Vom Languedoc-Roussillon und Hirten-Schlachtrufen

Staub, Gräser und Steine. Wieso um alles in der Welt gibt es hier so viele Steine? Steine in allen Variationen: Von massiven Felsblöcken, die sich ruhig und doch gewaltig über der Landschaft erheben, bis hin zu Handball-großen Steinen, die den Boden säumen. Ständig stolpere ich über sie, oder das Geröll verhindern mir ein problemloses Vorankommen, hier im Tien-Shan.

Die Landschaft ist schön anzusehen, aber undankbar zu bewältigen. Der wolkenverhangene Himmel macht den Eindruck, dass das Wetter zum Wandern perfekt sei, jedoch liegt eine trockene Hitze in der Luft, die sich mir bei jedem Schritt bemerkbar macht.

Es muss ein amüsanter Anblick gewesen sein, wie ich, mit einem Rucksack und Kameratasche bepackt in Serpentinen den scheinbar unendlich langen Weg zu den eigentlichen Bergen bezwang. Ich wollte meine Eindrücke auf Fotos festhalten, die ich dann erst in Jahren wiederfinden würde. Ich würde mich hinsetzen und jedes einzelne genau studieren. Gleichzeitig würde ich mich erneut über jeden einzelnen Stein aufregen, der seinen Weg in diesen Winkel Kirgistans gefunden hatte.

Ich machte Bilder, sah mich um, verlor die Gruppe und fand sie wieder. Und das mehrmals. Einmal warteten sie sogar auf mich, was mir extrem peinlich war. Im nachhinein aber lustig, da sich nun jeder für besagte Bilder interessiert.

Als ich erneut 30-40 Meter hinter der Gruppe her stolperte, bemerkte ich einen Jeep auf dem improvisierten Weg, auf dem wir bis jetzt gelaufen waren. Die anderen Freiwilligen standen bereits um das Auto herum, als ich mich ihm noch näherte. Bei ihnen befand sich ein wild gestikulierender älterer Mann, der auf Russisch irgendetwas erklärte. Einige der Leute mit denen ich wanderte, hatten bereits in der Schule Russisch gelernt und konnten sich deutlich besser verständigen als ich. Jedoch auch ihnen wurde zunächst nicht ganz geläufig, was dieser nette Herr denn vermitteln wollte. Beim genaueren Betrachten des Gefährts, des Innenraums (samt der Ehefrau unseres neuen Gesprächspartners) kam mir in den Sinn, dass das hier eventuell eines dieser Ehepaare sein könnte, die durch die Welt reisen, meist mit einem Auto, dass sie solange fahren, bis es ihnen buchstäblich unter dem Hintern auseinanderfällt. Als auf der Basecap des Mannes dann noch irgendetwas Französisches stand, witterte ich meine Chance. My Time to Shine! Ich wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, oder in diesem Fall mit dem ,,Vous êtes des français?“ ins Gespräch, deshalb machte ich einen Anlauf auf Russisch: ,,откуда вы приехали?“ [otkuda vy priehali] (Woher kommen Sie?).

Siegessicher wartete ich auf die ersehnte Antwort, dass das Pärchen ursprünglich aus Frankreich kam und nun ihr Dasein in der großen Welt fristete, woraufhin man die Unterhaltung auf Französisch hätte fortführen können. Der Mann erwiderte allerdings etwas verdutzt auf meine Frage: ,,Я из Бишкека.“ [Ja is Bischkeka] (Ich komme aus Bischkek). Etwas verdattert und enttäuscht nickte ich ihm ein ,,Oh okay“ entgegen und ärgerte mich im Innersten über die ausbleibende Bekanntschaft aus dem Languedoc-Roussillon oder der Bretagne.

