Ein Jahr. 50 Fragen.

Wie sieht es mit der Kriminalität in Bischkek oder generell in Kirgistan aus?

Als ich kurz vor meiner Ausreise nach Kirgistan stand hatte ich schon so einige Schauergeschichten über Diebstähle auf langen Fahrten innerhalb Kirgistans gehört. Die Cousine eines ehemaligen Freiwilligen wäre wohl ständig eingeschlafen und hätte vollkommen achtlos ihre Taschen mit sich geführt. Sie wurde insgesamt drei Mal beklaut. Freiwilligen, die zeitgleich mit mir in Bischkek arbeiteten geschahen ähnliche Unannehmlichkeiten: Hier ein nagelneues Handy, dort ein Geldbeutel mit umgerechnet 20 Euro und glücklicherweise ohne wichtige Papiere.

Ich hatte das Glück, dass in meiner Zeit NIE irgendetwas vorgefallen ist. Ganz im Gegenteil: Man brüllte mir regelrecht hinterher, wenn mir aus Schusseligkeit mal das Portemonnaie irgendwo runterfiel oder ich die bezahlten Einkäufe nicht mit aus dem Laden nahm sondern liegen las. Der Reiseführer verängstigte mich vor der Anreise außerdem, was die katastrophale, praktisch nicht vorhandene nächtliche Straßenbeleuchtung Bischkeks angeht. Das stimmt auch voll und ganz, doch in keinster Weise habe ich mich jemals in Kirgistan unsicher gefühlt. Ich fühlte mich sogar konstant sicherer als in großen europäischen Städten.

Ach ja, außerdem warnen Kirgisen immer vor ihren eigenen Landsleuten, die wohl vor allem in öffentlichen Transportmitteln abwesenden oder schlafenden Fahrgästen den Schmuck vom Körper klauen würden. Sollte dies vom Opfer selbst oder von Umstehenden bemerkt werden, würden die Täter mit Rasierklingen tiefe Schnitte in Arme oder Beine derjenigen ritzen, die auf das Verbrechen aufmerksam machen.

NIE gesehen und auch NIE von gehört. Kirgisen warnen vor fast allem, wenn der Tag lang genug ist.

Wie ticken junge Kirgisen hinsichtlich Politik, Kleidung und Einstellung?

Junge Kirgisen. Natürlich kann man auf keinen Fall alle über einen Kamm scheren, doch ich finde man erkennt deutlich, dass sich viele von ihnen bemühen sowohl die Werte des Westens, als auch die ihrer Heimat zu verfolgen. Es wimmelt nur so von Studenten, die sowohl versuchen eine Karriere auf die Beine zu stellen, als auch den Wunsch besitzen früh zu heiraten und eine Familie zu gründen. Ich weiß nicht wie oft ich die Frage beantwortet habe, mit welcher Organisation ich nach Kirgistan gekommen bin und ob die Möglichkeit eines solchen Freiwilligendienstes auch für Kirgisen bestehe. Viele hegen unheimliches Interesse an unserem Leben im Westen und den Unterschieden zu ihrer eigenen Kultur und dem Lebensstandard. Es kann sein, dass ich mich täusche, doch ich meine die meisten Fragen dieser Natur von Frauen bekommen zu haben. Auch die Freiwilligen, die in meiner Arbeitseinrichtung ein Praktikum absolviert haben, um anschließend nach Deutschland zu reisen und zu arbeiten waren in 8 von 10 Fällen weiblich. Vielleicht wünschen sich einige von ihnen doch ein Entkommen vor dem Druck der frühen Heirat und dem Eingang in das Leben einer traditionellen kirgisischen Ehefrau.

Zu keinem Zeitpunkt habe ich hier über ein so großes politisches Verständnis verfügt, als dass ich mich hätte ernsthaft darüber unterhalten können. Ich habe allerdings auch nie gehört, dass sich irgendwer abwertend über den aktuellen Präsidenten Atambajew geäußert hätte.

Aber es stehen ja bald Wahlen an.

Im Stichpunkt Kleidung gilt vor allem für Frauen eines: Overdressed gibt’s nicht. Kirgisische Frauen sind zu jeder Zeit übertrieben angezogen. Der Großteil der Frauen ist, sofern ich das beurteilen kann immer geschminkt und schick angezogen. Für jeden Anlass passend und hübsch gekleidet zu sein scheint als Devise mit der Muttermilch in den Körper und die Mentalität einzugehen.

Vor kurzem sprach ich einen Kirgisen in meinem Alter an, nachdem ich sah, dass er für einen Aufenthalt am Issyk Kul vier bis fünf Jackets mitgenommen hatte und sie zusammen mit drei Hüten feinsäuberlich in den Schrank unseres Zimmers eingeordnet hatte, während daneben mein unordentlicher Koffer lag, aus dem ich vorhatte für den Rest meines Aufenthaltes zu leben.

Warum denn diese Vielfalt an schicker und zugleich für diesen Ort unvorteilhafter Mode fragte ich.

Seine Antwort war, dass ihm von früh an gelehrt wurde ein Mann habe adrett und präsentabel auszusehen, zu jeder Zeit. Es sei egal, welchen Beruf er ausübe oder welches Gehalt er bezahlt bekäme. Eine gut gekleideter Mann sei ein zu respektierender Mann.

So schön diese Worte auch klingen, sieht man sich in Bischkek um, so steckt ein Großteil der Männerbeine doch in Jogginghosen (mit Vorliebe der Marke Adidas) und die Oberkörper in FC-Bayern oder Barcelona Trikots. Vielleicht hofft der Großteil der kirgisischen Männer auf eine überraschende Partie Fußball, die jederzeit und überall stattfinden könnte.

IMG_5209.JPG

Kirgisischer Junge mit Borussia Dortmund Trikot. Neben FC Bayern die bekannteste Mannschaft aus Deutschland. Standard-Frage von fußballbegeisterten Kirgisen: Borussia oder Bayern?

IMG_0687 (2).JPG

Junge Kirgisinen auf der Straße.

IMG_7152.JPG

Kirgisische Braut in Gesellschaft

Gibt es Golfplätze in Bischkek?

Tut mir Leid, aber dieser Sport ist hier wohl noch nicht so populär.

Gibt es eine Hundesteuer?

Ich kann das nicht wirklich beantworten. Wie man es vermutet gibt es sehr viele Straßenhunde und Katzen. Ob die Haltung von Hunden hingegen kostenpflichtig ist, ist mir unbekannt. Ich kann es mir aber auch nur extrem schwer vorstellen.

Was meinst du? Wäre Kirgistan ein geeigneter Altersruhesitz für Opa und Oma?

Tut mir Leid Opa, aber da gibt es viele Plätze die um ein vielfaches besser geeignet für euch sind. Hier ist es zu heiß und so ganz anders als ihr es kennt. Ich weiß allerdings auch, dass das lediglich eine Scherzfrage war. Deine Wanderleidenschaft könntest du hingegen völlig ausleben in Kirgistan.

Gibt es Scheidungen?

Ja, ich habe des Öfteren von vor allem Frauen gehört, die sich scheiden ließen. Es hieß meistens, dass der Mann ,,schlecht“ wäre. Ob das nun bedeutet, dass die Ehefrau in diesen Fällen gegen ihren Willen in eine Rolle gedrängt wird, in der sie sich selbst nicht sehen will habe ich natürlich nie gefragt. Allerdings tritt dieses Phänomen bestimmt vor allem in der Stadt auf. Auf dem Land ist die Ehe meist beinahe unerschütterlich. Wie immer liegen zwischen Land und Stand Welten.

Gibt es Krankenversicherungen oder muss beim Arzt alles bar bezahlt werden?

Einmal war ich zusammen mit Ruslan [Warum es sich lohnt einen Konferenz-Kirgisen zu treffen] im Krankenhaus und konnte dort beobachten, dass die meisten Leute am Eingang für ihre Behandlung bezahlen mussten. Es scheint somit nicht diesen Unterschied zwischen Privatversicherten und den Gesetzlichen zu geben. Vor den Behandlungszimmern waren riesige Schlangen von Leuten, bei denen scheinbar niemand groß bevorzugt wurde.

Wie ist der Drogenkonsum?

Was weiche/leichte Drogen angeht, so soll gesagt sein, dass der Konsum bodenlos ist. Fast jeder Mann raucht und trinkt. Bei den Tiefpreisen ist das auch nicht weiter verwunderlich (0.75 L Vodka ~ 2€ / Zigaretten pro Packung 0,5 bis 1 €). Trotz der Tatsache, dass der Großteil der Kirgisen muslimisch ist scheint Alkoholkonsum besonders an großen Feiertagen überhaupt kein Problem zu sein. Frauen wiederum rauchen auch und trinken ebenfalls, allerdings gilt es als unattraktiv und ist gesellschaftlich eher verpönt.

Was den Konsum von harten Drogen angeht, so muss ich leider sagen, dass ich überhaupt keine Ahnung von gar nichts habe. Marihuana wächst überall in Kirgistan, egal ob am Straßenrand oder auf den Feldern. Speziell in der Region um den Issyk-Köl-See ist die Kultivierung der Pflanze verbreitet. Man spricht von Zentralasien auch als die ,,Wiege des Marihuanas“. Wie die Ernte allerdings verwertet oder vertrieben wird weiß ich nicht. Der Konsum von Rauschgiften ist in Kirgistan generell untersagt und wird mit rigorosen Strafen sanktioniert.

Was gibt es für spezielle Rituale in Kirgistan?

Rituale zeigen sich ja in den unterschiedlichsten Aspekten des Alltagslebens. Zuerst wäre wahrscheinlich das Grüßen zu erwähnen: Männer grüßen sich hauptsächlich mit der muslimischen Grußformel ,,As salam alaikum“ woraufhin mit ,,Alaikum as salam“ geantwortet wird, der Satz also praktisch einfach umgestellt erwidert wird. Unheimlich wichtig und wenn nicht getan als ein Zeichen von mangelndem Respekt empfunden ist das gegenseitige Händeschütteln. Es ist vollkommen egal was das Anliegen ist oder wie nichtig die Konversation: Bei der Polizeikontrolle, dem Fragen nach dem Weg oder beim Aussteigen aus dem Taxi. Händeschütteln unter Männern ist ein Muss. Sogar kleine Neunjährige geben sich die Hand zum Gruß und deuten ein leichtes Beugen des Kopfes an.

Männer und Frauen grüßen einander hingegen recht nüchtern. Es bleibt meistens bei einem Gruß und einem stummen Nicken in die jeweilige Richtung.

Frauen begrüßen sich gegenseitig dafür umso ausladender: Wangenküsse und Umarmungen, je nach dem wie nahe man sich steht.

Wenn sich Kirgisen begrüßen folgt meist noch eine Frage nach dem Befinden, die aber nur selten beantwortet wird und somit eher als eine obligatorische aber unzubeantwortende Frage fungiert.

Glaubensfeste Muslime fahren sich mit beiden, zu einem Hohlraum geformten Händen durchs Gesicht, sobald sie an einer Moschee oder einem muslimischen Friedhof vorbeikommen. Egal ob im Auto oder zu Fuß, als Beifahrer oder als Fahrer. Selbige Geste wird auch in anderen religiösen Situationen der Moslems getätigt. Einmal saß ich in einem Taxi in Zentralkirgistan und wartete auf die anderen Mitfahrer als ich von draußen Gemurmel hörte und die gesamte Besetzung des Taxis bei einem Imam stehen sah und beobachten konnte wie sie beteten. Als sich fertig waren fuhren sie sich alle mit den Handinnenflächen durchs Gesicht.

IMG_4301.JPG

Ihr werdet mir wohl einfach glauben müssen, dass sich dieser Schäfer und der andere Mann vor der Konversation die Hände gegeben haben. Den Moment selbst konnte ich leider nicht festhalten.

Wie sieht es mit dem Musikgeschmack in Kirgistan aus? Welche Musik machen Kirgisen und welche westliche Musik hört man?

Ich muss zugeben, dass ich förmlich auf diese Frage gehofft habe. Das Thema Musik ist meiner Meinung nach ziemlich interessant und durchaus erwähnenswert. Trotz der geringen Größe des Landes und der nicht vorhandenen Popularität im Ausland, geschweige denn in Europa besitzt Kirgistan eine recht beachtliche Musikindustrie. Viele der Lieder entstehen als Soundtracks kirgisischer Filme, von denen jährlich vielleicht vier produziert werden. Gibt es also einen kirgisischen Song so findet er sich höchstwahrscheinlich auch in irgendeinem Film wieder.

Natürlich variiert der Musikgeschmack je nach dem wo man Musik hört:

In Bussen und Marschrutkas findet man häufig traditionellere Musik, meistens mit kirgisischen Instrumenten und Gesängen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Musik vom Fahrer ausgewählt wird. Viele von ihnen sind ältere Kirgisen. Ich habe aber auch schon ,All The Way Up“ von Fat Joe auf dem Weg zur Arbeit gehört.

In Bars und Clubs hört man die gleiche Chartmusik, die man in selbigen Plätzen auch in Europa vernehmen kann. Dazu paaren sich die Charts aus Russland, wo natürlich eine wesentlich stärkere Musikindustrie beheimatet ist.

Im Radio gibt es dafür unterschiedliche Sender, die Musik nach allen Geschmäckern senden. Ich habe hier generell öfters beobachtet, dass Menschen mit dem Smartphone Radio hören. Die Nutzung dieser Funktion scheint, meinem Gefühl nach in Deutschland nicht wirklich getätigt zu werden.

Das besondere an kirgisischer Musik im allgemeinen ist, dass sie immer traditionelle Elemente beinhaltet. Völlig ungeachtet des Genres findet man fast immer in Text oder Melodie Referenzen zur hiesigen Kultur: Oft wird das Nationalinstrument ,,Komuz“ (ein Gitarren-ähnliches Saiteninstrument) in den Refrain eingebaut und die Frauen und Männer in den Musikvideos tragen traditionelle Kleidung. Als Drehort dienen entweder kirgisische Städte, Dörfer oder die Natur des Landes. Die Lieder drehen sich oft um die Schönheit der kirgisischen Frauen und der Natur Kirgistans oder im allgemeinen um Liebe. Eine Große Rolle in den Musikvideos spielen Pferde: Sie sind ein Symbol der nomadischen Vergangenheit Kirgistans. Eines der wenigen kirgisischen Worte die ich beherrsche kenne ich aus der kirgisischen Musik: ,,sulu“~Schönheit, hübsch

Außer kirgisischer und russischer Musik hört man außerdem Lieder aus Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan, der Türkei und natürlich die Latino-Hits aus Spanien. Das bemerkenswerte daran ist ja, das sie bist auf die spanischen Lieder vieles von dem  verstehen, was die Künstler singen.

Besonders überrascht hat mich die Information, das die Band ,,Rammstein“ sich großer Beliebtheit bei den Kirgisen erfreut. Einmal lief ein Kirgise an mit vorbei mit Kopfhörern im Ohr und sang mit Schmackes: ,,We’re all living in Amerika. Amerika it’s wunderbar“. Ich blickte im hinterher und musste lachen und fand es zur gleichen Zeit ein wenig komisch, dass ich als Deutscher keine Ahnung von Rammstein hatte.

Das Erste was ich in Deutschland von oder über Kirgistan gesehen habe war das folgende Video. Ich habe mich am Bildschirm sofort in diese freundlich tanzenden Menschen verliebt.

 

Das Kirgistan-Lied schlechthin ist das Volkslied ,,Kara Jorgo“, was übersetzt schwarzer Hengst bedeutet. Es ist im Zuge eines Kirgistan-Aufenthalts, sei er nun eine Woche oder ein Jahr lang unmöglich nicht die Bekanntschaft mit diesem Lied und dem damit verbundenen Nationaltanz zu machen:

Die traditionellen Musikinstrumente Kirgistans kommen sehr gut in diesem Video zur Geltung. Was mir nicht ganz koscher vorkommt ist, dass die Kirgisen in diesem Video russisch sprechen und danach auf kirgisisch synchronisiert werden. Hätte man sich einen Schritt sparen können:

Hier ein modernes kirgisisches Pop-Video. Man erkennt, dass der alte kirgisische Brauch seine Reitfähigkeiten zu beweisen, indem man eine Frau bei einem Rennen einholen und sie während des Galopps küssen muss mit ins Video eingebaut wurde. Tradition: Check!

Ein Musikvideo, das eine kleine Geschichte beinhaltet und eher im ländlichen Kirgistan zu spielen scheint:

Ein Hit aus Kasachstan, der mich in diesem Jahr ständig und überall begleitet hat:

Ein Song aus Turkmenistan, den ich rauf und runter hören kann. Sehr zum Leidwesen der Mitbewohner:

Und natürlich, wie hätte es anders sein sollen: Der jährliche Sommerhit direkt aus Moskau. So simpel gehalten, dass sogar ich nach einem Jahr Russisch lernen beinahe alles verstehe:

Wie sieht es mit der Globalisierung in Kirgistan aus?

Man rennt hier fast jedem Trend hinterher, der auch nur aus Richtung Westen kommt: Den vielen Fast-Food Läden nach zu urteilen, wird die Pizza bald das traditionelle kirgisische Essen überholt haben, was den Konsum angeht. Die jungen Kirgisen laufen mit Markenkleidung rum und stecken ihre Füße in Nike Schuhe. Ed Sheeran dröhnt aus allen Lautsprechern. Einrichtungshäuser, Kleidungs- oder Schuhgeschäfte und andere Läden werben damit, das ihre Produkte aus der Türkei, Südkorea oder Deutschland kommen. Im Kino laufen die aktuellsten Filme synchronisiert in russischer Sprache aber es gibt auch Kinos, die Filme in ihrer Originalsprache wiedergeben. Coca-Cola ist mit Abstand das beliebteste Getränk der Kirgisen und nicht wie man vielleicht annehmen könnte die vergorene Stutenmilch ,,Kymyz“. In Bischkek gibt es internationale Schulen in denen die Unterrichtssprache Englisch ist. Das sind die ersten Anzeichen für Globalisierung, die mir einfallen. Also ja: BISCHKEK ist globalisiert. Fährt man allerdings ein bisschen weiter aufs Land, so ist von all dem keine Spur mehr. Selten muss es irgendwo auf der Welt so sein wie in Kirgistan, dass das Land sowohl extrem global, als auch überhaupt nicht global ist.

IMG_20160930_211947.jpg

Pizza in einem der unzähligen Fast-Food-Ketten. Hier: Imperija Pizza

IMG_9846.JPG

Wir Deutschen sind zwar nicht die mit der Pub-Kultur, aber ich sage auch nichts dagegen.

IMG_9842.JPG

Sport-Bar, die hingegen der Aussage des Schildes doch recht geschlossen aussieht.

IMG_1201.JPG

Auch die bescheuerten Hoverboards haben ihren Weg in die Hände der Kirgisen gefunden. Sie werden jedoch etwas ,,umfunktioniert“.

IMG_20161027_115554

Genosse Russki Kung-Fu Panda

IMG_20161018_173805

Belgische Fritten für die der amerikanische Präsident bei kirgisischem Regen wirbt. Der Schriftzug unten links sagt : empfehl’s euch. Barack Obama.

Wie sieht es mit der Industrie in Kirgistan aus?

Kirgistan ist eines der ärmsten Länder, das nach dem Zerfall der Sowjetunion in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Viel Industrie gibt es hier nicht. Landwirtschaft wird betrieben, aber nicht von Großkonzernen, sondern von den Bauern selbst, die ihre Ware selbst auf den Bazaren verkaufen.

Dass eines der weltweit größten Goldvorkommen in Kirgistan beheimatet ist lockte außerdem kanadische Unternehmen an, die seitdem das Gold bergen und die kirgisische Bevölkerung ausbeuten.

Eine Millionen Kirgisen arbeiten in Russland oder Kasachstan als Arbeitsmigranten. Das sind über 15 % der kirgisischen Bevölkerung. Außerdem hörte ich von Familienteilen, Freunden und Verwandten, die in Amerika und vor allem Deutschland arbeiten.

IMG_4597

Felder. Nicht ganz so akkurat wie in Deutschland, aber ihre Szenerie gibt uns den Rest.

IMG_4723

Kirgisische Bauern bei der Arbeit

IMG_7200.JPG

Welches Schulsystem hat Kirgistan?

Das kirgisische Bildungssystem beginnt nach dem Kindergarten mit einer 9- oder 11-jährigen Mittelschulphase (Eintrittsalter 6 oder 7 Jahre). Nach Abschluss des 9-jährigen Zweiges gibt es die Möglichkeit einer praktischen Berufsausbildung oder des Besuchs einer technischen Mittelschule. Die 11-jährige Mittelschulausbildung berechtigt zum Hochschulstudium. Als Unterrichtssprache überwiegt Russisch, aber der Trend geht zum Kirgisischen. Im Vergleich zu anderen ehemaligen Ländern der Sowjetunion spielt in kirgisischen Schulen die russische Sprache noch eine größere Rolle. (Ich entschuldige mich für das Kopieren der Schulsysteminformationen von der Internetseite des auswärtigen Amtes, doch ich hatte in einem Jahr nicht so viel Möglichkeit Schüler kennenzulernen und mit ihnen zu reden)

Gibt es Dinge die in Kirgistan teurer sind als in Deutschland?

Logischerweise sind viele Produkte und deren Preise in Bischkek an das Einkommen der Menschen angepasst: Fleisch ist billig und in rauen Massen erhältlich, Cola und Alkohol sind spottbillig. Eier sind erschwinglicher und werden oft auf der Straße aus eigener Hühnerhaltung verkauft. Früchte, speziell heimische wie zum Beispiel Wasser- und Honigmelonen sind in der Saison für uns als Europäer unverständlich billig (10 Kilo Wassermelonen für etwa 1,20€).

Die Kehrseite der Medaille sind Produkte aus dem Westen. Nutella und generell Produkte von Ferrero sind schwarzes Gold und kostspielig. Olivenöl und Cornflakes sind ebenfalls auf Dauer dem Portemonnaie nicht freundlich gesinnt. Fisch ist nur tiefgefroren in der Stadt und als Stockfisch am Issyk-Kul erhältlich. Einmal kam ich mit dem Gedanken zu Abend eine Pasta mit Lachs zu essen in den Supermarkt hinein und verließ ihn mit dem Plan Essen zu gehen. Das Preisschild des Lachses war vierstellig. Vermutlich fehlt Kirgistan einfach die Discounter-Landschaft, die bei uns mit Aldi, Lidl, Penny usw. perfekt besetzt ist. Hier bedeutet einkaufen im Zweifelsfall die Wahl zwischen großen Supermärkten, kleinen privaten ,,Tante-Emma“-Läden und dem Bazaar. Letztere siegt fast immer im Punkto Preis.

Was Mode angeht, so ist die spanische Marke ,,Mango“ hier eher im oberen Preissegment angesiedelt und Sandalen von Birkenstock zu besitzen, die auch in Deutschland nicht umsonst sind ist für das finanzielle Ansehen sicherlich auch nicht verkehrt. Wer also aus einem Mercedes mit Birkenstocksandalen aussteigt, der macht irgendetwas richtig.

Wie gut kannst du dich nun am Ende des Jahres mit Russen und Kirgisen unterhalten?

Interessante Frage, denn die ganze Sache ist ein wenig verzwickter als es vielleicht scheinen mag.

Zuerst die gute Nachricht: Unterhalten kann ich mich mit jedem, egal ob Russe, Kirgise, Tatar, Uighure, Kasache, Usbeke oder Tadschike. Sie sprechen ja alle russisch.

Die nicht so gute Information ist, dass meine Sprachfertigkeiten extrem davon abhängig sind mit wem ich rede. Es gab in diesem Jahr Personen mit denen ich sehr gut kommunizieren konnte und in deren Umfeld es mir sehr angenehm war russisch zu sprechen. Dazu zählen unter anderem die Kinder mit denen ich gearbeitet habe, meine Sprachlehrerin, meine Klassenlehrerin und junge Leute die ich kennen gelernt habe.

Leute mit denen ich sprachlich gesehen meine Probleme hatte waren meistens diejenigen die ich nicht kannte. Marschrutkafahrer oder Leute in der Marschrutka und Kassierer, Beamte sowie Verkäufer. Wahrscheinlich bin ich dabei kein Einzelfall und es ergeht vielen Menschen so, die im Gastland die Landessprache erlernen.

Generell lässt sich jedoch auch sagen, dass es mir einfacher fällt mit Kirgisen oder anderen Landsmännern/-frauen zu sprechen, deren Muttersprache nicht Russisch ist. Wir haben somit immer einen gemeinsamen Nenner, nämlich die Tatsache, dass wir uns nicht in unserer Muttersprache unterhalten. Sie machen Fehler und haben einen Akzent, ich mache Fehler und habe einen Akzent. Der Vorteil dafür ist, dass man den anderen sehr gut versteht und viele der ungewöhnlichen Strukturen in ihren Sätzen von sich selbst kennt und sie gut versteht.

Ganz anders wiederum mit Russen: Es fällt mir schwerer sie zu verstehen, da sie Wörter und Konstruktionen benutzen, die mir nicht so bekannt sind. Ich muss im Gespräch mit ihnen manchmal auf Anhaltspunkte im Kontext warten um sie gänzlich zu verstehen.

Aber um nun alles in einen Satz zusammenzufassen: Fast alle Leute mit denen ich hier gesprochen habe fanden es nicht sehr glaubwürdig, dass ich erst in Kirgistan angefangen hätte die russische Sprache zu lernen. Sie gingen oft davon aus ich hätte bereits in der Schule Russisch gelernt.

Kann man das Leitungswasser in Kirgistan trinken und wie schmeckt es im Mund?

Als es mir irgendwann zu blöd wurde dauernd Wasserkanister oder Flaschen zu kaufen stellte ich die dauernden Einkaufstouren, von denen ich stets mit Paletten von Flaschen zurückkehrte ein. Einmal fragte mich ein Verkäufer, bei dem ich zum wiederholten Male Wasser kaufte mit sowohl Verwunderung als auch Spaß in seiner Stimme: ,,Trinkst viel Wasser, hm?“. Etwas gezwunen lachte ich auf dem Weg nach draußen ein ,,Ja anscheinend“ aus mir heraus und fragte mich gleichzeitig, ob es denn ungewöhnlich sei Trinkwasser in Flaschen in rauen Mengen zu kaufen. Ich kannte es von Deutschland immerhin nicht anders. In den nächsten Wochen fing ich an nur noch aus dem Hahn Wasser zu trinken, was mir bekam und nicht anders schmeckte als das Wasser, das ich im Laden kaufte. Einer der wenigen Reichtümer, die Kirgistan im Vergleich zu den anderen zentralasiatischen Staaten besitzt ist Wasser. Klares, reines Wasser aus Bergquellen. Ja man kann meiner Meinung nach das Wasser hier sehr gut trinken und es schmeckt nicht anders als man es sich vorstellen könnte. Vielleicht ein bisschen klarer, weil man bei jedem Schluck die Illusion einer eiskalten Bergquelle hat, die vor sich hin blubbert.

Gibt es in Kirgistan bestimmte Rituale oder Verhaltensweisen beim Essen wie zu Beispiel in China?

Ja die gibt es: Angefangen damit, dass das Essen auf dem Boden stattfindet und zu jeder Zeit im Sitzen zu sich genommen wird. Man sitzt üblicherweise um einen tiefen Tisch oder ein auf dem Boden ausgebreitetes Tuch herum. Die Form des Sitzes ist dabei ebenfalls wichtig. Männer sitzen normalerweise im Schneidersitz während Frauen sich mit den Beinen zur Seite gerichtet setzen (schwer in Worten auszudrücken). Der wichtigste Mann (sei es nun der Familienvater oder der Älteste) sitzt für gewöhnlich am zentralsten während die jüngste Frau der Runde am Tischende neben dem Samowar (großer Teekocher) sitzt um ständig jedem Tee nachzuschenken. Die schalenartigen Tassen werden dabei bis ans Tischende weitergegeben und gelangen auch auf gleichem Weg zurück zum Besitzer.

Die Aufteilung des Gerichtes ist ebenfalls besonders: Wenn Kirgisen, die in der Jurte wohnen ein Tier schlachten (egal ob Kuh, Schaf oder Pferd), so werden die Fleischteile nicht willkürlich aufgeteilt, sondern gemäß der Position in der Gemeinde. Besondere Ehre kommt demjenigen zu, der zum Beispiel Augen erhält.

Außerdem muss zu beinahe jeder Speise Brot serviert werden. Kirgisen sagen von sich selbst:

,,Wir würden sogar zu Brot Brot essen.“

Das Brot, wobei es sich um das traditionelle zentralasiatische Lipjioschka handelt, wird in Stücke gerissen und überall auf dem Tisch verteilt, vor allem zwischen den einzelnen Schüsseln. Dabei zeigt sich eine weitere Eigenheit des Kirgisen:

Für sie ist es bedrückend und ein Zeichen von Armut, wenn der Tisch nicht brechen voll ist und überall noch freie Lücken sichtbar sind. Deswegen findet man auch meistens die selben Speisen in verschiedenen Behältern überall auf dem Tisch verteilt. Bloß keine Lücken!

Beendet wird das kirgisische Essen von allen gleichzeitig, indem sich synchron mit den Handinnenflächen durchs Gesicht gewischt wird, wie bereits weiter oben erwähnt. Dabei spricht man das Wort ,,Omin“.

IMG_20170106_191916

Egal ob bei Tadschiken…

IMG_20170812_212630

Kirgisen…

IMG_20170705_211414

oder bei Deutschen. In Kirgistan isst man traditionell auf dem Boden

IMG_20160928_084740.jpg

Das Brot Zentralasiens: ,,Issyk Nan“ auf Kirgisisch ,,Lipjioschka“ zu Russisch

IMG-20170618-WA0000.jpg

Finde die Lücke.

IMG_20161230_175104.jpg

Tafel der Weihnachtsfeier von Ümüt-Nadjeschda. Ich hatte Probleme eine Stelle zu finden um meinen Ellenbogen aufzustützen.

IMG_7028.JPG

Nursultan! Ich hab doch da grade irgendwo eine freie Stelle gesehen?!

Gefallen dir kirgisische Frauen?

Ich muss zugeben: Ich habe noch nie so viele schöne Menschen auf einem Platz gesehen. Von 10 Frauen sind mindestens 5 überdurchschnittlich hübsch (wenn man mich fragt). Ich finde außerdem, dass die stereotype asiatische Schönheit wie man sie im Westen kennt viel eher in Kirgistan und generell Zentralasien zu finden ist als in China oder Japan, wo sie am meisten erwartet wird. Kurzum: Mir gefallen die Frauen hier sehr gut.

Wie läuft ein Friseurbesuch in Kirgistan ab?

