Warum es sich lohnt einen Konferenz-Kirgisen zu treffen

Ich denke für die folgende Geschichte ist es zuerst notwendig eine Art ,,Exposition“ der Charaktere, die in meiner Erzählung auftauchen, zu liefern:

Venera ist sozusagen meine Vorgesetzte, aber ich bin der festen Überzeugung, dass der Begriff ,,Boss“ es besser trifft. In keinster Weise heißt das, dass sie mich rumkommandieren würde, oder etwas dergleichen. Ich gehorche ihr nun mal. Venera ist die Klassenlehrerin der 7. Klasse der Schule für behinderte Kinder und Jugendliche ,,Ümüt-Nadjeschda“. Ihre Klasse ist die ,,höchste“, will heißen, dass danach nichts mehr Klassen-mäßiges im Nadjeschda Schul-System  kommt, lediglich die Werkoberstufe, in der Jugendliche arbeiten, die die Nadjeschda Laufbahn vollendet oder aus ihr ,,rausgewachsen“ sind.

Mayram ist die linke Hand von Venera und somit der weibliche Assistent, den es in jeder Klasse der Schule gibt. Müsste ich mich selbst einer von Venera’s Händen zuordnen, so wäre ich ohne Zweifel die zweite linke Hand, denn keiner meiner Handgriffe sitzt wie einer von Mayram. Sie ist 23 Jahre alt und arbeitet seit einem Jahr bei Nadjeschda, jedenfalls meine ich das so verstanden zu haben.

Ruslan ist mit seinen 14 Jahren eines der Kinder, die seit Kindesalter an bei Nadjeschda dabei sind. Seine Laufbahn begann im Kindergarten der Einrichtung und seither hat er bereits Generationen von deutschen Freiwilligen, die einen Arbeitsdienst in seiner Schule angetreten haben miterlebt. Dementsprechen steht es auch um seine Kentnisse der deutschen Sprache. Er kennt viele Worte oder Phrasen, ist sehr wissbegierig und scheut sich nicht sein Deutsch einzusetzen, was ich bemerkenswert finde. Außerdem sitzt Ruslan im Rollstuhl, kann sich jedoch sehr gut robbend auf dem Boden fortbewegen und ist von Zeit zu Zeit etwas nervig. Sein Lieblingswort ist ,,Pamagi!“ (Hilf mir) und auf Deutsch ,,Schnell Schnell“.

Артём (Artijom) besitzt nicht nur das zarte Alter von 16 Jahren, sondern auch einen ebenso filigranen Körperbau. Jedem Freiwilligen wird in seiner Klasse ein Kind zugeteilt, auf welches er über die gesamte Zeit hinweg ein Augenmerk werfen soll. Das ist etwas geschwollen ausgedrückt für die Tatsache, das man einfach mit dem jeweiligen Kind am meisten Zeit verbringt und sich besonders um es kümmert. Artijom ist mir zugeteilt und zählt als schwerbehindert: Er kann nicht sprechen, lediglich krampfartige Bewegungen ausführen und muss gefüttert werden. Jedoch ist der Junge sehr clever und versteht mehr als einem zuweilen lieb ist. Russisch und Kirgisisch sind für ihn kein Problem zu verstehen und sogar auf so manches deutsches Wort reagiert er.

Aidschan oder Aidschana, je nachdem wie schnell der Name ausgesprochen werden muss variiert das, ist ebenfalls auf den Rollstuhl angewiesen. Jedoch, wie auch in Ruslan’s Fall kann das Mädchen auf dem Boden hin und her robben um von A nach B zu kommen. Aidschan spricht nicht viel, zum einen weil es ihr, denke ich, schwer fällt und zum anderen, da sie viel lieber zuhört. Ihr Lieblingswort ist ,,сама“ (selbst), womit sie mir nicht selten klar macht, dass sie das, wobei ich ihr grade helfen will auch ganz gut alleine auf die Reihe bekommt.

