

Einen kurzen Moment lang dachte ich mir im Stillen, es wäre vielleicht das klügste dem Mann einen freundschaftlichen Klapps aus den Rücken zu geben und mich für seine Bemühungen zu bedanken.

Aber war die ganze Situation nicht ohnehin schon peinlich und absonderlich genug? Ich entschied mich dazu, der gesamten peinlich berührten Angelegenheit noch ein Schuss Lächerlichkeit zu verpassen:

“Tam jest bolschoi Flag Kirgistan!“ [Dort ist eine große Kirgistan Flagge!], begann ich meine Show-Einlage und zeichnete mit beiden Händen ein überdimensionales Rechteck in die Luft. Die Augen des Kirgisen verengten sich zu noch schmäleren Schlitzen, als sie es von Natur aus schon waren. Gleichzeitig schaffte er es allerdings sich den selben verwirrten Blick beizubehalten mit dem er mein Rumgefuchtel vor seinem Gesicht musterte.

Langsam schwand meine Hoffnung und ich machte einen letzten Anlauf, der die zündende Information bringen sollte:“Tam jest tosche bolschaja figura Manas!“[Dort gibt es auch eine große Statur von Manas (kirg. Volksheld)]

ala-too-sqare

So schlecht ist die Beschreibung doch gar nicht, oder? Große Flagge und große Statur. Gleich und gleich gesinnt sich gern. (Bild: Daniel Jablonski)

Plötzlich lösten sich die zu Schlitzen verengten Augen meines Gegenübers und wurden handtellergroß. Ein lautes “Ahhhhhh, Ala Too Ploschad!“[Ah der Ala Too Platz] entwich ihm und er fing an zu lachen.

“Daaaaaaaaaa!“, stieß auch ich ein triumphierend lachendes “Ja!“ in die kalte Nachtluft aus, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt absolut keinen Schimmer hatte, was denn bitte ein Ploschad war.

Der Kirgise, dessen Zigarette mittlerweile völlig ihre natürliche Figur verloren hat, macht keine Anstalten mir so einfach den Weg zum Platz zu beschreiben. Jedoch packte er mich am Ärmel meiner Lederjacke und zerrte mich, immer noch sichtlich amüsiert über meinen Versuch, mich in einen große Kirgistan-Flagge reinzuversetzen in die scheinbar richtige Richtung.

Ungeachtet der roten Ampel und dem lautstarken Gehupe der anfahrenden Autos manövrierte mich mein nicht allzu großer Gesprächspartner über die Straße und fragt parallel:

 “Atkuda ti?“[Woher kommst du?]
“Germania!“, antwortete ich schmalspurig.
“Oi, atkuda v Germanii?“[Oi woher aus Deutschland], löcherte er den Deutschen, dem die gesamte Situation grade sehr surreal erschien. Ich wollte doch nur ein Foto für mein Visum…
Nun stehe ich vor einem Problem, dem ich hier recht oft gegenüber stehe: Den meisten Kirgisen ist Deutschland nicht so fremd, wie uns deren Land fremd ist. Will heißen, dass sie sich meist nicht mit der Information, das man aus Deutschland kommt zufrieden geben. Sie wollen es genauer wissen. Doch keiner von ihnen kennt ein kleines Dorf im Herzen Unterfrankens. Somit musste ich mich der nächst größeren Stadt bedienen, von der ich glaubte, dass mein Gegenüber sie kennt.
Und so sagte ich was ich immer sage:
“Wui snaitje Kamanda ,,FC Bayern München“ [Kennen sie die Mannschaft “FC Bayern München?“]
Und natürlich kannte er die Bayern.
In schnellem Tempo lotst mich mein neu gewonnener Reiseguide durch die abendliche Hauptstadt. Ohne weitere kramt der Mann, der sich mittlerweile eine neue Zigarette angesteckt hat sein iPhone aus den Untiefen seiner Hosentasche und fordert mein Russisch zu einer nächsten Runde auf:
“Moschna tebje pakasivat fotografii?“ [ungefähr: Darf ich dir ein paar Fotos zeigen?“]
“Moschna, kanjeschna“[Natürlich dürfen sie], antworte ich, während ich unaufhörlich entgegenkommenden Fußgänger ausweiche.
Und darauf hin zeigt mir ein Mann, den ich vor fünf Minuten das erste Mal zu Gesicht bekommen habe Bilder von sich und seiner Familie auf einer Europa-Rundreise mit anschließender Kreuzfahrt im Mittelmeer. Bilder von allen erdenklichen Destinationen in Europa: Er mit Tochter, Frau und Sohn vor dem Camp Nou in Barcelona, vor dem pariser Eiffelturm, dem Kolosseum in Rom, dem Big Ben in London. Und dann folgen Bilder von der Familie samt Tante, die in Deutschland arbeitet vor dem Brandenburger Tor in Berlin und Bilder von Schnitzel in Ulm.
 Als ich merkte, dass ich wieder wusste, wo ich war und wie ich mein Ziel erreichen würde, ließ ich es den von Europa begeisterten Kirgisen an meiner Seite höfflich wissen:
“Baike, spasiba bolschoi! Sitschas ja snaju kuda ja dolschen idi.“ [Danke Baike, jetzt weiß ich wieder wohin ich laufen muss]
Ich verabschiedete mich mit ausgiebigem Händeschütteln und überhäufte den Mann sowohl mit kirgisischen als auch russischen Danksagungen. Ich blickte ihm noch kurz hinterher, sah zu, wie er die Straße überquerte, per Handzeichen ein Taxi anhielt, einstieg und wegfuhr.
Er war genauso schnell aus meinem Blickfeld verschwunden, wie er aufgetaucht war. Mir wurde klar, dass er gar nicht in diese Richtung hätte laufen müssen. Er hatte den Umweg einfach auf sich genommen, um einem Fremden zu helfen, der sonst höchstwahrscheinlich am anderen Ende der Stadt rausgekommen wäre. Wäre mir so etwas jemals in Deutschland passiert?
Nun sah ich sie endlich vor mir: Die Unterführung. Der eigentliche Grund dieses ganzen Tamtams. Beschäftigt aussehende Menschen stiegen die vom Schneeregen rutschigen Stufen auf und ab. Sie alle wollen nach Hause, so wie es scheint. Doch ich hingegen will nur eins: Dieses vermaledeite biometrische Passfoto.
Nachdem ich die Stufen hinuntergestiegen war, sah ich mich in den von Neonröhren erhellten Labyrinth-artigen Gängen um und erblickte schließlich das ersehnte Schild mit dem Wort “Foto“. Es hing über einer Eingangstür, die sich nicht richtig schließen ließ und dem Passanten durch ein gläsernes Loch Einblick in das “Fotostudio“ gab.
Ich trat ein und gab den mittlerweile in Zunge und Blut übergegangenen Standard-Spruch “Strastwuitje“ von mir. Ich entdeckte den Fotografen am anderen Ende des Raums, welcher mir ebenfalls einen müden Gruß entgegenwarf und mich nun mit seinen nicht allzu wach aussehenden Augen fixierte.
“Wui tosche delaitje fotografii dlja Visi ili Pasporti“ [Macht ihr auch Fotos für Visas oder Reisepässe?], versuchte ich den Grund meines Besuches zu beschreiben.
Der Fotograf nickte leicht, als sei es ihm vollkommen egal, ob er diesen nassen Ausländer, der da vor ihm stand heute noch fotografieren würde oder nicht. Mit einer ausladenden Handbewegung zeigte er auf eine Preisliste samt Exempelfotos an der Wand.
Die Beispielfotos zeigten Portraitbilder des düster blickenden Putins, neben denen die Abmessungen des jeweiligen Fotos standen. Als ich auf eines der Beispielbilder deutete und “eta“ [dieses] von mir gab, musste ich mir verkneifen scherzhaft “No bes putina paschaluista“ [Aber bitte ohne Putin] zu sagen.
Der Fotograf bedeutete mir, ich solle es mir doch bitte auf dem Hocker vor der weißen Wand bequem machen, woraufhin ich meinen Rucksack ablegte und die Kopfhörer aus den Ohren zog, die mir die ganze Zeit über einen Soundtrack zu meinen absonderlichen Erlebnissen geliefert hatten.
Kaum saß ich augenscheinlich richtig auf dem wackeligen Hocker, positionierte sich der Fotograf vor mir, riss die Kamera, die er zuvor auf Hüfthöhe gehalten hatte hoch zu seinem Gesicht und drückte ab. Frei nach der Methode “Diese Deutschen musst du überraschen! Das bringt sie aus dem Konzept!“

 

Immer noch geblendet vom grellen Blitzlicht des Apparates starrte ich nun auf das Display der Nikon-Kamera, das mir unter die Nase gehalten wurde und beschloss einfach “Da!“ zu sagen. Mir erschien es sehr schwer Verbesserungsvorschläge auf Russisch zu unterbreiten, geschweige denn auf Kirgisisch.

Gegen den bescheidenen Betrag von 210 Som (umgerechnet vielleicht 3 Euro) wurden Scheine gegen Bilder getauscht und nach kurzer Zeit fand ich mich wieder vor eben der selben klapprigen Eingangstür, an der unzählige Kirgisen hastig vorbeieilten.

Ich zog die Bilder aus der Plastikfolie, um sie nun ein erstes Mal wirklich zu betrachten.

 

Komisch. Irgendwie sah ich glücklich aus.

 

Die Menschen sind da, um einander zu helfen, und wenn man eines Menschen Hilfe in rechten Dingen nötig hat, so muß man ihn dafür ansprechen.

-Jeremias Gotthelf

 

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Warum bin ich da nur runtergesprungen?

 

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Sieht vielleicht nicht aus wie “Mieten, Kaufen, Wohnen“, aber… naja nix aber.

 

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Beschäftigtes Treiben in den unzähligen Gängen der Unterführungen.

 

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Von Uhren, über Handyhüllen bis hin zu Gürteln. Hier kann man sich praktisch neu einkleiden.

 

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Der Anflug eines Grinsen ist zu sehen.

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