Wieder ein Thema, auf das ich insgeheim gehofft hatte. Der wohl größte Unterschied zwischen einem Friseurbesuch in Deutschland und einem in Kirgistan ist wohl die Freundlichkeit gegenüber dem Inhalt der Brieftasche: In Kirgistan kostet der durchschnittliche Friseurbesuch nur 150 Som ~1,80 €. Es geht aber auch noch billiger. Für Frauen ist es etwas teurer, denn ich habe aus verschiedenen Quellen gehörten, dass es üblicherweise 500-800 Som~6,00 € bis 8,00 € kosten soll. Wer nun glaubt, dass man für diesen schmalen Preis von irgendwelchen blutigen Anfängern die Frisur ruiniert bekommt, der denkt falsch. Alle Friseure, denen ich die Verantwortung über mein Haupthaar überlassen habe waren geschult und beherrschten ihr Handwerk. Besonders natürlich wenn man sie nach dem Standard-Haarschnitt kirgisischer Männer gefragt hat (kurze Haare mit einem sauberen Übergang nach oben hin)

Wodurch sich der kirgisische Friseurbesuch außerdem vom deutschen abhebt ist, dass Haare waschen inklusive zu jedem Schnitt ist. Völlig gleich ob die Ohr-, Nasen- oder Haupthaare behandelt werden sollen. Die Waschbecken sind dabei allerdings in keinem Fall mit einem bequemen Liegestuhl versehen, der Wellness-Atmosphäre in den Friseurladen bringt, sondern bestehen im allgemeinen bloß aus einem gewöhnlichen Waschbecken an der Wand, zu dem man am Anfang geführt wird. Mit einem etwas verwirrten Gesicht stand ich beim ersten Mal vor dem nicht sehr stabil wirkenden China-Porzellan und wartete auf Anweisungen. ,,Runter“, kam es dann von der Friseuse, die offensichtlich kein Verständnis für mein planloses Verhalten übrig hatte worauf hin ich mich ehrfürchtig vor dem spritzenden Wasserhahn verbeugte. Das ganze wiederholt sich nochmal nach dem Haarschnitt.

Bei den ersten Malen hatte ich jedes mal ein Bild auf dem Handy dabei, anhand dem ich den Friseuren erklärte wie sie mich bitte zurichten sollten. In letzter Zeit bin ich aber dazu übergegangen im Freestyle zu erklären wie ich’s gerne hätte. Das liegt zum einen wahrscheinlich daran, dass ich sicherer im Erklären geworden bin, aber auch daran, dass ich meine Ansprüche runtergeschraubt habe und am Ende froh bin wenn ich überhaupt noch Haare habe.

IMG_20160923_084453 (2).jpg

Der erste Friseur, zu dem ich mich getraut habe. Er lag auf dem Weg zur Arbeit und musste mit Zaubertechnik gebaut worden sein: Von außen Schuhschachtel, von innen geräumiges Platzangebot.

IMG_9656.JPG

Nie wieder mit nur drei Vokabeln zum Friseur.

Wie sieht’s im nächtlichen Bischkek aus? Wie gut ist die Club-Szene besetzt?

Hingegen der möglichen Erwartungen kann man sich in Bischkek sehr gut amüsieren und ausgehen. Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass mir die ganze Sache hier um Längen besser gefällt als in Deutschland. Der einzige Nachteil ist vielleicht, dass Clubs und Tanzbars hier ein wenig unauffälliger und versteckter sind. Man muss eine Weile in Bischkek leben und vielleicht auch die richtigen Leute kennen um herauszufinden wo die Kirgisen ihren Spaß haben. Eintritt ist fast immer frei, was es sehr viel attraktiver macht an einem Abend in mehreren Locations zu tanzen, trinken oder rumzustehen. Zudem ist es dann nicht so eine Wundertüten-Aktion, bei der du nicht weißt ob du 10 € für einen brechend vollen oder leeren Club zahlst. Reingehen, umschauen und weiter wenn’s nicht gefällt. Je nach Club ist die Musik und somit auch die Zielgruppe unterschiedlich. Getränke sind natürlich im Vergleich zum Einkauf teurer aber lange nicht so teuer wie in Deutschland. Von Club zu Club geht es mit dem Taxi, wobei der Durchschnittspreis für eine Fahrt 1,20€ beträgt.

Gibt es Universitäten in Bischkek und wie studiert man dort?

Schande über mein Haupt, aber ich weiß nichts genaueres über das Studiensystem Kirgistans. Dem nach zu urteilen was ich gehört habe soll es sich nicht groß unterscheiden von jeglichen anderen: Examen, Klausurenphasen und Vorlesungen. Universität halt.

Viel interessanter ist hingegen wie viele Universitäten Bischkek beheimatet. Da wären:

Die American University of Central Asia

Die Kirgisisch-Russische Slawische Universität

Die Internationale Atatürk-Alatoo Universität

Die Kyrgyz National University

Die Staatliche Kirgisische Universität für Bauwesen, Verkehrswesen und Architektur

Die Türkisch-Kirgisische Manas Universitäten

Das Asiatische Medizinische Institut

Die Kyrgyzs Technical University

Die International University of Kyrgyzstan

Die Kyrgyz State Medical Academy

Die University of Central-Asia

Die Bischkek Humanities University

Was ist dein kirgisisches Lieblingsgericht und haben die Kirgisen ein Nationalgericht?

Eine wirklich schwere Frage, denn mir schmeckt fast alles hier richtig gut. Wenn ich mich entscheiden müsste, dann wäre es wahrscheinlich Lagman, ein Gericht mit Suppe und unheimlich langen teigigen Nudeln. Ganz dicht darauf folgt Plov. Aber es ist alles wirklich köstlich.

Das kirgisische Nationalgericht nennt sich ,,Besch-Barmak“, was übersetzt ,,Fünf Finger“ bedeutet. Nomen ist Omen, denn das Gericht wird traditionell mit den Händen gegessen und besteht aus Nudeln, Fleisch und Zwiebeln. Vielerorts wird die Erfindung dieses Gerichts der kasachischen Küche zugesprochen doch echte Kirgisen werden immer darauf beharren, dass sie das Gericht erfunden hätten.

IMG_7668.JPG

Lagman. Boso Lagman

IMG_7666.JPG

Plov Love!

IMG-20170606-WA0008.jpg

Besch Barmak (links)

Wie gehen die Menschen in Kirgistan zur Toilette?

In ländlichen Regionen und im Großteil der einfacheren Kafés oder Kantinen stößt man auf das Hock- bzw. Plumsklo. Auf dem Land sind es meist einfach gezimmerte Holzhütten, in denen es im Winter schrecklich zieht. Wohnungen, die während der Sowjetunion entstanden sind standardmäßig mit europäischen Toiletten ausgestattet, die man auch in jedem gehobenen Etablissement vorfindet.

 

 

IMG_20161009_135446.jpg

Just do it the europen way!

IMG_20170315_084024.jpg

kirgisische Plumpsklos…in Bischkek.

Wo kaufen die Einwohner Kirgistans ihre Lebensmittel?

Wie bereits erwähnt haben die Bischkeker die Auswahl zwischen drei großen Einkaufsmöglichkeiten. Tante Emma Läden, großen Supermarktketten und dem Bazaar. Geht es den Kirgisen um die Unterstützung des Einzelhandels, so gehen sie in Tante Emma Läden. Sollen große Einkäufe getätigt werden oder nicht zu viel Geld fließen wird auf dem Bazaar eingekauft. Geht es um Auswahl und den Zugang zu Produkten aus aller Welt dienen die großen Ketten.

In Regionen außerhalb Bischkeks hat, so glaube ich vor allem im Süden der Bazaar eine stärkere Bedeutung und zieht mehr Einkäufer an.

Wie sehen die Häuser in Kirgistan aus?

Bis die Russen kamen lebten alle Kirgisen in Jurten und führten ein nomadisches Leben, das abrupt beendet wurde als die Besetzungsmacht (russ. Kaiserreich) einsah, dass dieser Lebensstil nicht profitabel für sie war woraufhin sie die einstigen Nomaden sesshaft machten.

Bischkek und alle anderen Städte bestehen zu großen Teilen aus Sowjet-Gebäuden und Platten-Bauten. Die Häuser die es gibt sind einfache oder auch bis zu drei Stockwerke hohe Neubauten.

Erwähnenswert ist auch, dass in Bischkek extrem viel gebaut wird. Alle Wohngebäude die entstehen sind allerdings dem Stadtbild entsprechend dem Plattenbaustil ähnlich und im Block-Stil gehalten .

IMG_20161229_162131

Klassisches Etagen-Haus samt Freiluft-Fahrrad

IMG_20170507_134746.jpg

Klassisches Straßenbild kirgisischer Städte. Hier in Naryn (Ostkirgistan)

IMG_20170507_134341 (2).jpg

Einfache Häuser in ländlichen Regionen.

IMG_1101.JPG

Sonnenaufgang über Bischkeks Platten.

IMG_1138.JPG

IMG_1170.JPG

Gehobener Komplex. Die Aussicht ist ein großes Kaufargument.

IMG_5329.JPG

Klassische Häuserfassade eines bischkeker Plattenbau. Man beachte die Ornamente und Verzierung. Es muss nicht alles hässlich sein, von dem gesagt wird es ist hässlich.

IMG_9847

Ein monströses Konstrukt

IMG_1179.JPG

Under Construction!

Sind Kirgisen grundsätzlich freundlicher als Deutsche?

Die Frage lässt sich sehr schwer beantworten um ehrlich zu sein. Sie sind auf ihre Art wahrscheinlich wirklich freundlicher als Deutsche. Auf ihre Art.

Kirgisen hegen auf jeden Fall ein großes Interesse daran, wie man über sie denkt, was wiederum dazu führt, dass sie sehr freundlich auftreten.

Ich denke Kirgisen sind von Natur aus sehr neugierig und vor allem an Ausländern interessiert und wollen wissen was einen in ihr Land verschlagen hat. Es sind viele verschiedene Faktoren, die dazu führen, dass Kirgisen sehr freundlich wirken.

Ob Kirgisen nun von Haus aus freundlicher sind als Deutsche kann ich partout nicht beantworten, da ich selbst auch keine Ahnung habe ob Deutsche nun freundlich sind oder nicht. Ich habe mein Leben lang dort gelebt und nie wirklich darauf geachtet.

Vielleicht hilft diese Information ein wenig weiter: Wann immer ich das Gefühl hatte jemand, den ich etwas fragen wollte sei kein 100%-iger Gutelaunemensch entschuldigte ich mich zu Anfang des Gesprächs zuerst für mein Russisch und bat um Verständnis, dass ich nicht alles richtig erklären könnte und würde. Daraufhin waren die Menschen meist sehr geduldig und vielleicht auch ein wenig freundlicher.

Was sagen die Kinder dazu, dass du bald weg bist?

Diejenigen von ihnen, die verstehen, dass meine Ausreise aus Kirgistan näher rückt fragen mich ob ich wiederkommen werde so wie die meisten der Freiwilligen, die vor mir bei Ümüt-Nadjeschda gearbeitet haben. Natürlich versprach ich ihnen zurückzukehren und sie zu besuchen. Einer der Jungen mit dem ich arbeitete sagte sogar er würde Tränen vergießen, sobald ich weg sei. Ich weiß von ihm, dass das jedes Jahr so ist. Aber ich bin in gutem Gewissen, dass er sich mit dem nächsten Freiwilligen genauso gut verstehen wird.

Hast du vor Kirgistan noch mal zu besuchen?

Ein bisschen ungünstig von mir gesetzt die Frage, aber wie schon gerade eben beantwortet: Ja auf jeden Fall! Am liebsten mit Leuten, die mit mir kommen wollen. Es gibt vieles was ich gerne noch erkunden würde.

Glaubst du, dass du deine Beziehungen und Kenntnisse über Kirgistan in deinen Beruf einbinden kannst?

Da ich vorhabe mich beruflich und zuerst einmal studientechnisch näher mit dem Islam zu beschäftigen bin ich mir sicher, dass meine Zeit in Kirgistan mir später behilflich sein könnte. Nicht zuletzt hat sie immerhin zu der Entscheidung für dieses Studium beigetragen.

Welche Vorurteile über Kirgistan und Zentralasien würdest du gerne aus dem Weg schaffen wenn du könntest?

  1. Es ist nicht gefährlich hier. Ich habe bereits erwähnt, dass ich mich hier sicherer fühlte als in manchen europäischen Städten und das möchte ich nochmal bekräftigen.
  2. Es ist eine Reise wert. Kirgistan und ganz Zentralasien sind sehenswert. Kultur ist in diesem Winkel der Erde soviel lebendiger als an anderen Orten der Welt und noch in ihrer ursprünglichen Form zu erleben. Nicht verfälscht und rekriert
  3. Es ist kein ausgelagerter Teil Russlands: Die Menschen Tadschikistans, Kasachstans, Kirgistans, Turkmenistans und Usbekistans mögen sich Sprache und Eigenheiten ihrer sowjetischen Vergangenheit behalten haben, doch es schimmert so oft der Charakter des Orients und des fernen Ostens durch sie hindurch. Ich habe selten spannenderes Verhalten erleben dürfen.
  4. Zentralasien ist bunt: Als ich in einem Dorf an der westlichen Grenze Kirgistans zum ersten Mal Usbeken sah hätte meine Verwirrung nicht größer sein können. Es liegen vielleicht keine Welten zwischen Kasach- und Kirgistan, aber es sind die kleinen Details, die einem aufzeigen, dass sich diese Völker voneinander unterscheiden. Eine gewisse Ähnlichkeit bleibt.
IMG_0032.JPG

Ded Maros. Der Weihnachtsmann der Russen und der Sowjetunion. Hier gespielt von einem Kirgisen. Ein perfekteres Beispiel für das Durchschimmern des fernen Ostens durch die Fassade der Sowjetunion werdet ihr wohl nicht finden.

IMG_9823.JPG

Ja sie waren hier die Russen. ,,Platz für ihre Werbung“. Obere Hälfte auf Kirgisisch, untere Hälfte auf Russisch.

Was hat dich an Kirgistan am meisten überrascht?

Wahrscheinlich die Tatsache wie international es ist. Klar ist es nicht Berlin, aber für ein Land, von dem du nur weißt, dass es in der westlichen Welt nicht sonderlich bekannt ist hat es mich positiv überrascht. Ich hätte nie gedacht, dass es hier Organisationen gibt, die auf Deutsch und Französisch über allen möglichen Ereignisse aus Zentralasien berichten (https://www.novastan.org/de/) oder Stammtische stattfinden, die beachtliche Zahlen von Deutschen anlocken, die in Kirgistan temporär oder permanent leben. Jetzt im Sommer sind die Überlandmarschrutkas voll mit Amerikanern und Europäern, die in kirgisischen Dörfern und Städten übernachtet, wo eine Organisation namens ,,Community Based Tourism“ ein System aus Gastfamilien errichtet hat, welche von dem Besuch der Gäste profitieren. Es klingt vielleicht wie ein veralteter Begriff, doch Kirgistan ist touristisch gesehen erschlossen.

IMG_1199.JPG

Finde den Fehler.

Wie viele Freiheiten haben junge Leute?

Jedes Mal als ich mit jungen Frauen, die in unseren Augen vollkommen unabhängig und souverän handeln hätten können irgendwo unterwegs war gab es immer eine besorgte und teils strenge Oma oder einen älteren Bruder, die es nicht lassen konnten alle halbe Stunde anzurufen um sich zu versichern, dass das Mädchen nicht gekidnapped wurde. Was der Sache noch den Hut aufsetzt ist, dass selbige Familienmitglieder zuvor belogen wurden und dachten die Mädchen sein mit einer Freundin unterwegs. Zudem gab es für sie immer eine Sperrstunde zu der sie zu Hause sein mussten.

Ich habe zudem von wenigen Paaren gehört, die vor der Heirat zusammenlebten.

Einmal fragte mich ein Mädchen, ob in Deutschland junge Frauen in eine Bar oder ein Restaurant gehen dürften und sich ein Bier bestellen könnten ohne dabei schief angesehen zu werden. Als ich dies bestätigte wuchsen die Augen meines Gegenübers und sie war noch begeisterter von Deutschland als zuvor.

Womit kamst du in Kirgistan am wenigsten zurecht?

Vermutlich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das war für mich auch in Deutschland immer ein großes Problem gewesen, obwohl ich alles verstand und es klare Informationen gab. Hier wurde ich in ein völlig neues und noch dazu mehr oder weniger planloses System geworfen, welches ich am Ende des Jahres lieb gewonnen habe und dessen Stärken mir nun offensichtlich sind.

Das ganze war so schlimm, dass ich zuerst wirklich Angst hatte alleine Marschrutka zu fahren und es für mich ein Albtraum war wenn ich realisierte, dass ich in die falsche Richtung fuhr und irgendwie raus musste. Ich weiß noch welche Angst ich vor dem Fahrer hatte und mir Minuten zuvor die Worte zurechtlegte, die ihm klar machen sollten, dass er mich aussteigen lassen sollte.

Mittlerweile realisiere ich meine falsche Fahrtrichtung, stürme zum Fahrer vor, plappere in mit irgendwas zu von wegen ich müsste nun aber schleunigst aussteigen, verlasse die Marschrutka, fluche ein wenig vor mich hin (auf russisch um die Authentizität meines Auftretens zu wahren) und springe wenige Minuten später in die nächste Marschrutka.

IMG_0603.JPG

Kann mir das mal jemand vorlesen? Bis ich die erste Station entziffert hatte war die Marschrutka meist schon wieder weg

Wie lebt die Durchschnittsfamilie in Kirgistan (Haus, Auto usw.) Wie groß sind die Familien und wohnt man mit den Großeltern zusammen?

Da es den Kirgisen besonders darum geht die Plagen der öffentlichen Transportmittel zu umgehen besitzen sehr viele Familien ein Auto. Gewohnt wird in einer Wohnung oder einem Haus. Die klassische bischkeker Wohnung besteht aus zwei Zimmern, einem Wohnzimmer, Küche und Bad mit manchmal seperater Toilette. Wohnungen in der Innenstadt oder nahe dem Zentrum sind angeblich sehr teuer und nicht unbedingt einfach zu ergattern. Umso erfreulicherist es, dass ich ein Jahr lang in einer solchen Wohngegend leben konnte. Eine kirgisische Familie ist, was die Anzahl der Kinder angeht größer als eine deutsche: 3-5 oder mehr Kinder sind eine normale Zahl. Auf dem Land ist die Zahl sicherlich nochmal größer. Besitzt die Familie ein Haus, so kommt es nicht selten vor, dass Großeltern mit der Familie zusammenwohnen.

Wie denken Leute über die politische Situation mit Russland und Nordkorea?

Um ehrlich zu sein habe ich hier noch nie irgendjemanden über Nordkorea reden hören und kann mir auch nur schwer vorstellen wie der Einzelne hier über das aggressive kleine Land denkt.

Was Russland angeht, so kann ich eine kleine Anekdote erzählen, die veranschaulicht wie die Menschen über ihren großen Schatten denken:

Als mich ein Taxist während einer Fahrt in seinem winzigen Honda Fit fragte ob es stimmte, dass wir in Deutschland Angst vor Putin hätten und ihm nicht trauen würden wusste ich auf diese Frage keine wirkliche Antwort. Ohne mir Zeit zum überlegen zu geben platzte der ältere Mann aus sich heraus und quasselte mit einer betont beruhigenden Stimme:,,Habt keine Angst. Er ist nicht gefährlich. Er ist ein guter Mann.“ Ich lenkte das Gespräch daraufhin schnell auf deutsches Bier.

Sind die Einwohner Bischkeks religiöser als Einwohner deutscher Großstädte?

Ja, definitiv. Diese engere Beziehung zu den einzelnen Religionen zeigt sich auf verschiedene Weisen:

Freitags, wenn in Bischkeks Moscheen das traditionelle Freitagsgebet stattfindet ist der Verkehr wesentlich dichter und das Durchkommen sehr schwer. Da ich in einer Parallelstraße zu einer großen Moschee wohne konnte ich das ein paar Male beobachten. Außerdem laufen viele Männer in Bischkek mit traditionellen muslimischen Kappen rum und lassen ihre Bärte lang und dicht wachsen. Ultrareligiöse Moslems laufen hier sogar in langen wallenden Gewändern durch die Stadt, welche eher an Saudi-Arabien und Scheichs erinnern. Der Muezzin ruft mehrmals am Tag und so weiter. Ein großer Teil der Bevölkerung fastet in der Zeit des Ramadans und bricht das Fasten erst nach Sonnenuntergang.

Als ich am Issyk Kul ein paar Tage mit einem weiteren jungen Studenten in einem Zimmer zusammenwohnte, konnte ich beobachten dass er jeden Tag drei Mal auf seinem Gebetsteppich betete. Ich fragte ihn ob wir uns zusammen die Moschee bei der ich wohne ansehen könnten und er war sofort begeistert, doch leider musste er mir absagen, da er in nächster Zeit nicht in Bischkek sein würde.
Zu den Christen: Die orthodoxen Russen, von denen es viele in Bischkek gibt haben ihre eigene große Kirche im Zentrum der Stadt, was nicht unbedingt normal ist und sicherlich mit der in Zentralasien seltenen Liberalität Kirgistans zu tun hat. Viele russische Männer und Kinder tragen Kreuzketten und ihre Wohnungen sind vollgehängt mit Ikonen und anderen religiösen Bildnissen.

IMG_7078.JPG

Die Moschee um die Ecke. Oft sehe ich ganze Geländewagen voll von bärtigen Kirgisen mit Gebetsketten nach dem Mittagsgebet.

Hättest du dir gewünscht, dass man dich vor irgendetwas warnt?

Wahrscheinlich davor, dass die Jahreszeiten viel intensiver sind. Ich habe im Winter noch nie so auf der Straße gefroren und im Sommer noch nie tagsüber zu Hause rumgehangen weil es draußen zu heiß war. Außerdem hatte ich überhaupt keine Winterkleidung dabei. Über den Wintereinkauf gleich relativ zu Beginn will ich gar nicht sprechen.

IMG_20161119_130349.jpg

Der Moment an dem ich merkte, dass ich dem Winter nicht mehr entfliehen konnte.

IMG_20161119_233659.jpg

Peitschende Schneefälle auf dem Weg nach Hause

IMG_9696.JPG

Nächtlicher Schneefall

IMG_20161022_115330.jpg

Wintereinkauf. Vorfreude geht gegen Null.

Hast du Kirgisen kennengelernt, zu denen du in Zukunft weiterhin Kontakt halten willst?

Tatsächlich gibt es neben den vielen flüchtigen Bekanntschaften auch einige Leute, zu denen ich gerne Kontakt halten würde. Donyar [Wie ich mit Tadschiken das Brot brach] ist einer von ihnen und da er momentan in Deutschland ist plane ich auch ihn zu besuchen.

Wie muss ein für Kirgisen schöner Mensch aussehen?

Ich beziehe das ganze jetzt mal auf kirgisische Männer und Frauen:
Eine schöne Kirgisin hat helle Haut und langes schwarzes oder braunes Haar, welches meistens glatt teils aber auch gewellt bis lockig ist. Ihre Augen sollten asiatisch sein, aber nicht zu sehr verengt. Da die Augenfarbe in Kirgistan ganz im Gegensatz zum Stereotyp gegenüber asiatischen Menschen neben Braun auch Grün oder Blau sowie Grau sein kann ist es sicher nicht verkehrt eine der letzteren Farben sein Eigen nennen zu können. Aber um ehrlich zu sein ist das hier alles kein fundiertes Wissen. Man gucke sich einfach genügend der oben genannten Musikvideos an und schon kann man sich ein eigenes Bild kirgisischer Frauen machen. Schön sind sie alle.
Auch der schöne Kirgise besitzt helle Haut und ist groß gewachsen. Bartwuchs ist als Zeichen der Männlichkeit ein verbreitetes Schönheitsideal. Wie oft habe ich Werbung für irgendwelche wundersamen Bartwuchsmittel gesehen, die dichteres oder überhaupt Bartwachstum versprachen. Dabei haben viele Kirgisen das überhaupt nicht nötig, da sie von Natur aus gemessen an anderen Bewohnern des fernen Ostens ziemlich starkes Bartwachstum haben.

Gibt es ein Tabuthema in Gesprächen mit Kirgisen?

Ich bin selbst nie auf ein Tabuthema gestoßen, doch ich weiß, dass Kirgisen ungern über die Unruhen in Südkirgistan von 2010 sprechen, bei denen es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und der sehr starken Minderheit der Usbeken kam. Die Schuld für die Ereignisse schieben sich beide Völker gegenseitig in die Schuhe und den vielen Toten wird jährlich an Trauertagen gedenkt.

IMG_7645.JPG

Ein Denkmal auf dem zentralen Ala-Too Platz zu Ehren der Opfer der Revolution von 2010

Sind die Menschen in Bischkek genauso verschlossen wie Menschen in einer deutschen Großstadt?

Aufgrund der Tatsache, dass Leute in Läden, auf dem Bazaar oder in der Marschrutka sehr oft von sich aus anfingen sich mit mir zu unterhalten und dabei oft kürzere oder teils längere Gespräche entstanden möchte ich behaupten, dass viele Menschen tatsächlich ein wenig interessierter sind und vielleicht öfter rechts und links gucken. Man redet gerne und fragt noch lieber.

Was sind die größten Unterschiede einer kirgisischen und einer deutschen Familie?

Wahrscheinlich ist es der traditionell stärkere Familienzusammenhalt. Die Tradition verlangt, soweit ich mich erinnern kann, dass der jüngste Sohn bei seinen Eltern bleibt um sie zu unterstützen. Zudem zieht eine verheiratete Frau zunächst in das Haus der Familie ihres Mannes und bekommt dort die Aufgabe jegliche Hausarbeit zu erledigen. Ich glaube diese Bräuche tragen dazu bei, dass der Familienzusammenhalt noch als größerer Wert betrachtet wird. Ich habe hier auch noch nie von Altersheimen gehört.

Gibt es große mentale Unterschiede zwischen uns und den Kirgisen?

Die gibt es sicherlich. Um nur einen Teil aufzuzählen: Ich finde generell, dass Kirgisen mehr im Hier und Jetzt leben und sich wenige Gedanken machen, was denn dann in Zukunft aus der Situation wird, in der sie sich momentan befinden.

Kirgisen fragen zum Beispiel ganz andere Fragen bei ersten Begegnungen. Sie interessiert welchen Beruf und welche Position man in der Rangordnung besitzt, wie viel man verdient, ob man verheiratet ist oder nicht und wenn nicht warum denn nicht oder andere Themen, die Deutschen etwas sehr privat vorkommen würden.

Es gibt sicherlich noch viele Unterschiede zwischen uns und diesen Menschen hier am anderen Ende der Welt, aber ich möchte nicht irgendetwas leichtfertig dahin plappern, nur um noch noch einen dritten Punkt dazu zu dichten.

Wie sieht es mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau aus?

Nicht allzu gut, aber es wird besser: Generell stecken Frauen ebenso wie Männer in einer gewissen Geschlechterrolle drin.

Frau: Früh heiraten, Kinder bekommen, Kochen, Putzen, Einkaufen, den Haushalt führen und dabei immer so feminin wie möglich wirken.

Mann: Stark, keine Schwäche zeigen, nicht weinen, schwere Dinge heben mit denen sich ansonsten die schwache Frau plagen müsste, arbeiten, Geld verdienen.

In Bischkek scheint es viele Frauen zu geben, die sich nicht in dieser Rolle sehen und versuchen aus ihr herauszutreten, aber wie immer ist die Situation anderswo, vornehmlich auf dem Land ganz anders.

Der Mann wird generell als Familienversorger und starkes Geschlecht gesehen aber es gibt Grund zur Hoffnung, dass sich etwas in den kirgisischen Köpfen tun wird.

Auf was war es am schwersten zu verzichten?

Leicht: Gute Freunde.

Ich habe viele Bekanntschaften gemacht, klar. Das größte Problem war jedoch sich nicht wirklich über alles mit Leuten auszusprechen und sie konsultieren zu können. Ich kann ein Jahr lang auf Nutella, Mamas Küche, die deutsche Sprache und Mentalität sowohl als auch auf das fahren eines Autos verzichten. Kein Problem. Was mich wirklich überrascht hat war meine Unterschätzung der Wichtigkeit von engen Freunden.

Was wirst du an Kirgistan am meisten vermissen?

In einem völlig neuen Land zu leben. Jeden Tag Sachen und Dinge zu erleben, bei denen man sich denkt: ,,Ach das machen die hier auch so!“ oder ,,Ach so machen die das hier?!“. Einkäufe auf lauten, heißen und chaotischen Bazaren zu erledigen, nach denen man sich denkt ,,Leck mich, da geh‘ ich nie wieder hin“ und sich ein paar Tage später wieder auf dem Weg zum selbigen Ort zu erwischen. Sprechen, erklären, fragen, loben, fluchen, lesen und telefonieren auf einer anderen Sprache. Sich selbst zu beobachten, wie man in einer anderen Kultur untertaucht, eines Tages in den Spiegel blickend und urplötzlich realisierend, dass man ein Kirgise ist, der in Kirgistan lebt. Am Ende eines Jahres zurückzublicken, sich an den Kopf zu greifen und zu fragen, wie man sich am Anfang so doof anstellen hat können.

Freust du dich auf Deutschland?

Ja komischerweise sogar sehr.

Was nimmst du mit?

Einen Satz: ,,Mach doch einfach. Was soll denn groß passieren? Du hast es in Zentralasien geschafft und lässt dich von Zentraleuropa einschüchtern?“

Würdest du dich wieder entscheiden für ein Jahr nach Kirgistan zu gehen?

Jedes einzelne Mal.

Was schätzt du nun in Deutschland noch mehr als zuvor?

Ich weiß nicht recht. Vielleicht, dass Deutschland Deutschland ist und Kirgistan Kirgistan. Dass wir wir sind und sie sie.  Dass wir beide unseren eigenen Kopf haben und ich zum Beispiel das Glück hatte einen Kulturschock zu erleben, als ich hier ankam. Mit der stetigen Assimilierung an Leitkulturen muss man es wahrscheinlich bereits wertschätzen von einer fremden Kultur geschockt zu werden. Einen Satz denn ich oft ans Ende von Erklärungen von Unterschieden zwischen Kirgistan und Deutschland gesetzt habe: ,,у нас так у вас так.“ ~ Bei uns so, bei euch so.
Und die mit Abstand am meisten gestellte Frage über ein Jahr hinweg:

 

Wann kommst du wieder nach Hause?

Bald.

 

Ich bedanke mich von Herzen bei allen, die vom ersten Tag, an dem ich beschrieb wie ich um mein Visum bangen musste und am Flughafen nicht mal Russisch sprechen durfte diese Reise ein Stück weit durch diese vielen tausend Wörter mit mir geteilt haben.

удачи, и Счастливо вам.

Viel Erfolg und Glück euch.