Aijana kann, wie Artijom auch, nicht sprechen aber verständigt sich über nur leicht variierende Laute, von denen man leider sehr schlecht ableiten kann, was sie denn nun von einem möchte. Sie ist unheimlich aufmerksamkeitsbedürftig und wird auch schnell weinerlich wenn sie sich ,,vernachlässigt“ fühlt. Teilweise ist das bereits der Fall, wenn man seinen Blick kurz von ihr abwendet. Sie kann mit Hilfe laufen und freut sich sehr über alles, was sie ihrer Meinung nach selbst gemacht hat. Und diese Freude lässt man ihr gerne. Allerdings rate ich strengstens davon ab, zu versuchen sich unbemerkt mit Aijana irgendwem anzunähern: Der pinguinhaft-watschelnde Laufstil, den sie pflegt, gepaart mit den sympathisch gackernden Lauten, die das Mädchen von sich gibt, machen es unmöglich nicht in der ganzen Schule gehört zu werden.

Zu guter Letzt, der Neuzugang in der siebten Klasse: Medina, oder wie ich sie gerne nenne ,,Kung-Fu Panda“. Ich habe selten in meinem Leben ein so niedliches Geschöpf gesehen, das nebenbei eine unverkennbare Ähnlichkeit mit der Hauptfigur des gleichnamigen Kinder-Films hat: Medina isst unheimlich gerne und dazu auch noch sehr viel, ist pummelig, hat ein breites Gesicht mit dicken Hamsterbacken und sie spielt gerne mit Bauklötzen mit denen sie beinahe ausschließlich Türme baut. Das alles im Schneidersitz oder in der klassischen russischen-/ zentralasiatischen- Hockposition. Allerdings muss man, um Medina verstehen zu können,  Medina erleben. Ich weiß, das klingt eher nach der Werbung für einen Freizeitpark als nach der Beschreibung für ein 10-Jähriges Mädchen, aber sie ist teilweise der Grund warum sich ein anfangs schlechter Tag in einen guten verwandelt, weil ich entweder wegen ihr lauthals loslachen muss, oder in ein tiefes von Niedlichkeit gerührtes ,,Ohhhhhhhhhhhhhh“ verfalle.

Aber das sind sie alle miteinander, die Nadjeschda-Kinder: Liebenswert und niedlich.

Vielen Dank an jeden, der bis hierhin gelesen hat, auch wenn ich bis zum jetzigen Zeitpunkt nur ein paar Personen vorgestellt habe, die für den Leser möglicherweise nicht mal von geringster Bedeutung sind. Aber ich finde es notwendig für diesen und möglicherweise auch kommende Blogeinträge eine kleine Exposition zu geben.

Nun möchte ich aber nicht länger mit der eigentlichen Geschichte hinterm Zaun halten und dem steht nun auch nichts mehr im Wege:

,,Konstantin?! KONSTANTIN?!“

,,DA! Schto Slutschilos?“, entfährt es mir etwas ruppig, aber immer noch mit dem nötigen Respekt in der Stimme. Immerhin spreche ich mit Venera, meiner Klassenlehrerin. Mit ihren circa vierzig Jahren ,dem Bob-artigen Haarschnitt, der eckigen Brille und der kleinen Knubbel-Nase sieht sie alles andere als streng aus. Sollte sich allerdings eine Situation ergeben, in der nicht alles wie nach Strich und Faden verläuft, so verlassen pro Sekunde etwa 10 russische Wörter den kleinen kirgisischen Mund und das in einem Maß der Undeutlichkeit, bei dem Nuschel-Legenden wie Till Schweiger erblassen würden. Ich bin darüber aber keineswegs verärgert, da ich sowieso von niemandem erwarte oder verlangen möchte, dass man das Sprechtempo mir anpasst. Man lernt eine Sprache am Besten durch das Lauschen von unverstellten Gesprächen von ,,Natives“.

,,Dawai! Deti na ulitsa!“, bekomme ich als Antwort auf meine Frage, was um alles in der Welt den los wäre, dass sie in diesem Ton nach mir ruft.

,,Charascho, panjatna!“, erwidere ich, während ich, aufgeschreckt wie ein wildes Huhn, hektisch durch das Zimmer der siebten Klasse jage. Gerade eben saß ich noch gemütlich zusammen mit Ruslan auf dem Teppich, quatschte mit ihm über Gott und die Welt und nun erfahre ich das die Kinder so mir nichts dir nichts nach draußen sollen. Warum weiß ich nicht, wie in so vielen anderen Situationen auch. Aber was Venera sagt ist nicht Musik, sondern Gesetz in meinen Ohren. Heißt im Klartext, sobald sie die Anweisungen runterrattert spurt auch der drei Köpfe größere Kostja und sieht zu, dass er alles versteht.