Aber nichts desto trotz verstanden wir langsam, was uns der Mann versuchte zu vermitteln. Irgendwo hier gäbe es alte Steinzeitmalereien an Felsen, die wir uns unbedingt ansehen müssten. Er deutete in die Richtung in die wir ohnehin weiterwandern wollten. Als wir uns schon bedankten für die Auskunft, schloss sich eine neue Partei unserer Gesprächsrunde an:

Wir waren bereits die ganze Zeit an Schafherden vorbeigezogen, die friedlich grasend von ihren Hirten, berittenen Kirgisen bewacht wurden. Nun näherte sich einer dieser Männer, hoch zu Ross unserer kleinen Gruppe, ausgestattet mit einer verwaschenen roten Filzjacke, einer Adidas-Jogginghose, einer etwas schief sitzenden Kappe, dicken Stiefeln und einem fragenden Blick. Sein von der kirgisischen Sonne dunkelgebranntes Gesicht war durchzogen von tiefen Falten, als er anfing mit dem vermeintlichen Bischkek-Franzosen zu sprechen. Sein Russisch klang sehr lallend und ich weiß bis zum heutigen Tag noch nicht, was der Inhalt des Gesprächs war, jedoch fand ich mich zwei Minuten später auf dem Rücken eines Pferdes wieder.

Alles Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, auch wenn du fast gezwungen wirst, dich auf besagten Rücken zu begeben. Zuvor war ein weiterer Kirgise hinzugekommen und nun war ich hier, in Kirgistan und an mir zogen zwei rudimentär-russisch sprechende Semi-Nomaden rum, die es sich anscheinend nicht nehmen lassen wollte mich auf ihr Huftier zu bugsieren. Ich willigte ein, bestand allerdings darauf, dies allein zu vollbringen. Ich war immerhin gut einen Kopf größer, als der kleinere der beiden und hatte keinerlei Probleme in den Steigbügel zu treten und mich auf das brave Pferd hochzuziehen.

Etwas mulmig zu mute war mir allerdings, als ich den Kirgisen meine geliebte Kamera in die Hand drückte, aber es stellte sich heraus, das sie vielleicht als Fotograf eine ebenso gute Figur machen würden wie als Hirten, ich meine seht selbst:

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Als ich nun vom Pferd abstieg, richtete der kleinere der beiden Kirgisen sein Wort an mich:

,,как тебя зовут?“ [Kak tebja savut] (Wie heißt du?), schrie er mich an, als ob uns zehn Meter voneinander trennen würden. Hätte ich nicht den warmen Ausdruck in seinem Gesicht gesehen, so hätte ich damit gerechnet, dass er verärgert wäre.

,,меня зовут Константин“ antwortete ich ihm, ebenfalls etwas lauter. ,,и как Вас зовут?“ [I kak was savut] (Und wie heißen sie?). Was nun kam, war alles nur nicht was ich erwartet hatte. Der Mann füllte seine Lungen mit Luft und setzte zu einem wahren Schlachtruf an:

,,меня зовут Баxaaaaaaaaaaaa“(Menja savut Bachaaaaaaaa). Der Schrei des Mannes durchschnitt die Berglandschaft und ab diesem Moment schien auch wirklich jedes Schaf zu wissen, wie denn der Name seines Hirten lautete. Ich weiß, dass ich zu Übertreibungen neige, auch in diesen Blogeinträgen. Aber ich schwöre, man hätte Bacha vor ein antikes Heer stellen können, um den motivierenden Schlachtruf zu brüllen. Hätte jedes mal geklappt.

Als wir und nach geraumer Zeit von dem lustigen Ensemble verabschiedeten, feixten wir darüber, wieviel Wodka diese beiden Genossen an diesem Vormittag wohl schon genossen hatten.

Dabei hatte ich wahrscheinlich grade ein kirgisisches Erlebnis gemacht, das vielen verwährt bleibt:

Auf dem Rücken eines Pferdes auf den Issyk-Kul hinabzugucken.

 

Ein gerader Mensch scheut nicht die freundschaftlichen Geschwätze, die aus dem Rausche hervorgehen.

– Jacques Rousseau

 

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Keine Steinzeitmalerein, aber wirklich verstehen werde ich sie trotzdem nicht.