(klassische kirgisisch-russische Abschiedsformel)

IMG_4402.JPG

IMG_4435IMG_4453IMG_4465IMG_4479IMG_4486IMG_4508IMG_9377IMG_4448IMG_9390IMG_1225IMG_1249IMG_1289IMG_4912IMG_4915IMG_4942 eIMG_4947IMG_4953IMG_4966IMG_5016IMG_5025IMG_5031IMG_0594IMG_0685IMG_4974IMG_0690IMG_0715IMG_1113IMG_1117IMG_1187IMG_3071IMG_3681IMG_3746IMG_7124IMG_7134IMG_7390IMG_7628IMG_0626IMG_6956IMG_6967 (2)IMG_6968IMG_6989IMG_7024IMG_7056IMG_8375IMG_9394IMG_0245IMG_0551IMG_3107IMG_3327IMG_3410IMG_3486IMG_3563IMG_3572IMG_3770IMG_3939IMG_4045IMG_4119IMG_4217IMG_4252IMG_4253IMG_4293IMG_4307IMG_4311IMG_4625IMG_4650IMG_4706IMG_4716IMG_4810IMG_4854IMG_4900

Wie ich über Nacht zum Repräsentanten Deutschlands wurde

,,Wie machen die das nur?“, dachte ich und stierte weiter in den Bildschirm meines Handys.

Gebannt verfolgte ich die Schritte zweier Männer, die den kasachischen Volkstanz (zu 89% verwandt mit dem der Kirgisen) auf einer Hochzeit tanzten. Sie bewegten sich so elegant, fast als ob sie einfach nur laufen würden, auf der Straße so wie jeder andere Mensch. Dabei praktizierten sie doch eine uralte Kunstform der Menschheit: Den Tanz.

Ich hatte das Video der beiden Kasachen, die unter tosendem Applaus der Hochzeitsgesellschaft in einem festlichen Saal herum sprangen und für einige Außenstehende und  Unwissende wahrscheinlich auf sehr lustige Art und Weise ihre Körper verrenkten grade auf YouTube gefunden, als meine Mitbewohnerin auf der anderen Seite des Vorhangs, welcher mein Zimmer vom Korridor trennte auftauchte. Ich hatte das gar nicht bemerkt. In letzter Zeit vertiefte ich mich viel zu oft in die Tänze von verschiedenen Völkern und lies mich von eben diesen recht schnell und einfach faszinieren.

,,Hey Constantin, ich hab grade so nen Anruf bekommen von dem Mädchen, das neulich bei uns auf der Arbeit war.“, spricht sie durch den engen Spalt der beiden Vorhänge, die seit fast einem Jahr mein kirgisischer Tür-Ersatz sind.

So schlimm lebt es sich gar nicht ohne Tür. Man bekommt viel mehr mit, was auf der anderen Seite des Vorhangs geschieht und behält trotzdem noch einen gewissen Sichtschutz. Ich hab diesen Vorhang irgendwie doch lieb gewonnen und kann mir momentan nur schwer vorstellen in Deutschland wieder in irgendein Zimmer mit einer Tür und wohl möglich noch einer Türklinke zu ziehen .

,,Welche?“, kommt es von meiner Seite zurück. ,,Begaim, Nasira oder Bermet?“

Meine Augen sind immer noch auf den Bildschirm gerichtet. Die lustigen Kasachen tanzen weiter. Mittlerweile hat jemand einen Teller in die Nähe der Akrobaten gestellt. Auf diesen fallen nun nach und nach Scheine in allen Farben und Größen der kasachischen Währung ,,Tenge“.

,,Bermet. Sie hat mich um die Teilnahme an so ’nem kleinen Projekt gebeten und ich hab dummerweise irgendwie schon zugesagt.“, spricht meine Mitbewohnerin in einem Ton weiter, der so reuevoll klingt, als wäre sie soeben einem kleinen Hund auf den Schwanz getreten.

,,Was für ein Projekt?“, bohre ich nach auf der Suche nach den Kerninformationen und der Antwort auf die Frage, was ich eigentlich mit der ganzen Sache zu tun habe.

,,Das wäre so eine Präsentation über Deutschland. So den Standardkram: Geografische Lage, deutsche Geschichte, Kultur und Küche und Sprache. Man soll eine Powerpoint-Präsentation bringen hieß es.“

,,Haken paka njet. Also?“, gab ich misstrauisch zurück, nun das erste Mal vom winzigen Display meines Handys aufblicken.

[Paka njet ~ noch nicht/ noch kein] Mittlerweile hatten einige Ausdrücke oder Begrifflichkeiten des Russischen den Einzug in meinen Alltagssprachgebrauch erhalten. Auch wenn ich Deutsch sprach.

,,Das ganze findet morgen Vormittag statt. Anderthalb Stunden von Bischkek entfernt.“

Das kam unerwartet. Etwas belämmert musste ich geguckt haben, dem Gesichtsausdruck meiner Mitbewohnerin zu entnehmen.

,,Du beliebst zu scherzen“, antwortete ich und linste ohne eine Antwort abzuwarten auf den oberen Rand meines Smartphones auf dem schon die nächste Ethnie angefangen hatte zu tanzen. Diesmal Aserbaidschaner. Rasch wischte ich die viel zu schnell tanzenden Kaukasier mit meinem Daumen weg und blickte auf die Statusleiste:

21.30 Uhr.

,,Wir beziehungsweise Ich treffe mich morgen um 8 Uhr früh mit Bermet am Osch-Bazaar um dort hin zu fahren. Kannst du bitte auch mitkommen? Ich will das nicht alleine machen, hab aber schon zugesagt.“, bat sie ein wenig ratlos und mit dem leichten Anflug eines Flehen in der Stimme.

Ich wägte ab: ich war von dem vielen virtuellen Rumgetanze verschiedener Völker auf meinem Handy mit Sicherheit ein wenig müde geworden und eine latente Schläfrigkeit hatte sich in meinen Gliedern breit gemacht. Allerdings hatte ich schon in meiner Schullaufbahn selten vor einer Präsentation zurück geschreckt. Irgendetwas fand ich daran Menschen Informationen näher zu bringen.

Einem sehr müden Gehirn und somit auch einer nicht ganz gesunden Entscheidungsfähigkeit geschuldet willigte ich ein mit der verzweifelten Wohngenossin auf der Stelle eine Präsentation über das geliebte Vaterland zu erstellen und am nächsten Morgen zu der unmenschlichen Uhrzeit 6.30 aufzustehen. Wir reden hier von einem Samstag möchte ich nochmals unterstreichen.

Kasachen am kasachisch sein.

 

 

Grauer Himmel. Marktgeschrei. Anfahrende, bremsende und hupende Autos. Vereinzelt dreckiger Schnee auf den Gehwegrändern. Märzkälte. Osch-Bazar.

Wie es so kommen musste hatten die beiden Germanen den Eindruck, den jeder Lernende der deutschen Sprache erhält, sobald er die erste Seite seines Lehrbuchs überfliegt bestens bestätigt. 7.40 Uhr waren sie am Platz schwer verwundert, warum den die andere Partei, also Bermet noch nicht zu sehen war.

Jaja diese Deutschen mit ihrer Pünktlichkeit. Wenn ich vor ihnen hier ganz ehrlich bin, so bin ich in dieser Hinsicht gar nicht so präsentabel: Seltenst wird es vorkommen, dass ich zu einem Treffen zehn oder gar zwanzig  Minuten zu früh erscheinen werde. Mit viel Glück und wenig Verstand stolpere ich 3 bis 10 Minuten zu spät durch den Türrahmen des Treffpunktes und schiebe es auf irgendwelche Gegebenheiten höherer Gewalt (Stau, zufällige Wiedersehen mit alten Bekannten oder Bauarbeiten, die mich aufgehalten hätten selbst wenn ich zu Fuß unterwegs war). So auch seit einiger Zeit auf der Arbeit. Mittlerweile kam ich vier Mal pro Woche ein wenig zu spät zur Arbeit. Noch hatte niemand etwas gesagt, ich war also noch am Austesten. Ich verspreche aber an dieser Stelle meinen Wille zur Besserung. Das Problem ist halt nur diese eine Baustelle auf meinem Fußweg seit drei Monaten. Morgen komm ich pünktlicher. Großes Deutschen-Ehrenwort!

All das änderte aber nun ja nicht an der Misere, die sich hier grade ereignete. Ich vergrub mein Gesicht so weit wie nur irden möglich im Kragen meiner treuen Lederjacke. Das würden die längsten zwanzig Minuten meines Lebens werden griff mein übermüdetes Hirn den ersten klaren Gedanken an diesem Morgen.

Als es bereits 8.09 Uhr war und der kalte Morgen meine Mitbewohnerin neben mir und meine Wenigkeit selbst von innen heraus durchgefroren hatte, sodass man uns problemlos in Gang 5 zusammen mit Tiefkühl-Pelmeni hätte auffinden können drehte sich die Situation doch ganz schnell.

Bermet erschien. Völlig unpassend gekleidet angesichts der Temperaturen. Das Bedürfnis wirklich immer (!) schick sein zu müssen war sowohl bei Kirgisinen sowie Russinnen extrem präsent.

,,Iswinitje schto ja posdna prischla“ [Entschuldigung, dass ich zu spät gekommen bin], waren ihre ersten Worte, scheinbar bereits im Bewusstsein über die leichte Verärgerung der beiden Tiefkühl-Deutschen angesichts der langen Wartezeit.

Hätten wird die Absicht gehabt uns zu beschweren, hätten wir dazu sowieso keinerlei Möglichkeit gehabt:

,,Dawai tuda!“ [Los dahin], war die klare Anweisung, die die hübsche Kirgisin ohne jegliche Interesse an Small-Talk schon im Loshetzen verlauten ließ.

Bermet führte uns ein wenig durch das morgendliche Chaos des Bazares, vorbei an Sockenverkäufern und Schustern, sowie alten Mütterchen mit kleinen Bollerwägen, aus denen hinaus sie Kleinigkeiten und ,,Snacks“ verkauften. Es fühlt sich jedesmal an wie in einem Agentenfilm wenn man auf sie zu läuft,  denn sobald man sich auf eine bestimmte Distanz angenähert hat scheint man eine unsichtbare Laserschranke zu durchqueren. Sofort werden im Gehirn der alten Frauen Zellen produziert, die dazu führen, dass sie dem Gegenüber mit Augenkontakt ins Angesicht brüllt:

,,PIRASCHKI, BUTERBRODI, GARJATSCHIJ TSCHAI!“ [Piraschki, belegte Brote, heißer Tee]

Vorbei an Männern, die das wohl beliebteste Kleidungsstück des Landes verkaufen (die Jogginghose) bahnen wir uns unseren Weg hin zu einem Vorhof auf dem mehrere Marschrutkas stehen. Scheinbar Überlandverbindungen und nicht inter-Bischkek.

Bermet scheint es noch eiliger zu haben als wir, als sie die wie gewohnt neben den Marschrutkas stehenden Fahrer anspricht und mit ihnen anfängt auf Kirgisisch zu verhandeln. Nach zwanzig Sekunden uns unverständlichem Gebrabbel und einigen wilden Handgesten stopft man uns mit samt Rucksäcken in eine der Marschrutkas. Bermet erscheint nochmals ganz kurz an der Eingangstür, ruft uns ein hastiges ,,Paka“ [Tschüss] zu und knallt die quietschende Tür vor meiner immer noch leicht angefrosteten Nase zu. Wie jetzt? Ohne Bermet? Und wohin überhaupt? Zu welchem Zweck?

Die Antwort auf all diese Fragen saß in der vorletzten Reihe und winkte uns heftig zu. Getrieben von der Neugierde herauszufinden was denn nun grade eigentlich passierte und dem Schub der soeben anfahrenden Marschrutka bewegten wir uns gewohnt tollpatschig und doch bedacht vorsichtig in das hintere Abteil des Kleinbusses. Die beiden Mädchen die dort bereits Platz genommen hatten beäugten uns neugierig und fragten den absoluten Standard-Kram:

Woher? Aus Deutschland? NEIN! Doch! OHHH!

Wie alt seid ihr? Wie lange seid ihr schon in Kirgistan?

Könnt ihr Russisch? Ja? где учили?

Und so ging es auf Russisch weiter bis sich die Möglichkeit ergab zwischen zwei Atemzügen mal etwas in eigener Sache zu erfragen:

,,Mui kuda sitschas?“ [Wir fahren jetzt wohin?], fragte ich nach der augenscheinlich wichtigsten Information.

,,Kara-Balta jedim.“[Nach Kara-Balta fahren wir], gab eines der beiden Mädchen das Reiseziel bekannt.

,,Ah totschna schto tam budim sdelat?“[Und was werden wir da genau machen], bohrte ich tiefer, diesmal auf der Suche nach dem Zweck meiner Anwesenheit in dieser Situation.

,,Presentaziju pridsdavlajem. Pered schkolnikami.“ [Einen Vortrag halten. Vor Schülern], war die Antwort auf meine unschuldige Frage.

Hart getroffen von dieser Prognose ließ ich mich zurück in meinen Sitz sinken und malte mir in Gedanken bereits aus, was da auf mich zukommen würde. Eine Schulklasse. Mit allem hatte ich gerechnet, nur damit nicht. Komisch, denn meist hält man doch Präsentationen vor Schülern. Warum ich wohl daran nicht gedacht hatte. Etwas besorgt dachte ich an den USB-Stick in meiner Hosentasche auf dem die am Vorabend hastig zusammengetüftelte Präsentation ruhte. Entsprach dieses Produkt von spät-abendlicher Gehirnarbeit überhaupt irgendwelchen Deutschland-Präsentations-Standards?

Ich musste wieder an die tanzenden Kasachen denken und fragte mich zu gleich was sie wohl tun würden in dieser Situation. Sofort wurde mir klar, dass das absolut schwachsinnig war und ich blendete den Gedanken so schnell aus wie ich ihn eingeblendet hatte.

 

Als wir in Kara-Balta aus der Marschrutka stiegen fiel mir sofort die große Zahl russischer Gesichter auf der Straße auf. Noch im Prozess der Umtaufung von Kara-Balta in Kara-Barnaul in Gedanken passierte das nächste unangekündigte Phänomen. Ein himmelblauer Honda-Fit fuhr rasant an und hielt mit mehr oder weniger (im zweifelsfall eher viel weniger) quietschenden Bremsen vor uns an. Der Fahrer, dessen Erscheinungsbild nur noch durch eine Sonnenbrille und eine im Mundwinkel hängende Zigarette hätte getoppt werden können bedeutete den beiden Kirgisinen, meiner Mitbewohnerin und mir sich ins Auto zu setzten. Der Mann hinterm Steuer stellte sich als Alim vor und sprach fließend Englisch mit uns. Er würde eine Englisch-Schule in Kara-Balta leiten und fungiere für unsere Präsentation heute gegebenenfalls als Dolmetscher. Ich rollte mit den Augen: Jeder der nicht dumm genug war um eins und eins zusammenzuzählen hatte nun verstanden, dass die Vorträge auf Russisch sein sollten.

Da standen beziehungsweise saßen sie nun, die beiden Deutschen. Noch vor weniger als 12 Stunden nichts ahnend was das Leben wieder für sie bereit hielt nun auf dem Weg zu ihrer wohl größten russischen Herausforderung.

Ich möchte mich an dieser Stelle kurz fassen:

Wir besuchten zwei Schulen: In der ersten wurden wir in einen großen Saal gesteckt, der für Gewöhnlich bestimmt als Theater benutz wurde. Ohne irgendwelche Instruktionen oder Anweisungen warteten wir nun auf die Schüler, die nun die Freude haben würden etwas über Deutschland zu lernen. Aus erster Hand und von zwei durch und durch verschlafenen, jedoch waschechten Deutschen.

Als sich der Saal langsam mit russischen und kirgisischen Gesichtern füllte, das Füllen jedoch kein Ende nahm wurde mir ein wenig mulmig zumute. Wie viele von denen wollten den noch unserem brüchigen Russisch zuhören?

Als wir in die Runde fragte, wer den etwas über Deutschland wüsste hörten wir den Standard wie Autos, Bier und Fußball. Aber es gab auch andere Antworten: Leute konnten auf Deutsch bis zehn zählen oder wussten einzelne Worte, die nichts mit Hitler oder dem Zweiten Weltkrieg zu tun hatten. Sehr erfrischend. Fast ein wenig gerührt über das Interessen und das bereits vorhandene Wissen über Deutschland brachte wir den 14 bis 17-jährigen die Kultur, Geschichte und Küche der Deutschen näher. Wir bedankten uns und erhielten Applaus und beide wurden wir bestimmt zehn Mal gefragt ob man nicht zusammen ein Foto machen könnte.

received_2236861723205724.jpeg

Erste Schule. Ein wenig verlegen.

In der zweiten Schule sprachen wir vor weniger Schülern. Vielleicht 30. Einer von ihnen viel besonders durch seine klugen und durchdachten Fragen auf. Jedes Mal meldete er sich, stand auf und sprach in sehr gutem Englisch. Er wollte vor allem wissen, wie in Deutschland mit der Verarbeitung der Geschehnisse des Holocausts umgegangen wird. Was unsere Lehrer uns beibringen würden und wie ihre Einstellung zum Thema Hitler und Holocaust wäre.

received_2236893403202556.jpeg

Zweite Schule. Wesentlich überzeugter von Deutschland.

Die Präsentation hätte die Schüler übrigens weniger nicht jucken können. Sie wurde einfach an die Wand geworfen und gut war.

Als wir den Raum verließen hatte ich ein gutes Gefühl, das sofort wieder verschwand als unser Fahrer/ Zwecksdolmetscher verkündete er nehme uns nun noch mit auf eine ,,Graduation-Party“.

Auch hier möchte ich mich, zuliebe der Leser, deren Aufmerksamkeitsspanne bereits überschritten wurde als ich am Anfang von den kasachischen Tänzern schrieb einen kurzen Bericht abgeben.

Diese Graduation-Party war nichts anderes als eine Ausrede um etliche Tische mit Essen zu belade. Kurz gesagt beschreibt das den Ablauf dieser Festivität. Essen, essen und nochmal essen.

IMG_20170304_155627.jpg

Wir hatte die Ehre am Tisch des Gastgebers zu sitzen.

Irgendwann kam Alim auf mich zu und bat mich um etwas:

Entgegen meiner ursprünglichen Überzeugung hatte diese Veranstaltung hier neben dem Essen noch einen weiteren Zweck: Die Schüler der Sprachschule, die Alim leitete hatten irgendeinen Sprachtest bestanden und dies war ihre Graduation. Somit musste nun natürlich jedem einzelnen der Absolventen ein gerahmtes Diplom verabreicht werden. Zu diesem Zweck hatte sich schon ein viel zu großer Mann bereit gestellt, der nun mit basslastiger Stimme Worte der Gratulation und Bewunderung in ein Mikrofon brummte. Ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster wenn ich sage, dass diese Ansprache stimmlagentechnisch eher an die Motivation einer wilden Meute zum Kampf erinnerte. Sein bloßer Anblick: Ein Kirgise von diesen Ausmaßen. Sowas hatte ich und die restliche Gesellschaft im Raum sicherlich auch noch nie gesehen. Ich würde mit ihm gerne Mal eine Runde Marschrutka um den Block fahren, nur um mir Tipps zu holen wie man als so großer Mensch in den öffentlichen Transportmitteln überlebt. Sein Tipp wäre wahrscheinlich gewesen der Fahrer der Marschrutka zu sein.

IMG_20170304_154829.jpg

Er könnte beinahe die Birnen im Kronleuchter austauschen. Im Stehen.

IMG_20170304_163349.jpg

Der Riese, ein beliebtes Fotoobjekt für die ganze Familie

Und dann passierte, was passieren musste. Den Riesen, dessen Namen ich nicht kannte, aber spätestens dann erfahren würde, sobald Kirgistan eine Basketballmannschaft gründen würde hatten sie als Diplom-Überreicher ausgewählt, weil er viel zu groß für dieses Land war. Er war in ihren Augen somit besonders. Und wer war in ihren Augen noch besonders?

,,K nam sewodnja prischol valontijor is germanii. On sitschas tosche budit vam davat gramatu! KOSTJA IDI SUDA!“ [Zu uns ist heute ein Freiwilliger aus Deutschland gekommen. Er wird ihnen nun auch Diplome überreichen. KOSTJA KOMM HER.]

Unter übertriebenem Applaus für jemand, dessen einzige Qualifikation Diplome zu überreichen es war in Deutschland geboren zu sein stand ich von meinem sicheren Platz am Tisch auf und bewegte mich mit einem der unwohlsten Gefühle in Richtung Alim, Riesen und Absolventen.

,,Bitte lateinische Buchstaben, lateinische bitte bitte“, hörte ich mein Hirn flehen, als ich die schweren Dokumente in Holzrahmen entgegennahm. Und Gott sei gelobt, es waren lateinische Buchstaben. Wie hätte Harvard denn auch auf kyrillisch lesen sollen, dass der Bewerber an der Kara-Balta Language School einen Abschluss gemacht hatte.

Und trotzdem verschwand das mulmige Gefühl nicht, das an diesem Tag schon viel zu oft gekommen und wieder verschwunden war: Die Namen sahen aus als wären die Finger der Namensgeber auf der Computertastatur zu einer Partie ,,Twister“ herausgefordert worden. Zur Ermutigung kloppte mir der Riese noch einmal seine Pranke auf den Rücken, um sich daraufhin wieder zu setzen.

Und da stand ich und hob das Mikrofon zum Mund.

 

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, wie komisch es doch war in welche Situationen das Leben einen doch katapultiert: Im einen Moment siehst du dir ein Video über kasachische Tänze an und 12 Stunden später findest du dich auf einer Festivität wieder auf der eben solche Tänze auch gezeigt werden und dir Riesen auf den Rücken klopfen während du jungen Leuten ihr Ticket in eine Zukunft überreichst.

 

 

 

Überall herrscht der Zufall. Laß deine Angel nur hängen. Wo du’s am wenigsten glaubst, sitzt im Strudel der Fisch.

– Ovid

Wie ich mit Kirgisen in den Ring stieg

 

Ich schlug die Augen wieder auf. Erwartungsvoll schaut er mich an:

,,Nu panjatna?“ [Also verstanden?]

,,Ne otschjen. Pakaschite ischjo ras.“ [Nicht so. Zeigen sie es bitte nochmal.]

Leicht genervt verdreht der in die Jahre gekommene Kirgise seine Augen und nimmt daraufhin erneut die Anfangsposition ein.

,,Tak, snatschala levaija ruka, patom vnisu i kanjetz prawaija.“ [Also zuerst die Linke, dann nach unten ausweichen und zum Schluss die Rechte.]

Trotz der Tatsache, dass er unübersehbar ebenfalls ein Fan der kirgisischen Küche war, zeigt er mir flink die von ihm zuvor geschilderte Schlagfolge. Geschmeidig schlägt er zuerst einmal gerade in Richtung meines Kopfes und duckt sich daraufhin nach unten weg, um nur kurz darauf wieder aufzutauchen und einen rechten Schwinger erneut in meine Richtung zu werfen.

,,Sitschas ponjal?“ [Jetzt kapiert?], fragt er ermahnend.

,,Vsjo jasna.“ [Alles Klipp und Klar.], gebe ich in dem Wissen zurück, dass ich gezeigtes Manöver gleich nachmachen müsste und kläglich scheitern würde.

Die umstehenden Kirgisen schauen mitleidig und auch ein wenig ratlos zu: Was sollte ihr Trainer bloß machen, mit dem einzigen Ausländer in ihrem Boxkurs?

 

Die ganze Geschichte fängt im Winter des vergangenen Jahres an. Bis dato hatte ich den Drang mich zu bewegen gestillt, indem ich mich an einem alten sowjetischen Spielplatz direkt vor meiner Haustür körperlich betätigt hatte. Ich war nicht der Einzige, der dieses kostenlose Fitnessstudio wahrnahm. Oft beobachtete ich andere Männer, die aus den umliegenden Plattenbauten kamen und an jenen Klettergerüsten Sport machten. Einer von diesen Männern, von oben bis unten in einen Adidas-Tracksuit gekleidet, schüttelte mir zur Begrüßung sogar die Hand. Dabei verband uns miteinander nichts außer der Tatsache, dass wir auf eben diesem Spielplatz der gleichen Tätigkeit nachgingen.

Als jedoch die Temperaturen sanken und der zentralasiatische Winter über Bischkek hereinbrach, waren die Eisenstangen mit ihrem Rost und der abblätternden Farbe stetig kälter als der Biss in ein Eis am Stiel, was es unmöglich machte an ihnen weiter rum zu turnen. Eine Zeit lang versuchte ich meinen Alltag gänzlich ohne zusätzliche körperliche Betätigung zu meistern. Immerhin hob ich bestimmt zwanzig Mal täglich mittelgroße Jungen und Mädchen auf der Arbeit hin und her. Alles andere als ein Bürojob. Es fehlte also mitnichten an körperlicher Belastung.

Jedoch merkte ich, je länger die Kälte und das Grau des Winters andauerten, wie unausgeglichen und unzufrieden ich mit der Lage war. Als ich eines Abends auf der Toilette eines Restaurants einen auf den Spiegel geklebten Flyer eines Boxkampfs erblickte, fiel mir prompt ein wie verrückt Russen und auch Kirgisen doch nach Kampfsport waren. Nicht umsonst war jedes zweite T-Shirt und jede dritte Jogginghose mit dem UFC-Logo bedruckt. In den kommenden Tagen fielen mir dutzende Kampfschulen und Martial-Arts-Clubs überall in der Stadt verteilt auf, die ich in den Monaten zuvor allesamt übersehen haben musste. Was mich besonders freute: Direkt über meiner Sprachschule, in der ich zwei Mal pro Woche meine Kenntnisse der russischen Sprache verbesserte, befand sich ebenfalls ein Boxclub. Er sah modern und vertrauenswürdig aus, worauf ich in diesem Moment erstaunlich viel Wert legte. Immerhin wollte ich nicht unbewusst an irgendwelchen Underground-Straßenkämpfen teilnehmen, während ein Zimmer weiter zwei Hähne für Wettgeld um ihr Leben kämpfen würden. Wer weiß was in Bischkek alles passiert und nicht an die Öffentlichkeit kommt.

Ich hatte immer ein gewisses Interesse am Boxsport. In meinem Zimmer in Deutschland hängt nicht umsonst ein Muhammad Ali-Poster. In Deutschland hatte ich allerdings nie wirklich die Initiative ergriffen mit dem Sport anzufangen. Und nun, da ich im Land der Verrückten war, wieso nicht auch mal etwas Verrücktes und total Undurchdachtes machen? Denn einen Sport zu erlernen, in einem Land dessen Sprache man nur ,, In Ordnung“ beherrschte, verhieß garantiert nicht einfach zu werden.

Trotz allen gesunden Menschenverstandes betrat ich wenige Tage später die Boxschule, um mich anzumelden. Im Bewusstsein, dass ich für eine Anmeldung viele mir unbekannte Vokabeln brauchte, hatte ich mir zuvor ein wenig von meiner Russischlehrerin aushelfen lassen.

Am Empfangstisch lehnte ein älterer Herr, von Kopf bis Fuß in einen Adidas-Trainingsanzug aus olive-beigem Samt gehüllt.

,,Salam-Aleikum, Baike“, fand ich als Erster meine Sprache wieder.

,,Aleikum“, kam es zurück.

In gewohnt tollpatschiger Weise brachte ich dem Mann, der sich als Trainer entpuppte, näher, dass ich vorhatte in seinem Kurs anzufangen zu trainieren. Am Ende des Gesprächs hielten wir fest: Ich würde Montags und Mittwochs von 19 bis 21 Uhr im Kurs für Erwachsene boxen, nachdem ich zuvor um 18 Uhr ein Stockwerk tiefer mein Russisch aufpoliert hatte. Der ganze Spaß würde mich monatlich 1500 Som (~20€) kosten und war somit immerhin ein wenig billiger als in Deutschland. Vielleicht doch gar nicht so verrückt. Die Scheine musste ich gleich beim nächsten Mal bar auf die Krallen der blondierten Russin zahlen, die offensichtlich für finanzielle Angelegenheiten zuständig war und jedes Mal verlangte, dass man die Schuhe auszog, sobald man auch nur ins Treppenhaus der peinlich sauberen Boxschule eintrat. Ich verkniff mir die Frage, ob Frauen zusätzlich noch wie in einer Moschee das Haar bedecken mussten und streifte mir jedes Mal aufs Neue die affigen Plastikhüllen über die Sohlen meiner Schuhe, um Eintritt in den Boxpalast gewährt zu bekommen.

Meine erste Begegnung mit besagter Frau war die anfängliche Zahlung meines Monatsbeitrags in der darauffolgenden Woche: Geld geben, Handynummer diktieren, Vor- und Nachnamen buchstabieren. Die Nummer war kein Problem, ebenso wenig wie der Vorname: ,,Konstantin“ ist in Ländern mit russischem Einfluss ein durchaus gängiger Name. Beim Nachnamen wurde es brenzlig:

,,Familija?“[Familienname], fragte die Russin.

,,FERTIG“, sagte ich meinen Nachnamen so langsam, deutlich und idiotensicher wie möglich, schon ahnend, dass dieser weder russische noch kirgisische Familienname Probleme bereiten würde.

Fast perplex schaute sie von ihrem Formular auf. In ihren blau-grauen Augen hätten nur zwei Fragezeichen gefehlt.

,,Kak?!“[Wie?]

,,FERTIG. F-E-R-T-I-G“

Die arme Frau hatte vermutlich mit etwas wie ,,Wasilijew“ oder ,,Nikitin“ gerechnet, aber ich wollte nicht Dokumentenfälschung betreiben, nur um ihr etwas Gehirnsport zu ersparen.

Zwei Kirgisen, die mir aus der Boxhalle hinunter in den Büro/Wellness-Bereich gefolgt waren, guckten ebenfalls ungläubig aus der Wäsche, nachdem sie meinen Nachnamen gehört hatten.

,,Ti atkuda?“ [Woher kommst du?], fragte daraufhin der wesentlich größere und massigere der beiden.

,,Is Germanii.“[Aus Deutschland], antwortete ich ohne meinen Blick vom Kugelschreiber der immer noch notierenden Russin abzuwenden.

Während ich die Blicke des ungleichen kirgisischen Duos in meinem Rücken spürte, fragte die Russin weiter:

,,Dien Raschdenija?“ [Geburtstag?]

,,5.07.97“, antwortete ich nach kurzer Überlegung, wozu diese Information wohl gebraucht werde. Gab es hier etwa eine Altersbeschränkung? So ein rotes Schild am Eingang mit einer dicken schwarzen 18 drauf, welches ich übersehen hatte?

Als sie nun hörten, dass dieser Exot auch noch viel jünger war, als sie es vermutet hatten, drehten die nebenstehenden Kirgisen komplett am Rad:

,,Tebje djewet-natzed led? [Du bis 19 Jahre alt?], fragten sie ungläubig nach.

,,Da kanjeschna. Wui kak dumali?“[Ja klar. Was habt ihr denn gedacht?], gab ich lächelnd zurück.

,,Njemtze.“[Diese Deutschen], entfuhr es dem massiveren Kirgisen, dessen Haare kurz geschoren und dessen Haut, trotz des sonnenlosen Winters, braun gebrannt war.

Irgendetwas in meinem Kopf verlangte danach in ,,Kong“ zu taufen. Ich weiß bis heute, vier Monate später, nicht warum. Der Name passte einfach zu diesem Koloss.