,,Ruslan, gdje eta twoja Kurtka? Aidschan, tibje nuschna Kaljaska? Aijana, u tebja jest…“, ach Moment…Aijana kann doch gar nicht sprechen. Wie in vielen anderen Fällen auch muss ich mir die Antworten auf meine eigenen Fragen selbst geben, denn sollte ich bei Venera nachfragen, so verstehe ich die Antwort grundsätzlich noch weniger, als die Anweisung, die ich zuvor erhalten habe. Das ist nun mal das Los der Freiwilligen, die vor dem Antritt ihres Dienstes in Kirgistan nicht auf eine Waldorf-Schule gegangen sind und somit auch nicht die Chance hatten Russisch zu lernen.

Ohne große Fisimatenten packe ich mir Ruslan und setzte ihn gewollt etwas unsanft in seinen Rollstuhl. Auch meine Geduld ist strapazierbar, vor allem, wenn man sich als Muttersprachler, wie er einer ist, über die Probleme eines blutigen Anfängers der russischen Sprache lustig macht. Seit Wochen versuche ich mir das Wort für Handtuch einzuprägen (полотенце), was ziemlich wichtig ist, da ich den Kindern vor Frühstück und Mittagessen jeden Tag die Hände in einer kleinen rosa Plastikwanne wasche und danach abtrockne. Da kann es schon mal passieren, dass einem in der Hitze des Alltags das ein oder andere Wort entfällt und man sich einfacheren Umschreibungen bedient. Wenn ich also statt ,,полотенце“ zu ,,balschaja sovietka“ (großes Taschentuch) greife, so weiß eigentlich jeder was gemeint ist. Und solange ich mir den richtigen Begriff nicht merken kann, werde ich die Kinder nun eben fragen, wo denn bitte ihr übergroßes Taschentuch ist, ganz egal wie affig das klingt. Im Gegenzug, fange ich, sobald Ruslan mir mal zu sehr auf den Zeiger geht, an mit ihm nur noch Deutsch zu reden. So drehe ich den Spieß um, und er ist in dran, sich aus den paar Wörtern, die er versteht einen sinnvollen Satz zu stricken. Gefällt ihm komischerweise gar nicht.

Während ich Aijana helfe in ihre kleinen Schühchen zu schlüpfen,oder besser gesagt: Während ich ihr die Schuhe anziehe, klatscht sie eifrig in die Hände, in der Annahme sie hätte da alles selbst erledigt. ,,Maladietz“, lobe ich sie für die pure Tatsache, dass sie nicht wie so oft versucht hat, die Schuhe zu packen, ihnen einen Schmatz aufzudrücken und sie anschließend, nach dieser nur kurz andauernden Romanze, in hohem Bogen durch den Raum segeln zu lassen. Um das Mädchen soweit zu bekommen, mir dabei zu helfen sie aufzurichten benutzte ich eine spezielle Mixtur aus Russisch und Kirgisisch, die sich bewährt gemacht hat: ,,Dawai Aijana! Bir, Iki, Ütsch! Bas Bas Bas!“ (Los Aijana! 1,2,3! Geh Geh Geh).

Aus dem Augenwinkel sehe ich bereits, wie Aidschan, die ja ohnehin vieles selbst macht aus dem Raum geschoben wird. Wie ein Neugeborenes packe ich Aijana und setze sie schnell, wenn auch behutsam in den Rollstuhl. Hier muss man bzw. ich besonders aufpassen, da ein unsanftes Absetzten von Aijana dazuführen könnte, dass sie anfängt zu weinen und sich die nächste Zeit erstmal nicht wieder einkriegt.

Ich gucke aus dem Fenster: Ein warmer Tag in Kirgistan, die Sonne scheint und die Vögel zwitschern. Wichtig ist nur die Info mit der Wärme. Das heißt den Kindern müssen keine Jacken angezogen werden und bei was immer wir auch gerade tun spielt Zeit sicherlich eine Rolle.