Ohne weitere Fragen schob die Russin, die im Gegensatz zu dem kirgisischen Pendant zu Asterix und Obelix eine sehr nüchterne Reaktion auf mein Alter und meine Herkunft an den Tag gelegt hatte, eine Plastikkarte quer über den Tresen. Ich blickte zögerlich auf das scheinbar schon durch mehrere Hände gegangene rot-gelbe Kärtchen.

Nummer 0156.

,,Was ist das hier? ’n Knast?“, dachte ich mir im Stillen.

R-Studio. Kraft und Männlichkeit. So stand es auf der Karte, der Slogan des Studios.

IMG_3501.JPG

Insasse 0156

Schon im Weggehen wurde ich noch ermahnt, den Ausweis immer mitzunehmen und vorzuzeigen.

,,Ladna“ [In Ordnung], warf ich, auf dem Treppenabsatz stehend zurück und steckte meine goldene Eintrittskarte in die Welt des Boxens in meine Hosentasche.

Meine allererste Boxstunde gestaltete sich also auf eher organisatorische Art und Weise. Ein weiteres Detail, das ich nicht bedacht hatte, war die Beschaffung des notwendigen Equipments. In meiner Naivität war ich davon ausgegangen, ich könnte mir im Studio Boxhandschuhe leihen, oder zumindest kaufen. Jedoch nichts dergleichen. Auf die Frage, wo ich denn nun Handschuhe beschaffen könne, bekam ich eine sehr wage Anweisung:

,,No Baike, mnje sche nuschni takie pertschatki. Mjesta gdje moschna kupit ne snajetje?“ [Aber Baike, ich brauche doch solche Handschuhe. Kennen sie keinen Ort, an dem ich die kaufen kann?], frage ich den Trainer, der mich mangels Boxhandschuhe für die erste Trainingseinheit vor den Spiegel verbannte, wo ich schattenboxen sollte.

,,Gdje schiwjiosch?“[Wo wohnst du denn?], kam eine Antwort zurück, mit der ich nicht gerechnet hatte. Was spielte das denn für eine Rolle, hinterfragte ich, antwortete jedoch bereitwillig im selben Moment:

,,Ibraimova /Moskovskaya“

Nachdem ich ihm erklärt hatte, wo sich diese Straßenkreuzung genau befindet, nannte mir der Trainer eine völlig andere, unbekannte Straßenkreuzung in Sredni Dschal, einem Stadtteil Bischkeks, unweit meines täglichen Arbeitswegs.

,,Tam jest magasin. Tam rabotaet adin pakistanetz, katori tebje budet pradavat schto tebje nuschen.“ [Dort gibt es ein Geschäft. Da arbeitet ein Pakistani, der dir verkaufen wird, was du brauchst.]

Ich stöhnte: Was war das hier? Eine Schnitzeljagd? Das die ganze Sache so kompliziert würde, hätte ich nicht gedacht.

,,On sche tosche moschet kupit v dordoi schtoli“ [Er kann die doch auch auf dem Dordoi-Bazaar kaufen, oder?], mischte sich ein kleiner Junge, der lustigerweise auch an dem Erwachsenenkurs teilnahm, in die Unterhaltung ein.

Der Dordoi-Bazaar. Das hatte mir noch gefehlt. Der einzige Bazaar, der größer als der Osch-Bazaar ist. Ausschließlich Kleidung und Elektronik. Für Ausländer nur in Begleitung eines Einheimischen zu empfehlen. Ansonsten wird es schwer den Weg hinaus zu finden.

Ich lehnte ab, bedankte mich jedoch bei dem Jungen für den Vorschlag. Bis ich dort meine Boxhandschuhe gefunden hätte, wären die Stangen des Spielplatz bereits wieder aufgetaut. Dann doch lieber nach Pakistan.

Als ich am Tag darauf in den Laden mit dem Namen ,,Sales Point“ trat, wurde mir schlagartig klar, dass es die richtige Entscheidung gewesen war herzukommen. Die Preisschilder zeigten akzeptable Preise, die die 800 Som (~11€) nicht überschritten. Nachdem ich den Besitzer aus einem Whatsapp-Video-Call mit einem Landsmann (sie sprachen Urdu) gerissen hatte, erstand ich ein Paar Puma-Boxhandschuhe. Diese Marke war zwar alles andere als nach dem kirgisischen Geschmack, allerdings war ich auch noch nie ein großer Fan von Adidas gewesen. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass es sich in diesem Laden um ausschließlich gefälschte Produkte handelte.

IMG_3500.JPG

Man kann den Markennamen nie oft genug aufdrucken.

 

IMG_20170110_115810.jpg

Fälschen hat hier beinahe Tradition.

Zurück im Studio machte ich gute Fortschritte, so meinte mein Trainer. Ich dreschte auf die Boxsäcke ein, was sie hergaben und fühlte mich auch bald wieder ausgeglichener, der eigentliche Grund warum ich überhaupt dort war. Wenn es allerdings darum ging mit anderen eine Schlagfolge zu üben, hatte ich immer ein wenig Hemmung.

In diesem Kurs hatten alle eine gemeinsame Sprache: Russisch. Egal ob Kirgise, Kasache, Tadschike oder Russe. Alle waren des Russischen mächtig. Also fand der ,,Unterricht“ auf Russisch statt. Auch ich, der einzige ,,echte Ausländer“, der an sich nichts mit der ehemaligen UdSSR zu tun hatte, verstand was der Trainer von uns wollte. Sei es nun am Anfang der Trainingseinheit als er uns, in der Mitte des Saales stehend, zurief welche Aufwärm-Bewegungen wir machen sollten, oder in Einzelgesprächen, wenn er unsere Form verbesserte. Das einzige Problem mit mir war, dass ich alles verstand was er sagte, jedoch ihm gegenüber nicht alles so ausdrücken konnte, wie ich wollte. Mit diesem Problem bin ich auf keinen Fall allein. Viele Menschen, wenn nicht alle, verstehen eine Fremdprache besser, als sie sie sprechen.

Ich wollte also nicht so gerne die Übungen mit den anderen Teilnehmern praktizieren, sondern lieber für mich am Boxsack üben. Somit wäre ich aufgrund meiner Ausdrucksunfähigkeit kein ,,Tormas“ [Bremse], der die anderen aufhielt.

Als mein Trainer dies bemerkte, steckte er mich mit einem Jungen zusammen, dessen Name ,,Elnur“ war. Elnur hatte Verständnis dafür, dass ich die jeweilige Übung nicht gleich beim ersten Mal drauf hatte und ließ mich mal machen. Meistens kam jedoch der Trainer dazwischen und gab mir zu verstehen, dass ich das vollkommen falsch machte. Also wieder an den Boxsack, oder in die Handpolster des Trainers boxen. Mit Elnur redete ich ein wenig über Schulsport in Kirgistan und was ihn dazu bewegte zu boxen. Wirklich komisch war nur, dass er mich immer siezte obwohl er älter war als ich und wir offensichtlich auf einer Wellenlänge waren. Ich mein komm schon, ich bin nicht dein Vorgesetzter.

So verlief ein Großteil der Zeit, die ich in diesem Boxclub zubrachte. Aber in diesen komischerweise ständig kalten Mauern, hat sich auch Vieles zugetragen, was abseits des Boxens erzählenswert wäre:

Als ich beispielsweise nach einem Training ein Lob des Lehrers bekam, der mit den Worten ,,Usche lutsche“ [Schon besser] meinen Fortschritt beschrieb erklärte ich ihm, dass das Ganze hier für mich ein wenig schwerer war, als für seine restlichen Schüler:

,,Wui dalschni snat schto u menja medlenii reaktii. Ja slischaju pa russki patom padumaju pa nemetzki a kanjetz delaju schto nada djelat.“ [Sie müssen wissen, dass ich langsame Reaktionen habe. Ich höre auf Russisch, denke auf Deutsch und mach erst dann, was ich machen soll.], versuchte ich meine schusseligen und ehrlich gesagt auch viel zu lahmen Reaktionen, die ich an den Tag legte, wenn der Trainer mir eine plötzliche Anweisung gab, zu rechtfertigen.

Als der alte Kirgise dann hörte, ich käme aus Deutschland hellten sich seine Augen sofort auf:

,,Ti is Germanii? Ja sche tam schil!“ [Du kommst aus Deutschland? Da hab ich doch auch gelebt], erzählte er stolz.

,,Siriosna? Gdje tam?“ [Ernsthaft? Wo dort?], gab ich ebenso enthusiastisch, wenn auch ungläubig zurück. Das wollte ich jetzt genauer wissen.

,,V Schern“, sagte er erwartungsvoll in meine Richtung.

Schern? Das hatte ich nicht verstanden. Wo war das denn? Ich musste nochmal nachfragen.

,,Gdje? Ischjo ras paschalusta.“ [Wo? Noch mal bitte.], harkte ich nach.

,,Schärwn“, bekam ich noch undeutlicher und gelallter zurück. Oh Gott, die deutsche Sprache musste für ungeübte Zungen echt eine Zumutung sein.

Angestrengt dachte ich nach. Ich ging fest davon aus, dass er sich die Anfangsbuchstaben seiner einstigen Heimat gut behalten hatte und nur den Rest vergessen hatte. Also irgendwas mit ,Sch“. Ziemlich sicher auch Ostdeutschland, denn als er jung war, hat sicher keine Sowjetregierung so leicht Sowjetbürger nach Westdeutschland entsendet. Also vielleicht…

,,SCHWERIN!“, tauchte ich aus meinem Denkprozess auf.

,,DAAAAA!“ [JAAAAA!], erwiderte der Trainer freudig.

,,Ja snaju etat gorad“ [Ich kenne diese Stadt] , sagte ich.

,,Kanjeschna ti snajesch. Ti sche tam schiwjiosch“ [Natürlich kennst du die. Du wohnst doch in Deutschland], kam es mit einer ausladenden Handgeste zurück.

,,Nu takda wui nawerna tosche nemnoschka umeete pa nemetzki“ [Dann können sie wahrscheinlich auch ein wenig Deutsch], machte ich mir Hoffnungen und malte mir schon aus wie es wäre, wenn er mir die Übungen auf Deutsch näher bringen könnte.

,,K saschelenju njet. Mui tam tolka gawarili pa russki.“ [Leider nicht, wir haben dort nur Russisch gesprochen], lies er unbewusst meine Traumvorstellung zerplatzen.

Weiterhin stellte sich heraus, dass er dort sowjetischen Soldaten in einer Kaserne das Boxen beibrachte.

Ein anderes Mal beobachtete ich, wie ein großer, massiger Mann mit Vollbart vor den Aufwärmübungen betete. Während wir anderen unsere Runden liefen und unsere Gliedmaßen lockerten, saß er ruhig und meditativ in Richtung Mekka kniend in einer Ecke und setzte sich abwechselnd auf und wieder ab. Wie in der Moschee, nur ohne Gebetsteppich, und statt Muezzin-Gesängen blecherne Pop-Charts, die aus einer Anlage, die auf einer Fensterbank stand, dröhnten.

Später sprach mich der Mann an und wir redeten ein bisschen. Er selbst sei Tadschike und suche Arbeit. Ob ich welche für ihn hätte. Ich fragte mich ob ich in meinem verschwitzten Tank-Top aussah wie jemand, der eine erfolgreiche Umzugs-Firma oder Ähnliches leitete, und musste leider verneinen. Dafür erfuhr ich von ihm etwas über Tadschiken im Ausland und i n Kirgistan.

Was mich immer gefreut hatte war, dass mein Trainer seit der ersten Sekunde meinen Namen konnte und mich wie alle anderen seit 7 Monaten zu ,,Kostja“ umtaufte. Und niemals scheute er davor zurück ihn zu rufen.

,,Kostja bistrii!“ [Schneller, Kostja!], wenn wir uns warm liefen.

,,Wuische Kostja!“ [Höher, Kostja!], wenn wir Hampelmänner schlugen.

“Kostja idi sjuda“ [Kostja, komm her!], wenn ich mich mal wieder in Richtung Boxsack absetzte.

Als es wieder wärmer wurde, beschloss ich die Boxhandschuhe an den Nagel zu hängen. Das alles fraß zu viel Zeit. Zeit, in der ich schlafen musste. Ich war an den Tagen nach dem Training immer hundemüde und brachte es kaum auf die Reihe am Morgen des nächsten Tag richtig auf russisch zu grüßen. Alles in allem waren es tolle Erfahrungen und Gespräche, andere Gesichter und Geschichten, die ich dort erleben durfte.

 

Als ich letztens nach der Arbeit zur Sprachschule trottete, die gleißende Sonne in meinem Nacken brennend, warf ich einen Blick in die Fenster des Boxstudios. Dort oben stand der Junge, der mir damals geraten hatte auf den Dordoi-Bazaar zu gehen, um meine Handschuhe zu kaufen.

 

Er winkte mir zu.

 

Probieren geht über studieren.

IMG_20170313_194000

,,Hat mir ein Freund geschenkt. Aus Deutschland.“ Wissen sie denn was drauf steht? ,,Nein“

 

IMG_2982

Die heiligen Hallen des Boxsports

IMG_2986

Ausblick auf den Stadtteil ,,Dschal“

IMG_2989

Der Trainer. Viel zu schnell um von einer gewöhnlichen Kamera erfasst werden zu können.

 

IMG_2995

Mit einem Nokia-Handy aus dem letzten Jahrhundert wird die Zeit gestoppt.

IMG_2997

Ich weiß bis heute nicht wie der Mann heißt. Für mich wird er immer ,,Der Baike“ bleiben.

IMG_3003 1

IMG_2999

Nur ein Happen zwischendurch

Es gibt mittlerweile viel zu vieles, was ich als erzählenswert oder zumindest erwähnenswert befinde. Ich habe eine Notiz-Datei auf meinem Handy in der ich Ereignisse notiere, die ich in einen Blogeintrag verarbeiten will. Diese Datei ist zwar nicht randvoll, jedoch finde ich selten die Ruhe und die Muße mich an die Arbeit zu machen. Ich erwarte oder erhoffe mir auch nur selten Bestätigung oder gar Lob von Lesern. Mir geht es vor allem um die eigene Verarbeitung des Geschehenen. Wenn ich da sitze und einen Text ausarbeite kommen mir fast vergessene Details in den Sinn, die die Geschichten lebendiger und sympathischer machen. So ist das Folgende an sich vielleicht gar nicht so spannend, doch machen es die kleinen Details zugleich erzählenswert und bewegen mich diese Zeilen zu tippen:

Manchmal mache ich einfach diese Gänge. Ich weiß nicht ob man sie als ,,Spaziergänge“ bezeichnen kann. Spaziergänge unternimmt man normalerweise durch Grünanlagen, Wälder oder im Allgemeinen ansehnliche Gegenden.

Nun ich laufe durch Plattenbaugebiete, über dröhnende Kreuzungen und an heruntergewirtschafteten Spielplätzen vorbei. Nicht gerade das, was man auf den ersten Blick als geeignet für einen solchen ,,Spaziergang“ halten würde. Und doch zwingt mich diese Stadt dazu, sie zu Fuß zu erkunden. Es sind die Geschichten und Gesichter die ich suche. Nicht die vor saftigem Grün strotzenden Parks, durch die ich auch in Deutschland flanieren kann. Noch keine Stadt hat mich so dazu gebracht sie zu erkunden, wie es nun Bischkek tut. So streife ich ab und zu ohne Ziel durch die Straßen der sagenumwobenen ,,Grünsten Stadt der Sowjetunion“, die Kamera immer im Anschlag.

Wie bereits erwähnt ist die Begebenheit, die ich nun vorstelle eher von unspektakulärer Natur. Doch ich liebe ihre Ironie und die Bekanntschaft, die aus einer Banalität hinaus entstand:

Ich war wieder in der Stadt unterwegs. Ohne Ziel umherschweifend und nur auf der Suche nach etwas zuvor noch nicht gesehenem. Ich weiß nicht mehr den genauen Zeitpunkt des Erlebten, nur noch das es kalt war. Ich konnte nicht zu lange am Stück Fotos machen, das weiß ich noch. Mir wurden die Hände kalt und zu steif um an den Knöpfen und Rädern der Kamera herum zu manipulieren. Es wird wohl Januar gewesen sein. Der zentrale Ala-Too Platz war schrecklich überschmückt und strahlte in seiner ganzen Kitschigkeit. Dabei hat der Platz sonst so etwas heldenhaftes: Die überdimensionale kirgisische Flagge, die Springbrunnen mit ihren Fontänen, die im Sommer wie eine Oase wirken mussten und die Statur des Manas. Jener Held der über die Grenzen des kirgisischen Landes hinaus bekannt gewesen sein soll und von den uigurischen Feinden gefürchtet wurde.

Nun jedenfalls wollte ich mir die festliche Dekoration aus der Nähe ansehen und beschloss, nachdem ich ausführlich Fotos gemacht hatte einen Happen zu mir zu nehmen.

IMG_0069.JPGIMG_0071

IMG_0073

Je näher man blickt, desto gruseliger, nicht wahr?

IMG_0080IMG_0085

An dieser Stelle scheint es mir vielleicht auch an der Zeit das System der kirgisischen Gastronomie aufzudröseln. Es gibt viele Arten von Etablissements, in denen man Essen zu sich nehmen kann, darunter (Preislich aufsteigend):

,,Stalowaija“ [wörtlich übersetzt ,,Esszimmer“] auf Russisch und ,,Aschkana“ auf Kirgisisch

Entspricht der deutschen Mensa oder Kantine. Es gibt eine Theke, auf welcher das Essen in Warmhalteschalen aus Metall ausgelegt ist. In einer Stalowaija zu essen ist unvorstellbar günstig. Mit 2 Euro geht man satt und zufrieden zurück auf die Straße.

,,Tschaichana“ [übersetzt ,,Teestübchen“]

Ein eher seltenes Exemplar, jedoch findet man hier normalerweise, wer hätte es wissen können, mehr Sorten Tee als in den restlichen Etablisements. Jedoch erhält man meist auch eine gut gefüllte Speisekarte mit (entgegen der Stalowaija ) frisch zubereiteten Speißen.

IMG_20161119_175350.jpg

Meine Lieblings-Teestube: Vkus Vostoka [Der Geschmack des Ostens]

,,Kafe“

Kann alle Speißen dieser Welt führen. Die meisten Kafes ähneln dem, was wir in Deutschland unter Restaurant verstehen. Kafes findet man in Bischkek wie Sand am Meer. Die Preisspanne reicht von 3 bis 10 Euro für vollwertiges Essen und Getränke.

,,Restaurant“

Viel lässt sich nicht sagen. Eher ungewöhnlich und sowieso nur etwas für gut betuchte Kirgisen, die sich nicht scheuen 15 bis 30 Euro für Essen auszugeben. Klar, in Deutschland ist das Standard. Aber werft ihr als Deutsche am Ende des Monats erst mal einen Blick auf den kirgisischen Gehaltsscheck.

Ich entscheide mich also in einer Stalowaija meinen vom Fotografieren geweckten Hunger zu lindern oder vielleicht sogar komplett zu stillen. Als ich den vertrauten Schriftzug ,,столовая“[Stalowaija] neben einem Schild mit englischer Aufschrift ,,Anti-Korruptions-Betriebsrat“ lese werde ich stutzig:

IMG_9466.JPG

Das Foto habe ich zu einem früheren Zeitpunkt aufgenommen.

Leben wir etwa in Zeiten, in denen selbst unter den Tischen von Kantinen Schmiergelder ausgetauscht werden? Fungieren diese ganzen Kantinen vielleicht einfach nur als Geldwäschereien und trügen deshalb mit ihren niedrigen Preisen? Oder handelt es sich hier einfach nur um einen Fall der effektiven Raumnutzung, bei dem in einer Ecke des Gebäudes ein kräftiger Borsch brodelt und in der anderen ein Beamter, der die Liste der empfangenen politischen Schmiergelder des Jahres betrachtet?

Ich entschied mich für letzteres und trete in freudiger Erwartung auf eine warme Mahlzeit über die Schwelle der Eingangstür. Ich erblicke, noch nicht einmal einen Fuß auf den Boden gesetzt einen Mann, hinter gläsernen Scheiben sitzen. Der betagte Herr sitzt in einer Art Wachhaus, wie man es von größeren Wohnkomplexen kennt, die über eine Einfahrt mit Schranke verfügen und daher auch einen Wachmann besitzen. Mir ist jedoch rätselhaft was es in diesem Fall zu bewachen gibt. Die Kronjuwelen des britischen Königshauses erblicke ich hinter seinem mausgrauen Haar jedenfalls nicht. Etwas weiter rechts führen Stufen einer Treppe hinauf in ein zweites Stockwerk, in dem sich all die Büros oder Ähnliches befinden müssen.

Bemüht die peinliche Stille seit dem Zeitpunkt meines Eintretens aufzulösen entscheide ich mich spontan besagten Mann nach dem Weg in die Kantine zu fragen. Mir war aufgefallen, dass sich im Eingangsbereich mehr als eine Tür befand und ich hatte wenig Lust unter den strengen Blicken des Wachmanns wie in einem Cartoon jede einzelne Tür zu öffnen, nur um herauszufinden, dass keine einzelne zur Kantine führte.

,,Sdrastwuitje Baike, Aschkana atrkrita?“ [Guten Tag mein Herr, hat die Kantine geöffnet], werfe ich laut und deutlich in seine Richtung. Ich wusste ja nicht, ob die Scheiben, die uns beide von einander trennten kugelsicher waren und er mich daher schlechter hören konnte.

Als Antwort bekomme ich das müdeste Kopfnicken des Millenniums. Der Mann musste es mittlerweile satt haben jedem sagen zu müssen, dass es hier auch etwas zwischen die Zähne gibt und nicht nur Bürokratie to go.

Den Bruchteil einer Sekunde überlege ich mir, schon im Weggehen ihn zu fragen ob ich ihn für 2 Som um ein Lächeln bestechen könne. Doch dann fiel mir wieder ein, dass gleich nebenan der ,,Anti-Korruptions-Betriebsrat“ war.

Ich schreite durch die Tür, in deren Richtung das Nicken des Wärters zeigte. Dabei entdecke ich auch das eigentlich unübersehbare Schild, auf dem in roten Lettern ,,Kantine“ steht. Noch bevor ich mir, verärgert über mich selbst an den Kopf greifen kann stehe ich mitten in einem Raum, der viel kleiner ist als erwartet.

Sofort fällt mir ein suspekter junger Mann auf, der alleine an einem Tisch sitzt und in ein IPhone quasselt, während vor ihm ein weiteres liegt. Ein wenig erinnert er mich an jemand anderen mit seinem Wichtig-Getue. Mein Blickt schweift durch den Raum, auf der Suche nach einer Möglichkeit etwas essbares zu bestellen. Am anderen Ende des Raumes erkenne ich eine kleine Theke, auf der zwar keine Gerichte stehen, dafür aber Brot und ein großer Samowar.

Langsam bewege ich mich Schritt für Schritt auf die Theke zu, hinter der ein vergilbter Plastikvorhang den Essbereich von der Küche trennt. Aus jener Küche wehen mir blecherne Geräusche zu, die vermutlich mit voller Lautstärke aus einem Samsung S3 Mini, dem meist verbreiteten Mobilfunkapparat in Kirgistan stammen.

Als ich mich dem Ende des Raumes bereits gefährlich genähert hatte bemerke ich Bewegung in der Küche. Wenige Sekunden später schlüpft eine junge Kirgisin, schätzungsweise 23 Jahre alt durch den uncharmanten Küchen-Esszimmer-Durchgang.

,,Strasdwuitje“[Guten Tag], grüßt sie höflich.

,,Strastje“, antworte ich in der Kurzform halb aus Faulheit, halb aus Erstaunen über ihr unerwartetes Erscheinen.

Sie sieht mich fragend an, scheinbar darauf wartend, dass ich ihr offenbare warum es mich hierher verschlagen hat. Vielleicht will sie aber auch nur wissen was ich denn nun essen möchte.

Meine Augen wandern zu einer Kreidetafel über ihrem Kopf, die ich als Speisekarte erkenne. Alles weitere entzieht sich jedoch meiner Kenntnis, da die Tafel auf russischer Schreibschrift beschrieben ist.

Nun bin ich durchaus dazu in der Lage russische Schreibschrift zu lesen, sofern sie am Computer geschrieben ist. Jedoch tatsächliche handschriftliches Gekrakel zu entziffern benötigt sehr viel Zeit.

Zeit, die ich nicht habe. Mir bleiben ungefähr 5 Sekunden Zeit, um diese Situation zu entschärfen und es nicht so aussehen zu lassen, als sei es mein erster Tag in Bischkek.

Ich spüre förmlich wie mir die Zeit durch die Finger rinnt während ich noch nicht mal das erste Wort der Tafel entziffert habe. Und so kommt es wie es kommen musste und die Lage mündet in meine Standardfrage, wenn es um Essen geht:

,,Ni magu tschitat takaja daska. U was Lagman jest?“ [Ich kann diese Tafel nicht lesen. Habt ihr Lagman]

Erwartungsvoll starre ich in die schwarzen Augen meines Gegenübers. Lagman gehört, soweit ich es beurteilen kann, zum Standard-Repertoire einer kirgisischen Kantine. Aber es könnte ja sein, dass ich in der einzig anormalen Kantine Bischkeks gelandet bin.

,,Da, jest.“[Ja gibt es], antwortet die junge Frau in einem Tonfall der Selbstverständlichkeit. Als hätte ich sie soeben in Gesicht gefragt, ob sie kirgisisch spricht.

,,Nu dawai, takda adna portzija paschalusta“[Nun gut, dann eine Portion bitte], sage ich schon im Weggehen um mich an einen der freien Tische zu setzen.

,,Chai ne buditje pit?“[Sie werden keinen Tee trinken], kommt es sofort von hinten und hält mein Vordringen Richtung Tisch auf.

,,Moschna“[wörtlich ,,Kann man“, aber in diesem Kontext eher ,,Ja kochen Sie mal eine Tasse, werd‘ sicherlich einen trinken“], rufe ich über die Schulter zurück.

Nachdem der Tee gekocht ist wird er mir mitsamt meiner bestellten Nudelspeise an den Platz gebracht. Ein paar Tische weiter plappert noch immer der Nachwuchs-Business-Kirgise in sein Handy. Er mischt Kirgisisch mit Russisch, so wie das hier fast jeder am Telefon tut. Ich verstehe also nur wenig, aber sein Tonfall zeugt von der großen Wichtigkeit des Gesprächs.

Ich mache mich unverzüglich über die halb aus Suppe bestehenden, grade mal 1 € kostenden teigigen Nudeln her, als plötzlich erneut vom anderen Ende des Raumes mit mir gesprochen wird:

IMG_7668.JPG

Lagman ohne Suppe [auch Boso Lagman]

,,Wui is Rassii schtoli?“[Sie kommen aus Russland, nicht wahr?], fragt die Kantinenmitarbeiterin und fixiert mich dabei mit ihrem dunklen Augen.

Etwas erschrocken über die sich anbahnende Konversation blickte ich von meiner Schüssel auf. Eine der viel zu langen Nudeln war noch nicht ganz in meinem Mund verschwunden, ehe ich sie mit nie zuvor gesehener Saugkraft ins innere beförderte. Ich räusperte mich um ihr zu antworten:

Ich hatte in den Monaten hier schon sehr viele Vermutungen über meine Herkunft gehört: Von Amerika, England, Frankreich über Georgien, Aserbaidschan bis hin zu Turkmenistan und natürlich Türkei war alles dabei gewesen. Aber Russland? Das hatte ich selten gehört. Diese Annahme erwies sich spätestens dann als falsch, wenn ich den Mund aufmachte und zum Reden ansetzte. Mir wird oft gesagt, es wäre nicht der Akzent der mich entpuppt. Ich vermute einfach es sind kleine Leichtsinnsfehler, die einem nativen Russen nie passieren würden.

Aber dass jemand, auch nachdem ich bereits Russisch gesprochen hatte noch davon ausging ich käme aus Russland. Das war mir fremd.

,,Njet, ja ne russki. Ja nemetz.“[Nein ich bin kein Russe. Ich bin Deutscher], widerlegte ich ihre Annahme.

,,Ahhhh Germanija!?“[Ach Deutschland], weiteten sich ihre Augen.

Und dann ging es los. Fragen und Annahmen in Massen: Wie sauber es dort doch sei. Wie viel die Menschen doch verdienen. Wie groß ist eure Wohnung in Deutschland? Was ein Haus?! Wie viele Zimmer?! Was arbeiten Mama und Papa? Wie viele Geschwister hast du? Was nur einen Bruder? Aus welcher Stadt kommt ihr? Berlin, Suttgardt, Munschen, Fanfort? Ach so Dorf. Wieso kommst du aus so einem Land nach Kirgistan? Wie gefällt dir unser Land, schon schlimm hier oder? Was dir gefällt’s hier?! Wieso das denn? Woher kannst du dein Russisch? Kannst du auch Kirgisisch? Wenig? Aber lernst du noch, oder? Ja? Guter Junge! Ach du kannst auch ein wenig Türkisch? Aber du bist doch Deutscher? Aber kannst trotzdem, ja? redet türkisch Ach soviel verstehst du nicht? Aber ein bisschen, ja? Wie macht ihr das in Deutschland eigentlich mit den ganzen Flüchtlingen? Habt ihr keine Angst? Nein?

Das gesamte Gespräch hier niederzutippen wäre für den Leser sehr mühselig zu lesen und für mich sehr zeitaufwendig zu schreiben. Im Allgemeinen war es das klassische Kirgise-Ausländer-Gespräch: Ein wenig über Deutschland erzählen und sich den Rest vom Gegenüber anhören. Nur eine Frage hatte sie, die sich irgendwie von den üblichen Fragen abhob:

,,Ja tosche chatschu schit v germanii. Chonda Fit skolka tam stoit?“ [Ich will auch in Deutschland leben. Wie viel kostet dort ein “Honda Fit“], fragte sie erwartungsvoll.

Da saß er nun der Deutsche und kannte sich ausreichend bis gut mit BMW, Audi, Mercedes und Volkswagen aus. Und dann wird er ausgerechnet nach einem “Honda Fit“ gefragt. Noch nie davon gehört, war das erste, was durch meinen Kopf ging.

,,Ja..äh..mosched buid…äh…nawerna“[Ich äh vielleicht äh wahrscheinlich], stammelte ich herum.

,,Ja dumaju nowaija maschina stoit…“[Ich denke der kostet als neues Auto]

Angestrengt überlegte ich, während mich die Frau weiterhin erwartungsvoll im Auge behielt. Also Honda: Japanischer Konzern. Eher unteres Preissegment. ,,Fit“= engl. passt/ angepasst also eher Kleinwagen. Also schätze ich so…

,,20.000 Evro“, spucke ich meine Antwort überzeugt aus und sehe noch in den selben Sekunden das Gesicht der Kirgisin in Schockstarre verfallen.

,,Tak doroga“ [So teuer], kommentierte sie den Preis vorwurfsvoll.

Ich zuckte nur unschuldig mit den Schultern und betonte lächelnd:

,,Nowaija maschina“ [Neuwagen]

Trotz der konstanten Fragerei hatte ich bereits aufgegessen, stellte also Schüssel und Tasse auf die Theke und verabschiedete mich mit:

,,Otschjen prijatna, da swidanja“[Sehr angenehm, Auf Wiedersehen]

,,Paka“ [Tschüss], erwiderte sie höflich und nickte mir zu, während sie schon die Bestellung eines neuen Kunden aufnahm.

Ich hoffe ich hatte ihr nicht alle Hoffnungen auf einen deutschen Honda Fit genommen.

Auf dem Weg nach draußen lief ich wieder an der ,,Security“ vorbei, die nach wie vor unverändert da saß. Aufgrund dessen und den fehlenden Einschusslöchern im Scheibenglass, ging ich davon aus, dass zwischenzeitlich nichts erwähnenswertes passiert sein konnte.

Als ich auf die Straße trat dachte ich kurz nach: Eigentlich wollte ich doch nur einen kleinen Happen zwischendurch und nicht einen tieferen Einblick in das Denken der Menschen hierzulande.

Denken heißt Vergleichen.

-Walther Rathenau

Mir scheint es sein zu wenig Fotos, daher hier eine kleine Sammlung von Aufnahmen mit dem Titel ,,Faces of Kyrgyzstan“

IMG_0594

Junge auf der Straße mit Sweater aus einem Second-Hand Laden. Offensichtlich.

IMG_1117

Großvater. Gönnt sich eine Zigarette während er auf die herumtobenden Enkelkinder aufpasst.

IMG_1203

Die Beschreibung überlasse ich dem Leser

IMG_3025

Mutter und Kind auf dem Spielplatz vor meinem Haus

IMG_3029

,,Baike“ mit traditionell kirgisischer Kopfbedeckung

IMG_7113

Hochzeitspaar

IMG_7138

Hochzeitsgesellschaft

IMG_7540

Elektriker tauschen Glühbirne einer Straßenlampe aus

IMG_1076.JPG

Dick eingepackt

Wie ich mit Tadschiken das Brot brach

 

Argwöhnisch schaue ich Donyar von meinem Marschrutka-Sitz an. Ich sitze bequem, während er mit seinen sicherlich ein Meter fünfundachtzig mehr oder weniger gedrungen im Mittelgang des Kleinbusses steht. Sein Kopf, den er auf Grund seiner Größe und des niedrigen Wagenhimmels der Marschrutka nicht heben kann scheint fast ehrfürchtig gesenkt, während seine Augen angestrengt auf den Bildschirm seines Smartphones starren.

Noch wenige Minuten zuvor standen wir beide dort im Mittelgang und hatten unsere Köpfe zweckgemäß demütig gesenkt. Glücklicherweise waren wir die einzigen beiden Passagiere, die im Gang standen. Alle Sitze der Marschrutka Nummer 100 waren restlos besetzt.

,,Das wir so lange fahren hätte ich dann doch wieder nicht erwartet.“, dachte ich mir im Stillen, wahrend ich zwischen den Sitzen stand und jedes Ausweichmanöver des Chauffeurs mitbekam. Mein Rucksack, den ich nur über einer Schulter trug pendelte nervös hin und her.

Als dann überraschend ein Platz in der Mitte der letzten Reihe frei wurde ( genaueres zur Sitzaufteilung der Marschrutka) begann das übliche bazaarmäßige Verhandeln um den Sitzplatz. Jedoch mit dem Unterschied, dass es hierbei nicht darum geht, ob man sich selber setzen darf, sondern das Verlangen dem jeweils anderen den Sitzplatz aufzuschwatzen:

,,Dawai Tschuwak sadis tuda.“[Los Kumpel setz dich dahin.], beginne ich die Verhandlungen.

,,Njet stajat mnje udobna. Sadis sam.“[Nein, das Stehen ist mir schon bequem. Setz dich selbst.], kontert Donyar geschickt.

,,Mnje tosche udobna. Ja magu stajat. Vsjo charascho!“[Ich hab’s auch bequem. Ich kann stehen. Alles gut.], werfe ich das Recht auf den Sitzplatz in seine Richtung zurück.

,,No ti tak wsoki. Sadis.“[Aber du bist so groß. Setz dich.], führt Donyar ein berechtigtes Argument in die Sitzplatzproblematik ein.

,,No ti tosche vsoki.“[Aber du bist auch groß], lasse ich den Versuch die Diskussion durch körperlicher Gegebenheiten zu verkürzen an mir abprallen.

,,Otur!“ [Sitz!], macht nun Donyar Gebrauch der kirgisischen Sprache.

,,Nu ladna.“[Nun gut], gebe ich klein bei, meinen Marschrutka-inkompatiblen Körper Richtung letzter Reihe manövrierend und dabei bemüht so wenig Leuten wie möglich meinen Rucksack durchs Gesicht zu ziehen.

 

Donyar heißt eigentlich Donyarzhon Alimov. Ich kannte ihn zum Zeitpunkt der Geschichte noch nicht sehr lange. Eines Tages tauchte er einfach in meiner Arbeitsstelle auf. Ich sah ihn von da an häufiger im Kinderzentrum und erfuhr mit der Zeit mehr und mehr über den Zweck seiner Anwesenheit bei der Arbeit.

Donyarzhon würde genau wie ich einen Freiwilligendienst ableisten, jedoch nicht in Kirgistan sondern in Deutschland. Er würde von einer deutschen Organisation entsendet werden, die Freiwilligen aus aller Welt eine Reise nach Deutschland ermöglicht, wo sie dann ein Jahr lang in sozialen Einrichtungen arbeiten.

Ohne diese Vorkenntnis war ich dementsprechend erstaunt, als er mich bei unserer ersten Begegnung mit ,,Guten Tag mein Herr“ ansprach. Etwas hoch gegriffen vielleicht, aber zumindest würde ihm in Deutschland niemand vorwerfen, dass er nicht genügend Wert auf höfliche Begrüßungen legt.

Es stellte sich weiterhin heraus, dass Donyar sich bereits in den langen und kräftezehrenden Kampf  mit der deutschen Sprache begeben hatte. Für seine Ausreisegenehmigung war es einfach von Nöten bereits im Heimatland mit dem Lernen des Deutschen zu beginnen und Seminare in einer heilpädagogischen Anstalt zu besuchen. In seinem Fall in meiner Arbeitseinrichtung: Ümüt-Nadjeschda.

Am Vortag hatte Donyar mich gefragt, ob ich ihm nicht bei einer kleinen Sache helfen könnte, bei der er Verständnisprobleme hätte. Die Organisation habe ihm viel Papierkram zugeschickt, hauptsächlich Verträge und andere organisatorische Dokumente. Alles auf Deutsch. Somit wand er sich an mich, den Deutschen seines Vertrauens. Ich hatte so meine Bedenken bei dem Vorhaben: Ich würde die Verträge lesen können und selbst wahrscheinlich auch verstehen, aber das alles zu übersetzten? Mein Wortschatz erweitert sich zwar von Tag zu Tag, aber mit Nichten hatten wir im Russischkurs bereits das Wortfeld der Juristik behandelt. Und ich sah mich nur geringfügig fähig Donyar irgendwelche Rücktrittsklauseln und Reiserücktrittsversicherungen auf Russisch näher zu bringen. Ich sagte ihm dennoch zu und bat ihn am nächsten Tag um 16.00 Uhr bei Nadjeschda anzutanzen. Ich war in der festen Überzeugung, wir würden innerhalb von 10 Minuten alles nötige auseinander dividiert haben.

Am nächsten Tag erschien der junge Kirgise mit seiner ungewöhnlich dunklen Haut um 15.30 Uhr auf der Arbeit und verlangte nach Constantin. Er hatte sich das mit der ,,Vorbereitung auf die deutsche Mentalität“ wahrscheinlich etwas zu sehr zu Herzen genommen.

Da Constantin allerdings noch damit beschäftigt war herumlaufenden Kinder einzufangen und sie in ihre dicken Winterjacken zu stopfen bat ich ihn sich noch kurz zu setzten. Ich würde so bald wie möglich helfen.

Als die Kinder angezogen, in den Schulbus gesetzt und abgedampft waren kam ich erschöpft zur Sitzbank im Vorhof der Schule und ließ mich neben den dort wartenden Donyar fallen. Er wiederum schien nur so vor Energie zu strotzen.

,,Priechali?!“ [Gehen wir?!], formulierte er eine Frage, die mehr nach einer Feststellung klang.

,,Priechali kuda?“[Wohin gehen?], antwortete ich halb entsetzt bei dem Gedanken wir könnten das ganze nicht hier vor Ort regeln.

,,Damoi. U menja tam Kampjutr.“[Nach Hause. Dort hab ich den Computer.], erklärte Donyarzhon.

,,Ah jasna. Kampjutr nuschen. Nu paschli!“[Ach klar. Es braucht ja einen Computer. Na dann los!], sah ich meine Chancenlosigkeit ein und folgte ihm aus dem Schultor hinaus auf die halb aus Teer, halb aus Eis bestehenden Straßen des Stadtteils ,,Dschal“.

An der Haltestelle angekommen teilte ich Donyar meine ausdrückliche Abneigung gegenüber langen Marschrutkafahrten mit, woraufhin er mir nur zustimmte und seine Pläne, den nächsten Avtobus Nummer 5 zu nehmen eröffnete. Cool dachte ich mir, den Bus den ich selbst immer nahm und der in Richtung meiner Wohnung fuhr. Anscheinend wohnte er nicht so weit entfernt, was bedeutete mein Weg nach Hause würde umso kürzer. Wir nehmen ganz sicher keine Marschrutka, sagte er noch: Immer so voll, so eng, so unbequem, nein wir warten auf den Bus.

 

Und hier sitze ich nun: In einer Marschrutka. Es waren überhaupt keine Busse gekommen. Weder die Fünf, noch die Zehn, noch die Vierzehn.

,,Kostja! … Konstantin?“

,,Hmm?!“, erwache ich aus meinem Tagtraum. Donyar sieht mich an.

,,Wstawai! Mui uchadim!“[Steh auf! Wir steigen aus!], sagt er in einem freundlich auffordernden Ton.

Ich grabsche meinen Rucksack, der zu meinen Füßen liegt und stolpere den Gang entlang zum ,,Ausgang“, der Beifahrertür. Die Marschrutka spukt uns auf einer mir bereits bekannten Straße aus: Vostok-Pjat. Viel zu lang und zu schlecht ausgeschildert um irgendwie den Überblick zu behalten.

,,Maja Kwartira nje dalego“[Meine Wohnung ist nicht weit], versucht Donyar mich aufzumuntern. Mein verzweifelter Blick schien nicht übersehbar zu sein.

Nachdem wir in gewohnt halsbrecherischer Manier die Straße überquert haben und ich mich zu wiederholten Mal frage worin der Sinn besteht bei Sichtung eines Fußgängers nochmal richtig zu heizen, nur um dann 10 Meter vor dem Zebrastreifen richtig stark in die Eisen zu steigen, fällt mir erneut auf, wie wenig Donyar doch nach einem Kirgisen aussieht.

Ich entscheide mich diesmal einfach nachzuhaken. Ich kann diese Frage nicht ewig mit mir rumtragen.

,,Danyar, ti tschisti kirgisi?“[ Donyar, bist du ein reiner (wörtl.: sauberer) Kirgise], frage ich dezent und gewollt nebenbei, als stellte ich mir die Frage erst seit zehn Sekunden.

,,Njet. Ne tschisti.“[Nein. Nicht rein.], antwortet er lachend.

Ich weiß ja nicht wie sehr den Leser die Wurzeln einer fast fremden Person interessieren, aber mit einem ,,Njet“ als Antwort habe ich mich selten zufrieden gegeben.

,,Tak, twai raditeli, ani kto pa nationalnasti?“[Also, deine Eltern, welche Nationalität haben sie?], bohre ich nach.

Fast ein wenig penetrant. Jäger der verlorenen Nationalität.

Sichtlich erfreut darüber, dass es mich anscheinend wirklich interessiert antwortet Donyar: ,,Mama maja, ana Usbekskaya. No moi atjets, on Tadschiki.“ [Meine Mutter ist Usbekin. Aber mein Vater ist Tadschike.], klärt er mich auf.

,,Die Mischung hat was“, denke ich mir: Ein usbekischer Tadschike, der in Kirgistan wohnt. Eine satte Zentralasien-Mischung.

Wir sind angekommen. Wie ich es mir gedacht hatte: eine klassische Etagenwohnung im Plattenbau. Als wir jedoch das Treppenhaus empor steigen drängt sich mir erneut eine essentielle Frage auf:

,,Donyar, patschimu sdies tak tschisti?“[Donyar, warum ist es hier so sauber],fragte ich mit ungläubiger Miene.

Ich war nicht darum herum gekommen dieses Treppenhaus, in dem wir uns gerade bewegten mit dem in meinem Plattenbau zu vergleichen. Nirgendwo sah ich abgerauchte Kippen, Flyer von Restaurant-Neueröffnungen, alte Gasrechnungen oder einfach Plastiktüten mit Müll, wie es ab und an in meinem Treppenhaus der Fall war.

,,Patamu schto u nas jest Putzfrau.“[Weil wir eine Putzfrau haben], antwortete Donyar feixend.

Verwundert über das eine Wort in seinem letzten Satz, dass offensichtlich nicht in die Reihe gehört frage ich:

,,Atkuda snaesch slava Putzfrau?“ [Woher kennst du das Wort Putzfrau]

,,Ich habe gelernt.“, bekomme ich mit einem Grinsen zurück.

Donnerwetter, der Junge bringt’s zu was. Putzfrau ist vielleicht nicht ganz so hilfreich wie ,,Ich bin…“ aber trotzdem.

Die gut gelaunte Zentralasien-Mischung schließt die Tür zur Wohnung auf und zeigt mir, was es zu zeigen gibt.

Zuvor hatte er mir noch erklärt, dass besagte Putzfrau einmal im Monat von jeder bewohnten Wohnung im Haus 100 Som als Bezahlung bekommt dafür, dass sie das Treppenhaus in Schuss hält. (100 Som x 20 / 72 = 27,7 €/Monat)

Zu sehen gibt es im Allgemeinen 2 Zimmer: Ein Schlafzimmer mit zwei Betten und ein großen fast leeren Raum, in dem gelebt, gespeist und geschlafen wird. Ein Bad, eine Küche, das war’s. Keine Bilder an den Wänden und wenig bis gar keine Möbel. Das einzige was Farbe in die Gemächer bringt ist die klassisch ,,sowjetische“ Tapeten-Musterung (schrill, rosa, glitzernd) und das verstellbare Licht, das Blumenmuster an die Wände schmeißt.

IMG_2519.JPG

Standard-Tapete in einer (post-)sowjetischen Plattenbauwohnung. Dieses Exemplar mit glitzernden rosa Blumen findet sich in meinem Zimmer.

Wer jetzt denkt diese Wohnung ist doch angemessen groß und bietet einiges an Platz und Raum für eine Person, der könnte falscher nicht liegen: Donyar wohnt in diesen paar Dutzend Quadratmetern zusammen mit anderen Tadschiken. Allesamt Studenten an der türkisch-kirgisischen Universität, an der ich jeden morgen vorbei fahre.

Die anderen sind heute nicht da, sagt Donyar fast auf eine entwarnende Art und Weise, als wir als letztes das Wohn/Esszimmer betreten. Mir war das irgendwie schon klar, dachte ich mir: Immerhin war uns in keinem der Zimmer in dem wir bis jetzt waren jemand begegnet. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die vier anderen Tadschiken in der letzten Ecke der Wohnung zusammengequetscht lauerten, nur um bei meinem Anblick aufzuspringen und mit Tröten und Konfetti ,,Überraschung“ zu brüllen, schien mir doch erstaunlich gering.

Es war Novi God, russisches Neujahr. Die Feiertage standen vor der Tür und die Studenten schienen ihre Chance genutzt zu haben um ihre Eltern im nicht ganz so weit entfernten Tadschikistan zu besuchen.

central-asia-map.gif

 

Als wir uns gerade in dem großen Raum niedergelassen hatten und Donyar mit einem knallgelben DHL-Express Umschlag angekommen war klingelte es an der Tür.

Mein neuer Freund drückt mir den Karton in die Hand und hastet zur Tür. Ich versuche mich schon mal einzulesen. Ich war in diesem Abenteuer immerhin schon zwei Stunden lang unterwegs. Weit mehr Zeit als ich eingeplant hatte: Ich hatte Hunger, war erschöpft von Arbeit und Alltag und wollte doch eigentlich nur schnell helfen.

Das Geschnatter im Gang wurde lauter und ich stellte fest, dass ich gar nichts verstand. Das musste Tadschikisch sein, kurz gesagt ein modernes Persisch. Die Herrschaften betraten den Raum.

Donyar kannte ich ja und habe ihn hier bereits beschrieben: groß, schwarzes glattes Haar, dunkle Haut und schwarze Augen, deren Form nicht an Asien, sondern vielmehr an Persien erinnerten .

Somit war es ein leichtes zu erkennen, dass der Mann, der nun an seiner Seite stand ein Landsmann sein musste. Etwas kleiner, ebenso dunkel und sauber rasiert trug er eine Schiebermütze und ein ordentliches Sakko, das ihm einen sehr gepflegten Eindruck verlieh.

Das Kind, ein Junge, vielleicht 8 Jahre schien der Sohn zu sein. Er wiederum tanzte, was sein Aussehen anging genauso aus der Reihe, wie zuvor das Wort ,,Putzfrau“ aus Donyar’s russischen Satz. Das glatte Haar des Jungen war nicht tiefschwarz, wie das seines Vaters oder das des Gastgebers der sich grade entwickelnden Tadschiken-Party. Es war von einem hellen Braun, während seine Augen grau schienen.

,,Salam aleikum!“, fand ich als erster meine Sprache wieder.

,,Aleikum salam“, antwortete der Mann, er musste Anfang vierzig sein, freundlich.

Von der Türkei bis Pakistan gibt es nur wenige Orte an denen der Gruß der Moslems nicht als freundlich und offen aufgegriffen wird. Ich habe ihn mir mittlerweile selbst angewöhnt, auch wenn ich kein Moslem bin. Einzig Russen grüße ich nicht auf diese Art und Weiße. Und immer sind die Menschen sichtlich erfreut und antworten um Längen enthusiastischer als bei einem russischen Gruß. Ich sehe es nicht als ein Muss, vielmehr als eine Geste des Respekts. Außerdem klingt es viel schöner und geht einfacher über die Lippen.

Donyar gab mir zu bedeuten, dass die Neuankömmlinge Bekannte von ihm sein und aus dem selben Dorf kämen wie er. Weiterhin klärte er mich auf, dass er noch kurz etwas einkaufen müsse. Er schnappte sich den Mann, zog Schuhe und Jacke an, die Tür viel ins Schloss und schon saß ich allein in einer mir vor 30 Minuten noch wildfremden Wohnung.

Ich sah mich um. Auf meinem Schoß lag noch immer der Umschlag in seiner gelben Signalfarbe. Meine Augen wanderten weiter: Am gegenüberliegenden Ende des Raumes saß unverändert der kleine tadschikische Junge. Sie hatten ihn hier gelassen. Sie kannten mich 5 Minuten und sahen es schon an der Zeit den Knirps in meiner Obhut zu lassen.

IMG_20170106_173739.jpg

,,Maltschik, kak tebja savut?“[Junge, wie heißt du], rief ich durch den endlos langen Raum zu dem in das Smartphone seines Vaters vertieften Nachwuchstadschiken.

Er schaute kurz auf, senkte den Kopf aber genauso schnell wie ich, wenn ich eine Marschrutka betrete. Ich stutze. Seit langem war das das erste mal, das ich in einer Situation mit Russisch nicht weiterkam. Aber mir wurde klar, dass das hier nicht mehr die Sovietunion war. Es musste hier niemand Russisch sprechen, wenn er nicht wollte oder konnte. Schon gar nicht im zarten Alter von acht Jahren.

Ich zog mein Phone aus der Hosentasche. Noch nie war Kommunikation so einfach wie im 21. Jahrhundert. Ich habe pro Woche 8 Gigabyte Internetvolumen, dass sich logischerweise nicht klein kriegen lässt. Warum nicht mal was sinnvolles damit machen?

Ich suchte nach einer Übersetzung für: ,,Wie heißt du?“ auf Tadschikisch. Als ich sie gefunden, ein paar Sekunden lang im Kopf einstudiert und dann so laut wie möglich verbal ans andere Ende des Raums geschickt hatte schaute ich gespannt vom Bildschirm auf.

IMG_20170106_173827.jpg

Keine Reaktion. Sogar noch weniger als beim ersten Versuch.

Ich stand auf, um mir die Wohnung noch einmal auf eigene Faust anzusehen. Der Junge saß auf einer traditionellen kirgisischen Filzmatte nahe des Ausgangs. Als ich an ihm vorbeiging schaute der Kleine nicht mal auf. Manche haben die Ruhe weg.

Als ich meine zweite Tour durch die enge Wohnung beendet hatte setzte ich mich wieder auf meinen Platz am anderen Ende des Raums und sah dem Jungen beim daddeln zu. Er saß seit Minuten in diesem perfekten Schneidersitz und hob nicht einmal seinen Kopf. Er war nur über das Handy gebeugt. Es hatte seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Nicht der komische Deutsche am anderen Ende des Raumes, der zwar wie ein Tadschike aussah, aber den tadschikischen Satz  wahrscheinlich so verunstaltet hatte, dass er alles an Glaubwürdigkeit verloren hatte.

Die Wohnungstür wird entriegelt. Ich höre wieder die Sprache, die ich vor ein paar Minuten versucht hatte zu imitieren.

Donyar kommt gut gelaunt in den Raum. Was ein Strahlemann.

,,Vsjo charascho?“[Alles gut], fragt er nach meinem Befinden.

Ich antwortet ihm, dass ich in seiner Abwesenheit nicht wie erwartet gestorben sei und das alles bestens ist. Erfreut über die Antwort verschwindet er in der Küche woraufhin der Mann den Raum betritt. Ich fühle mich mittlerweile als nähme ich an einer Theaterversion von Goethes Faust teil: Ständig verlassen Menschen den Raum (die Bühne) und neue Gesichter erscheinen.

Der Vater schenkt seinem Sohn ein Glas Saft ein und blick zu mir:

,,Chotschesch?“[Willst du]

Ich nicke und bedanke mich in gewohnt übertriebener Manier für das Glas Pfirsichsaft.

Ein zweites Mal kommt der Mann kurz darauf zu mir um mich in technischen Fragen zu konsultieren: In seinen Händen hält er einen kleinen mobilen DVD-Player. Diese Dinger, die wie kleine Laptops aussehen. Er deutete auf einen Fehlermeldung am linken oberen Rand des Bildschirms. dort Stand auf Englisch: ,,Disc not readable“. Bemüht wie ein Saturn-Mitarbeiter übersetzte ich ihm das Problem ins Russische. Er nickte verständnisvoll und erzähle sie hätten die DVD zuvor auf dem Bazaar gekauft. Ich wusste was er meinte. Ich hatte diese DVDs bereits gesehen. Unbedruckte Discs, die in Klarsichtfolien verkauft werden und deren Inhalt man nur anhand von auf kleines Din A-5 Papier gedruckte pixelige Moviecover auseinander halten kann.

Nach circa zwanzig Minuten Schweigen, in denen ich Donyars Papiere zum ersten Mal genau durchlese betritt der zukünftige Freiwillige wieder das Zimmer. Ich kann mir genau vorstellen wie das in Textform in einer Faust-Lektüre aussehen würde.

– Auftritt Donyar-

In seinen Händen hält er einen großen dampfenden Teller Plov, dem Reisgericht, dass in allen zentralasiatischen Ländern nicht wegzudenken ist (vermeintlicher Ursprung: Usbekistan).

Er bittet mich zum essen dorthin zukommen, wo der Junge die ganze Zeit gesessen hatte. Dankend willige ich ein. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich hier so fürstlich bekocht werde. Sofort ist der sich leicht angestaute Frust über die 3 Stunden, zu denen sich die vermuteten 10 Minuten ausgeweitet haben verflogen, bei dem Anblick des Bergs von farbigem Reis. Zusätzlich serviert Chefkoch Donyar traditionell schwarzen Tee, den obligatorischen Granatapfel und Lepioshka Brot, das auch überall in Zentralasien gegessen wird.

IMG_20170106_191916.jpg

Während dem Essen dividiere ich mit Donyar seine Papier auseinander und versuche ihm die paar Fragen, die am Ende noch übrig sind so weit es geht richtig zu beantworten. Danach unterhalte ich mich lange mit dem tadschikischen Vater, der mir erklärt, dass die Familie unseres Gastgebers und seine aus dem selben kleinen Dorf unweit der tadschikisch-kirgisischen Grenze kommen. Er selbst wohnt und arbeitet jedoch in Moskau wie sehr viele andere Tadschiken. Als ich ihn frage wie es denn dort so ist verzieht er die Miene und sagt nur ,,Plocha!“[Schlecht]. Die Russen in Moskau wären wie Roboter: Zur Arbeit gehen, essen, schlafen wieder arbeiten. In der Stadt sähe man keine fröhlichen Gesichter. Außerdem würden sie die doch beträchtliche Zahl an Tadschiken, die dort die eher unbeliebten Berufe ausführen unterschwellig bis offensichtlich diskriminieren. Das hatte ich auch an anderer Stelle bereits gehört.

Wir wechselten zu schöneren Themen. Scherzend erzähle ich von meinem Versuch mit seinem Sohn auf Tadschikisch zu kommunizieren. Der Vater lacht und erklärt mir, dass ich das beste Tadschikisch auf der Welt sprechen könne, sein Sohn würde mich trotzdem nicht verstehen. Seit kurzem höre er nichts mehr und sie sein nun in Bischkek um zum Ohrenarzt zu gehen und die Sache untersuchen zu lassen. Ich fragte nicht nach, aber ich nahm an, dass sie den weiten Weg aus Moskau auf sich genommen hatten, weil sie sich von dem Preis-Leistungs-Verhältnis in Kirgistan mehr versprachen.

Wir redeten noch weiter, auch nachdem wir bereits aufgegessen hatten. Inzwischen war es längst dunkel draußen und ich wollte zwar nicht unhöflich sein jedoch trotzdem aufbrechen. Als ich den Vorschlag in die Runde warf wollten die beiden ausgewachsenen Tadschiken davon überzeugen es wäre viel sinnvoller ich würde diese Nacht bei ihnen schlafen. Dankend lehnte ich ab, mit der Begründung ich wohnte nur einen Kilometer entfernt und ein kleiner Spaziergang wäre angebracht nachdem reichen Mahl.

IMG_20170106_201915.jpg

Wenn die DVD schon nicht funktioniert, so doch hoffentlich Tom und Jerry auf YouTube. Hoffentlich hat er wenigstens durch die Kopfhörer etwas von den tiefsinnigen Dialogen von Katz und Maus mitbekommen.

Donyar begleitete mich durch die Nacht, obwohl ich ihm zehnmal versichert hatte, dass ich die Gegend kannte. Auf dem Rückweg unterhielten wir uns viel darüber, was nun geschehen würde, was es noch zu tun und erledigen gäbe vor der Abreise nach Deutschland.

Auf den letzten Metern passierte dann das größte Geschenk, dass Donyar mir hätte machen können. Er sagte er müsse in ein paar Wochen in sein Heimatdorf fliegen. Sich von den Eltern verabschieden. Keine lange Reise, aber umständlich. Spontan lud er mich ein ihn zu begleiten.

Nur leider wusste ich, dass daraus nichts werden würde. Ich konnte mir bis zum Sommer keinen Urlaub nehmen.

Zweiter Besuch in Klein-Tadschikistan

Wieder hatte Donyar mich gebeten ihm zu helfen. Wieder dachte ich es handle sich um 10 Minuten nach der Arbeit. Wieder hatte ich mich getäuscht.

Ich hatte es mir dieses Mal zur Aufgabe gemacht seine Wohnung allein wieder zu finden. Und das klappte erstaunlich gut. Nach nur drei Mal umkehren und den Weg, den ich grade eben hergekommen war wieder zurückzugehen hatte ich das Blockhaus gefunden.

Ich will mich kurz fassen:

Diesmal war die Wohnung alles andere als ausgestorben. Alle vier anderen Tadschiken waren da und kamen nach einander aus der Küche zu mir in das Wohnzimmer um mich zu begrüßen. Keiner älter als 22 und alle sehr höfflich.

Im Verlaufe des Abends tauchten auch Vater und Sohn wieder auf. Der Junge grinste mich fröhlich an. Ich winkte grinsend zurück. Er winkte. Wir hatten unsere Sprache gefunden.

Sie würden heute nach Moskau abreisen und schlugen die Zeit bis zum Flughafen in Klein-Tadschikistan tot, erklärte mir der Vater. Denn dort kochte Donyar wieder. Heute sollte es ein Dorfgericht geben. Kefir-Suppe mit ausgelassener Butter und Brot. Bei weitem nicht so aufwendig wie das Plov zuvor, aber trotzdem ungewohnt und deliziös. Ich hatte sowieso nicht damit gerechnet, dass wieder gekocht wird. Aber ohne Essen und Tee läuft in diesem Teil der Welt einfach gar nichts.

IMG_20170117_184912.jpg

Die Bitte die Donyar dieses Mal an mich hatte war etwas aufwendiger: Der letzte Schritt seiner Visumsbeschaffungsmaßnahmen beinhaltete ein Motivationsschreiben an seine Entsendeorganisation, welches der deutschen Botschaft vorgelegt werden würde. Diese würde aufgrund dessen entscheiden ob der Visumsantrag bestätigt oder abgelehnt wird. Dementsprechend hoch war die Bedeutung dieses Dokuments. Spontan und ohne jegliche Ahnung was für eine Verantwortung ich mir dabei auflud willigte ich spontan ein das gesamte Dokument in seinem Namen zu schreiben. Donyar wollte es in Deutsch weil er sich somit mehr Chancen erhoffte.

Während mein Auftraggeber in der Küche so vor sich hin köchelte begann der Vater des kleinen Schneidersitztadschiken, der auch wieder genauso wie bei meinem ersten Besuch dasaß und in Papa’s Handy glotzte erneut ein Gespräch mit mir.

Ich fragte irgendwann wie sie gedenken zum Flughafen zu kommen. Etwa mit Marschrutka?

Der Mann schüttelte sich vor Anwiderung und fluchte los:

,,Bljat Marschrutka, pisdetz sikda tak polni“[(…) Marschrutka, (…) immer so voll]

Damit hatten wir wohl einen gemeinsamen Nenner gefunden. Ich erklärte ihm, dass auch ich das Prinzip der Marschrutka genial fand, jedoch die Umsetzung vor allem zur Rush-Hour doch noch verbesserungswürdig ist. Selbstverständlich nicht ganz so vulgär.

 

Ein paar Tage später schrieb mir Donyar auf WhatsApp. Ich konnte die Aufregung durch die Buchstaben hindurch spüren. Er bedankte sich vielmals für das Schreiben, dass ich an diesem Abend in seiner Wohnung angefertigt hatte. Das Visum wurde ihm gewährt. Er hatte freie Bahn.