Eilig drücke ich den Rollstuhl voran. Durch den Anschub wird die unaufhörlich plappernde Aijana in die Lehne ihres blauen Gefährts gedrückt. Los geht der wilde Ritt über Türschwellen und durch deren Rahmen aus dem Klassenzimmer raus hin zur Rampe, die von der zweiten Etage ins Erdgeschoss führt und nicht nur sehr kurvig, sondern auch sehr glatt ist. Dem nicht genug: Mit den Rollstühlen, in denen die Kinder bei Nadjeschda rumgeschoben werden, verhält es sich teilweise ähnlich, wie mit den Autos auf Bischkek’s Straßen: Einige sind brandneu und haben Features wie zum Beispiel Handbremsen für den Schiebenden. Die Meisten jedoch haben die besten Tage bereits hinter sich und sind nun mehr ein Schatten ihrer selbst, deren Feststell-Bremse nicht mal mehr funktioniert. Praktischerweise eiere ich gerade mit Aijana in genau so einem die extra scharfe Kurve auf dem Weg nach unten entlang.

Ein hastiger Blick in den Hof vor der Schule verrät mir, dass meine gesamte Klasse bereits auf mich wartet: Mayram und Venera, zusammen mit Ruslan, Aidschan und dem gegen die vormittaglich blendende Sonne anblinzelndem Artijom. Medina ist heute nicht zur Schule gekommen. Wie so oft gibt es dafür keine Erklärung. Manchmal fehlt ein Kind eine ganze Woche oder zwei. Und plötzlich stellt man fest, dass man sie schon ein wenig vermisst.

,,I sitschas?“, frage ich völlig außer Atem die seelenruhig dreinblickende Mayram. ,,Schdat.“, kommt es mir in einer Ruhe entgegen, die vermuten lässt, dass die ganze Aktion, die sich grade abgespielt hat für sie nur so etwas wie die müden Feueralarm-Proben in deutschen Schulen ist. Warten also, aber worauf den bitte? Bei dem ganzen Zirkus, der hier veranstaltet wurde, lag es mir nicht fern zu vermuten, dass Präsident Almasbek Atambajew höchstpersönlich anwesend wäre und nun Ruslan und der gesamten Klasse die Hand schütteln und sich danach köstlich über die ,,Großes Taschentuch“-Eselsbrücke dieses Deutschen amüsieren wollen würde.

Langsam wird mir das alles zu bunt: Hatte ich eventuell heute morgen etwas überhört, oder nicht mitbekommen? Eigentlich wurden größere Vorhaben für den Tag immer in der Frühe angekündigt, beziehungsweise besprochen. In der Regel sitzen wir dann als Klasse im Morgenkreis zusammen, zünden eine Kerze an, singen saisonale russische und manchmal auch deutsche Lieder und besprechen Dinge wie diese. Da ich allerdings meistens von Müdigkeit vernebelt auf meinem Holzhocker sitze und Artijom auf dem Schoß liegend versuche zu verhindern, dass ebendieser nicht in sich zusammensackt, entziehen sich diverse Sätze meiner Aufmerksamkeit.

Dennoch meinte ich zu früher Stunde die Worte ,,Ata-Türk Park“ und ,,guljat“ aufgeschnappt zu haben. Spazieren im Ata-Türk Park also. Aber als ich daraufhin Venera fragend ansah, kam mir nur erneut ein Feuerwerk aus unbekannten russischen Vokabeln entgegen, woraufhin ich beschloss mich vorerst mit den gegebenen Informationen zufrieden zu geben. Außerdem hatte ich ein gewaltiges ,,Mosched-Bit“ in diesem Satz wahrgenommen. Und das ist ein großes Schlüsselwort in meiner Arbeit hier: Alles nur ,,vielleicht“.

Aber nun scheint das alles ja wirklich zu passieren, was zum einen eine willkommene Abwechslung meines Arbeits-Alltags darstellt, zum anderen jedoch mit dem für 2 Uhr angesetzten Meeting mit Frau Schälicke, der Gründerin von Nadjeschda kollidiert. Es war also wieder Zeit mein rudimentäres Russisch auf die Probe zu stellen und zu versuchen Venera klar zumachen, dass ich um 2 Uhr wieder im Hause sein müsste. Mit wenig Vorbereitung und einer gehörigen Portion Optimismus wandte ich mich an meine Klassenlehrerin:

,,Sluschaitje Venera: U menja jest Sabranie w dwa tschisa w ofis.“, versuchte ich mein Anliegen verständlich zum Ausdruck zu bringen. Als Antwort erhielt ich ein schnelles ,, Da Da Da!“, denn im selben Moment rollte bereits ein Taxi den unbefestigten Weg vor dem Tor zu Schule heran. Während ich den anderen in Richtung Auto folgte, klopfte ich mir in Gedanken selbst auf die Schulter: Das war ja gar nicht mal so schlimm gewesen. Vielleicht war ich ja doch bereits zu mehr fähig, als ich mir selbst zutraute…

Am Auto angekommen tauchte bereits die nächste Problematik auf: Wir waren eine Gruppe von sieben Leuten und vier Rollstühlen. Das Taxi hingegen entpuppte sich als ein japanischer 5-Sitzer mit einem Kofferraum-Volumen eines Smarts. Aber allem Anschein nach, war ich wohl der einzige, dem das übel aufschlug, denn der Taxifahrer machte sich bereits daran, die Rollstühle quetschend und schiebend in den hoffnungslosen Frachtraum seines Gefährts zu verfrachten.