 

Danyar arbeitet zum Zeitpunkt des Entstehens dieses Blog bereits in Deutschland. Er hilft in Ahrensburg bei Hamburg in einer sozialen Einrichtung für Menschen mit Behinderung.

 

Manchmal frage ich mich ob dieses simple Motivationsschreiben, welches ich an jenem Abend anfertigte wirklich so eine große Rolle spielte.

 

Wahrscheinlich hat es schon gereicht, dass die Anrede ,,Sehr geehrte Damen und Herren“ war und nicht ,,Guten Tag mein Herr“.

 

IMG-20170129-WA0003.jpg

Ein Bild, dass mir Donyar kurz vor seiner Abreise schickte. Sein Dorf. Das schönste Dorf in ganz Kirgistan, Wie gerne hätte ich es mit eigenen Augen gesehen.

 

Mann mit zugeknöpften Taschen,
Dir tut niemand was zulieb:
Hand wird nur von Hand gewaschen;
Wenn du nehmen willst, so gib.

– Johann Wolfgang von Goethe

 

Von A nach B auf zentralasiatisch

Das Thema “Transport“ oder “öffentliche Transportmittel“ fasziniert mich hier in Kirgistan schon seit längerem. Anders als in Deutschland, wo ich nicht unbedingt auf sie angewiesen war, benutze ich momentan ständig Bus, Marschrutka oder auch Taxi. Beinahe täglich fällt mir aufs Neue auf, wie sehr sich doch das Vom-Fleck-kommen in Zentralasien von dem in Deutschland unterscheidet. Und ich stehe nun kurz davor euch in gewohnt ironischem und übertriebenem Stil von den Tücken und Chancen der drei Fortbewegungsmittel zu berichten.

Beginnen wir mit dem von mir am seltensten frequentierten Gefährt:

Das Taxi

Man (oder vielmehr ich) unterscheidet hier zwischen zwei Arten von Taxis:

1.

In Bischkek gibt es mehrere Taxiunternehmen. Taxi Alpha, Taxi Namba, Taxi SMS, Jorga Taxi um nur ein paar von ihnen zu nennen. Das Prozedere des Taxi-Rufens ist gar nicht so kompliziert. Spätestens nach den ersten zehn Malen hat man den Dreh raus. Zuvor allerdings wird, falls man in einer Gruppe von Leuten unterwegs ist, die erst seit Kurzem die russische Sprache erlernen, oftmals heftig debattiert, wer denn nun am besten Russisch versteht beziehungsweise spricht. Der oder die (Un)glückliche ruft dann eines der oben genannten Unternehmen an und sendet ein Stoßgebet an wen oder was auch immer er oder sie glaubt, auf dass auch ja keine unerwarteten Fragen vom anderen Ende der Leitung kommen.

Ich war so frei einen dieser Telefon-Dialoge nachzustellen:

Die Nummer ist gewählt, es beginnt zu tuten. Die Spannung im Raum steigt, ebenso wie der Puls des Anrufenden. Nach dem zweiten Tuten beginnt eine seichte Fahrstuhlmusik aus den blechernen Lautsprechern zu dröhnen, deren Aufgabe es zu sein scheint den Kunden zu beruhigen. Jedoch zögert das die gesamte Konversation nur heraus und steigert die Nervosität ins Unermessliche. Dann endlich, es macht “Klack“ und es ertönt ein Lebenszeichen:

“Allo, [Hier den Namen des Taxiunternehmens einfügen]“(Hallo, hier [Taxiunternehmen]), ertönt es meist erstaunlich freundlich aus einem Frauenmund.

“Strasdwuitje, mochna Taxi na [Hier den Name der Straße oder Straßenkreuzung einfügen]?“ (Guten Tag, könnte ich ein Taxi in die [Straße] bekommen?), spule ich den Standardsatz ab und versuche dabei so stark wie nur möglich zu nuscheln um nicht gleich als Ausländer erkannt zu werden.

“Panjatna…Sluschaitje:“[Verstanden…Hören sie zu:]

Und darauf hin folgt meistens ein Feuerwerk aus unbekannten Begriffen und Satzgefügen, aus denen ich drei bis vier Worte raushöre, die mir bekannt vorkommen. Im Winter wird man des öfteren vorgewarnt, dass für die Fahrt ein unverschämter Aufschlag von 20 Som (27 Cent) wegen Glatteis verlangt wird. Meist sind all die Informationen allerdings nicht allzu wichtig, da man den ersten großen Schritt einer Taxifahrt bereits gemeistert hat.

Nach dem verbalen Bombardement von teils noch nie gehörten Vokabeln kehrt nach einer gefühlten Ewigkeit (in Echtzeit 5 Sekunden) wieder Ruhe am anderen Ende der Leitung ein.

Zeit für die magischen Worte:

“Charascho, da swidanja!“[Gut, Auf Wiedersehen], schließe ich das Telefonat ab und drücke schnell auf den roten Hörer. Man muss den Überraschungsmoment nutzen, bevor man noch mehr Fragen gestellt bekommt, auf die man nicht antworten kann.

Die Frau am anderen Ende der Leitung könnte mir sagen, dass ich der tausendste Anrufer sei und ich soeben einen Freifahrtschein für alle künftigen Taxifahrten gewonnen habe, meine Antwort wäre trotzdem “Gut, Auf Wiedersehen“.

Wer nun denkt, damit wäre der Spuk vorbei, hat sich geschnitten. Denn wenige Sekunden später klingelt das eigene Handy. Auf dem Display wird eine unbekannte Nummer angezeigt: Es ist der Taxifahrer, dem soeben die bestellte Fahrt von der Zentrale zugeteilt wurde und der sich nun meldet um mitzuteilen, dass er bereits auf dem Weg ist und gleich vor Ort sein wird und nicht unbedingt vor hat zu warten. Die Tatsache, dass das alles so schnell vonstatten geht liegt daran, dass die unzähligen Taxen des Unternehmens überall über die Stadt verteilt sind und dem nächstgelegenen Fahrer somit der Auftrag gegeben wird.  Diese Telefonate dauern meistens nur einen Bruchteil der Konversation mit der Zentrale und könnten sich so anhören.

Der Taxifahrer meldet sich: “Allo Baike!“ [Hallo mein Herr]

“Strastwuitje“[Sei gegrüßt], erwidere ich zuversichtlich.

Und alles darauf folgende geht meistens im Lärm des Verkehrs unter. Die Taxifahrer telefonieren grundsätzlich nur mit Mobiltelefonen von vor 15 Jahren, worunter die Gesprächsqualität erheblich leidet.

Doch auch hier kann man sich meist eines einfachen Satzes bedienen:

“Da, ja idu / mui idjiom!“ [Ja, ich/wir komme(n)!]

In meinem Fall legt der Taxifahrer spätestens nun auf, da ihm klar geworden ist, dass jegliches weitere Einreden auf den Ausländer zwecklos ist und es höchste Zeit ist die eigene Aufmerksamkeit wieder auf den Verkehr zu lenken.

Der Rest der kirgisischen Taxifahrt besteht darin herauszufinden, wo der Fahrer geparkt hat, einzusteigen, die Zielstraße zu nennen, zurückzulehnen und zu entspannen im Bewusstsein, dass man es mal wieder irgendwie gebacken bekommen hat ein Taxi zu rufen.

Die Taxifahrten kosten meist zwischen 100 bis 300 Som (1,30 bis 4,00 €), abhängig von der Distanz, die es zu überwinden gilt, logischerweise. Es gibt keine Taxameter in den Autos, lediglich ein Smartphone, das mittels einer Saugnapfhalterung an der Frontscheibe befestigt ist. Auf dem Display läuft eine eigens entwickelte App, die den aktuellen Fahrpreis anzeigt, sowie andere Features, hinter deren Bedeutung ich jedoch noch nicht gekommen bin.

IMG_0674.JPG

SMS Taxi. Immer unterwegs. Zwei peinliche Anrufe genügen.

2.

Die andere Art kirgisischer Taxis unterscheidet sich im Wesentlichen darin, dass man sich die ganze Herumtelefoniererei spart. Meistens warten an besonders belebten Punkten innerhalb der Stadt mehrere Taxen, deren Fahrer man einfach nur ansprechen muss. Ein besonders hart umkämpfter Hotspot für derartige Taxifahrer ist der Bischkeker Manas-Airport. Wenn man das International-Terminal verlässt fühlt man sich in mittelalterliche Zeiten zurückversetzt. Dutzende Taxifahrer versuchen sich gegenseitig zu übertönen um raus zu finden, wer denn nun am lautesten ‚‚TAXI“ brüllen kann. Es fehlen noch kleine Podeste, um den Eindruck eines mittelalterlichen Marktplatzes zu verfestigen, auf dem Marktschreier ihre Waren anpreisen.

Allerdings ist der ganze Spaß auch mit Vorsicht zu genießen: Ein solches Taxi nimmt man am besten dann, wenn man Lust hat sich mal ordentlich über den Tisch ziehen zu lassen. Meist setzten die Taxifahrer, die diesen Beruf komplett privat betreiben, den Preis für Fahrten viel zu hoch an. Besonders wenn man einen sehr touristischen Eindruck macht. Aber das Gute ist, dass wir uns nach wie vor in Asien befinden. Und hier kann man handeln.

Eine kleine Anekdote am Rande vielleicht:

Ich fuhr einst mit einem solchen Taxi und kam ins Gespräch mit dem Fahrer, der mich nach meinem Namen fragte. Als ich ihm antwortete ich hieße Constantin, wiederholte er fast ehrfurchtsvoll meinen Namen. Promt sagte er vollkommen zusammenhangslos einen weiteren Namen: “Friedrich“ (für diejenigen Leser, die es nicht wissen: Mein Bruder heißt Friedrich).

Fassungslos starte ich ihn aus meinen tellergroßen Augen heraus an und stammelte fast ängstlich:

“Ad…Adkuda wui snaitje?“ [Woher wissen sie das?]

Daraufhin lacht er nur.

Im Endeffekt stellte sich heraus, dass dies einer der wenigen deutschen Namen war, den er kannte, aus dem einfachen Grund das viele Straßen immer noch nach deutschen Persönlichkeiten benannt sind (Karl Marx, Friedrich Ebert).

Aber immerhin, für einen Moment dachte ich ich säße neben dem allwissenden Taxigott Kirgistans.

img_0675

Jedes Auto kann ein Taxi sein. Nur das obligatorische Schild auf dem Dach darf nicht fehlen.

img_0680

Taxifahrer. Die Lizenz zu Parken wo man will.

Der Avtobus

Der Avtobus oder Trollibus ist sicherlich nicht das von mir am häufigsten benutze Gefährt, jedoch ist es sicherlich mein geheimer Liebling. Die Busse mögen schwer und behäbig sein wie ein Wal im seichten Gewässer und lauter als ein Samstagabend in der Disko, doch am Ende des Tages sind und bleiben sie die komfortabelste Weise in Bischkek vom Fleck zu kommen.

Aber was tun um das Busfahr-Erlebnis teilen zu dürfen?

Nun mag der Leser vielleicht denken, es gäbe so etwas wie Ticketautomaten und Monats- bzw. Jahreskarten, die man an den Haltestellen löst und daraufhin im Bus in einen Ticketstanzer steckt oder gar einem Kontrolleur vorzeigt. Möglicherweise auch noch einen Tarif, abhängig von der Distanz zum Fahrziel oder in welchem Stadtteil man sich bewegt.

Nun ja, der Leser könnte falscher nicht liegen. Eine Fahrt kostet in Bischkek 8 Som (~10 Cent), außer man ist Rentner und kann seinen Pensionär-Ausweis vorzeigen. Dann nur noch 5 Som. Wohin es geht ist dabei völlig egal: Einmal quer durch die Stadt oder eben nur zur nächsten Station, die grundsätzlich nie weiter als 100 Meter entfernt ist.

Eingestiegen wird dann, wenn sich die manchmal löchrigen Flügeltüren öffnen. Kein beleuchteter Druckknopf oder irgendein Sensor. Nur ein Knopf in der Fahrerkabine, der auch garantiert erst dann gedrückt wird, wenn alle Passagiere, die gerade aussteigen vorne beim Fahrer bezahlt und den Bus durch die vorderste Tür verlassen haben. Dann ist der Zeitpunkt gekommen und mit lautem Zischen und Pfeifen (vermutlich wegen der Hydraulik) schnellen die mittlere und hintere Tür auf und man kann die drei Stufen zum Bus- Innenraum empor steigen (Frauen und Kinder selbstverständlich zuerst).

Ich muss zugeben, dass mir bei einer meiner ersten Busfahrten nicht ganz bewusst war wie unerwartet und gnadenlos die Bustüren aufschlagen. Ich stand in der Näher der besagten Tür, als wir bereits Kurs auf die nächste Haltestelle genommen hatten. Unerwartet schnell sprang die etwas in die Jahre gekommene Tür auf und fixierte meinen Arm zwischen einer Haltestange und der Tür selbst. Nach wenigen Versuchen zu rütteln und zu ziehen gab ich auch und tat so gut es mit einem eingeklemmten Arm eben ging auf cool. Als wäre das völlig normal, so ein linker Arm zwischen Haltestange und Bustür. Sobald die Tür sich genauso ruckartig wieder schloss, nahm ich meinen etwas schmerzenden Arm zurück in Empfang und entfernte mich von meinem künftig am wenigsten gemochten Platz im Bus. Kaum auszudenken, was passiert wäre wenn ich mir irgendetwas geprellt hätte. Nicht so sehr der Schmerz, sondern die Erklärung, die ich beim Doktor abgeben müsste beschäftigt mich:

“Wie ist denn das passiert Herr Fertig?“

“Nun ja…sie sind hier doch bestimmt auch schon mal Avtobus gefahren, nicht wahr?“

Manchmal gehen die Türen auch bei voller Fahrt einfach zufällig auf und schließen nicht mehr. Ich sehe darin aber schon lange keinen Defekt des Busses mehr. Das ist nun mal eine andere, eine kirgisische Art der Frischluftzufuhr.

Über die Busfahrer an sich kann man nicht allzu viel bemerkenswertes berichten: Sie sind fokussiert, achten auf den unmittelbar vor ihnen liegenden Straßenverlauf, richten die Fahrerkabinen mit Plastikblumen, Kirgistan- Wimpeln oder Flaggen und muslimischen Rückspiegelanhängern ein und haben immer ihre öl-verschmierten Arbeitshandschuhe griffbereit. Denn ab und an (oft!) kommt es vor, dass der Bus zu schnell auf eine stark befahrene Kreuzung zu jagt und dem Fahrer erst in letzter Minute auffällt, dass unter der Motorhaube kein Ferrari V8 röhrt, sondern nur ein chinesischer Bus- und ein Elektromotor besorgniserregend laut hämmern. Und somit bremst der Busfahrer in letzter Sekunde den Bus ab, wobei durch die Kräfte der Physik die Träger aus den elektrischen Oberleitungen springen. Somit steht der Bus solange, bis der Fahrer oder die Fahrerin auf das Dach geklettert ist und eigenhändig dafür gesorgt hat, dass dort oben wieder alles funktioniert. So steht man dann zwanzig Sekunden bis fünf Minuten auf der Kreuzung (je nach dem wie geübt oder wie lange der Fahrer bereits in der Branche ist) und hinter einem baut sich eine ungeduldig hupende Masse an anderen Fahrzeugen auf.

Komfort pur. Und das meine ich.

IMG_0630.JPG

Keine Angst, normalerweise sieht man die Nummer klar. Nur dieses eine Mal nicht.

IMG_0632.JPG

Gesplitterte Scheiben waren hier noch nie ein Problem. Das ist mehr so ein Europa-Ding.

IMG_0637.JPG

Ganz Bischkek ist von elektrischen Oberleitungen durchzogen.

IMG_0639.JPG

Sollte dieser Bus die Landesgrenzen irgendwann mal übertreten wird wenigstens jeder wissen woher er kam. Der Schriftzug sagt “Kirgistan“

IMG_0650.JPG

Ich schwöre, von innen sieht der Bus besser aus!

IMG_0663.JPG

Unter der Haube hämmern die China-PS.

IMG_20170111_083500.jpg

Zum Neujahr sind alle Busse überschmückt. Fragt sich nur, an welcher Girlande ich mich bei der nächsten Kreuzung festhalte?

Die Marschrutka

Die Marschrutka ist ein Erlebnis. Mir fehlen leider diesmal wirklich die Worte, die treffend sind um dieses Phänomen zu beschreiben. Im Innenraum dieser Kleinbusse existiert eine Parallelwelt mit ihren eigenen ungeschriebenen Regeln und Eigenheiten.

  • Für wen steht man auf um ihm oder ihr einen Platz anzubieten?
  • Wo sitzt man am besten, wenn man vermeiden will während der Fahrt für jemanden aufzustehen zu müssen?
  • Auf welchem Sitzplatz bekommt man die Fahrweise des Fahrers und die Unebenheit kirgisischer Straßen am wenigsten zu spüren?
  • Wie viel kostet eine Fahrt und ab wann ändert sich der Fahrtpreis?
  • Wie teilt man dem Fahrer richtig mit, dass er doch bitte anhalten soll, damit man aussteigen kann?
  • Und das wichtigste von allem: Wie finde ich die Marschrutka, die mich dahin bringt, wo ich hin will?

Am Besten wird es sein ich klappere die Liste von oben nach unten ab und bringe somit Licht ins Dunkel der Marschrutka-Welt.

маршрутка [Marschrutka] leitet sich vom Russischen маршрут [Marschrut] ab, was nichts anderes bedeutet als “Route“ oder “Weg“. Marschrutka bedeutet wiederum einfach “Kleinbus“. Das Wort ist, für alle die es nach der zwanzigsten Erwähnung noch nicht bemerkt haben deutschen Ursprungs.

Überwiegend sind die Marschrutkas in Kirgistan Sprinter-Modelle von Mercedes-Benz. Aber ich sah ach schon Modelle von Ford oder Volkswagen. Im Allgemeinen sind die Kirgisen sehr stolz auf ihre Sprinter-Marschrutkas und zeigen dies in Form von völlig überzogenen Wagentatoos, die Löwen mit ihrer Pranke auf dem Benz-Stern zeigen oder in übergroßen Lettern “DAIMLER“ abbilden.

Mercedes ist eben Deutsch. Und Deutsch ist Luxus. Und Luxus zeigt man gern.

  • Für wen steht man auf um ihm oder ihr einen Platz anzubieten?

Im Groben steht man immer (!) für Menschen auf die älter sind als man selbst. Dabei gibt es jedoch verschiedene Abstufungen:  Man steht immer für eine alte Dame oder einen alten Herren auf. Meine Vorgehensweise bei dieser Problematik: “Hat der Baike weißes Haar, schwing dich weg von deinem Sitzplatz mit deinem jungen Jahr!“ Trotzdem steht man ebenfalls sofort auf für Eltern mit Baby oder Kleinkind, egal wie alt Mutter oder Vater sind (bei Frauen geht es bei 23 los). Kommt jemand mit beschwerlichen Einkaufstüten oder vollem Rucksack in den Kleinbus, so ist es das mindeste, ihm anzubieten als Sitzender für ihn die Tüten oder Taschen zu nehmen, damit er sich festhalten kann.

  • Wo sitzt man am besten, wenn man vermeiden will während der Fahrt für jemanden aufzustehen zu müssen?

Je weiter hinten, desto besser. Merken! Es gibt keinen besseren Platz, als in der letzten Reihe am Fenster. Von dort aus ist es ohnehin schon abnormal schwer aufzustehen und sich durch den schmalen Gang Richtung Ausgang zu quetschen. Wenn die Marschrutka erstmal gefüllt ist kommt hier hinten keiner so schnell an und verlangt zu sitzen. Faustregel: Je schwerer es für dich ist aufzustehen um deinen Platz anzubieten, desto wahrscheinlicher ist es, dass du deine Fahrt im Sitzen erlebst.

  • Auf welchem Sitzplatz bekommt man die Fahrweise des Fahrers und die Unebenheit kirgisischer Straßen am wenigsten zu spüren?

Das ist die Kehrseite der Medaille: Je weiter vorne, desto sanfter.Hinten sieht es aus wie in einer Werbung für einen Mixbecher. Man muss sich eben entscheiden zwischen Komfort und dem Risiko den Platz zu verlieren. Meistens kommt man aber sowieso in eine maßlos überfüllte Marschrutka und nimmt dankbar das, was man bekommt.

  • Wie viel kostet eine Fahrt und ab wann ändert sich der Fahrtpreis? 

In der Regel kostet die Marschrutkafahrt 10 som (~14 Cent). Für Pensionäre gibt es auch hier einen Sondertarif. Ab 9 Uhr kostet Marschrutka fahren 12 Som.

  • Wie teilt man dem Fahrer richtig mit, dass er doch bitte anhalten soll, damit man aussteigen kann?

Die wohl effektivste Methode ist es einfach mit dem Fahrer zu kommunizieren. Nützliche Sätze dabei sind:

“Остановите,Пожалуйста“ [Astanavite paschalusta], was “Halten sie bitte an.“ bedeutet.

Oder ganz profan:

Стой!“ [Stoi]. Stop.

Wenn alle Stricke reisen kann man sich auch einfach so nahe an die Tür stellen, dass der Fahrer von selbst darauf kommt das man raus will.

  • Wie finde ich die Marschrutka, die mich dahin bringt, wo ich hin will?

Die Einheimischen kann man nachts aus dem Schlaf reisen, ihnen einen Platz in der Stadt nennen und sie werden alle möglichen Marschrutka-Linien aufzählen können.

Kennt man ein größeres Gebäude, oder einen Platz in der Nähe des Ortes zu dem man möchte, so betrachtet man einfach die Schilder an den Windschutzscheiben, die erklären an welche größere Haltestelle die jeweilige Marschrutka fährt.

Hat man gar keine Ahnung von gar nichts, so nutzt man BUS.kg. Eine App die eigens für den Bischkeker Nahverkehr entwickelt wurde. Man sucht auf der Karte den aktuellen Standort und das gewünschte Ziel. Schon spuckt die App Ergebnisse aus. Aber Vorsicht! Man verfährt sich mindestens drei Mal, bevor man den Bogen raus hat.

Im Allgemeinem lässt sich über die Marschrutka noch sagen, dass sie standardmäßig immer gut gefüllt, bis brechend voll ist. Das geht meistens so lange bis 33 Leute in einem Bus sind der für 15 Leute ausgelegt ist. Und trotzdem wird der Fahrer immer sagen:

“Проходите, Проходите!“ [Prachaditje, Prachaditje], also “Gehen sie durch, weiter hinter!“

Und wer eine Maschrutka vom Straßenrand, abseits einer Haltestelle anhalten will, der winkt einfach in Richtung des Fahrers, der daraufhin neben einem anhalten wird.g

Oftmals frage ich mich wo ich mit meiner überdurchschnittlichen Körpergröße noch hin soll. Ins Handschuhfach? In die Gepäckhalterung?

Und nicht zu vergessen: Ein Lob an alle Marschrutkafahrer! Ihr seid die wohl größten Multitalente, die ich je gesehen habe. Keine andere Art Mensch mag im Stande zu sein lautstark zu telefonieren, eine uralte Gangschaltung zu bedienen, zu rauchen, Geld entgegen zu nehmen, Geld raus zu geben, auf die Straße zu spuken und trotz alle dem keinen Unfall zu bauen.

Danke, dass ihr uns tagtäglich sicher und illegal schnell von A nach B bringt!

IMG_0617.JPG

Die meisten Kilometerstände stehen bei 500.000 km. Deutsche Wertarbeit, die hier in Asien noch die Milionen knacken wird.

IMG_0619.JPG

Wohin soll’s gehen? Aber Achtung: Nur mit Kyrillisch-Kenntnissen einsteigen!

IMG_0623.JPG

Eine klassische Haltestelle für Bus und Marschrutka. Zugekleistert mit Werbung.

IMG_0634.JPG

Hier ist man auf jeden Stern stolz. Ach ja und telefonieren am Steuer ist das normalste der Welt.

IMG_0656.JPG

Was der Stadt an Farbenpracht fehlt machen die Marschrutkas teilweise wieder gut.

img_0657

Man fragt sich ob Mercedes eigenhändig diese Wimpel für den asiatischen Markt entwarf. Auf der Ablagefläche: Das Scheingeld zum wechseln, meistens sind es jedoch Münzen.

IMG_20170113_163650.jpg

Bewaffnet bis an die Zähne: Rückfahrkamera, Dreifachstecker, Münzbrett, Einbauradio.   Wie bitte? Serienmäßig?

Screenshot_2017-01-16-00-12-25[1].png

Die App hat eine kurze Einarbeitungszeit von etwa 3 bis 5 vergeigten Marschrutkafahrten.

IMG_20170111_211045.jpg

Innenraum einer recht modernen Marschrutka. Ich weiß: Wo sind all die Leute?

IMG_0669.JPG

Luxus-Marschrutka mit automatischer Schiebetür. Auf Bordservice müssen wir nochmal 10 Jahre warten.

screenie

Kyrgyzstan in a nutshell.

IMG_0668.JPG

Meine Theorie ist, dass das Blumenpapier die Hitze im Winter im Motorraum halten soll.

IMG_0727.JPG

Warten. Manchmal 20 Sekunden, manchmal 20 Minuten.

Als ich die Fotos für diesen Blogeintrag machte wurde ich von einem älteren Mann angesprochen. Ob ich denn aus Frankreich oder England kommen würde. Als die Antwort Deutschland war fing er an von Dresden zu schwärmen und wie sauber Deutschland doch wäre. Nach zehn Minuten Plausch bat ich ihn um ein möglichst authentisches Foto. Das war was ich vor die Linse bekam:

IMG_0685.JPG

Cool to the bone.

IMG_0687.JPG

Wenn man das magische Wort “GERMANIA“ hört ist plötzlich niemand mehr foto-schüchtern.

Von Kreuzfahrt-Kirgisen und One-Hit-Wonder-Fotografen

Die folgende Episode aus meinem Leben in Kirgistan ereignete sich vor beinahe zwei Monaten. Über diese Zeit hinweg habe ich nie die Ruhe gefunden das Geschehene in Worte zu fassen. Doch nun versuche ich den Leser mit immenser Verspätung an einem meiner kleinen Schlüsselerlebnisse teilhaben zu lassen:

 

Ich sprang die letzten drei Stufen der Treppe hinunter. Aber warum hatte ich das gemacht? Ich gehe diese Treppe mindestens zweimal pro Tag hoch und runter, doch niemals war ich so übermütig gewesen und war den letzten kleinen Treppenabsatz einfach hinunter gesprungen. In den letzten drei Monaten war ich eben diese Stufen täglich mindestens zwei Mal einfach hoch beziehungsweise runter gelaufen, ohne mir irgendetwas dabei zu denken.

Noch während ich überlegte, was mich wohl geritten hatte den Weg aus der Wohnung hinaus in eine Parcour-Einlage zu verwandeln, drückte ich den roten Plastikchip an meinem Schlüsselbund gegen das kleine Druckfeld, welches sich an der massiven Eisentür befand, die das Treppenhaus von der Straße trennte. Es ertönte wie gewohnt der selbe schrille, lang andauernde Pieps-Ton, der signalisierte das die Tür nun elektronisch entriegelt war. Der gleiche Ton, den ich schon seit Wochen, wenn nicht Monaten hörte.

Es ist immer wieder aufs Neue erstaunlich, dass ich die Tür morgens mit einem kleinen Stück Plastik entriegele, dafür aber 15 Minuten später in einen Bus steige, dessen Außenseite deutsche Werbung von vor 15 Jahren ziert. Zudem lassen die Motorengeräusche öfters daran zweifeln, ob man denn an diesem Morgen wirklich das gewünschte Fahrtziel erreichen wird. Wer sich jemals gefragt hat, wo denn all die deutschen Busse von vor mehr als einem Jahrzehnt gelandet sind, sei unbesorgt. Sie leben hier in Zentralasien weiter, der Prüfstelle Nummer 1, wenn es darum geht zu erfahren wie lang so ein Bus-Motor wirklich lebt.

Unter Einsatz meines ganzen Körpergewichts drücke ich die schwere Metalltür auf und stolpere hinaus, raus auf Bischkeks Straßen.

Sofort fühle ich, wie die vereinzelten Tropfen des kühlen Schneeregens mein Gesicht benetzen. Es ist kalt geworden. Kalt und ein wenig ungemütlich hier in der Hauptstadt Kirgistans. Das liegt allerdings mitnichten allein an der klimatischen Situation:

Zum Zeitpunkt dieser Erzählung haben sich einige Dinge verändert, Dinge persönlicher Natur. Ohne zu tief in die Materie einzudringen möchte ich nur gesagt haben, dass mir vieles trist erschien und ich mit mir selbst kämpfen musste.

Ich brauchte Ablenkung, eine Herausforderung, irgendetwas…

Wie der Zufall so will hatte ich kürzlich davon Wind bekommen, dass die Verlängerung meines Visums vor der Tür stand. Auf die Frage, ob ich den im Besitz von Passbildern sei, die zur Verlängerung des Visums nötig waren, musste ich wohl oder übel mit “Njet“ antworten. Ich besitze zwar eine Kamera, die die Herausforderung eines simplen biometrischen Passbildes mit Leichtigkeit stemmen könnte, jedoch hatte ich ungeheuer wenig Lust mein Zimmer in ein semiprofessionelles Fotostudio zu verwandeln. Und zu allem Überfluss besaß ich ja nicht mal einen Drucker.

Was mir allerdings Hoffnung gab, war die Tatsache, dass ich bei diversen Spaziergängen, teils flanierend, teils hastig eilend durch Unterführungen an belebten Straßen gelaufen war. Des öfteren hatte ich in diesen, ganz im Gegensatz zu Deutschland extrem belebten und mit kleinen Ständen gesäumten, unterirdischen Gängen diverse Schilder mit den Lettern “фото“[Foto] erblickt.

Ich zog den Reißverschluss der Motorrad-Lederjacke, die mir ein Bekannter meiner Großmutter vor der Abreise überließ bis zum Anschlag zu. “Es wird doch so kalt, dort wo du hingehst.“ Oh, wie Recht er haben sollte.

Der Abend legte sich über die Stadt und tauchte die ohnehin durch den Schneeregen dunkel wirkende Szenerie in ein noch dunkleres Licht. Trotz des ungemütlichen Wetters war auf den Straßen auch zu so fortgeschrittener Stunde noch ein beachtlicher Betrieb. Die Menschen wirkten ausgelassen: Sie stehen feixend und schnatternd an Marschrutka-Haltestellen, schmatzen zufrieden an fettigen ,,Gamburgern“ (der kirgisischen Version des Döners) oder erledigen ihren abendlichen Einkauf an den vielen üppig gefüllten Obst- und Gemüseständen an den Straßenrändern.