Fragt mich nicht wie, aber fünf Minten später sitze ich auf dem Beifahrersitz, hinter mir die beiden Frauen samt den 4 Kindern und den 4 Rollstühlen im Kofferraum. Der Fahrer schiebt den Schalthebel auf ,,D“ und der treue Japaner humpelt die steinige Straße hinunter. Ich war fassungslos: So etwas hätte in Deutschland niemals geklappt, geschweige denn wäre es legal. Ich kam mir vor, wie bei einer kirgisischen Clowns-Show: Eine der Sorte, bei denen am Ende viel zu viele Menschen aus einem winzigen Auto aussteigen. Aber das in Asien ganz gerne Mal ausgetestet wird, wie viel ein Fahrzeug nun wirklich an Last tragen kann, nun das war mir nach ständigen Marschrutka- und Busfahrten nun wirklich nichts neues.

Nach etwa 15 Minuten Stop and Go auf Biskek’s Straßen, biegen wir auf die Shakirov Street und somit in unsere Zielstraße. Ungeniert wie es sich für einen kirgisischen Taxisten gehört, parkt unser Fahrer direkt am Straßenrand ohne vorhandene Parkbucht. Wie in Zeitlupe schäle ich mich aus der bescheiden-bemessenen Autotür und helfe sogleich dabei die Rollstühle aus dem Wagen zu hieven. Von einer Bezahlung der Fahrt-Gebühren sah der nette Herr allerdings ab.

Nun hatte ich zu besagtem Zeitpunkt den Ata-Türk Park bereits besucht. Deswegen war das, was den gesamten Tagesplan gleich auf den Kopf stellen würde nicht allzu tragisch für mich:

Wir flanierten durch das Grün des Eingangsbereiches des Parkes, auf dessen Boden sich die Schatten der Bäume abzeichneten, die hoch über unseren Köpfen im Wind rauschten. Es war nicht viel los, bis auf ein paar Kinder und ältere Menschen, die die Labyrinth-artigen Wege zwischen den Bäumen säumten. Nur eine Person hob sich deutlich vom gesamten Bild der Szenerie ab:

An die grau melierte Adidas- Jogginghose schlossen sich im unteren Teil weiße Nike-Sportschuhe und nach oben hin ein schwarzes T-Shirt an. Mit diesem Kleidungsstil allein, wäre der Mann mittleren Alters auf keinen Fall eine Sensation in Kirgistan gewesen: Der Kult um Adidas ist gewaltig. Ganze Teile von Bazaaren bieten allein die bekannten Adidas-Jogginganzüge an. Was jedoch die Aufmerksamkeit auf ihn zog, waren die beiden Handys in die er, sie in beiden Händen haltend, unaufhörlich rein schnatterte.

Im Stillen dachte ich mir, wer denn bitte so wichtig sein könnte, dass er zwei Mobiltelefone bräuchte. Wen hatte er da an der Leitung bei seiner mobilen Konferenz? Tokio und New York? Als der Mann, der mit seiner Sport-Montur eher aussah, wie für einen Marathon als für einen Park-Spaziergang gerüstet, auf mich zugeschritten kam wurde ich stutzig: Sollte ich für ihn jetzt auch noch Sidney anwählen, weil er keine Hand mehr frei hatte?

Bei mir angekommen fing der Mann an mit mir auf Russisch zu sprechen, als hinge um meinen Hals ein Diplom der Moskauer Slawistik Schule. Ich verstand nicht ein Wort. Ich muss ein unendlich dummes Gesicht gemacht haben, als ich mit der Hand eine Geste hinter mich, in Richtung Mayram und Venera warf. Ich fügte ein präsentierendes ,,Paschalusta“ hinzu, als der Mann schon an mir vorbei in Richtung der beiden Damen steuerte.