Ich wusste wohin ich wollte: Wie bereits zuvor erwähnt hatte ich Fotoshops, beziehungsweise deren Schilder in Unterführungen gesehen. In Bischkek wohne ich auf der Sultan Ibrahimanova Street, Ecke Moskovskaya Street. Die Wohnung ist zentral gelegen und ermöglicht es mir, alle meine Besorgungen in einem Radius von einem Kilometer zu erledigen.

Aber genug davon, ich will die Wohnung ja niemandem verkaufen. Die Unterführung am Ala-Too Platz schien mir für mein Vorhaben am geeignetsten. Dieser Platz ist mit der größte in der Hauptstadt und prinzipiell auch sehr simpel zu finden.

Das dachte ich mir, bis zu dem Punkt, an dem ich an der Kreuzung stand, die die Grenze meines Orientierungs-Horizonts markierte (keine Sorge, zum Zeitpunkt der Entstehung des Blogeintrags hat sich mein Orientierungs-Radius mindestens um 200 Meter in besagte Richtung erweitert).

Autos hupen, Taxifahrer brüllen “такси такси!“ [Taxi Taxi!] in meine Richtung und zahllose Passanten streifen an mir vorbei, vorbei auf ihrem Weg nach Hause.

Mache ich wirklich so einen verlorenen Eindruck? Die Taxifahrer blicken zu mir rüber, als sähen sie in mir die Brücke in ein reicheres Leben. Aber Nein Genossen, für eine lumpige zwei minütige Taxifahrt von besagter Kreuzung zum Ala-Too Platz lasse ich mich nicht ausnehmen, wie eine Weihnachtsgans. Selbst ist der Mann und ich werde es ja noch irgendwie schaffen einen Ort zu finden, an dem ich schon so oft mehr oder weniger ,,aus Versehen“ vorbeigekommen bin .

Während ich die Stimmen der Taxifahrer, die wie Geier in der Wüste über mir zu kreisen scheinen immer näher kommen höre, fasse ich den Entschluss zuallererst die Straße zu überqueren, um mich neu zu orientieren. Hastig über die Straße sputend, merke ich, wie die Stimmen hinter mir in der Geräuschkulisse des abendlichen Bischkeks verschwimmen. Nur noch vereinzelt höre ich Rufe:

“Oi, Maltschik!“ [Hey Junge!]

oder

“Maladoi Tschelowek! Taksi!“ [Junger Mann! Taxi!]

Den reißenden Fluss des Verkehrs überwunden, komme ich, jetzt schon skeptisch eingestellt gegenüber meinem Vorhaben an der anderen Seite der Straße an. War diese ganze Aktion vielleicht etwas überstürzt? Sollte ich mich vielleicht zuerst ein wenig mit meinen eigenen Gedanken beschäftigen?

Quatsch, denke ich schnell, schüttele den Kopf und mache eine Handbewegung, als würde ich versuchen jene negative Gedanken wegzufegen. Nein, es ist Zeit für ein kleines Abenteuer, auch wenn es für den Leser nur wie ein ordinärer Stadtspaziergang klingen mag. In meinem Fall suchte ich den Adrenalinkick nun mal in einem Passbild-Fotoshooting. So einen Satz hätte ich in Deutschland niemals von mir gegeben, doch so verhält es sich hier scheinbar.

Ich wäge meine Optionen ab:

1. Nicht nachdenken und einfach drauf los laufen. Doch es ist schon zu spät um mich zu verlaufen. Die Zeit habe ich nicht. Ich habe Russisch-Hausaufgaben zu machen, Wäsche zu waschen, Essen zu kochen, Serien zu schauen.

2. Das Internet nach dem Weg fragen. Jedoch würde es höchstwahrscheinlich keine exakte Beschreibung von meinem jetzigen Standort zum Ala-Too Platz geben. Google Maps würde mich auch nur in die falschen Richtungen ordern. Zudem würde ich die ganze Zeit auf mein Phone starrend durch die Straßen stolpern, was mich erneut wie auf dem Silbertablett für Taxifahrer servieren würde. Bei diesem Gedanken schienen die Rufe wieder näher zu kommen.

3. Einen Fremden fragen. Aber dazu müsste ich ja Mut beweisen und überzeugend rüberkommen. Zu allem Überfluss wäre es dann ja auch noch von Nöten, dass ich in die Russisch-Trickkiste greife, was mir zu dieser fortgeschrittenen Stunde noch schwerer zu sein schien, als ohnehin schon.

Noch in meinen Denkprozess vertieft, nahm mir das Leben, wie so oft die Entscheidung ab: Unweit von mir löste sich ein kirgisischer Mann, nicht älter als 30 Jahre aus einer Konversation und steuerte nun mit Blick zum Boden in meine Richtung. Aus seiner Jackentasche kramte er eine Schachtel Zigaretten hervor, während er immer näher kam und ich mich schon in Angriffsstellung begab. Option 3 also:

“Sdrastwuitje Baike“, überrumpelte ich den Mann, der sich grade genüsslich eine Zigarette anzünden wollte. “Guten Tag Baike“ (Baike ist die respektvolle kirgisische Anrede für einen Mann, der älter ist als man selbst) war so ziemlich das nichts sagende, womit man eine Konversation anfangen kann. Doch noch bevor der Kirgise, dessen Augen nun nicht mehr auf den Boden gerichtet waren, sondern direkt in mein fragendes Gesicht blickten überhaupt die Möglichkeit hatte meinen höflichen Gruß zu erwidern, setzte ich nach:

“Skaschitje: Wui snaitje gdje eta Ala Too?“

.Wow, ich gab meiner armen nicht-slawischen Zunge eine kleine Verschnaufpause: Das waren viel zu viele “je’s“ für die simple Frage, wo denn der Ala-Too Platz war. Aber ich war zufrieden: keine Versprecher, kein Verhaspeln und kein Wort, das mir nicht eingefallen war. Eine kurze prägnante Frage, deren Antwort, zumal an einen Einheimischen gerichtet ziemlich eindeutig sein müsste. Was würde er mir schon sagen? Geh grade aus,  zweimal recht, am 12. Obststand links vorbei, dann ein letztes Mal rechts und du wirst auf dem Platz stehen. Innerlich triumphierte ich: Ich war stolz, dass ich die Situation zu meinem Gusten gedreht hatte.

Ich schwelgte weiter in Eigenlob, bis mich ein jähes “Schto?!“auf die verregnete Straße zurückholte:

“Schto?! Schto chotschesch?!“[Was? Was willst du?!], schallte es mir mit einem verwirrten Unterton entgegen.

Offensichtlich schien der Mann meinem Anliegen, den bekanntesten Platz der Stadt zu finden nicht folgen zu können. Aus der Rückfrage, was ich von ihm wollte, leitete ich ab, dass irgendein Teil, der von mir gestellten Frage fälschlich sein musste. Die Kippe, die er sich zu Beginn der Unterhaltung in den Mund gesteckt hatte, hing immer noch in selbigem Mundwinkel und verformte sich nun unter den stetig prasselnden Regentropfen. Die Zigarette schien sich zu biegen, biegen vor Lachen über das klägliche Scheitern meines Versuchs, so mir nichts dir nichts eine Wegbeschreibung zu erhalten.

“Ja iskaju Ala Too.“, startete ich einen erneuten Versuch. Vielleicht hatte ich den offensichtlich kirgisischen Namen des Platzes einfach so schlimm ausgesprochen, dass für den Mann keinerlei Wiedererkennungswert bestand. Aber auch auch nach meiner Aussage “Ich suche den Ala-Too“ sah ich kein Verständnis in seinem Gesicht aufblitzen.

Nun war es erneut an der Zeit für eine taffe Entscheidung: Würde ich den Mann ziehen lassen, um mich daraufhin selbst irgendwie zum Ala-Too Platz durchzuschlagen oder würde ich in die Pantomime-Trickkiste greifen, um ihm irgendwie mitzuteilen, dass ich diesen verdammten Platz suchte?

Einen kurzen Moment lang dachte ich mir im Stillen, es wäre vielleicht das klügste dem Mann einen freundschaftlichen Klapps aus den Rücken zu geben und mich für seine Bemühungen zu bedanken.

Aber war die ganze Situation nicht ohnehin schon peinlich und absonderlich genug? Ich entschied mich dazu, der gesamten peinlich berührten Angelegenheit noch ein Schuss Lächerlichkeit zu verpassen:

“Tam jest bolschoi Flag Kirgistan!“ [Dort ist eine große Kirgistan Flagge!], begann ich meine Show-Einlage und zeichnete mit beiden Händen ein überdimensionales Rechteck in die Luft. Die Augen des Kirgisen verengten sich zu noch schmäleren Schlitzen, als sie es von Natur aus schon waren. Gleichzeitig schaffte er es allerdings sich den selben verwirrten Blick beizubehalten mit dem er mein Rumgefuchtel vor seinem Gesicht musterte.

Langsam schwand meine Hoffnung und ich machte einen letzten Anlauf, der die zündende Information bringen sollte:“Tam jest tosche bolschaja figura Manas!“[Dort gibt es auch eine große Statur von Manas (kirg. Volksheld)]

ala-too-sqare

So schlecht ist die Beschreibung doch gar nicht, oder? Große Flagge und große Statur. Gleich und gleich gesinnt sich gern. (Bild: Daniel Jablonski)

Plötzlich lösten sich die zu Schlitzen verengten Augen meines Gegenübers und wurden handtellergroß. Ein lautes “Ahhhhhh, Ala Too Ploschad!“[Ah der Ala Too Platz] entwich ihm und er fing an zu lachen.

“Daaaaaaaaaa!“, stieß auch ich ein triumphierend lachendes “Ja!“ in die kalte Nachtluft aus, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt absolut keinen Schimmer hatte, was denn bitte ein Ploschad war.

Der Kirgise, dessen Zigarette mittlerweile völlig ihre natürliche Figur verloren hat, macht keine Anstalten mir so einfach den Weg zum Platz zu beschreiben. Jedoch packte er mich am Ärmel meiner Lederjacke und zerrte mich, immer noch sichtlich amüsiert über meinen Versuch, mich in einen große Kirgistan-Flagge reinzuversetzen in die scheinbar richtige Richtung.

Ungeachtet der roten Ampel und dem lautstarken Gehupe der anfahrenden Autos manövrierte mich mein nicht allzu großer Gesprächspartner über die Straße und fragt parallel:

 “Atkuda ti?“[Woher kommst du?]
“Germania!“, antwortete ich schmalspurig.
“Oi, atkuda v Germanii?“[Oi woher aus Deutschland], löcherte er den Deutschen, dem die gesamte Situation grade sehr surreal erschien. Ich wollte doch nur ein Foto für mein Visum…
Nun stehe ich vor einem Problem, dem ich hier recht oft gegenüber stehe: Den meisten Kirgisen ist Deutschland nicht so fremd, wie uns deren Land fremd ist. Will heißen, dass sie sich meist nicht mit der Information, das man aus Deutschland kommt zufrieden geben. Sie wollen es genauer wissen. Doch keiner von ihnen kennt ein kleines Dorf im Herzen Unterfrankens. Somit musste ich mich der nächst größeren Stadt bedienen, von der ich glaubte, dass mein Gegenüber sie kennt.
Und so sagte ich was ich immer sage:
“Wui snaitje Kamanda ,,FC Bayern München“ [Kennen sie die Mannschaft “FC Bayern München?“]
Und natürlich kannte er die Bayern.
In schnellem Tempo lotst mich mein neu gewonnener Reiseguide durch die abendliche Hauptstadt. Ohne weitere kramt der Mann, der sich mittlerweile eine neue Zigarette angesteckt hat sein iPhone aus den Untiefen seiner Hosentasche und fordert mein Russisch zu einer nächsten Runde auf:
“Moschna tebje pakasivat fotografii?“ [ungefähr: Darf ich dir ein paar Fotos zeigen?“]
“Moschna, kanjeschna“[Natürlich dürfen sie], antworte ich, während ich unaufhörlich entgegenkommenden Fußgänger ausweiche.
Und darauf hin zeigt mir ein Mann, den ich vor fünf Minuten das erste Mal zu Gesicht bekommen habe Bilder von sich und seiner Familie auf einer Europa-Rundreise mit anschließender Kreuzfahrt im Mittelmeer. Bilder von allen erdenklichen Destinationen in Europa: Er mit Tochter, Frau und Sohn vor dem Camp Nou in Barcelona, vor dem pariser Eiffelturm, dem Kolosseum in Rom, dem Big Ben in London. Und dann folgen Bilder von der Familie samt Tante, die in Deutschland arbeitet vor dem Brandenburger Tor in Berlin und Bilder von Schnitzel in Ulm.
 Als ich merkte, dass ich wieder wusste, wo ich war und wie ich mein Ziel erreichen würde, ließ ich es den von Europa begeisterten Kirgisen an meiner Seite höfflich wissen:
“Baike, spasiba bolschoi! Sitschas ja snaju kuda ja dolschen idi.“ [Danke Baike, jetzt weiß ich wieder wohin ich laufen muss]
Ich verabschiedete mich mit ausgiebigem Händeschütteln und überhäufte den Mann sowohl mit kirgisischen als auch russischen Danksagungen. Ich blickte ihm noch kurz hinterher, sah zu, wie er die Straße überquerte, per Handzeichen ein Taxi anhielt, einstieg und wegfuhr.
Er war genauso schnell aus meinem Blickfeld verschwunden, wie er aufgetaucht war. Mir wurde klar, dass er gar nicht in diese Richtung hätte laufen müssen. Er hatte den Umweg einfach auf sich genommen, um einem Fremden zu helfen, der sonst höchstwahrscheinlich am anderen Ende der Stadt rausgekommen wäre. Wäre mir so etwas jemals in Deutschland passiert?
Nun sah ich sie endlich vor mir: Die Unterführung. Der eigentliche Grund dieses ganzen Tamtams. Beschäftigt aussehende Menschen stiegen die vom Schneeregen rutschigen Stufen auf und ab. Sie alle wollen nach Hause, so wie es scheint. Doch ich hingegen will nur eins: Dieses vermaledeite biometrische Passfoto.
Nachdem ich die Stufen hinuntergestiegen war, sah ich mich in den von Neonröhren erhellten Labyrinth-artigen Gängen um und erblickte schließlich das ersehnte Schild mit dem Wort “Foto“. Es hing über einer Eingangstür, die sich nicht richtig schließen ließ und dem Passanten durch ein gläsernes Loch Einblick in das “Fotostudio“ gab.
Ich trat ein und gab den mittlerweile in Zunge und Blut übergegangenen Standard-Spruch “Strastwuitje“ von mir. Ich entdeckte den Fotografen am anderen Ende des Raums, welcher mir ebenfalls einen müden Gruß entgegenwarf und mich nun mit seinen nicht allzu wach aussehenden Augen fixierte.
“Wui tosche delaitje fotografii dlja Visi ili Pasporti“ [Macht ihr auch Fotos für Visas oder Reisepässe?], versuchte ich den Grund meines Besuches zu beschreiben.
Der Fotograf nickte leicht, als sei es ihm vollkommen egal, ob er diesen nassen Ausländer, der da vor ihm stand heute noch fotografieren würde oder nicht. Mit einer ausladenden Handbewegung zeigte er auf eine Preisliste samt Exempelfotos an der Wand.
Die Beispielfotos zeigten Portraitbilder des düster blickenden Putins, neben denen die Abmessungen des jeweiligen Fotos standen. Als ich auf eines der Beispielbilder deutete und “eta“ [dieses] von mir gab, musste ich mir verkneifen scherzhaft “No bes putina paschaluista“ [Aber bitte ohne Putin] zu sagen.
Der Fotograf bedeutete mir, ich solle es mir doch bitte auf dem Hocker vor der weißen Wand bequem machen, woraufhin ich meinen Rucksack ablegte und die Kopfhörer aus den Ohren zog, die mir die ganze Zeit über einen Soundtrack zu meinen absonderlichen Erlebnissen geliefert hatten.
Kaum saß ich augenscheinlich richtig auf dem wackeligen Hocker, positionierte sich der Fotograf vor mir, riss die Kamera, die er zuvor auf Hüfthöhe gehalten hatte hoch zu seinem Gesicht und drückte ab. Frei nach der Methode “Diese Deutschen musst du überraschen! Das bringt sie aus dem Konzept!“

 

Immer noch geblendet vom grellen Blitzlicht des Apparates starrte ich nun auf das Display der Nikon-Kamera, das mir unter die Nase gehalten wurde und beschloss einfach “Da!“ zu sagen. Mir erschien es sehr schwer Verbesserungsvorschläge auf Russisch zu unterbreiten, geschweige denn auf Kirgisisch.

Gegen den bescheidenen Betrag von 210 Som (umgerechnet vielleicht 3 Euro) wurden Scheine gegen Bilder getauscht und nach kurzer Zeit fand ich mich wieder vor eben der selben klapprigen Eingangstür, an der unzählige Kirgisen hastig vorbeieilten.

Ich zog die Bilder aus der Plastikfolie, um sie nun ein erstes Mal wirklich zu betrachten.

 

Komisch. Irgendwie sah ich glücklich aus.

 

Die Menschen sind da, um einander zu helfen, und wenn man eines Menschen Hilfe in rechten Dingen nötig hat, so muß man ihn dafür ansprechen.

-Jeremias Gotthelf

 

img_9581

Warum bin ich da nur runtergesprungen?

 

img_9583

Sieht vielleicht nicht aus wie “Mieten, Kaufen, Wohnen“, aber… naja nix aber.

 

img_9553

Beschäftigtes Treiben in den unzähligen Gängen der Unterführungen.

 

img_9554

Von Uhren, über Handyhüllen bis hin zu Gürteln. Hier kann man sich praktisch neu einkleiden.

 

img_8109

Der Anflug eines Grinsen ist zu sehen.

Warum es sich lohnt einen Konferenz-Kirgisen zu treffen

Ich denke für die folgende Geschichte ist es zuerst notwendig eine Art ,,Exposition“ der Charaktere, die in meiner Erzählung auftauchen, zu liefern:

Venera ist sozusagen meine Vorgesetzte, aber ich bin der festen Überzeugung, dass der Begriff ,,Boss“ es besser trifft. In keinster Weise heißt das, dass sie mich rumkommandieren würde, oder etwas dergleichen. Ich gehorche ihr nun mal. Venera ist die Klassenlehrerin der 7. Klasse der Schule für behinderte Kinder und Jugendliche ,,Ümüt-Nadjeschda“. Ihre Klasse ist die ,,höchste“, will heißen, dass danach nichts mehr Klassen-mäßiges im Nadjeschda Schul-System  kommt, lediglich die Werkoberstufe, in der Jugendliche arbeiten, die die Nadjeschda Laufbahn vollendet oder aus ihr ,,rausgewachsen“ sind.

Mayram ist die linke Hand von Venera und somit der weibliche Assistent, den es in jeder Klasse der Schule gibt. Müsste ich mich selbst einer von Venera’s Händen zuordnen, so wäre ich ohne Zweifel die zweite linke Hand, denn keiner meiner Handgriffe sitzt wie einer von Mayram. Sie ist 23 Jahre alt und arbeitet seit einem Jahr bei Nadjeschda, jedenfalls meine ich das so verstanden zu haben.

Ruslan ist mit seinen 14 Jahren eines der Kinder, die seit Kindesalter an bei Nadjeschda dabei sind. Seine Laufbahn begann im Kindergarten der Einrichtung und seither hat er bereits Generationen von deutschen Freiwilligen, die einen Arbeitsdienst in seiner Schule angetreten haben miterlebt. Dementsprechen steht es auch um seine Kentnisse der deutschen Sprache. Er kennt viele Worte oder Phrasen, ist sehr wissbegierig und scheut sich nicht sein Deutsch einzusetzen, was ich bemerkenswert finde. Außerdem sitzt Ruslan im Rollstuhl, kann sich jedoch sehr gut robbend auf dem Boden fortbewegen und ist von Zeit zu Zeit etwas nervig. Sein Lieblingswort ist ,,Pamagi!“ (Hilf mir) und auf Deutsch ,,Schnell Schnell“.

Артём (Artijom) besitzt nicht nur das zarte Alter von 16 Jahren, sondern auch einen ebenso filigranen Körperbau. Jedem Freiwilligen wird in seiner Klasse ein Kind zugeteilt, auf welches er über die gesamte Zeit hinweg ein Augenmerk werfen soll. Das ist etwas geschwollen ausgedrückt für die Tatsache, das man einfach mit dem jeweiligen Kind am meisten Zeit verbringt und sich besonders um es kümmert. Artijom ist mir zugeteilt und zählt als schwerbehindert: Er kann nicht sprechen, lediglich krampfartige Bewegungen ausführen und muss gefüttert werden. Jedoch ist der Junge sehr clever und versteht mehr als einem zuweilen lieb ist. Russisch und Kirgisisch sind für ihn kein Problem zu verstehen und sogar auf so manches deutsches Wort reagiert er.

Aidschan oder Aidschana, je nachdem wie schnell der Name ausgesprochen werden muss variiert das, ist ebenfalls auf den Rollstuhl angewiesen. Jedoch, wie auch in Ruslan’s Fall kann das Mädchen auf dem Boden hin und her robben um von A nach B zu kommen. Aidschan spricht nicht viel, zum einen weil es ihr, denke ich, schwer fällt und zum anderen, da sie viel lieber zuhört. Ihr Lieblingswort ist ,,сама“ (selbst), womit sie mir nicht selten klar macht, dass sie das, wobei ich ihr grade helfen will auch ganz gut alleine auf die Reihe bekommt.

Aijana kann, wie Artijom auch, nicht sprechen aber verständigt sich über nur leicht variierende Laute, von denen man leider sehr schlecht ableiten kann, was sie denn nun von einem möchte. Sie ist unheimlich aufmerksamkeitsbedürftig und wird auch schnell weinerlich wenn sie sich ,,vernachlässigt“ fühlt. Teilweise ist das bereits der Fall, wenn man seinen Blick kurz von ihr abwendet. Sie kann mit Hilfe laufen und freut sich sehr über alles, was sie ihrer Meinung nach selbst gemacht hat. Und diese Freude lässt man ihr gerne. Allerdings rate ich strengstens davon ab, zu versuchen sich unbemerkt mit Aijana irgendwem anzunähern: Der pinguinhaft-watschelnde Laufstil, den sie pflegt, gepaart mit den sympathisch gackernden Lauten, die das Mädchen von sich gibt, machen es unmöglich nicht in der ganzen Schule gehört zu werden.

Zu guter Letzt, der Neuzugang in der siebten Klasse: Medina, oder wie ich sie gerne nenne ,,Kung-Fu Panda“. Ich habe selten in meinem Leben ein so niedliches Geschöpf gesehen, das nebenbei eine unverkennbare Ähnlichkeit mit der Hauptfigur des gleichnamigen Kinder-Films hat: Medina isst unheimlich gerne und dazu auch noch sehr viel, ist pummelig, hat ein breites Gesicht mit dicken Hamsterbacken und sie spielt gerne mit Bauklötzen mit denen sie beinahe ausschließlich Türme baut. Das alles im Schneidersitz oder in der klassischen russischen-/ zentralasiatischen- Hockposition. Allerdings muss man, um Medina verstehen zu können,  Medina erleben. Ich weiß, das klingt eher nach der Werbung für einen Freizeitpark als nach der Beschreibung für ein 10-Jähriges Mädchen, aber sie ist teilweise der Grund warum sich ein anfangs schlechter Tag in einen guten verwandelt, weil ich entweder wegen ihr lauthals loslachen muss, oder in ein tiefes von Niedlichkeit gerührtes ,,Ohhhhhhhhhhhhhh“ verfalle.

Aber das sind sie alle miteinander, die Nadjeschda-Kinder: Liebenswert und niedlich.

Vielen Dank an jeden, der bis hierhin gelesen hat, auch wenn ich bis zum jetzigen Zeitpunkt nur ein paar Personen vorgestellt habe, die für den Leser möglicherweise nicht mal von geringster Bedeutung sind. Aber ich finde es notwendig für diesen und möglicherweise auch kommende Blogeinträge eine kleine Exposition zu geben.

Nun möchte ich aber nicht länger mit der eigentlichen Geschichte hinterm Zaun halten und dem steht nun auch nichts mehr im Wege:

,,Konstantin?! KONSTANTIN?!“

,,DA! Schto Slutschilos?“, entfährt es mir etwas ruppig, aber immer noch mit dem nötigen Respekt in der Stimme. Immerhin spreche ich mit Venera, meiner Klassenlehrerin. Mit ihren circa vierzig Jahren ,dem Bob-artigen Haarschnitt, der eckigen Brille und der kleinen Knubbel-Nase sieht sie alles andere als streng aus. Sollte sich allerdings eine Situation ergeben, in der nicht alles wie nach Strich und Faden verläuft, so verlassen pro Sekunde etwa 10 russische Wörter den kleinen kirgisischen Mund und das in einem Maß der Undeutlichkeit, bei dem Nuschel-Legenden wie Till Schweiger erblassen würden. Ich bin darüber aber keineswegs verärgert, da ich sowieso von niemandem erwarte oder verlangen möchte, dass man das Sprechtempo mir anpasst. Man lernt eine Sprache am Besten durch das Lauschen von unverstellten Gesprächen von ,,Natives“.

,,Dawai! Deti na ulitsa!“, bekomme ich als Antwort auf meine Frage, was um alles in der Welt den los wäre, dass sie in diesem Ton nach mir ruft.

,,Charascho, panjatna!“, erwidere ich, während ich, aufgeschreckt wie ein wildes Huhn, hektisch durch das Zimmer der siebten Klasse jage. Gerade eben saß ich noch gemütlich zusammen mit Ruslan auf dem Teppich, quatschte mit ihm über Gott und die Welt und nun erfahre ich das die Kinder so mir nichts dir nichts nach draußen sollen. Warum weiß ich nicht, wie in so vielen anderen Situationen auch. Aber was Venera sagt ist nicht Musik, sondern Gesetz in meinen Ohren. Heißt im Klartext, sobald sie die Anweisungen runterrattert spurt auch der drei Köpfe größere Kostja und sieht zu, dass er alles versteht.

,,Ruslan, gdje eta twoja Kurtka? Aidschan, tibje nuschna Kaljaska? Aijana, u tebja jest…“, ach Moment…Aijana kann doch gar nicht sprechen. Wie in vielen anderen Fällen auch muss ich mir die Antworten auf meine eigenen Fragen selbst geben, denn sollte ich bei Venera nachfragen, so verstehe ich die Antwort grundsätzlich noch weniger, als die Anweisung, die ich zuvor erhalten habe. Das ist nun mal das Los der Freiwilligen, die vor dem Antritt ihres Dienstes in Kirgistan nicht auf eine Waldorf-Schule gegangen sind und somit auch nicht die Chance hatten Russisch zu lernen.

Ohne große Fisimatenten packe ich mir Ruslan und setzte ihn gewollt etwas unsanft in seinen Rollstuhl. Auch meine Geduld ist strapazierbar, vor allem, wenn man sich als Muttersprachler, wie er einer ist, über die Probleme eines blutigen Anfängers der russischen Sprache lustig macht. Seit Wochen versuche ich mir das Wort für Handtuch einzuprägen (полотенце), was ziemlich wichtig ist, da ich den Kindern vor Frühstück und Mittagessen jeden Tag die Hände in einer kleinen rosa Plastikwanne wasche und danach abtrockne. Da kann es schon mal passieren, dass einem in der Hitze des Alltags das ein oder andere Wort entfällt und man sich einfacheren Umschreibungen bedient. Wenn ich also statt ,,полотенце“ zu ,,balschaja sovietka“ (großes Taschentuch) greife, so weiß eigentlich jeder was gemeint ist. Und solange ich mir den richtigen Begriff nicht merken kann, werde ich die Kinder nun eben fragen, wo denn bitte ihr übergroßes Taschentuch ist, ganz egal wie affig das klingt. Im Gegenzug, fange ich, sobald Ruslan mir mal zu sehr auf den Zeiger geht, an mit ihm nur noch Deutsch zu reden. So drehe ich den Spieß um, und er ist in dran, sich aus den paar Wörtern, die er versteht einen sinnvollen Satz zu stricken. Gefällt ihm komischerweise gar nicht.

Während ich Aijana helfe in ihre kleinen Schühchen zu schlüpfen,oder besser gesagt: Während ich ihr die Schuhe anziehe, klatscht sie eifrig in die Hände, in der Annahme sie hätte da alles selbst erledigt. ,,Maladietz“, lobe ich sie für die pure Tatsache, dass sie nicht wie so oft versucht hat, die Schuhe zu packen, ihnen einen Schmatz aufzudrücken und sie anschließend, nach dieser nur kurz andauernden Romanze, in hohem Bogen durch den Raum segeln zu lassen. Um das Mädchen soweit zu bekommen, mir dabei zu helfen sie aufzurichten benutzte ich eine spezielle Mixtur aus Russisch und Kirgisisch, die sich bewährt gemacht hat: ,,Dawai Aijana! Bir, Iki, Ütsch! Bas Bas Bas!“ (Los Aijana! 1,2,3! Geh Geh Geh).

Aus dem Augenwinkel sehe ich bereits, wie Aidschan, die ja ohnehin vieles selbst macht aus dem Raum geschoben wird. Wie ein Neugeborenes packe ich Aijana und setze sie schnell, wenn auch behutsam in den Rollstuhl. Hier muss man bzw. ich besonders aufpassen, da ein unsanftes Absetzten von Aijana dazuführen könnte, dass sie anfängt zu weinen und sich die nächste Zeit erstmal nicht wieder einkriegt.

Ich gucke aus dem Fenster: Ein warmer Tag in Kirgistan, die Sonne scheint und die Vögel zwitschern. Wichtig ist nur die Info mit der Wärme. Das heißt den Kindern müssen keine Jacken angezogen werden und bei was immer wir auch gerade tun spielt Zeit sicherlich eine Rolle.

Eilig drücke ich den Rollstuhl voran. Durch den Anschub wird die unaufhörlich plappernde Aijana in die Lehne ihres blauen Gefährts gedrückt. Los geht der wilde Ritt über Türschwellen und durch deren Rahmen aus dem Klassenzimmer raus hin zur Rampe, die von der zweiten Etage ins Erdgeschoss führt und nicht nur sehr kurvig, sondern auch sehr glatt ist. Dem nicht genug: Mit den Rollstühlen, in denen die Kinder bei Nadjeschda rumgeschoben werden, verhält es sich teilweise ähnlich, wie mit den Autos auf Bischkek’s Straßen: Einige sind brandneu und haben Features wie zum Beispiel Handbremsen für den Schiebenden. Die Meisten jedoch haben die besten Tage bereits hinter sich und sind nun mehr ein Schatten ihrer selbst, deren Feststell-Bremse nicht mal mehr funktioniert. Praktischerweise eiere ich gerade mit Aijana in genau so einem die extra scharfe Kurve auf dem Weg nach unten entlang.

Ein hastiger Blick in den Hof vor der Schule verrät mir, dass meine gesamte Klasse bereits auf mich wartet: Mayram und Venera, zusammen mit Ruslan, Aidschan und dem gegen die vormittaglich blendende Sonne anblinzelndem Artijom. Medina ist heute nicht zur Schule gekommen. Wie so oft gibt es dafür keine Erklärung. Manchmal fehlt ein Kind eine ganze Woche oder zwei. Und plötzlich stellt man fest, dass man sie schon ein wenig vermisst.