Aus dem schnellen Gespräch zwischen Marathon-Park-Spaziergänger und Venera erhaschte ich die Quintessenz: ,,Paschalusta, kuschaitje w moi Restoran. Eta Frunze Restoran.“ Ich war begeistert. Eine Essenseinladung. Ohne das man irgendetwas dafür getan hätte! In diesem Moment war es mir völlig gleichgültig welches Restaurant es war, oder in welchem Zustand es sich befand. Es hätte eine verrußte Wanne am Straßenrand sein können, über der Schaschlik gegrillt wurde. Ich war dem Mann, von dem ich als letztes gedacht hätte, er sei ein Gastronom sehr dankbar. Ich bedankte mich mit einem überschwänglichen ,,Dschong Rachmat“auf kirgisisch und wir machten uns auf den Weg in die Richtung, in die er uns bedeutet hatte zu gehen.

Nun, wie gesagt: Ich hätte alles erwartet, nur nicht das, was sich nun vor meinen Augen auftat:

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Ich war mir zu 100 Prozent sicher, dass das ein Scherz war und jeden Moment das Kamerateam, der kirgisischen Version von ,,Verstehen Sie Spaß?“ hinter dem monströsen Frunze-Schild hervorspringen würde.

Als wir in den Innenhof samt Springbrunnen rollten, wurden wir sogleich von Security-Männern mit Knopf im Ohr und Kellnern im feinsten Zwirn zu einem der Tische mit eigenem Pavillon geleitet.Offensichtlich hatte der Chef des Restaurants doch noch eine Hand gefunden, um auf einem dritten Handy unsere Ankunft anzukündigen.

Ich muss ein Gesicht gemacht haben, wie ein Kind in einem  Süßwaren-Laden: Alles war gepflegt und pompös. Das musste eine Verwechslung sein. Irgendwo auf der anderen Straßenseite wartete garantiert gerade eine verkohlte Wanne auf 3 Erwachsene und vier Kinder in Rollstühlen, um sie mit ihrem Frunze-Schaschlik zu beglücken.

Als wir dann saßen, tauchten nach und nach immer mehr Speißen vor uns auf, bis der Tisch zu voll war, um noch ein einziges Glas darauf zu stellen. Die zwei Schaschlik-Spieße, die ich bestellt hatte (aus Loyalität zu der nicht existenten Grillwanne), schmeckten vorzüglich und auch der Rest der Speisen waren, wie das meiste Essen in Kirgistan otschjen vgusna.

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Als ich nach diesem Festmahl auf die Uhr schaute und es bereits halb 2 war, wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich das erste offizielle Treffen mit Frau Schälicke verpassen würde. und das so sicher wie das Amen in der Kirche. Dieser Umstand schien allerdings nur mir von Bedeutung: Erst mussten noch ein paar Bilder mit den Kindern vor den Sehenswürdigkeiten der näheren Umgebung gemacht werden.

Um eine schon ohnehin viel zu lange Geschichte kurz zu fassen:

Nach einer erneuten, in ein zu kleines Taxi gequetschten Fahrt aus Bishkeks Zentrum raus, platzte ich viel zu spät in das Büro in der dritten Etage meiner Schule.

Am Tisch selbst konnte ich Frau Schälicke nicht erblicken und wie ich kurz darauf erfuhr hatte sie ihre Teilnahme an dem Treffen kurzzeitig abgesagt. Immerhin: Eine Peinlichkeit weniger.

Aber als ich Aidana, die Ansprechpartnerin für uns Freiwillige fragte, ob ich denn etwas verpasst hätte, konnte ich aus ihrem Blick lesen, dass ich nicht nur etwas, sondern alles verpasst hatte.

Aber immerhin saß vor ihren leicht genervt, leicht belustigten Augen jetzt nicht nur ein uninformierter, sondern auch ein satter Kostja.

Die Großzügigen werden sehr rasch einmal auf ein Nebengleis gedrängt.

– Martin Gerhard Reisenberg

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Von links nach rechts: Mayram, Aidschan, Venera, Artijom, Ruslan (Aijana wollte nicht mit auf das Bild)

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Kuschai Artjiom, Kuschai!

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Der Vollständigkeit halber ein Bild von Medina. Mit einem der zehn täglichen Türmen.

 

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,,Venera, es ist schon fast 2“ –  ,,Jaja, noch dieses eine Bild“