,,I sitschas?“, frage ich völlig außer Atem die seelenruhig dreinblickende Mayram. ,,Schdat.“, kommt es mir in einer Ruhe entgegen, die vermuten lässt, dass die ganze Aktion, die sich grade abgespielt hat für sie nur so etwas wie die müden Feueralarm-Proben in deutschen Schulen ist. Warten also, aber worauf den bitte? Bei dem ganzen Zirkus, der hier veranstaltet wurde, lag es mir nicht fern zu vermuten, dass Präsident Almasbek Atambajew höchstpersönlich anwesend wäre und nun Ruslan und der gesamten Klasse die Hand schütteln und sich danach köstlich über die ,,Großes Taschentuch“-Eselsbrücke dieses Deutschen amüsieren wollen würde.

Langsam wird mir das alles zu bunt: Hatte ich eventuell heute morgen etwas überhört, oder nicht mitbekommen? Eigentlich wurden größere Vorhaben für den Tag immer in der Frühe angekündigt, beziehungsweise besprochen. In der Regel sitzen wir dann als Klasse im Morgenkreis zusammen, zünden eine Kerze an, singen saisonale russische und manchmal auch deutsche Lieder und besprechen Dinge wie diese. Da ich allerdings meistens von Müdigkeit vernebelt auf meinem Holzhocker sitze und Artijom auf dem Schoß liegend versuche zu verhindern, dass ebendieser nicht in sich zusammensackt, entziehen sich diverse Sätze meiner Aufmerksamkeit.

Dennoch meinte ich zu früher Stunde die Worte ,,Ata-Türk Park“ und ,,guljat“ aufgeschnappt zu haben. Spazieren im Ata-Türk Park also. Aber als ich daraufhin Venera fragend ansah, kam mir nur erneut ein Feuerwerk aus unbekannten russischen Vokabeln entgegen, woraufhin ich beschloss mich vorerst mit den gegebenen Informationen zufrieden zu geben. Außerdem hatte ich ein gewaltiges ,,Mosched-Bit“ in diesem Satz wahrgenommen. Und das ist ein großes Schlüsselwort in meiner Arbeit hier: Alles nur ,,vielleicht“.

Aber nun scheint das alles ja wirklich zu passieren, was zum einen eine willkommene Abwechslung meines Arbeits-Alltags darstellt, zum anderen jedoch mit dem für 2 Uhr angesetzten Meeting mit Frau Schälicke, der Gründerin von Nadjeschda kollidiert. Es war also wieder Zeit mein rudimentäres Russisch auf die Probe zu stellen und zu versuchen Venera klar zumachen, dass ich um 2 Uhr wieder im Hause sein müsste. Mit wenig Vorbereitung und einer gehörigen Portion Optimismus wandte ich mich an meine Klassenlehrerin:

,,Sluschaitje Venera: U menja jest Sabranie w dwa tschisa w ofis.“, versuchte ich mein Anliegen verständlich zum Ausdruck zu bringen. Als Antwort erhielt ich ein schnelles ,, Da Da Da!“, denn im selben Moment rollte bereits ein Taxi den unbefestigten Weg vor dem Tor zu Schule heran. Während ich den anderen in Richtung Auto folgte, klopfte ich mir in Gedanken selbst auf die Schulter: Das war ja gar nicht mal so schlimm gewesen. Vielleicht war ich ja doch bereits zu mehr fähig, als ich mir selbst zutraute…

Am Auto angekommen tauchte bereits die nächste Problematik auf: Wir waren eine Gruppe von sieben Leuten und vier Rollstühlen. Das Taxi hingegen entpuppte sich als ein japanischer 5-Sitzer mit einem Kofferraum-Volumen eines Smarts. Aber allem Anschein nach, war ich wohl der einzige, dem das übel aufschlug, denn der Taxifahrer machte sich bereits daran, die Rollstühle quetschend und schiebend in den hoffnungslosen Frachtraum seines Gefährts zu verfrachten.

Fragt mich nicht wie, aber fünf Minten später sitze ich auf dem Beifahrersitz, hinter mir die beiden Frauen samt den 4 Kindern und den 4 Rollstühlen im Kofferraum. Der Fahrer schiebt den Schalthebel auf ,,D“ und der treue Japaner humpelt die steinige Straße hinunter. Ich war fassungslos: So etwas hätte in Deutschland niemals geklappt, geschweige denn wäre es legal. Ich kam mir vor, wie bei einer kirgisischen Clowns-Show: Eine der Sorte, bei denen am Ende viel zu viele Menschen aus einem winzigen Auto aussteigen. Aber das in Asien ganz gerne Mal ausgetestet wird, wie viel ein Fahrzeug nun wirklich an Last tragen kann, nun das war mir nach ständigen Marschrutka- und Busfahrten nun wirklich nichts neues.

Nach etwa 15 Minuten Stop and Go auf Biskek’s Straßen, biegen wir auf die Shakirov Street und somit in unsere Zielstraße. Ungeniert wie es sich für einen kirgisischen Taxisten gehört, parkt unser Fahrer direkt am Straßenrand ohne vorhandene Parkbucht. Wie in Zeitlupe schäle ich mich aus der bescheiden-bemessenen Autotür und helfe sogleich dabei die Rollstühle aus dem Wagen zu hieven. Von einer Bezahlung der Fahrt-Gebühren sah der nette Herr allerdings ab.

Nun hatte ich zu besagtem Zeitpunkt den Ata-Türk Park bereits besucht. Deswegen war das, was den gesamten Tagesplan gleich auf den Kopf stellen würde nicht allzu tragisch für mich:

Wir flanierten durch das Grün des Eingangsbereiches des Parkes, auf dessen Boden sich die Schatten der Bäume abzeichneten, die hoch über unseren Köpfen im Wind rauschten. Es war nicht viel los, bis auf ein paar Kinder und ältere Menschen, die die Labyrinth-artigen Wege zwischen den Bäumen säumten. Nur eine Person hob sich deutlich vom gesamten Bild der Szenerie ab:

An die grau melierte Adidas- Jogginghose schlossen sich im unteren Teil weiße Nike-Sportschuhe und nach oben hin ein schwarzes T-Shirt an. Mit diesem Kleidungsstil allein, wäre der Mann mittleren Alters auf keinen Fall eine Sensation in Kirgistan gewesen: Der Kult um Adidas ist gewaltig. Ganze Teile von Bazaaren bieten allein die bekannten Adidas-Jogginganzüge an. Was jedoch die Aufmerksamkeit auf ihn zog, waren die beiden Handys in die er, sie in beiden Händen haltend, unaufhörlich rein schnatterte.

Im Stillen dachte ich mir, wer denn bitte so wichtig sein könnte, dass er zwei Mobiltelefone bräuchte. Wen hatte er da an der Leitung bei seiner mobilen Konferenz? Tokio und New York? Als der Mann, der mit seiner Sport-Montur eher aussah, wie für einen Marathon als für einen Park-Spaziergang gerüstet, auf mich zugeschritten kam wurde ich stutzig: Sollte ich für ihn jetzt auch noch Sidney anwählen, weil er keine Hand mehr frei hatte?

Bei mir angekommen fing der Mann an mit mir auf Russisch zu sprechen, als hinge um meinen Hals ein Diplom der Moskauer Slawistik Schule. Ich verstand nicht ein Wort. Ich muss ein unendlich dummes Gesicht gemacht haben, als ich mit der Hand eine Geste hinter mich, in Richtung Mayram und Venera warf. Ich fügte ein präsentierendes ,,Paschalusta“ hinzu, als der Mann schon an mir vorbei in Richtung der beiden Damen steuerte.

Aus dem schnellen Gespräch zwischen Marathon-Park-Spaziergänger und Venera erhaschte ich die Quintessenz: ,,Paschalusta, kuschaitje w moi Restoran. Eta Frunze Restoran.“ Ich war begeistert. Eine Essenseinladung. Ohne das man irgendetwas dafür getan hätte! In diesem Moment war es mir völlig gleichgültig welches Restaurant es war, oder in welchem Zustand es sich befand. Es hätte eine verrußte Wanne am Straßenrand sein können, über der Schaschlik gegrillt wurde. Ich war dem Mann, von dem ich als letztes gedacht hätte, er sei ein Gastronom sehr dankbar. Ich bedankte mich mit einem überschwänglichen ,,Dschong Rachmat“auf kirgisisch und wir machten uns auf den Weg in die Richtung, in die er uns bedeutet hatte zu gehen.

Nun, wie gesagt: Ich hätte alles erwartet, nur nicht das, was sich nun vor meinen Augen auftat:

img_20160929_121802

Ich war mir zu 100 Prozent sicher, dass das ein Scherz war und jeden Moment das Kamerateam, der kirgisischen Version von ,,Verstehen Sie Spaß?“ hinter dem monströsen Frunze-Schild hervorspringen würde.

Als wir in den Innenhof samt Springbrunnen rollten, wurden wir sogleich von Security-Männern mit Knopf im Ohr und Kellnern im feinsten Zwirn zu einem der Tische mit eigenem Pavillon geleitet.Offensichtlich hatte der Chef des Restaurants doch noch eine Hand gefunden, um auf einem dritten Handy unsere Ankunft anzukündigen.

Ich muss ein Gesicht gemacht haben, wie ein Kind in einem  Süßwaren-Laden: Alles war gepflegt und pompös. Das musste eine Verwechslung sein. Irgendwo auf der anderen Straßenseite wartete garantiert gerade eine verkohlte Wanne auf 3 Erwachsene und vier Kinder in Rollstühlen, um sie mit ihrem Frunze-Schaschlik zu beglücken.

Als wir dann saßen, tauchten nach und nach immer mehr Speißen vor uns auf, bis der Tisch zu voll war, um noch ein einziges Glas darauf zu stellen. Die zwei Schaschlik-Spieße, die ich bestellt hatte (aus Loyalität zu der nicht existenten Grillwanne), schmeckten vorzüglich und auch der Rest der Speisen waren, wie das meiste Essen in Kirgistan otschjen vgusna.

IMG_20160929_113708.jpg

Als ich nach diesem Festmahl auf die Uhr schaute und es bereits halb 2 war, wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich das erste offizielle Treffen mit Frau Schälicke verpassen würde. und das so sicher wie das Amen in der Kirche. Dieser Umstand schien allerdings nur mir von Bedeutung: Erst mussten noch ein paar Bilder mit den Kindern vor den Sehenswürdigkeiten der näheren Umgebung gemacht werden.

Um eine schon ohnehin viel zu lange Geschichte kurz zu fassen:

Nach einer erneuten, in ein zu kleines Taxi gequetschten Fahrt aus Bishkeks Zentrum raus, platzte ich viel zu spät in das Büro in der dritten Etage meiner Schule.

Am Tisch selbst konnte ich Frau Schälicke nicht erblicken und wie ich kurz darauf erfuhr hatte sie ihre Teilnahme an dem Treffen kurzzeitig abgesagt. Immerhin: Eine Peinlichkeit weniger.

Aber als ich Aidana, die Ansprechpartnerin für uns Freiwillige fragte, ob ich denn etwas verpasst hätte, konnte ich aus ihrem Blick lesen, dass ich nicht nur etwas, sondern alles verpasst hatte.

Aber immerhin saß vor ihren leicht genervt, leicht belustigten Augen jetzt nicht nur ein uninformierter, sondern auch ein satter Kostja.

Die Großzügigen werden sehr rasch einmal auf ein Nebengleis gedrängt.

– Martin Gerhard Reisenberg

IMG_20160929_105709.jpg

Von links nach rechts: Mayram, Aidschan, Venera, Artijom, Ruslan (Aijana wollte nicht mit auf das Bild)

IMG_20160929_110427.jpg

Kuschai Artjiom, Kuschai!

img_20161004_130208

Der Vollständigkeit halber ein Bild von Medina. Mit einem der zehn täglichen Türmen.

 

IMG_20160929_135302.jpg

,,Venera, es ist schon fast 2“ –  ,,Jaja, noch dieses eine Bild“

Vom Languedoc-Roussillon und Hirten-Schlachtrufen

Staub, Gräser und Steine. Wieso um alles in der Welt gibt es hier so viele Steine? Steine in allen Variationen: Von massiven Felsblöcken, die sich ruhig und doch gewaltig über der Landschaft erheben, bis hin zu Handball-großen Steinen, die den Boden säumen. Ständig stolpere ich über sie, oder das Geröll verhindern mir ein problemloses Vorankommen, hier im Tien-Shan.

Die Landschaft ist schön anzusehen, aber undankbar zu bewältigen. Der wolkenverhangene Himmel macht den Eindruck, dass das Wetter zum Wandern perfekt sei, jedoch liegt eine trockene Hitze in der Luft, die sich mir bei jedem Schritt bemerkbar macht.

Es muss ein amüsanter Anblick gewesen sein, wie ich, mit einem Rucksack und Kameratasche bepackt in Serpentinen den scheinbar unendlich langen Weg zu den eigentlichen Bergen bezwang. Ich wollte meine Eindrücke auf Fotos festhalten, die ich dann erst in Jahren wiederfinden würde. Ich würde mich hinsetzen und jedes einzelne genau studieren. Gleichzeitig würde ich mich erneut über jeden einzelnen Stein aufregen, der seinen Weg in diesen Winkel Kirgistans gefunden hatte.

Ich machte Bilder, sah mich um, verlor die Gruppe und fand sie wieder. Und das mehrmals. Einmal warteten sie sogar auf mich, was mir extrem peinlich war. Im nachhinein aber lustig, da sich nun jeder für besagte Bilder interessiert.

Als ich erneut 30-40 Meter hinter der Gruppe her stolperte, bemerkte ich einen Jeep auf dem improvisierten Weg, auf dem wir bis jetzt gelaufen waren. Die anderen Freiwilligen standen bereits um das Auto herum, als ich mich ihm noch näherte. Bei ihnen befand sich ein wild gestikulierender älterer Mann, der auf Russisch irgendetwas erklärte. Einige der Leute mit denen ich wanderte, hatten bereits in der Schule Russisch gelernt und konnten sich deutlich besser verständigen als ich. Jedoch auch ihnen wurde zunächst nicht ganz geläufig, was dieser nette Herr denn vermitteln wollte. Beim genaueren Betrachten des Gefährts, des Innenraums (samt der Ehefrau unseres neuen Gesprächspartners) kam mir in den Sinn, dass das hier eventuell eines dieser Ehepaare sein könnte, die durch die Welt reisen, meist mit einem Auto, dass sie solange fahren, bis es ihnen buchstäblich unter dem Hintern auseinanderfällt. Als auf der Basecap des Mannes dann noch irgendetwas Französisches stand, witterte ich meine Chance. My Time to Shine! Ich wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, oder in diesem Fall mit dem ,,Vous êtes des français?“ ins Gespräch, deshalb machte ich einen Anlauf auf Russisch: ,,откуда вы приехали?“ [otkuda vy priehali] (Woher kommen Sie?).

Siegessicher wartete ich auf die ersehnte Antwort, dass das Pärchen ursprünglich aus Frankreich kam und nun ihr Dasein in der großen Welt fristete, woraufhin man die Unterhaltung auf Französisch hätte fortführen können. Der Mann erwiderte allerdings etwas verdutzt auf meine Frage: ,,Я из Бишкека.“ [Ja is Bischkeka] (Ich komme aus Bischkek). Etwas verdattert und enttäuscht nickte ich ihm ein ,,Oh okay“ entgegen und ärgerte mich im Innersten über die ausbleibende Bekanntschaft aus dem Languedoc-Roussillon oder der Bretagne.

Aber nichts desto trotz verstanden wir langsam, was uns der Mann versuchte zu vermitteln. Irgendwo hier gäbe es alte Steinzeitmalereien an Felsen, die wir uns unbedingt ansehen müssten. Er deutete in die Richtung in die wir ohnehin weiterwandern wollten. Als wir uns schon bedankten für die Auskunft, schloss sich eine neue Partei unserer Gesprächsrunde an:

Wir waren bereits die ganze Zeit an Schafherden vorbeigezogen, die friedlich grasend von ihren Hirten, berittenen Kirgisen bewacht wurden. Nun näherte sich einer dieser Männer, hoch zu Ross unserer kleinen Gruppe, ausgestattet mit einer verwaschenen roten Filzjacke, einer Adidas-Jogginghose, einer etwas schief sitzenden Kappe, dicken Stiefeln und einem fragenden Blick. Sein von der kirgisischen Sonne dunkelgebranntes Gesicht war durchzogen von tiefen Falten, als er anfing mit dem vermeintlichen Bischkek-Franzosen zu sprechen. Sein Russisch klang sehr lallend und ich weiß bis zum heutigen Tag noch nicht, was der Inhalt des Gesprächs war, jedoch fand ich mich zwei Minuten später auf dem Rücken eines Pferdes wieder.

Alles Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, auch wenn du fast gezwungen wirst, dich auf besagten Rücken zu begeben. Zuvor war ein weiterer Kirgise hinzugekommen und nun war ich hier, in Kirgistan und an mir zogen zwei rudimentär-russisch sprechende Semi-Nomaden rum, die es sich anscheinend nicht nehmen lassen wollte mich auf ihr Huftier zu bugsieren. Ich willigte ein, bestand allerdings darauf, dies allein zu vollbringen. Ich war immerhin gut einen Kopf größer, als der kleinere der beiden und hatte keinerlei Probleme in den Steigbügel zu treten und mich auf das brave Pferd hochzuziehen.

Etwas mulmig zu mute war mir allerdings, als ich den Kirgisen meine geliebte Kamera in die Hand drückte, aber es stellte sich heraus, das sie vielleicht als Fotograf eine ebenso gute Figur machen würden wie als Hirten, ich meine seht selbst:

IMG_6950.JPG

 

Als ich nun vom Pferd abstieg, richtete der kleinere der beiden Kirgisen sein Wort an mich:

,,как тебя зовут?“ [Kak tebja savut] (Wie heißt du?), schrie er mich an, als ob uns zehn Meter voneinander trennen würden. Hätte ich nicht den warmen Ausdruck in seinem Gesicht gesehen, so hätte ich damit gerechnet, dass er verärgert wäre.

,,меня зовут Константин“ antwortete ich ihm, ebenfalls etwas lauter. ,,и как Вас зовут?“ [I kak was savut] (Und wie heißen sie?). Was nun kam, war alles nur nicht was ich erwartet hatte. Der Mann füllte seine Lungen mit Luft und setzte zu einem wahren Schlachtruf an:

,,меня зовут Баxaaaaaaaaaaaa“(Menja savut Bachaaaaaaaa). Der Schrei des Mannes durchschnitt die Berglandschaft und ab diesem Moment schien auch wirklich jedes Schaf zu wissen, wie denn der Name seines Hirten lautete. Ich weiß, dass ich zu Übertreibungen neige, auch in diesen Blogeinträgen. Aber ich schwöre, man hätte Bacha vor ein antikes Heer stellen können, um den motivierenden Schlachtruf zu brüllen. Hätte jedes mal geklappt.

Als wir und nach geraumer Zeit von dem lustigen Ensemble verabschiedeten, feixten wir darüber, wieviel Wodka diese beiden Genossen an diesem Vormittag wohl schon genossen hatten.

Dabei hatte ich wahrscheinlich grade ein kirgisisches Erlebnis gemacht, das vielen verwährt bleibt:

Auf dem Rücken eines Pferdes auf den Issyk-Kul hinabzugucken.

 

Ein gerader Mensch scheut nicht die freundschaftlichen Geschwätze, die aus dem Rausche hervorgehen.

– Jacques Rousseau

 

IMG_6914.JPG
img_6927
img_6933

img_6935

img_6945

img_6956

img_6967

Keine Steinzeitmalerein, aber wirklich verstehen werde ich sie trotzdem nicht.

Was das kirgisische Raumfahrtprogramm mit holprigen Straßen zu tun hat

Steppe. Steppe kilometerweit. Ausgetrocknet und vernachlässigt durch die tagelange Hitze des Herbsts und den wenigen Regen. Immer wieder setzt die Nadel des Drehzahlmessers zu einem Sprint in den oberen Bereich an. 2000, 3000, 4000 Schaltgeräusch. 2000, 3000, 4000 Schaltgeräusch. 2000, 3000, abruptes Bremsen.

Ohne Vorwarnung steigt der Fahrer so hart in die Eisen, dass ich für einen Moment mein Leben an mir vorbei ziehen sehe. Ich sammle mich blitzschnell und kralle mich in das Polster des Sitzes: Nein nein, heute noch nicht. So etwas wie Anschnallgurte gibt es nicht. Höchstens einen Sitz vor dir, der den Flug sehr effektiv, wenn auch unbequem abpasst.

Aber fangen wir vom Anfang an:

Unsere Reise beginnt in Bischkek, genauer gesagt in der Nähe des Osch-Bazaars. Dieser Stadt-ähnliche Marktplatz der unbegrenzten Möglichkeiten ist der größte seiner Art in der ganzen Hauptstadt. Benannt nach dem Ort im tiefen Süden Kirgistans, findet man auf diesem Bazaar von Klamotten bis Lebensversicherungen wirklich alles.

Das erste was ich über Kirgistan erfahren hatte war, dass es einen See beheimatet. Keinen See wie den Bodensee oder den Gardasee. Nein, das sind Pfützen im Vergleich zu dem, was ich hier sehen sollte: Der Issyk-Kul (kirgisisch Ысыккөл [warmer See]) ist, gleich nach dem bolivianisch-peruanischem Titicacasee, der zweitgrößte Gebirgssee der Welt. Liebevoll wird er hier zu Lande “Das kirgisische Meer“ genannt. Ich belächelte diese offensichtliche Übertreibung hier in Bischkek: Ein See ist ein bisschen Wasser. Kein Meer.

Zurück zum Bazaar. Wir, das sind die anderen Freiwilligen meiner Einsatzstelle und ich, würden also ein verlängertes Wochenende am Issyk-Kul verbringen. Nicht in einem Hotel oder einem Resort, sondern in einem Kindergarten ohne fließend Wasser oder Sanitäreinrichtungen. Klingt für einen verwöhnten Europäer, wie ich einer bin wie eine Einladung in die Hölle. Aber darum geht es hierbei ja auch irgendwie: Stepping out of the comfort-zone.

Ich war in Gedanken versunken: Hoffentlich helfen mir diese paar Tage um meinen Kopf mit etwas anderem zu füllen als Gedanken an Deutschland, mein Zuhause oder die Leute die mir so wichtig sind. Doch ich werde aus eben diesen Gedanken gerissen: Ächzend, quietschend, schnaubend und in die Jahre gekommen schleppt sie sich an: Marschrutkalinie Bischkek-Issyk Kul (zur öffentlichen Fortbewegung in Zentralasien an anderer Stelle mehr).

Ich hatte in den wenigen Tagen, die ich nun hier war bereits ausreichend Bekanntschaft mit dieser Art Gefährt gemacht, um feststellen zu können, dass sich dieses Exemplar in einem bemerkenswertem Zustand befand. Aber der Innenraum hätte auch mit purpurnem Samt ausgekleidet sein können, das nützte alles nichts, wenn der zuständige Fahrer das Auto lenken würde wie ein Besessener. Mir scheint sowieso, als gäbe es hinsichtlich des Fahrstils nur zwei Typen von Kirgisen: Die einen, die die Straße wie einen Engel küssen und die anderen, die sie behandeln, als würde sie ihnen Geld schulden.

Der Service einer Langstrecken-Marschrutka beinhaltet neben einem Sitzplatz, was nicht selbstverständlich ist, auch die Abnahme des Gepäcks durch den Fahrer. Der Mann, der mit seiner dunklen Sonnenbrille, einem Modell welches man sonst eher auf dem Nasenbein eines Tour de France Radlers entdeckt, eher wie ein Undercover-Cop aussah als ein Fernbus-Fahrer fackelte nicht unnötig lange. Den Anschein erweckend, jede Minute vergeudete Zeit bedeutete für ihn weniger Lohn, packte er meinen Rucksack, der bis zur letzten Lücke gefüllt war und von dem ich erwartete, dass bei der kleinsten Erschütterung die Reißverschlüsse bersten würden.

In den Nachrichten sieht man ja manchmal bei Überschwemmungen, wie die betroffenen Anwohner versuchen Sandsäcke als Hochwassermauern zu stappeln und dazu eine Arbeitskette bilden, bei der die Säcke hin und her geworfen werden: Mein Rucksack übernahm in diesem bildhaften Vergleich die Rolle des Sandsacks. Und so landete mein Gepäck krachend und mit viel Schmackes im viel zu kleinen Kofferraum neben unzähligen anderen Trekking-Rucksäcken.

Etwas geschockt von diesem Anblick musste ich an meine Kamera denken, die ich später glücklicherweise in einem Stück und nicht pulverisiert vorfand. Wir hatten uns zuvor auf dem Bazaar mit Lebensmitteln eingedeckt, da die Versorgungslage um den Kindergarten herum eher schlecht aussah. Und so hielt ich noch eine kleine Plastiktüte mit verschiedenem Gemüse in der Hand. Nachdem ich Zeuge des Höhenflugs meines Rucksacks geworden war, war ich vollends überzeugt, dass die Tüte in den Händen des Fahrers zu einer gemeingefährlichen Schleuderwaffe umfunktioniert würde und im Kofferraum zerschellend uns ein Ofen-fertiges Ratatouille bereiten würde, welches wir noch am selbigen Abend servieren könnten. Da ich aber nicht über den Speiseplan meiner Mitreisenden im Klaren war, versteckte ich das Tütchen schützend und nahm es kurzerhand mit in den Passagierraum.

Ich bin ja normalerweise ein selbstloser Mensch, aber ich hatte Bedenken: 3 Stunden Fahrzeit ohne Beinfreiheit? So etwas geht nicht spurlos an einem vorbei. Doch was erblickten meine Augen, als sie in den umgebauten Passagierraum der Marschrutka stiegen. In der letzten Reihe gab es einen Platz, einen einzigen Platz, mit Beinfreiheit. Bei der Vorstellung einen gediegenen Überblick über das Passagiervolk zu haben und parallel dazu meine Beine in alle Himmelsrichtungen ausstrecken zu können musste ich an Liebe auf den ersten Blick denken. Das das Objekt der Begierde in diesem Fall ein durchgesessener Stoffsitz war, juckte mich keinen Millimeter. Flink wie ein Wiesel bahnte ich mir meinen Weg durch den Gang bis zu seinem Ende. Die wilde Fahrt konnte von mir aus jeder Zeit losgehen.

Ein paar Minuten später fanden wir uns schon in einem durchschnittlichen Traffic-Jam wieder: Kein Vor, kein Zurück. Die einzige Alternative, die der Tour de France Fahrer sah, war die Hupe und sein Telefon, in welches er ab und zu lautstark reinbrüllte. Wenn dieser Mann nicht neben seinem Marschrutkafahrer-Dasein noch ein Doppelleben als kirgisischer Verkehrsminister führt, so wird auch er uns aus dieser Situation nicht raushelfen können, dachte ich mir im Stillen.

Doch wie jeder andere Stau löste sich auch dieser irgendwann und wir verließen Bischkek. Der Fahrer sah das “Sie verlassen Bischkek“-Schild als herzliche Einladung, dem Gaspedal seinen rechten Fuß vorzustellen. Wir jagten dahin, über eine Straße deren Zustand dem der deutschen Autobahn ähnelte. Ich sank, nicht ganz ohne Nachhilfe des Schubs in meinen Sitz  und bereitete mich auf eine geruhsame Fahrt vor.

Doch dann, ein Schlag. Dicht gefolgt von einem zweiten, noch dumpferen. Oh nein, nein nein nein. Irgendetwas kündigte sich hier an:

Vom einen auf den anderen Moment wechselte der Straßenbelag, der eben noch die Reifen geschmeichelt hatte in einen von Schlaglöchern durchzogenen Boden, der bei jeder Möglichkeit zu quengeln schien: “So asphaltiere mich doch!“

Und so verlief der Rest der Fahrt eher holprig. Ich habe nicht mehr allzu viele Erinnerungen an diese Fahrt. Viele Berge, reißende Flüsse. Kirgistan eben. Doch ein Moment sollte mich diesem Land näher bringen als alle anderen:

Ich war das rumgeshake auf dem Sitz schon gewöhnt, dann kam etwas größeres. Ich lüge nicht, wenn ich die Annahme treffe, dass eine Rampe auf der Straße gewesen sein musste. Das Schlagloch muss gigantisch groß gewesen sein. Ich war grade damit beschäftigt meine vom vielen auf- und ab etwas verrutschte Hose wieder einmal neu zu justieren. Dazu hob ich, halb im Sitz liegend etwas das Becken an. In diesem Moment schnellte der crazy Taxidriver mitsamt seinen Passagieren über besagtes Schlagloch:

Mein Becken hob ab und ich fand mich in der luftigen Höhe von bestimmt 20 Centimetern über der Sitzfläche wieder. War das hier etwa der Versuch ein eigenständiges kirgisisches Raumfahrtprogramm in die Bahnen zu leiten? Die Schrecksekunde dauerte nicht lange, denn ich landete unsanft und unerwartet abrupt auf meinem heißgeliebten Sitz. Die Landung war härter als die vor zwei Wochen auf dem Rollfeld.

Ich nahm dieses Erlebnis, so schmerzhaft es auch klingt jedoch nicht als übel hin. Das war mein Kirgistan-Moment. “Willkommen in Zentralasien! Unsere Straßen ähneln unserer Landschaft!“ Nun war ich also wirklich angekommen.

Ich schaute mich um, doch keiner meiner Mitreisenden schien meine Eingebung zu teilen.

Als wir am Issyk-Kul angekommen waren, stieg ich in die kühle Nachmittagsluft hinaus. Ich versicherte mich, dass alle meine Knochen an Ort und Stelle waren und drehte mich um.

Da lag er: Ein schlafender Riese. Vielleicht hatte ich mich zu voreilig über das kirgisische Meer lustig gemacht.

Das Wort Seele hat ja seinem Ursprung nach mit »See« zu tun, es steht für Tiefe des Menschen, für das Unergründliche, das Geheimnisvolle in ihm, für seine innere Welt

– Anselm Grün

img_6814

Man lebt hier zwar zwischen Bauschutt. Aber man lebt. Und das schaffen viele Menschen ihr leben lang nicht.

img_6817

Der Kindergarten, der uns für ein paar Tage als Unterschlupf diente.

img_6855

“Issyk Kul“ bedeutet auf kirgisisch “Warmer See“. Und so wie das Wasser frieren auch nie die Adrenalinjunkies ein.

img_6836img_6843

img_6875

Trotz der Tatsache, dass wir von einem See sprechen, schwappen Wellen wie am Mittelmeer gegen das Ufer.

img_6862

Tian-Shan. Gewaltig. Ruhig. Ewig. Übersetzt bedeutet der Name „Himmlische Berge“

img_6864

img_6879

Malerisch liegt die Röte über dem kirgisischen Meer.